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Wenn du schläfst

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Zusammenfassung

In einer Welt voller Monster gibt es immer auch ein Reh, das glaubt, den Gefahren entkommen zu können. Violet war dumm genug, zu glauben, sie gehöre nicht zu den Gejagten. Während in Robin Hood’s Bay die Gerüchte über den Betrug ihres Verlobten immer lauter werden, beginnt sich etwas anderes in ihre Nächte zu schleichen. Ein Fremder mit grauen Augen, kalter Haut und einer Stimme, die sich viel zu echt anfühlt, um nur ein Traum zu sein. Und je öfter Violet von ihm träumt, desto weniger fürchtet sie sich davor, dass er real sein könnte. Vielleicht, weil manche Monster viel verführerischer sind, als sie es je sein dürften.

Genre:
Fantasy
Autor:
Nisa Flores
Status:
vor einem Tag
Kapitel:
2
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

VIOLET



Unruhig blicke ich auf mein Handy.

Die Anrufliste leuchtet mir beinahe vorwurfsvoll entgegen. Ein roter Eintrag nach dem anderen, alles Anrufe, die James nicht angenommen hat. Im Gegenteil. Er ignoriert mich inzwischen ganz offensichtlich, als wäre ich irgendeine lästige Bekanntschaft und nicht die Frau, die er in wenigen Monaten heiraten will.

Ich schlucke schwer und lasse den Daumen über seinem Namen schweben.

Noch einmal?

Es ist längst nach Mitternacht und normalerweise würde ich um diese Uhrzeit schon schlafen. Morgen früh wartet die Uni auf mich, und eigentlich könnte ich es mir nicht leisten, die halbe Nacht wachzuliegen.

Eigentlich.

Wären da nicht diese Gerüchte.

Gerüchte darüber, dass mein Verlobter mich betrügt.

Ich habe nichts mit eigenen Augen gesehen. Keine Nachricht gefunden, keinen Lippenstift an seinem Hemd und ihn auch nicht mit einer anderen Frau erwischt. Trotzdem ist Robin Hood’s Bay klein. Vielleicht sogar zu klein. Hier kennt jeder jemanden, der jemanden kennt, und Geheimnisse bleiben selten lange geheim.

Vor allem nicht solche.

Ich lege das Handy neben mich und blicke zum Fenster.

Draußen liegt das Meer beinahe schwarz unter dem Nachthimmel. Nur das fahle Licht des Mondes bricht sich auf den unruhigen Wellen, die unten gegen die Felsen schlagen. Ich stehe auf, gehe zum Fenster und kippe es einen Spalt auf.

Sofort dringt die kalte, salzige Nachtluft ins Zimmer.

Das Rauschen des Meeres wird lauter, vermischt sich mit dem Wind, der irgendwo zwischen den Häusern hindurchzieht. Für einen kurzen Moment bleibe ich einfach dort stehen und versuche, meine Gedanken darin untergehen zu lassen.

Es funktioniert nicht.

Ich fahre mir mit beiden Händen durch die Haare und sehe erneut zu meinem Handy.

Vielleicht ist ihm etwas passiert.

Der Gedanke war vor zwei Stunden noch beängstigend genug gewesen, um mir den Magen umzudrehen. Mittlerweile fühlt er sich beinahe wie eine Ausrede an, die ich mir selbst erzähle.

James hat sein Telefon ständig bei sich.

Er sieht meine Anrufe.

Und er entscheidet sich dagegen, ranzugehen.

Ich atme langsam aus.

„Was machst du bloß, Vio? Morgen musst du zur Uni“, murmele ich in das leere Zimmer.

Als würde mich das davon abhalten, darüber nachzudenken, wo mein Verlobter gerade ist.

Oder bei wem.

Ich schließe das Fenster wieder, ziehe die Vorhänge nur halb zu und gehe zurück zum Bett. Nachdem ich unter die Decke geschlüpft bin, lösche ich das Licht und lege das Handy mit dem Display nach unten auf den Nachttisch.

Ich werde ihn nicht noch einmal anrufen.

Zumindest nehme ich mir das vor, während ich mich zum gefühlt hundertsten Mal auf die andere Seite drehe und versuche, eine Position zu finden, in der sowohl mein Körper als auch mein Kopf endlich zur Ruhe kommen. Letzteres scheint heute Abend allerdings unmöglich zu sein. Immer wieder wandern meine Gedanken zurück zu James, zu meinen unbeantworteten Anrufen und zu all den Dingen, die ich morgen vermutlich bereuen werde, wenn sich herausstellt, dass an den Gerüchten nichts dran ist.

