Prolog
COVIN
Vier Monate zuvor...
Eisiger Januarwind pfeift durch die schmalen Pfade des Parks, während meine Schritte auf dem Schnee knirschende Geräusche in die Nacht hinaustragen. Der Kragen des Wollmantels streichelt sanft meine frostige Haut, unterdessen gehe ich den letzten Schritt. Den Schritt, der den Mann zu meinen Füßen ängstlich hinaufblinzeln lässt. Ich runzle unzufrieden die Stirn, schiebe die Hände in die Manteltaschen und balle sie zu Fäusten. Das Leder knirscht. Throne schnippt missbilligend seinen Zigarettenstummel in den immergrünen Busch.
»Du solltest sie beschützen, Finn«, murre ich. Meine Stimme klingt fremd und es erscheint mir abwegig, dass mein Atem für ein warmes Wölkchen vor meinen Lippen sorgt. Ich bin so eiskalt. Innerlich. Äußerlich. Eine eisige Hülle. Gefühllos. Gleichzusetzen mit dem erbarmungslosen Winter, der seit Jahrzehnten von Chicago Besitz ergreift. Ich hätte es gerne anders. Ich wäre gerne jemand anders. Sanfter. Einfach tiefer. Manchmal fühle ich mich wie eine Pfütze. Flach.
»Ich h-habe alles getan, was du verlangt hast, Covin. M-M-Mit meinem Leben habe ich das Mädchen verteidigt. Ich sch-schwöre es«, bibbert er. Zweifelnd heben sich meine Augenbrauen. Hätte er das getan, wäre er jetzt tot. Ergo müsste ich mich nicht mit ihm beschäftigen und sie wäre in Sicherheit.
Throne stößt einen genervten Murmellaut aus und zündet sich die nächste Zigarette an. Nebenbei zieht er die schwarze Basecap der Chicago Blackhawks tiefer in seine Stirn, sodass kaum die Möglichkeit besteht, seine stechend blauen Augen zu entdecken. Sie sind verräterisch. Leuchten vor Gier, Mordlust und Kontrollverlust. So anders als meine. So voller Leben und Emotionen.
»Du schwörst also?« Ein dunkles Grinsen entsteht auf Thrones Lippen, als ich in die Hocke gehe. Meine Mimik verändert sich keinen Millimeter. »Worauf? Auf deinen letzten Fick? Baumelt sie eigentlich noch an der Brücke oder hast du sie mittlerweile da heruntergepflückt? Schwörst du auf deine ausgelöschte Familie? Oder auf die Ratte, die es sich in deinem Küchenschrank heimisch gemacht hat?« Ich beuge mich noch ein Stück näher an sein Gesicht, registriere die brennende Panik in seinen hübschen grünen Augen.Todesangst. »Du hast nichts, womit du deinen Schwur von Wert für mich machen könntest, Finn. Dein Wort allein bringt mir keinen Nutzen. Du. Hast. Versagt.« Mein Zischen sorgt für ein wehleidiges Schnaufen seinerseits. »Und du weißt, was wir mit Versagern anstellen, richtig?«
»Covin, bitte, tue das nicht. Ich kann helfen. Die Männer! Ich habe sie gesehen. Und das Auto. Ich kann helfen, sie zu finden. Bitte, tue das nicht.« Sein panischer Blick fliegt zu Throne. Mein bester Mann. Der einzige unter den ganzen Wölfen, dem ich sogar vertraue, wenn er sich im Schafspelz versteckt. Bedauernd seufze ich, zucke die Schulter und erhebe mich aus der Hocke. »Nein, bitte. Dreh dich nicht um!«, schreit Finn. Die Tatsachen überfallen sein Hirn und damit kommt er nicht zurecht. Er weiß, dass er den Sonnenaufgang in zwei Stunden nicht mehr erleben wird. Und er weiß, was passiert, sobald ich ihm den Rücken zuwende. So ist es immer, wenn Throne und ich gemeinsam einige Kleinigkeiten erledigen. Ich kehre der Szene den Rücken und Throne waltet seines Amtes. Meine Augen huschen über seine zusammengekauerte Gestalt. Er sieht armselig aus. Sein Schienbein ist zertrümmert. Groteskerweise empfinde ich keinerlei Mitleid seinetwegen. Ich hoffe nur, dass meinem Bike nichts anzusehen ist. »Covin, bitte!« Sein Betteln sorgt für ein unschönes Knacken in meinem Gehör.
Meine Augen fliegen über die Skyline in seinem Rücken. Blinkende Lichter. Zu weit weg, um seinem Flehen Bedeutung beizumessen. Scharfkantige Wolkenkratzer, tanzende Lichtkegel, lautlose Flugzeuge. Chicagos Krone leuchtet herzerwärmend. Und wäre ich ein anderer, würde es mich gewiss berühren.
»Die Familie stand hinter dir, Finn, so lange, bis du versagt hast«, richte ich meine annähernd letzten Worte an ihn. Ich sehe zu ihm hinab. Seine Finger, die er in den Schnee krallt sind ganz rot.
»Ich kann dir sagen, wo sie ist, Covin! Ich kann es herausfinden. Einen von den Kerlen kenne ich. Bitte, gib mir noch eine Chance und lass mich dir beweisen, dass ich dir von Nutzen sein kann«, wimmert er. Sein Gesicht ist bleich und dunkle Schatten lassen seine Augen wie bereits tote Höhlen erscheinen. Throne nimmt den letzten Zug seiner nunmehr dritten Zigarette. Gelangweilt betrachtet er seine Fingernägel.
»Drollig.« Mein Glucksen lässt Finn aufhorchen und zeitgleich verstummen. Abermals gehe ich in die Hocke. Meine Augen verengen sich, während ich ihn mustere. »Ich weiß längst, wosieist, Finn. Und noch bevor der Abend sich über die Stadt gesenkt hat«, ich schnipse mit den Fingern, »wird sie wieder in Sicherheit sein, ohne die Gefahr überhaupt wahrgenommen zu haben, in der sie sich befindet.«
Ein weiteres Mal stehe ich auf. Stoße einen langen Atemzug aus und beobachte, wie das Wölkchen von dannenzieht, bevor ich Throne zunicke. Schließlich wartet er seit fast zwanzig Minuten auf seinen Einsatz. Ich will seinen Geduldsfaden nicht ausfransen.
»Nein! Bitte, dreh mir nicht den Rücken zu, Covin! Nein!«
»Die Hölle ist wärmer als Chicagos Winter, Finn«, sage ich. Dann kehre ich ihm den Rücken zu und schlendere auf mein Bike zu, das an einem knorrigen Baum lehnt und auf meine Fürsorge wartet.