Kapitel 1
Die Sonne brannte gnadenlos auf seine Haut, und der Sand unter seinen Stiefeln war heißer als Steine aus der Hölle.
Halvar kniff die Augen zusammen, doch es brachte nichts. Sie brannten von dem feinen Sand, der immer wieder vom Wind aufgewirbelt wurde und ihm ins Gesicht peitschte. Sie brannten von der grellen Sonne, die er so nicht gewohnt war.
Mühsam hob er den Kopf.
Überall nur Sand.
Nirgends eine der Oasen, die sie zu Beginn ihrer Reise noch regelmäßig gefunden hatten. Nun schien alles trostlos. Es gab nur die erbarmungslose Sonne und den heißen Sand.
Halvar kroch weiter.
Etwas anderes blieb ihm nicht übrig.
Wenn er sich umdrehte, würde er seinen letzten Krieger sehen. Den Mann, dessen Atem er schon seit geraumer Zeit nicht mehr hörte. Wahrscheinlich lag er tot im Sand. Nach einer Weile würde er davon ganz bedeckt sein und man würde ihn vergessen.
Wie die anderen.
Sie waren zwanzig Krieger gewesen.
Zwanzig Männer, die im Auftrag eines reichen Kaufmanns aus Konstantinopel nach Afrika aufgebrochen waren. In Ägypten besaß der Kaufmann einen Handelsposten. Von dort aus hatten sie sich weiter in die Wüste begeben.
Diese seltsamen Tiere, die die Einheimischen benutzten, hatte keiner von ihnen gemocht.
Kamele.
Sie hatten sich auf ihre Pferde verlassen.
Das war ein Fehler gewesen.
Sein Pferd war vor einigen Tagen verendet. Genau wie die Pferde seiner Männer. Und dann gab ein Mann nach dem anderen auf. Sie blieben einfach im Sand liegen und fluchten auf den neuen Gott, dem sie ihre Treue schworen.
Es gab einige, die Odin anriefen, doch der Göttervater schien sich von ihnen abgewandt zu haben.
Wahrscheinlich war er zornig, weil sie den Göttern ihrer Heimat abschworen.
So wie auch er.
Für Halvar war die Taufe weniger eine Frage des Glaubens als eine Notwendigkeit. Wenn er in Konstantinopel aufsteigen wollte, musste er sich den Gepflogenheiten seiner neuen Heimat anpassen.*
Er drehte sein Kreuz, das ihm der Bischof geschenkt hatte, so herum, dass man es leicht mit einem Thorshammer verwechseln konnte.
Fest drückte er es gegen seine Stirn.
„Allvater. Thor. Helft mir, alles zu überstehen.“
Er wusste, dass sein alter Glaube keine Gebete kannte, wie die Christen sie sprachen. Die Götter scherten sich nicht darum, was ein Mensch benötigte oder ob sein Weg leicht oder schwer war. Sie nahmen ihm seine Last nicht ab.
Aber sie konnten ihm die Kraft geben, sie selbst zu tragen.
Und vielleicht war genau das alles, worum er sie in diesem Moment bitten konnte.
Seine Kräfte schwanden immer mehr und dennoch schien es, als würden die Götter sein Gebet erhören.
Er kroch weiter.
Und noch ein Stück.
Seine Zunge klebte an seinem Gaumen. Schlucken konnte er schon lange nicht mehr, denn es gab nichts, was er hätte schlucken können.
Dennoch zog er sich weiter nach vorn.
Er dachte an den Hunger, den er als Junge hatte ertragen müssen. Wie viele Nächte hatte er mit knurrendem Magen irgendwo im Dreck gelegen und sich gewünscht, er könnte selbst davon etwas in den Mund schieben? Er erinnerte sich daran, dass er sogar einmal Rinde kaute, um den Hungertod zu entgehen.
Es hatte sich erst geändert, als sein Vater und seine Mutter ihn in ihre Familie aufgenommen hatten.
Sein Vater.
Kjartan.
Seine Mutter.
Tarja.
Wie sehr wünschte er sich in diesem Augenblick, sie würden ihn in ihre Arme schließen. So wie damals, als er noch ein Junge gewesen war.