Mit Sorgen einzuschlafen, hat mir noch nie gutgetan. Wem auch?

Irgendwann werden meine Augenlider trotzdem schwer. Das gleichmäßige Rauschen des Meeres dringt gedämpft durch das geschlossene Fenster und vermischt sich mit dem Wind, der draußen um das Haus zieht. Ich weiß nicht, wie lange ich noch wachliege. Vielleicht sind es fünf Minuten, vielleicht zwanzig. Irgendwann verlieren meine Gedanken ihre Klarheit und ich gleite in diesen angenehmen Zustand zwischen Wachsein und Schlaf, in dem plötzlich nichts mehr so wichtig erscheint wie noch wenige Augenblicke zuvor.



„Du hast ihn nicht verdient.“

Die Stimme kommt so unerwartet, dass ich zusammenzucke.

Sie ist nicht laut, kaum mehr als ein Hauch, und dennoch höre ich jedes einzelne Wort deutlich. Eine tiefe Männerstimme, ruhig und seltsam vertraut, obwohl ich mir sicher bin, sie noch nie zuvor gehört zu haben.

„Ich meine, wie blind willst du noch sein? Er geht dir praktisch vor der Nase fremd und du hoffst immer noch darauf, dass sich alles als großes Missverständnis herausstellt.“

Ich öffne die Augen, oder zumindest glaube ich, dass ich es tue. Mein Schlafzimmer ist verschwunden. Stattdessen stehe ich barfuß auf einem Boden, den ich unter dem dichten Nebel kaum erkennen kann. Selbst meine Füße verschwinden darin, sobald ich nach unten sehe.

„Wer ist da?“

Meine Stimme klingt fremd in dieser merkwürdigen Stille.

„Du verzichtest auf deinen Schlaf, meine Teuerste, nur um einem Mann zu gefallen, der deiner nicht würdig ist.“

Diesmal kommt die Stimme von irgendwo hinter mir. Ich drehe mich um, erkenne jedoch nichts außer diesem verdammten Nebel, der sich scheinbar endlos in alle Richtungen erstreckt.

„Ich verzichte auf gar nichts“, erwidere ich, obwohl wir beide wissen, dass das gelogen ist. „Und ich habe keine Beweise dafür, dass er mich betrügt. Die Leute reden viel, vor allem hier.“

„Natürlich.“

Etwas an der Art, wie er es sagt, lässt mich die Stirn runzeln.

„Was soll das heißen?“

„Dass du keine Beweise hast.“

Ich warte darauf, dass er weiterspricht, doch nichts kommt.

„Was, wenn es nicht stimmt?“, frage ich schließlich und hasse, wie unsicher meine eigene Stimme plötzlich klingt. „Was, wenn ich ihm etwas unterstelle, das er gar nicht getan hat? Ich will ihm nicht unnötig zum Verhängnis werden und am Ende trennt er sich meinetwegen von mir.“

Für einen Moment herrscht vollkommene Stille.

Dann lacht er.

Nicht laut oder spöttisch, sondern leise, beinahe amüsiert, als hätte ich etwas derart Absurdes gesagt, dass er sich nicht sicher ist, ob ich es ernst meine.

„Von dir trennt?“

Langsam beginnt sich der Nebel vor mir zu bewegen.

„Das ist deine Sorge?“

Ich sehe zuerst nur seine Silhouette. Ein Mann, der wenige Meter von mir entfernt steht und den ich schwören könnte, eine Sekunde zuvor noch nicht gesehen zu haben. Je länger ich ihn anstarre, desto deutlicher werden seine Konturen, bis ich schließlich sein Gesicht erkennen kann.

Und für einen Moment vergesse ich James vollkommen.

Seine Augen sind das Erste, was mir auffällt. Grau, aber nicht dieses gewöhnliche helle Grau, das je nach Lichteinfall beinahe blau wirkt. Seine sind dunkler, fast silbern, und auf eine unangenehme Weise aufmerksam. Als würde er mich nicht bloß ansehen, sondern beobachten. Seine Haut wirkt im Gegensatz zu seinem dunklen Haar auffallend blass, sein Gesicht beinahe zu ebenmäßig, wäre da nicht die markante Linie seines Kiefers, die ihm etwas Hartes verleiht.

Er ist schön.

Nicht auf die freundliche Art, bei der man sich dabei ertappt, ein zweites Mal hinzusehen. An ihm ist etwas, das mich gleichzeitig neugierig macht und davor warnt, ihm zu nahe zu kommen.

