Kapitel 1
Ich habe mir heute den Nachmittag frei genommen. Letzte Woche war ich beim Reisebüro um mir für die Zeit um die Jahreswende, eine Reise zu buchen. Für die 14 Tage auf den Seychellen benötige ich meinen Reisepass. Meiner läuft demnächst ab, also muss ich unbedingt zur Meldestelle im Bürgeramt und einen neuen beantragen.
Im Rathaus ist es düster und schummrig. Ein großer Teil der Neonröhren an der Decke ist kaputt und die Hinweisschilder sind nur schwer zu lesen. Im ganzen Gebäude riecht es nach Reinigungsmittel.
Ich finde die Meldestelle. In dem kleinen Wartezimmer sitzen glücklicherweise nur drei Leute, zwei jüngere Frauen und ein Mann. Die Frauen tuscheln miteinander, sie scheinen zusammen zu gehören. Der Mann ist schätzungsweise in meinem Alter, so um die 45.
Ich nehme auf einem Stuhl gegenüber des Herren Platz. Er ist schlank und hat etwas längeres, grau meliertes Haar. Es sieht ausgesprochen gut aus und ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass ich sein Gesicht schon einmal irgendwo gesehen habe.
Die Anzeigetafel im Wartezimmer leuchtet auf der Nächste Bitte und die beiden Frauen verlassen gemeinsam das Zimmer in Richtung Meldestelle.
Jetzt bin ich allein mit dem Mann im Wartezimmer, dessen braune Augen mich interessiert ansehen. Als ich ihn direkt ansehe, senkt er den Blick, als weiche er mir aus. Mein Hirn arbeitet, ich kenne ihn, dieser Blick, nur woher? Ich fasse mir ein Herz und frage ihn...
„Hallo, ich habe das Gefühl, dass wir uns kennen. Kann sein, dass ich mich irre, aber vielleicht geht es Ihne ja auch so?“
Im Wartezimmer liegt plötzlich eine kaum erträgliche Spannung, als er den Kopf und mich einen Moment länger ansieht. Mit kaum hörbarer Stimme fragt er leise...
„Veronika?“
Seine Hände liegen ruhig auf seinen Knien, die Finger sind leicht gespreizt und er atmet tief ein...
„Ja, ich glaube auch, dass wir uns kennen.“
Ein sanftes Lächeln umspielt seine Lippen. Er lehnt sich etwas vor und stützt sich mit den Ellbogen auf den Oberschenkeln ab, als benötige er etwas mehr Halt…
„Schul-Disco, Schiller-Gymnasium, du warst in der Neunten und hattest mich zum Tanzen aufgefordert.“
Er schaut mich an, sein Blick geht mir durch und durch und meine grauen Zellen sind in heller Aufregung. Er spricht weiter mit seiner sonoren Stimme, ein sanftes, tiefes Murmeln...
„Ich habe damals Nächte lang nicht geschlafen, nachdem meine Mutter, in einer Nacht und Nebel Aktion, mit mir die Stadt verlassen hatte.“
Auf einmal kommt die Erinnerung an die wohl schönsten Tage meines Lebens zurück, die so schmerzvoll zu Ende gegangen waren. Zu ersten Mal war ich schwer verliebt, total verknallt und dann war er plötzlich nicht mehr da. Keine Erklärung, kein einziges Lebenszeichen... er war einfach weg, das hat so weh getan. Ich wollte, dass es vorbei geht, wollte einfach vergessen, ihn vergessen. Und jetzt, nach dreißig Jahren sitzt dieser Kerl vor mir...
„Michael?“
Schamesröte steigt in seine Wangen. Er reibt sich langsam über die Knöchel seiner Hände und knetet seine Hände. Dann spricht er leise weiter...
„Ich habe deine Küsse nie vergessen.“
Hilflos suchen seine Augen nach mir. Dann denkt er wieder den Kopf und schweigt. Die Stille im Raum ist kaum auszuhalten als er sie flüsternd unterbricht...
„Ich wollte dir eigentlich schreiben, aber ich hatte deine Adresse nicht.“
Die Anzeigetafel im Wartezimmer leuchtet auf, der Nächste bitte.
Mit abgewandtem Blick steht er auf und geht zur Tür der Meldestelle.
Ich denke, warte Freundchen, du läufst mir nicht noch einmal davon und rufe ihm nach...
