Kapitel 1
(LIZ)
Es war ein regnerischer Nachmittag, als Liz durch die hohe Doppeltür der Lunaris Akademie trat. Die Größe der Eingangshalle verschlug ihr förmlich die Sprache. Das war es also. Ihr Zuhause für die nächsten sechs Monate. Alle 7 Jahre schickten die Rudel des Landes die Töchter ihrer Alphas und Betas hierher, um zu lernen und zu trainieren. Und natürlich um das Herz eines der begehrten Alphas aus der Noctura Akademie zu erobern und seine Luna zu werden. Nicht dass Liz glaubte, dass sich jemals ein Alpha für sie entscheiden wurde, eine einfache Omega. Der einzige Grund, warum sie überhaupt hier war, war, weil die Tradition erforderte, dass jedes Rudel eine junge Wölfin schickte. Eichenherz, ihr Rudel, war klein und sie war die einzige im passenden Alter gewesen, also war die Wahl auf sie gefallen. Es konnte nur schlimm werden.
Sie ahnte ja nicht, wie recht sie damit haben sollte.
»Hey, aus dem Weg, Omega!«. Die Stimme gehörte einer großen, schlanken Alpha-Tochter mit goldblondem Haar und strahlend-blauen Augen. Dem Ton nach war sie es gewohnt, Befehle zu erteilen.
Hastig sprang Liz zur Seite. »Entschuldigung«, murmelte sie leise. Macht der Gewohnheit. Als Werwölfin wusste sie, wo ihr Rang war.
»Ist es zu fassen? Was für eine unfähige Dienerin. Start einfach vor sich hin.«, sagte die Blonde zu einer weiteren Alpha neben ihr, eine ebenso schlanken mit kupferrotem Haar.
»Unverschämt«, bestätigte diese und rümpfte die Nase. »Hast du nichts zu tun, oder was?« Diese Worte waren an sie gerichtet.
Liz wollte etwas erwidern, als ein großer Gong vom anderen Ende der Halle ertönte, gefolgt von einer weiblichen Stimme. »Alle neuen Schülerinnen mögen sich bitte im großen Saal versammeln.«
Liz atmete einmal tief durch, dann folgte sie den anderen jungen Wölfinnen durch die große Tür am anderen Ende der Eingangshalle.
Als die Türe hinter ihr ins Schloss fiel, ließ Liz den Blick durch den Raum schweifen. Der Saal war riesig. An der Decke hingen opulente Kronleuchter und die Wände waren mit Gemälden verziert. Etwa 35 junge Wölfinnen hatten sich versammelt. Eine für jedes Rudel. Ein paar von ihnen würden als zukünftige Luna die Schule verlassen.
Eine streng aussehende Wölfin trat hervor. »Willkommen. Ich bin Rektorin Coraline. In den kommenden Monaten werdet ihr alles lernen, was es zu wissen gibt, um euren Rudeln zu dienen, ob als Luna oder in anderer Form. Wenn ich den Namen eures Rudels vorlese, tretet bitte nach vorn.«
Nacheinander wurden die einzelnen Rudel aufgerufen und eine Schülerin nach der anderen machte einen Schritt nach vorn.
»Eichenherz.« Lizs Herz hämmerte in ihrer Brust, als der Name ihres Rudels fiel. Sie schluckte hart, als sie einen vorsichtigen Schritt nach vorn machte.
Um sie herum begannen die anderen zu tuscheln.
»Hast du das gesehen?«
»Was macht eine Omega hier?«
»Wie erbärmlich.«
Liz spürte, wie ihr die Hitze Gesicht stieg.
»Ruhe!« Die Stimme der Rektorin durchbrach das Gemurmel. Augenblicklich wurde es still.
»Gut. Silberfang.«, fuhr Coraline fort.
Die blonde Alpha von vorhin trat mit hoch erhobenem Haupt nach vorn.
Silberfang, natürlich. Eines der größten und stärksten Rudel. Entsprechend groß war auch ihr Ego. Liz verzog leicht das Gesicht, ohne dass es einer bemerkte.
Nachdem Rektorin Coraline alle aufgerufen hatte und alle Schülerinnen nach vorn getreten waren, nickte sie zufrieden. »Gut, alle anwesend. Bitte begebt euch nun zu euren Zimmern. Ihr findet die Informationen in eurem Einladungsbrief zusammen mit eurem Stundenplan. Wir sehen uns dann pünktlich um sechs Uhr zum Abendessen.«
Liz zog den Brief aus ihrer Jackentasche und faltete ihn auf. Ach, da stand es ja. Amethyst-Suite. Wo auch immer das sein mochte.
