Tricolor, der verpuppte Clown
In einem vornehmen Landhaus lebt die fünfzehnjährige Melanie. Sie ist eine grosse Sammlerin von Plüschtieren, die sie in verschiedenen Regalen der Wohnung hält. Eine bestimmte Sammlung bedeutet ihr mehr als andere. Sie ist in ihrem Schlafzimmer direkt über dem Bett: Giraffen, Löwen, Katzen und eine Schildkröte. Darunter ist auch ein kleiner bunter Clown, den Melanie zu ihrem sechsten Geburtstag geschenkt bekommen hat. Sie nennt ihn Tricolor, weil die Farben rot, blau und gelb auf seinem Kleid dominieren. Er bekam niemals einen anderen Namen.
Heute, beim Aufstehen, bemerkt Melanie, dass die Schildkröte Maula wieder am Boden liegt. Es ist nicht das erste Mal, und interessanterweise ist es das einzige Tier, das ausreisst. Merkwürdig. Zu ihrem Schreck ist auch der Platz von Tricolor leer, am Boden liegt er nicht, es fehlt von ihm jede Spur. Verzweifelt sucht sie nach ihm.
«Melanie, dein Frühstück ist bereit, beeil dich ein bisschen, damit du nicht zu spät zur Schule kommst!», ruft ihre Mutter.
«Ja Mama, ich komme sofort.»
Aber Melanie erscheint nicht zum Frühstück, sie sucht noch immer die Clownpuppe. Die Mutter öffnet genervt ihre Zimmertür, schaut ihre Tochter besorgt an und fragt: «Suchst du etwa deinen kleinen Tricolor? Ich habe ihn sitzend auf der WC Schüssel gefunden. Kind, werde endlich erwachsen und nimm nicht andauernd deine Plüschtiere in meine Nähe.» Melanie ignoriert, was ihre Mutter sagt, sie packt den Clown und eilt aus der Wohnung. Ausnahmsweise radelt sie mit dem Fahrrad zur Schule, damit sie nicht zu spät zum Unterricht kommt. Ihren bunten kleinen Clown setzt sie in den Korb und bindet ihn an, damit er nicht hinausfällt. «Pass doch auf wo du hinfährst, und bitte nicht so schnell, ich bin nicht schwindelfrei», sagt auf einmal eine hohe Stimme. Melanie erschrickt, die Stimme muss von Tricolor sein! Sie stürzt beinahe von ihrem Fahrrad. Ausser sich und ganz verwirrt sagt sie sich: «Das kann nicht sein, ich muss träumen. So etwas ist vollkommen unmöglich, er ist doch nur eine Puppe.»
Atemlos kommt sie in der Schule an, ihr braunes, langes Haar ist zerzaust und ihr Herz pocht vor lauter Aufregung. Sie eilt ins Gebäude, öffnet ihr Schliessfach und wechselt ihr T-Shirt, das schweissnass ist. Tricolor setzt sie in ihre Mappe. «Also mein kleiner Clown, wenn du tatsächlich sprechen kannst, dann halt deine Klappe, solange ich im Unterricht sitze, die Lehrerin hält mich sonst für irre und meine Mitschüler würden mich auslachen.»
Der Unterricht dauert heute etwas länger wegen eines wichtigen Schulprojekts. Clown Tricolor wird das zu langweilig, er steigt heimlich aus der Mappe und versucht davonzuschleichen. Als die Lehrerin Schulmaterial von Tisch zu Tisch verteilt, entdeckt sie die Puppe am Boden neben Melanies Schulbank. «Ist das etwa deine Puppe?», fragt sie genervt. Alle Schüler schauen nun zu Melanie und beginnen zu lachen. Da der kleine Clown aber nur für Melanie lebend ist, sieht nur sie, dass er anfängt zu weinen. Sie hebt Tricolor hoch und bettet ihn in ihre Mappe. Streichelnd tröstet sie ihn und flüstert: «Es ist alles in Ordnung, Tricolor, ich kümmere mich nach dem Unterricht um dich.» Dave hört seine Mitschülerin flüstern und fängt an, laut zu grinsen: «15 Jahre und noch immer mit Plüschtieren unterwegs!» Im Schulzimmer bricht ein Kichern aus. Die Lehrerin macht der Unruhe ein Ende und beschlagnahmt Tricolor. Sie schliesst ihn draussen im Flur in eine Vitrine ein. Nach dem Unterricht spricht sie mit Melanie: «Du machst mir Sorgen. Das war jetzt das vierte Mal, dass du zu dieser Puppe gesprochen hast. Geht es dir nicht gut? Warum verhältst du dich wie ein Kleinkind?»
Melanie verrät der Lehrerin, dass ihr kleiner Clown-Freund letzte Nacht zum Leben erwacht sei. Sie schwärmt voller Begeisterung von Tricolor und bittet darum, dass sie ihn wieder haben möchte. «Also, ich habe genug von deinem Märchen. Ausserdem scheint die Puppe auf Joel einen schlechten Einfluss zu haben. Oft ist er in Gedanken abwesend und konzentriert sich nicht auf den Unterricht. Ich gebe dir noch eine zweite Chance. Sollten sich deine und Joels Noten verschlechtern, muss ich euch leider von der Klasse fernhalten.»
Auf einmal ertönt ein lautes Klirren, als hätte jemand ein Fenster zerschlagen. Melanie ist besorgt, geht hinaus in den Flur und will wissen, was passiert ist. «Oh nein, wo ist Tricolor? Jemand muss ihn aus der Vitrine geholt haben, hier sind überall Scherben am Boden», schreit sie hysterisch. Die Lehrerin tröstet ihre Schülerin und verspricht ihr, sich um den Vorfall zu kümmern, damit ihr kleiner Liebling wieder gefunden wird.
