Kapitel 1- Der Sandkasten
Wie in einem verschwommenen Traum betrachtete Kai die Welt um sich herum. Der Blickwinkel war tief, und alles um ihn herum wirkte riesig. Die Geräusche anderer spielender Kinder, ihre schrillen Stimmen und der Duft eines verspielten Nachmittags im Früherbst. Die bunten Blätter, die im Sandkasten verstreut lagen, fühlten sich noch nass an vom Regen am Morgen. Seine Mutter saß auf einer Bank, las ein Buch und war abgelenkt. Er steckte sich eines der Blätter in den Mund und kaute darauf herum.
Es schmeckte so bitter, dass er es sofort wieder ausspuckte. Die anderen Kinder beachteten ihn kaum – den stillen Jungen mit dem strohblonden Haar, dem quasi immer die Nase lief. Der Sandkasten wirkte gewaltig, beinahe, als hätte man ein Stück der Savanne in eine kleinbürgerliche Vorstadt verfrachtet. Die warme Sonne ließ den Sand beinahe weiß wirken, wie am Meer. Seine blaugrauen Augen betrachteten das beige Gebilde um sich herum. Je länger er darauf schaute, desto mehr wirkte es, als wären tausende kleiner Löcher zwischen den Sandkörnern.
Seine kleinen Hände begannen zu graben und zu buddeln. Hier und da bekam er die Hinterlassenschaft einer Hauskatze zwischen die Finger. Kein Wunder, der Sandkasten war praktisch ein riesiges Katzenklo. Er war allerdings schon schlau genug, sich nicht auch noch das in den Mund zu stecken. Als er den Sand weiter auseinander schob, erkannte er es: einen dunklen, kleinen Fleck. Wahrscheinlich nur wieder Kot. Er kniete sich tiefer in den Sand und blickte direkt darauf. Es schien sich zu bewegen – vielleicht ein Käfer? Er mochte Käfer.
Vorsichtig tippte er mit der Spitze des Zeigefingers dagegen. Die Fingerspitze verschwand. Allerdings fühlte es sich nicht so an, als würde sie normal im Sand versinken – er konnte die feinen Körner nicht mehr spüren –, sondern als würde dieses kleine Loch direkt in einen bodenlosen Abgrund führen. Das Gefühl einer unendlichen Leere. Er atmete tief ein, doch die Neugier war stark, so schob er den Finger weiter hinein, bis schließlich seine ganze Hand verschwand.
Tiefer und tiefer, bis Kai bis zur Schulter im Sandloch steckte. Als er den Arm wieder herausziehen wollte, begann die Öffnung um sein Fleisch enger zu werden. Es fühlte sich ein bisschen so an, wie wenn der Hausarzt den Blutdruck maẞ und die Manschette seinen Arm zusammendrückte. Er schluckte und versuchte den Arm herauszuziehen, doch er steckte fest. Sein Kopf lief vor Anstrengung rot an, feine Schweißtropfen bildeten sich und er konnte seinen eigenen Herzschlag förmlich hören.
Er schrie nach seiner Mutter, immer und immer wieder. Solange, bis sie endlich das Buch beiseite legte und zu ihm herüberlief. Sie fragte ihn, was los sei, und er antwortete, dass er den Arm nicht mehr herausbekomme. Sie schimpfte ihn aus, er solle nicht so einen Unsinn machen, und sagte, dass sie langsam gehen wollten. Sie packte ihn an seinem anderen Arm und zog. Das Loch ließ ihn frei, und die Mutter nahm ihn mit nach Hause. Ein letzter Blick auf seinen Arm, auf dem zahllose kleine, schwarze Löcher zu sehen waren.
Kai erwachte mit einem Keuchen. „Scheiße...“, fluchte er. Dieser Traum kam in letzter Zeit wieder häufiger. Das Schlimme war: Es war nicht nur ein Traum, sondern ein reales Ereignis – na ja, bis auf die Sache mit den Löchern in seinem Arm. Eine seiner frühesten Erinnerungen, die ihm damals wie heute niemand abkaufen wollte. Er richtete sich im Bett auf und blickte auf sein Handy. 4:00 Uhr. Viel zu früh. Er sollte sich noch mal hinlegen. Stattdessen lag er nur auf dem Rücken und blickte an die weiß gestrichene Decke.
Wie lange, wusste er nicht genau. Irgendwann war ihm, als könne er dort unzählige, winzige Löcher sehen. Trypophobie – die Angst vor Löchern. Das war die Fachbezeichnung seines Fluchs. Er spürte ein Kribbeln am ganzen Körper, als die Löcher an der Decke sich zu bewegen, zu pulsieren schienen. Er presste die Augenlider zusammen und ballte die Fäuste so fest, dass sich die Fingernägel in sein Fleisch gruben. Er drehte sich auf die Seite. Bloß nicht zur Decke schauen.
Irgendwann klingelte der Alarm in seinem Smartphone. 5:30 Uhr. Er musste aufstehen. Er schleppte sich aus dem Bett ins Bad, wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht, das blass und müde wirkte. Er fuhr mit den Fingern über seine Bartstoppeln. Es gab keine Schwämme, und in den Duschkopf blickte er nicht, als er sich auszog und das warme Wasser auf seinen Körper laufen ließ.
Er rieb sich Duschgel über seinen muskulösen Körper – seine Rüstung gegen die Welt, die im Gym geschmiedet wurde und ihm Mut machen sollte. Es gab ihm zumindest ein Gefühl von geheuchelter Sicherheit, und manchmal reichte das, um einen Tag zu überstehen. Manchmal nicht. Er drehte den Hahn zu, trocknete sich ab und zog seinen Bademantel an.
Ein heißer Kaffee und ein Croissant von gestern waren nun genau das Richtige. Bloß kein Brot. Er hasste Brot. Nicht wegen des Geschmacks, sondern – man konnte es sich schon denken – wegen der Lochformen im Teig. Er ließ YouTube über seinen Fernseher flimmern, während er den starken Kaffee trank und in das Gebäck biss, welches schon recht hart geworden war. Drei Jahre Therapie hatte er hinter sich. Seine Angststörung galt als behandelt, und sein Therapeut hatte ihm geraten, bloß nicht in die Vermeidungstaktik zu gehen.
Der hatte doch keine Ahnung. Kai wusste es besser. Besser als jeder andere. Diese verdammten Löcher waren nicht einfach nur Löcher, sondern etwas anderes: etwas Uraltes, Mystisches, wie die Backrooms, nur dass sie praktisch überall um ihn herum waren, und zu jeder Zeit. Nirgends war er sicher. Nicht mal zu Hause. Doch er brauchte Ablenkung und er musste raus, unter Menschen. So zog er sich an und verließ das Haus.









Sehr spannendes erstes Kapitel. Ich werde einen Sandkasten ab sofort wohl mit anderen Augen sehen 🫣👀
Vielen dank. Hab bewusst ein Thema gewählt welches ich ziemlich unheimlich finde, und ein paar änliche eigenen Erfahrungen eingebaut.
Interessanter Anfang. Löcher und das Unbekannte beschwören Urängste herauf. Und dann noch das Gefühl des Steckenbleibens ...