Sie wartete, bis die anderen alle den großen Saal verlassen hatten, dann machte sie sich auf die Suche.
Sie fand ihre Unterkunft oben im Ostflügel des riesigen burgartigen Gebäudes. Die Tür stand offen, als sie in einen gemütlichen kleinen Wohnbereich mit Sofa trat. Von ihm gingen drei weitere Türen ab. Vor einer der Türen fand sie ihre Tasche. Das musste dann wohl ihr Schlafzimmer sein. Aus dem Zimmer daneben hörte sie Schritte. Ihre Mitbewohnerin.
»Bitte lass es nicht die Silberfang-Zicke sein«, flüsterte sie leise.
Als die Tür aufging, stand sie vor einer großen, schlanken Beta mit langem weißblondem Haar und blaugrauen Augen. An ihrem rechten Ohr blitzte ein kleiner Silberring. Jeder Werwolf trug einen kleinen silbernen Ring am Ohr. Seine Magie sorgte dafür, dass sich die Kleidung mit ihnen verwandelte. Sehr praktisch. So brauchte man sich nicht ständig an- und ausziehen. Wer auch immer das erfunden hatte, war ein Genie, das musste Liz ihm lassen. Oder ihr.
»Ah, du musst meine Mitbewohnerin sein. Eichenherz, richtig?«, fragte die große Beta, nachdem sie Liz von oben bis unten gemustert hatte.
Liz nickte. »Mein Name ist Eliza«, stellte sie sich vor. »Meine Freunde nennen mich Liz.«
»Liz also«, antwortete ihr Gegenüber. »Ich bin Annika. Mein Vater ist der Beta vom Polarmond Rudel.«
Polarmond. Liz überlegte, was sie über dieses Rudel wusste. Eigentlich nicht besonders viel. Sie waren das nördlichste Rudel und zogen es vor, unter sich zu sein.
Zumindest konnte sie von Annika keine Feindseligkeit spüren. Sie horchte nach innen. Ihre Wölfin schien entspannt. Das war gut.
»Du hast kein Problem, die Suite mit mir zu teilen?«, fragte Liz trotzdem vorsichtig. Besser, sie wusste gleich, woran sie bei ihr war.
Annika schüttelte den Kopf. »Warum sollte ich? Weil du eine Omega bist? Mein Schicksalsgefährte ist ein Omega. Zumindest noch. Mein Cousin will ihn zu seinem Beta machen, wenn er als Alpha übernimmt.«
»Oh«, machte Liz erstaunt und erleichtert zugleich. »Du hast wirklich einen Schicksalsgefährten?« Nur wenigen war das Glück vergönnt, von der Mondgöttin einen Schicksalsgefährten geschenkt zu bekommen. Diese Bindung zwischen zwei Wölfen war mehr als nur körperliche Anziehung. Es war eine Verbindung auf Seelenebene.
»Wir wussten es schon, seit wir Kinder waren«, erzählte Annika, wobei ihr Blick mit einem Mal sanft wurde.
»Und dein Onkel ist der Alpha?«, fragte Liz weiter.
»Ja, der Bruder meiner Mutter«, bestätigte Annika. »Was ist mit deinen Eltern?«
»Mein Vater ist Jäger, meine Mutter Heilerin«, sagte Liz ein wenig beschämt.
»Eine Heilerin? Das ist gut! Heiler sind die einzigen, die einem Alpha Anweisungen geben dürfen.«
Liz musste lachen. »Da ist was dran.«
»Natürlich nur, wenn der Alpha schlau genug ist«, fügte Annika hinzu und lachte ebenfalls.
Liz entschied, dass sie Annika mochte. Vielleicht würde es hier doch nicht ganz so schlimm werden.
Nachdem sie ihr Schlafzimmer inspiziert und ihre Habseligkeiten verstaut hatte, hockte Liz sich zu Annika aufs Sofa.
»Mir ist langweilig und es ist noch genug Zeit bis zum Abendessen. Wollen wir etwas die Schule erkunden?«, fragte Annika.
Liz war unbedingt dafür. »Wo wollen wir als Erstes hin?«
»Ich will die Trainings- und Unterrichtszimmer sehen. Keine Lust, morgen erst danach suchen zu müssen und zu spät zu kommen«, meinte Annika.
»Gute Idee«, stimmte Liz zu.