„Michael, warte auf mich, wenn du fertig bist - Bitte!“
Er wendet den Kopf und nickt mir zu, bevor er das Wartezimmer verlässt.
Nach 10 Minuten bin ich dran und nach einer halben Stunde wieder draußen. Ich bin erleichtert, der Pass wird in 6 Wochen fertig sein. Noch erleichterter bin ich allerdings, als ich Michael im schummrigen Flur des Bürgeramtes stehen sehe. Er lehnt gedankenverloren an der Wand. Als er mich erblickt, werden seine Augen groß und er kommt auf mich zu...
„Veronika, ich habe auf dich gewartet ... Wollen wir einen Kaffee trinken gehen?“
Ein warmes Lächeln umspielt seine Lippen. Er richtet sich auf und streckt zaghaft seine Hand aus, zieht sie dann aber schnell wieder zurück. Seine Stimme ist sehr leise...
„Hier in der Nähe gibt es eine kleine Bäckerei. Wir waren einmal nach der Schule dort und ich erinnere mich, dass du Zimtschnecken besonders gemocht hast.“
Ich gehe auf ihn zu, sehe in seine Augen und nehme seine Hände...
„Michi, ich freue mich, dass du nicht wieder weggelaufen bist. Ich würde gerne mit dir einen Kaffee trinken gehen. Ob es in der Bäckerei noch Zimtschnecken gibt, ist mir eigentlich egal. Aber ich bin verdammt neugierig, wieso du nach 30 Jahren wieder hier auftauchst.“
Ich nehme ihn bei der Hand. Wir verlassen das düstere Rathausgebäude und laufen in die Richtung der Bäckerei. Seine große Hand ist weich und warm. Weitere Erinnerungen werden wach bei dieser vertrauten Berührung.
Stockend beginnt er zu berichten...
„Ich seit einem Jahr wieder in der Stadt. Der Grund war die Arbeit.“
Seine Augen wandern kurz zu unseren verschränkten Händen und dann zu meinem Gesicht. Ich sehe ihn fragend an...
„Das ist ja sehr interessant. Du bist schon ein ganzes Jahr in der Stadt und arbeitest hier. Was machst du eigentlich? Ich meine, beruflich!“
Wir erreichen die Bäckerei. Bevor er hineingeht antwortet er mir...
„Ich arbeite bei einem Physiotherapeuten.“
Ich setze mich an ein kleines Tischchen unter der Markise vor der Bäckerei.
Nach ein paar Minuten kommt er mit einem Tablett wieder heraus, auf dem zwei Tassen Kaffee und zwei Teller mit je einer Zimtschnecke stehen. Wie ein Kellner stellt er Teller und Tassen auf dem Tisch ab und setzt sich neben mich. Er rückt mit seinem Stuhl näher zu mir heran, so dass sich ihre Knie fast berühren. Dann nimmt er einen Schluck Kaffee und schaut mich über den Rand der Tasse an. So hat er mich früher auch oft angesehen. Nach dem er die Tasse wieder abgestellt hat, schaut er mich mit einer Intensität an, die mir beinahe unangenehm ist. Ich weiche seinem Blick aus und Frage, etwas trotzig...
„Du bist also Physiotherapeut. Das ist ja wirklich interessant. Arbeitest du im Krankenhaus oder in einer Praxis? Es ist schon seltsam, dass wir uns bisher noch nie begegnet sind.“
Er lehnt sich zurück, und wirft mir einen abschätzenden Blick zu und seine Stimme wird etwas rauer...
„Ich arbeite in einer Praxis, gleich neben dem Park.“
Ich denke, das gibt es doch nicht. Ich kenne Dr. Hahn. Er ist älterer Arzt für physikalische Therapie und Rehabilitation. Vor vielen Jahren habe ich ein paarmal bei ihm hospitiert. Verwundert sehe ich ihn an...
„Das wird ja immer interessanter, Michael! Die Arztpraxis neben dem Park? Das ist nicht dein Ernst? Du arbeitest bei Dr. Hahn, da wäre ich nie draufgekommen.“
Ein langsamer, sichtbarer Atemzug hebt seinen Brustkorb, bevor er antwortet...