Als Melanie nach Hause gehen will, hört sie eine tiefe, männliche Stimme: «Ich bin hier, komm, wir fahren nach Hause, bevor es anfängt zu dämmern.» Ein grosser Mann mit rotblonden, halblangen Haaren steht vor ihr. Er trägt dieselbe Kleidung wie Tricolor: rot, gelb, blau, und auch die Mütze stimmt. Das ist ohne Zweifel Clown Tricolor in Menschengestalt! Melanie kneift sich in den Arm, sie denkt, dass sie wohl träumt: «Das kann nicht sein, so etwas ist vollkommen unmöglich.» Ganz benommen setzt sie sich in ihrer Verwirrung auf den Gepäckträger des Fahrrades. Gemeinsam geht es nach Hause, der Clown vorne am Lenker, Melanie hinten.
Zu Hause angekommen, sind die beiden etwas hilflos. «Wie komme ich in die Wohnung, ohne dass deine Mutter mich bemerkt?», flüstert Tricolor. Melanie muss sich nun etwas einfallen lassen. Sie schaut durchs Fenster ins Wohnzimmer und prüft, ob ihre Mutter zu Hause ist. Sie hat Glück, es brennt nirgendwo Licht. Vorsichtig schleichen die beiden ins Haus und gehen ins Schlafzimmer. Der Clown verrät ihr, dass er nur am Tag ein Mensch sein kann. Sobald es Nacht wird, verwandle er sich wieder in eine Puppe. Kaum gesagt, ist er wieder der kleine Tricolor. Melanie ist erstaunt, dass sie einen Zauberclown hat. Sie möchte ihm natürlich Fragen stellen, doch er klettert aufs Regalbrett, weil er schlafen will, verspricht aber, morgen sein Geheimnis zu verraten.
Tags darauf, als sich Melanie streckt und langsam aufsteht, bemerkt sie, dass Tricolor verschwunden ist. Sie ist verärgert, weil sie vermutet, dass sich ihr kleiner Clown bestimmt wieder in der Wohnung versteckt hat oder auf der Toilette sitzt. Melanie hat aber keine Zeit, ihn zu suchen, weil sie zum Unterricht aufbrechen muss. Ein ungutes Gefühl quält sie, als sie noch verschlafen das Frühstück zubereitet. Sie nimmt die Milch aus dem Kühlschrank und holt aus der Vitrine einen Teller für ihr Marmeladenbrot. Als sie sich mit noch verschlafenen Augen an den Esstisch setzt, lässt sie vor Schreck den Teller zu Boden fallen. «Guten Morgen Melanie, hast du gut geschlafen?» fragt die Clownpuppe, die oben am Tisch vor einem Teller mit Rührei sitzt. Melanie atmet auf, ihr Tricolor ist wieder da, quietschlebendig und gesprächig. «Pst, du musst leise sein, sonst erwacht meine Mutter», raunt Melanie. Tricolor verrät, dass er arbeiten gehen müsse, er könne sie diesmal nicht zur Schule begleiten. Sie ist ein wenig enttäuscht und fragt sich, woran ihr Clown wohl arbeitet. Doch bevor sie ihn zur Rede stellen kann, ist er verschwunden.
Melanies Mutter hat nichts von diesem Gespräch mitbekommen, sie schläft tief und fest auf dem bequemen Bettsofa im Wohnzimmer. Der Fernseher läuft noch, sie ist beim Filme schauen eingeschlafen. Vorsichtig schaltet Melanie das Gerät aus und lässt ihre schnarchende Mutter ausschlafen. Sie setzt sich aufs Fahrrad und eilt zur Schule. All ihre Gedanken kreisen um Tricolor, den sie heute nicht mitnehmen kann.
«Melanie, beeile dich, der Unterricht beginnt bald», ruft ihr Joel durch den Gang zu. Nachdem sich die Schüler im Klassenzimmer gesetzt haben, beginnt Melanie zu gähnen. Und schon bald findet sie die Lehrerin schlafend in der Schulbank, die 24 Mitschüler haben Melanies Panne nicht einmal bemerkt, sie sind mit sich selbst beschäftigt. Der einzige, der alles beobachtet hat, ist ihr Schulfreund Joel.
Da die Mitschüler Melanies und Joels Verhalten seltsam finden, wollen sie nichts mit ihnen zu tun haben und machen sich nach dem Unterricht davon. Die Lehrerin, die sich mit dem Vorfall bei Vitrine beschäftigt hat, ist unzufrieden und möchte mit Melanies Mutter sprechen. Doch diese ist telefonisch nie erreichbar, da sie nachts oft im Krankenhaus arbeitet und dann tagsüber vor Erschöpfung schläft.
«Melanie, so kann das nicht weitergehen. Ich erwische deine Mutter telefonisch nie, und du und Joel werdet immer fauler im Unterricht.» Die Förderschülerin lässt den Kopf hängen. Die Lehrerin schlägt vor, ihr und Joel eine längere Dispens vom Unterricht zu geben, sie möchte, dass die beiden darüber nachdenken, was sie mit ihrer Schulbildung erreichen wollen. Melanie ist damit einverstanden, irgendwie auch erleichtert, dass sie eine Auszeit bekommt, denn im Unterricht wird es immer strenger, und sie hält es kaum aus, wenn ihre Mitschüler in der Pause über sie lachen.