So begannen sie, die Schule und das Gelände zu erkunden. Sie kamen an den Unterrichtsräumen und der Küche vorbei und gingen schließlich durch einen Hintereingang nach draußen. Annika stellte sich als eine scharfsinnige und neugierige Wölfin heraus. Liz mochte es, wie ungezwungen sie mit ihr reden konnte. Als sie einen kleinen Kräutergarten durchquerten, fragte Annika interessiert, was Liz über Heilkräuter wusste. Tatsächlich wusste Liz so einiges und Annika hörte ihr interessiert zu, als würde sie sich mentale Notizen machen.
Auf dem Rückweg kamen sie an einen großen Platz. Offenbar für Training gedacht.
»Ich freue mich auf das Kampftraining«, seufzte Annika sehnsüchtig. »Was ist mit dir? Hast du Kampf oder Rudel-Etikette gewählt?«
»Ich weiß es noch nicht«, gab Liz zu.
»Komm ins Kamptztraining«, schlug Annika vor. »Da lernst du, wie du den Zicken hier so richtig in den Arsch treten kannst.«
Liz musste grinsen. »Ich bin froh, dass wenigstens eine hier nicht auf mich herabsieht, als wäre ich Dreck unter ihren Fingernägeln«, meinte sie, als sie den Trainingsplatz hinter sich ließen und sich auf den Weg zurück in die Schule machten. Das Abendessen wartete.
Als Liz und Annika den Speisesaal betraten, waren die anderen jungen Wölfinnen bereits da. Sie setzen sich an einen freien Tisch und lauschten den Gesprächen im Raum, während sie sich über das Essen hermachten.
»Es ist zwar noch nicht offiziell, aber Cole und ich sind so gut wie verlobt«, erzählte die blonde Alpha-Tochter vom Silberfang Rudel am Nachbartisch.
»Du hast ein solches Glück, Melina«, seufzte eine Beta mit braunen Haaren, die ihr gegenüber saß. »Der zukünftige Alpha vom Feuerzahn Rudel!«
»Ich hoffe, ich bekomme auch einen Alpha«, meinte die kupferrote Alpha-Tochter, die schon am Nachmittag nicht von Melinas Seite gewichen war und auch jetzt neben ihr saß. Sie wirkte sowohl beeindruckt als auch neidisch.
Annika verdrehte die Augen. »Wäre ich ein Alpha, würde ich bei so viel Verzweiflung das Weite suchen«, flüsterte sie Liz leise zu.
Liz konnte nicht anders. Sie prustete lauthals los.
Mit einem Mal drehte sich der halbe Saal nach ihr um. Am Nebentisch stand Melina auf und kam zu ihr. »So so, wenn das nicht unsere kleine Omega ist. Was genau findest du so lustig?«
»Überhaupt nichts«, sagte Liz schnell.
»Lachst du etwa über uns?«, fragte Melina.
»Nein, das würde ich niemals tun«, sagte Liz.
Melinas Augen verengten sich zu Schlitzen. Dann griff sie nach Liz’ vollem Teller und ließ ihn auf den Boden fallen. »Mach das sauber.«, sagte sie kühl. »Das ist das Einzige, wozu du gut bist.«
Liz fühlte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
»Hey, lass den Mist!« Annika war ebenfalls aufgestanden und stellte sich schützend zwischen Liz und Melina.
Melina schnaupte verächtlich. »Halt dich da raus. Sie gehört nicht hierher, das weißt du so gut wie ich.«
»Die Schule hat sie aufgenommen, also gehört sie hierher«, widersprach Annika. »Komm Liz, verschwinden wir. Ich habe keinen Hunger mehr.«
Annika griff nach ihrem Arm und führte sie aus dem Speisesaal hinaus.
»Danke«, sagte Liz leise, als sie sich auf den Weg zurück zu ihrer Suite machten.
»Schon gut«, meinte Annika. Sie stoppte und sah Liz fest in die Augen. »Du darfst dich von ihr nicht so behandeln lassen, hörst du?«
»Aber sie ist eine Alpha«, wandte Liz ein.
»Na und? Das gibt ihr noch lange nicht das Recht dazu.«
»Wenn ich mich wehre, wird es vielleicht nur schlimmer«, gab Liz zu bedenken.
»Aber du behältst deine Selbstachtung.«, meinte Annika. »Außerdem bist du ja nicht alleine. Solange wir hier ein Zimmer teilen, bist du mein Rudel und ich halte dir den Rücken frei.«