Er dachte an seine Brüder, die sich einst geschworen hatten, immer eine Gemeinschaft zu sein. Und er war der Erste gewesen, der die Gemeinschaft verraten hatte, indem er einen seiner Brüder verjagte. Und auch er ging, wie auch die anderen.
Ando, der nun der Fürst eines Reiches war und sich selbst hatte taufen lassen.
Finn, der ebenfalls ein Jarl war und sich wahrscheinlich auch taufen ließ, wie es nun im Norden üblich war.
Bendt, Finns rechte Hand.
Und Bjarne.
Bjarne.
Er schloss für einen Moment die Augen.
Er, der starke Krieger, der so viele Schlachten überlebt hatte, spürte Tränen in seinen Augen, allein bei dem Gedanken an seinen Bruder. Den Bruder, den er seit Jahren bekämpfte. Dem er die Frau wegnahm, die er so liebte.
Dann dachte er an eben an diese Frau, die so vieles hatte erdulden müssen, nur weil sie ihn liebte.
Almira.
Sie war damals der Grund gewesen, warum er sich mit Bjarne so sehr zerstritten hatte, dass jedes weitere Aufeinandertreffen zwischen ihnen im Streit geendet hatte.
Er hatte zu Anfang wirklich geglaubt, er würde diese Frau lieben.
Doch selbst nachdem sie ihm zwei Söhne gebar, hatte er nie das empfunden, was andere Männer für ihre Gefährtinnen empfanden.
Er hatte es gesehen, dass es anders sein sollte.
Seine Brüder, die bis auf Bjarne inzwischen ihre Gemahlinnen hatten, schienen den Boden unter deren Füßen anzubeten.
Bei Almira und ihm war es nie so gewesen.
Sie war immer da gewesen, und natürlich hatte er sich gefreut, wenn er nach einer langen Reise nach Hause gekommen war und sie in seine Arme schließen konnte.
Denn dann hatte er etwas gespürt, das er sonst nirgends fand.
Heimat.
Doch das war auch alles gewesen.
Er wusste, wie schäbig er sich ihr gegenüber verhalten hatte.
Und auch seinen Söhnen war er ein schlechter Vater gewesen.
Biarte und Dyre.
Er war sich sicher, dass sie sich nicht einmal mehr an ihn erinnern konnten.
Das letzte Mal, als er sie gesehen hatte, war nach dem Überfall bei Finn gewesen. Seine Mutter hatte ihn an seine Söhne erinnert und ihn darum gebeten, etwas Zeit mit ihnen zu verbringen.
Doch es war ihm eher so vorgekommen, als hätten die beiden gezögert, als man sie ihm vorgestellt hatte.
Er hatte sogar gehört, wie einer von ihnen gefragt hatte, ob er wirklich ihr Vater sei.
Seit diesem Tag hatte er beschlossen, Almira und seine Söhne freizugeben.
Er wollte nicht mehr in den Norden zurückkehren, wo ihm mittlerweile alles fremd geworden war.
Konstantinopel war sein neues Zuhause.
Die Waräger waren seine neue Familie.
Mehr wollte er nicht.
Und dennoch wünschte er sich in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als wieder den Schnee unter seinen Stiefeln zu spüren.
Wieder mit seinen Brüdern zusammen zu sein.
Zu jagen.
Zu kämpfen.
Und auch zu streiten.
Er wollte ihre Stimmen hören. Ihre Flüche. Ihr Lachen.
Er wollte wieder dort sein, wo er hingehörte.
Doch stattdessen lag er hier.
Unter der glühenden Sonne.
Allein.
Und er starb, ohne dass auch nur jemand ahnte, dass es mit ihm zu Ende ging.
Er drehte sich wieder mühsam auf den Bauch und kroch weiter, obwohl er ahnte, dass es nicht viel bringen würde. Hier gab es nirgends Wasser. Und dennoch wollte er nicht einfach aufgeben.
Vielleicht gab ihm allein der Gedanke an die Heimat noch etwas Kraft.
Er robbte auf seinen Unterarmen nach vorne, ohne zu wissen, wohin er eigentlich wollte. Er wollte einfach nur weiter.
Wahrscheinlich war es das letzte Aufbäumen seines Körpers vor dem Tod.
Stück für Stück bewegte er sich vorwärts, bis auch die letzte Kraft aus seinen Armen wich und er kopfüber in den Sand fiel.