„Du kennst die Praxis also. Ja, ich arbeite dort als Arzt?“
Sein Blick schweift über meine Schultern, als würde er eine ärztliche Beurteilung vornehmen…
„Du bist ja ganz verspannt im Nacken, Veronika. Vielleicht brauchst du eine Behandlung. Soll ich dich behandeln?“
Ich grinse ihn wissend an...
„Ja mein Lieber, ich weiß wo die Praxis ist. Aber ich glaube, meine Anspannung im Nacken ist eher nichts Pathologisches. Glaub mir, da muss nichts behandelt werden. Ich kenne mich ziemlich gut aus.“
Ein dezentes Lächeln umspielt seine Lippen, während er sich ganz leicht zu mir beugt...
„Du kennst dich aus? Ja, du hast mich damals oft im Nacken gestreichelt, danach war ich immer total entspannt. Seitdem versuche ich jeden Nacken genauso zärtlich zu behandeln.“
Jetzt muss ich aber wirklich lachen und erwidere ihm...
„Jetzt redest du aber einen richtigen Stuss, wie der schüchterne Michi aus der Zehnten. Magst du nicht denn überhaupt wissen, wieso ich mich auskenne, nein?“
Seine Finger trommeln nervös auf der Armlehne des Stuhls...
„Ich habe mich nicht getraut, dich zu fragen, Veronika.“
Wieso traut er sich nicht, denke ich mir, was ist mit ihm los...
„Dann frag mich doch, Michael!“
Meine Reaktion scheint in noch mehr zu verunsichern und ich sehe in ihm tatsächlich den großen, schüchternen aber toll aussehenden Jungen aus der 10. Klasse. Mühsam stammelte er...
„Also, wieso kennst du dich mit Verspannungen so gut aus, Veronika?”
Ich sehe wie er sich abmüht aber ich verstehe seine Unsicherheit absolut nicht. Er ist ein intelligenter, gutaussehender Mann und verhält sich wie der schüchterne Pennäler. Fast schon ärgerlich rede ich auf ihn ein...
„Michael, du bist jetzt ein gutes Jahr in der Stadt. Hast du dich jemals gefragt, wer deine Kollegen oder Kolleginnen hier in der Stadt sind. Wie mir scheint, hast du das nicht! Sonst würdest du vielleicht die Praxis Veronika Ruppert kennen, Praxis für Physiotherapie, Bobath-Therapie und Osteopathie. Das ist nämlich meine Praxis, in der ich mit drei Kollegen zusammenarbeite.“
Seine Augen weiten sich leicht - ein Hauch von Überraschung. Irritiert schaut er auf meine Hände und lächelt...
„Die Praxis kenne ich, vom Namen her. Das ist deine Praxis? Das... hätte ich nicht gedacht. Ich weiß noch, dass du mal gesagt hast, du willst einmal etwas mit Menschen machen. Aber dass du Physiotherapeutin geworden bist... Das finde ich richtig toll.“
Mein Ärger ist verflogen. Seine Worte schmeicheln mir ein wenig und ich antworte ihm...
„Ja Michi, ich bin zwar kein Arzt, wie du, aber mit Physiotherapie und Osteopathie kenne ich mich bestens aus. Weiß du, meine Vorstellung von dem, was ich mal werden will, waren in der 9. Klasse noch ziemlich unklar. Nach dem Abitur wurde es dann sehr konkret. Da stand für mich fest, ich möchte Physiotherapeutin werden. Und das mache ich jetzt schon fast dreißig Jahre lang und habe knapp zwanzig Jahren meine eigene Praxis.
... So Michael, aber jetzt würde ich gern etwas mehr über dich erfahren.“
Er lehnt sich im Stuhl zurück und fängt wieder an, nervös mit den Fingern auf der Armlehne zu trommeln. Sein Lächeln wirkt etwas gezwungen...
„Physiotherapie... das passt wirklich gut zu dir, du warst schon früher sehr direkt und sehr einfühlsam...
... Also jetzt zu mir... nun, meine Mutter hatte mir geraten, Arzt zu werden und da bin ich eben Arzt geworden. Nach dem Studium habe ich eine Facharztausbildung in Chirurgie gemacht und mich später auf orthopädische Eingriffe spezialisiert. Ich habe in einem Krankenhaus gearbeitet. Irgendwann kam dann aber ein neuer Chef, mit dem ich mich nicht mehr verstanden habe, da habe ich gekündigt und bin ich hierhergezogen.