Er scheint meine Musterung zu bemerken, denn ein kaum sichtbares Lächeln legt sich auf seine Lippen.

„Du bist begehrter, als du glaubst, meine Teuerste. Dass dieser Mann sich von dir trennt, ist die letzte Sorge, die du haben solltest.“ Während er spricht, kommt er langsam näher, ohne seinen Blick auch nur für eine Sekunde von mir zu nehmen. „Im Gegenteil. Er wird um dich betteln, doch wenn es so weit ist, wird es längst zu spät sein.“

„Das kannst du überhaupt nicht wissen.“

„Nein?“

„Nein.“

Ich sollte mich fragen, wer er überhaupt ist. Warum ich von einem fremden Mann träume, während mein Verlobter vermutlich irgendwo unterwegs ist und meine Anrufe ignoriert. Stattdessen beschäftige ich mich mit der vollkommen unsinnigen Frage, warum dieser Fremde mich ansieht, als wüsste er etwas über mein Leben, das mir selbst verborgen geblieben ist.

Mittlerweile steht er so nah vor mir, dass ich meinen Kopf leicht anheben muss, um seinem Blick zu begegnen.

„Er wird darum betteln, diesen wunderschönen Hals noch einmal küssen zu dürfen“, sagt er leise.

Seine Hand hebt sich und für einen kurzen Moment glaube ich, er würde mein Gesicht berühren. Stattdessen legt sich die Spitze seines Zeigefingers knapp unterhalb meines Ohres an meinen Hals und fährt langsam daran hinunter.

Ich zucke zusammen.

Seine Berührung fühlt sich kühl an. So kühl, dass sie eigentlich unangenehm sein müsste, doch mein Körper reagiert vollkommen anders darauf. Eine Gänsehaut breitet sich über meine Arme aus und ich halte unbewusst den Atem an, während sein Finger der Linie meines Halses folgt.

Ich könnte zurückweichen.

Warum tue ich es nicht?

„Und er wird darum betteln, noch einmal in diese Augen sehen zu dürfen.“

Seine Hand bleibt an meinem Hals liegen, während er sich ein wenig zu mir hinunterbeugt. Plötzlich ist sein Gesicht meinem so nahe, dass ich nicht mehr weiß, wohin ich schauen soll. In seine Augen zu sehen fühlt sich falsch an, auf seinen Mund zu schauen allerdings noch falscher.

Also tue ich natürlich genau das.

Nur für einen winzigen Augenblick, doch als ich wieder hochblicke, hat sich etwas in seinem Gesicht verändert. Das Lächeln ist noch da, aber es wirkt wissender als zuvor.

„Wer bist du?“, frage ich.

„Spielt das eine Rolle?“

„Du stehst in meinem Traum und redest über meinen Verlobten. Ja, ich würde sagen, das spielt eine ziemlich große Rolle.“

Sein Blick wandert über mein Gesicht, als würde ihn meine Antwort amüsieren.

„Vielleicht ein anderes Mal.“

„Ein anderes Mal?“

Er antwortet nicht darauf. Stattdessen streicht sein Daumen einmal über die empfindliche Haut an meinem Hals, bevor er die Hand zurückzieht.

Ich sollte erleichtert darüber sein.

Bin ich aber nicht.

Etwas an seiner Nähe hat mich nervös gemacht, und trotzdem hinterlässt die plötzliche Distanz zwischen uns ein merkwürdiges Gefühl. Ich komme mir vor wie ein Reh, das längst bemerkt hat, dass etwas Gefährliches zwischen den Bäumen lauert, und trotzdem nicht davonläuft.

Vielleicht weil ich keine wirkliche Angst vor ihm habe.

Oder weil dieses Gefühl gerade von etwas anderem überlagert wird.

Erleichterung.

James lässt mich seit Stunden an mir selbst zweifeln, während dieser vollkommen fremde Mann mich ansieht, als wäre allein die Vorstellung absurd, jemand könnte mich freiwillig verlieren wollen.

„Schlaf jetzt, Violet“, sagt er schließlich.

Ich brauche einen Moment, bis mir auffällt, was daran nicht stimmt.

„Woher kennst du meinen—“

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Schockierend

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Gutes Schreiben

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Überzeugende Handlung

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Toller Charakter

2

Toller Charakter

Starker Dialog

2

Starker Dialog

author

Traumhafter Einstieg. Bisher eher süß.
Bin sehr gespannt, wie sich das entwickelt.

18 Stunden
1

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