Prolog: Hitzefrei
Mara hat in ihrem ganzen Leben genau einen Zauber gewirkt, der funktioniert hat.
Das Problem ist, dass sie seitdem glaubt, alle anderen hätten auch funktioniert.
Es war Juni, dritte Klasse, und am nächsten Tag sollten wir eine Mathearbeit schreiben. Schriftliches Dividieren. Ich konnte es nicht, Mara konnte es noch weniger, und während ich in der großen Pause auf der Mauer saß und überlegte, ob man sich mit acht Jahren schon versetzen lassen kann, an eine andere Schule, in ein anderes Land, stand Mara plötzlich mit einem Stück Kreide vor mir.
Sie trug ein schwarzes T-Shirt, das ihrer Mutter gehörte und ihr bis zu den Knien ging. Darauf war ein Totenkopf mit Rosen. Ihre Mutter hatte es auf einem Konzert gekauft, an das sie sich nach eigener Aussage nicht erinnern konnte.
„Halt mal“, sagte Mara und drückte mir einen Eiswürfel in die Hand. Wo sie den herhatte, weiß ich bis heute nicht.
Dann malte sie einen Kreis auf den Schulhof. Mitten hinein legte sie eine Pusteblume, einen Kronkorken und ein zerknülltes Arbeitsblatt mit der Überschrift Wir teilen mit Rest. Ich stand daneben und spürte, wie mir der Eiswürfel zwischen den Fingern davonlief.
„Leg ihn in die Mitte“, sagte sie.
Ich legte ihn in die Mitte.
Mara hob beide Arme, schloss die Augen und sagte mit einer Stimme, die sie sich vermutlich aus einem Zeichentrickfilm geborgt hatte: „Calidus maximus. Schola finitus. Mathematicus kaputtus.“
Ein paar Viertklässler blieben stehen. Einer lachte. Mara öffnete ein Auge und sah ihn an, und er hörte auf zu lachen. Das konnte sie schon damals.
Am nächsten Tag hatte es um zehn Uhr morgens einunddreißig Grad. Die Schulleiterin kam persönlich in jede Klasse und verkündete Hitzefrei ab der dritten Stunde. Die Mathearbeit wurde verschoben, auf einen Termin nach den Sommerferien, an dem unsere Lehrerin dann krank war, sodass wir sie nie geschrieben haben.
Ich weiß noch genau, wie Mara sich in der Tür zum Klassenzimmer zu mir umdrehte. Sie sagte nichts. Sie sah mich nur an, mit diesem Blick, und dann sagte sie doch etwas:
„Siehst du.“
Ab diesem Tag hatte ich einen Job.
Ich war diejenige, die nach der Pause die Kreidekreise wegwischte, bevor der Hausmeister sie fand. Ich trug den Rucksack mit den Teelichtern. Ich erklärte Frau Bergmann, warum unter Maras Tisch ein toter Käfer in einem Streichholzschachtelsarg lag. Ich hielt bei jedem Ritual etwas fest, einen Eiswürfel, eine Feder, einmal ein Meerschweinchen, das wir am selben Nachmittag zurückbringen mussten.
Mara wirkte einen Unverwundbarkeitszauber auf mich, und eine Woche später hatte ich Windpocken. Sie verfluchte den Jungen, der mich im Schwimmbad untergetaucht hatte, und drei Jahre später zog er nach Bielefeld, was sie als vollen Erfolg verbuchte. Sie sagte für unsere Klassenfahrt Sonnenschein voraus, und es regnete fünf Tage durch. Mara meinte, sie habe sich im Zielort vertan.
Mit vierzehn färbte sie sich die Haare schwarz. Mit sechzehn fing sie an, nur noch Schwarz zu tragen, im Hochsommer auch, „weil Farben einen festlegen“. Mit achtzehn ließ sie sich einen Mond auf den Unterarm tätowieren und mit neunzehn einen zweiten, weil der erste ihr zu zunehmend aussah.
Ich blieb ungefähr, wie ich war. Jeans, Pferdeschwanz, eine Vorliebe für Listen und für Dinge, die man erklären kann.
Heute sind wir beide vierundzwanzig und wohnen zusammen in einer Altbauwohnung im dritten Stock, mit knarzenden Dielen und einem Balkon, auf dem Mara jeden Morgen Krähen füttert. Sie nennt sie Raben. Ich habe es aufgegeben, sie zu korrigieren. Sie arbeitet in einem Teeladen in der Innenstadt, wo sie Kundinnen erklärt, welche Kräutermischung gegen Liebeskummer hilft und welche gegen Nachbarn. Ich arbeite in einem Büro und mache Tabellen.
Wir sind sehr verschieden. Wir waren es schon immer.
Und wir sind beste Freundinnen. Das waren wir auch schon immer.
Mara hat in ihrem ganzen Leben genau einen Zauber gewirkt, der funktioniert hat. Und ich war dabei.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich ihr nie gesagt habe, dass es Zufall war.
Dann kam der Führerschein.