„Mor ... Da. Holt mich nach Hause ...“, murmelte er kraftlos.
Dann wurde sein Körper schlaff.
Er hörte nicht, wie in der Ferne Kamelreiter auftauchten. Die Tiere gaben seltsame Laute von sich, als hätten sie den reglosen Körper entdeckt und wollten ihre Reiter darauf aufmerksam machen, dass dort etwas lag, das hier nicht hingehörte.
Er hörte auch nicht, wie die Reiter näher kamen, abstiegen und ihn anstießen, um herauszufinden, ob er noch lebte.
Erst als sie sich in einer ihm fremd klingenden Sprache miteinander unterhielten, versuchte er, die Augen zu öffnen.
Es gelang ihm kaum.
Dennoch erkannte er dunkle Augen, die ihn betrachteten. Der Rest der Gesichter war unter Tüchern verborgen.
Als die Männer bemerkten, dass er sich noch bewegte, hielt ihm einer von ihnen einen Trinkschlauch an die aufgesprungenen Lippen.
Kaum berührte der erste Tropfen seine Zunge, schluckte er ihn gierig.
Dann noch einen.
Und noch einen.
Nie war ihm etwas so köstlich vorgekommen wie dieses warme Wasser.
Enttäuscht murrte er, als sie ihm den Trinkschlauch wieder wegnahmen.
Halvar spannte seinen Körper an und versuchte, sich aufzurichten.
Er wollte mehr von diesem Wasser.
Eine schmale Hand, viel feingliedriger als die der Männer, hielt ihn davon ab.
„Nein, Nordmann. Das genügt. Du bekommst bald noch mehr. Aber zuerst bringen wir dich weg von hier.“
Eine Stimme drang an sein Ohr.
Er verstand sie erst nicht, weil er diese Sprache hier nicht erwartete.
Dann formten sich die Worte in seinem Kopf.
Nordisch.
Er öffnete die Augen einen Spalt weiter.
Nordisch?
Hier?
„Du musst aufstehen.“, sagte die Stimme. „Wenn du liegen bleibst, wirst du sterben.“
Halvar starrte die Frau an, die sich nun über ihn beugte.
Er verstand jedes einzelne Wort.
Das konnte nicht sein.
Nicht in diesem Land.
„Woher ...“
Seine Stimme versagte.
Er schluckte, obwohl seine Kehle trocken war. Dennoch versuchte er es noch einmal.
„Woher kennst du meine Sprache?“
Die Frau betrachtete ihn einen Moment lang.
„Ich kenne mehr, als du glaubst, Nordmann.“
Dann wandte sie sich wieder den Männern zu und sprach mit ihnen in dieser seltsamen Sprache, die er nicht verstand.
Dabei kannte Halvar einige Sprachen.
Das Slawische, das die Rus sprachen, war ihm nicht schwergefallen zu lernen. In Konstantinopel hatte er Griechisch gelernt, um weiter aufzusteigen. Selbst hier in Afrika hatte er sich einige Brocken Arabisch angeeignet.
Doch diese Sprache war ihm völlig fremd.
Die Männer hoben ihn hoch und gaben ihm noch einmal Wasser. Die Frau band eine Bahn Stoff um seinen Kopf und benetzte sie anschließend mit Wasser. Auch seinen Mund und seine Nase bedeckten sie mit Stoff.
Zuerst befürchtete Halvar, ersticken zu müssen, doch erstaunlicherweise fiel ihm das Atmen leicht.
Sie hoben ihn auf eines der Kamele, stiegen selbst auf und ritten weiter.
Die Bewegungen des Tieres erinnerten ihn an ein Boot bei starkem Wellengang.
Halvar fragte sich, wie ein Mensch auf so einem Tier überhaupt reiten konnte.
Doch eines hatten die schaukelnden Bewegungen für sich.
Sein Durst war halbwegs gestillt, und nun überkam ihn eine Erschöpfung, die nichts mehr mit dem Tod zu tun hatte.
Sein Körper gab endlich nach.
Er schaukelte mit den Bewegungen des Tieres mit, hörte noch die fremden Stimmen um sich herum ...und schlief langsam ein.










Großartig erzählt.
Ich freue mich sehr auf die weiteren Kapitel.