Kapitel 1: Scherben auf dem Dielenboden
Fünf Jahre. In einer Welt, in der sich alles ständig dreht und verändert, war eine halbe Dekade für Roxane eine Ewigkeit gewesen. Sie war gerade mal achtzehn Jahre alt gewesen, frisch von der Schule und voller naiver, unerschütterlicher Träume, als sie Max kennengelernt hatte. Damals, in dieser furchtbaren Zeit nach dem schmerzhaften Verlust ihrer Eltern – erst der Krebs ihrer Mutter, kurz darauf der plötzliche Herzinfarkt ihres Vaters –, hatte sich ihr gesamtes Leben auf den Kopf gestellt. Ihr älterer Bruder Ben war in diesen dunklen Monaten ihr Fels in der Brandung gewesen, ihr absoluter Anker, der sie mit unendlicher Geduld aufgefangen hatte. Inmitten dieses Schmerzes war Max in ihr Leben getreten. Er war verständnisvoll gewesen, hatte ihr zugehört und ihr in dieser verletzlichen Phase zusätzlichen Halt gegeben. Roxane hatte damals geglaubt, dass diese Liebe aus Granit gegossen war. Allen Stürmen zum Trotz.
Dass der Sturm längst im eigenen Haus tobte, während sie draußen die Fassade hielt, ahnte sie bis zu diesem Dienstagnachmittag nicht im Geringsten.
Es war ein goldener Spätsommertag. Die Luft roch nach Asphalt, der von der Sonne aufgewärmt worden war, und nach dem Herbst, der langsam durch die Straßen kroch. Roxanes Termin in der Werbeagentur in der Innenstadt hatte sich überraschend in Wohlgefallen aufgelöst; die Präsentation lief wie am am Fließband, und anstatt wie sonst den späten Nachmittag im Büro zu verbringen, war sie um kurz nach zwei Uhr in den Feierabend entlassen worden. Ein plötzlicher Anflug von Vorfreude hatte ihr Herz erwärmt. Auf dem Weg zum Auto war sie an ihrer Lieblingsbäckerei vorbeigekommen und hatte kurz entschlossen Max’ absoluten Lieblingskuchen mitgenommen: diesen saftigen Schoko-Nuss-Kuchen, den er so abgöttisch liebte und den sie sonst sonntags selbst für ihn backte.
Mit dem schicken Kuchenkarton in der Hand und einem unbeschwerten Lächeln auf den Lippen war sie in ihre gemeinsame Wohnung im dritten Stock getreten. Die Flure rochen gewohnt vertraut nach frisch gewaschener Wäsche und dem holzigen Raumduft, den sie beide mochten.
„Max?“, rief sie gutgelaunt in den Flur hinein, während sie die Stiefeletten von den Füßen strich und den schweren Schlüsselbund auf die Kommode warf.
Keine Antwort. Nur Stille.
Roxane wunderte sich kurz. Normalerweise hatte Max dienstags oft Homeoffice, aber vielleicht saß er im Arbeitszimmer und trug mal wieder Kopfhörer, um sich in irgendein Projekt zu vertiefen. Sie beschloss, ihn zu überraschen. Behutsam, um den Karton nicht zu beschädigen, schlich sie auf Socken den langen Flur entlang. Erst wollte sie in die Küche, um den Kuchen auf den Teller zu stellen, doch als sie am Schlafzimmer vorbeiging, blieb ihr das Herz mit einem harten Ruck in der Kehle stehen.
Die weiße Holztür stand einen Spaltbreit offen.
Aus dem Zimmer drangen Geräusche. Keine elektronischen Beats aus Kopfhörern, sondern gedämpfte, unverkennbare Laute. Ein Stöhnen. Ein tiefes, keuchendes Atmen, das Roxanes Blut in den Adern gefrieren ließ.
Für einen Moment, der sich anfühlte wie eine Ewigkeit, setzte ihr Verstand komplett aus. Ihr Gehirn weigerte sich, die Puzzleteile zusammenzusetzen, die sich vor ihr auftaten. Mechanisch, wie ferngesteuert, drückte sie mit dem Ellenbogen die Tür weiter auf.
Der Anblick traf sie mit der Wucht eines Vorschlaghammers.
Dort, auf den mintgrünen Kissen ihres gemeinsamen Bettes, wälzten sich zwei Körper. Max, mit schweißnassen Schultern und weit aufgerissenen Augen im Moment des Schreckens. Und auf ihm … Sabrina.
Sabrina. Ihre beste Freundin. Die Frau, mit der Roxane vor drei Tagen noch stundenlang im Café gesessen, über Zukunftspläne geredet und ihr jedes, absolut jedes Geheimnis anvertraut hatte. Sabrina, die bei ihren gemeinsamen Spieleabenden stets so herzlich gelacht hatte.
Die Welt um Roxane herum hörte auf, sich zu drehen. Das laute Pochen in ihren Schläfen übertönte jedes andere Geräusch. Der Kuchenkarton glitt ihr aus den Händen; mit einem dumpfen Ton schlug er auf dem Parkett auf, der Pappdeckel sprang auf, und der Schokoladenkuchen zerbarst in Stücke. Aber sie registrierte es kaum. Ihre Augen waren wie festgeklebt auf das Bild auf dem Bett.
Max fuhr so ruckartig herum, dass er beinahe von der Matratze gefallen wäre. Panik, blanke und feige Panik, verzerrte seine Züge, während er hektisch nach seiner Jeans griff, die achtlos auf dem Fußboden lag.
„Roxane … oh Gott … warte!“, stammelte er, seine Stimme überschlug sich vor Angst. „Das … das ist nicht so, wie es aussieht! Verdammt, hör mir zu!“
„Nicht so, wie es aussieht?“, brachte Roxane schließlich heraus. Ihre eigene Stimme klang fremd, hohl, wie aus einer unendlichen Tiefe heraufgerufen. Eine tödliche Kälte breitete sich in ihrer Brust aus, verdrängte die Erstarrung und machte Platz für etwas unendlich Brennendes. „Ihr seid nackt in meinem Bett. In unserem Bett. Und du willst mir erzählen, das ist ein Missverständnis?“
Während Max verzweifelt versuchte, in seine Hosenbeine zu kommen, vollführte Sabrina etwas, das Roxane endgültig den Boden unter den Füßen wegziehen sollte. Sie zeigte keine Spur von Scham. Keine hektische Röte im Gesicht, kein panisches Nachfühlen von Reue. Mit einer erschreckenden, fast eiskalten Lässigkeit schob Sabrina die Bettdecke zur Seite, schwang die Beine aus dem Bett und griff seelenruhig nach ihrem Top, das neben dem Bett lag. Sie sah Roxane direkt in die Augen – mit diesem herablassenden, fast mitleidigen Blick, den Roxane kannte, wenn Sabrina anderer Leute Kleidung kritisierte.
„Ach, komm schon, Roxane, mach jetzt kein so riesiges Drama daraus“, sagte Sabrina mit einer Stimme, die so kühl war wie Gletschereis. „Ihr passt doch von vorne bis hinten überhaupt nicht zusammen. Was willst du überhaupt noch von ihm? Er gehört schon seit drei Jahren zu mir. Er wollte dir schon längst reinen Wein einschenken und sagen, dass es zwischen euch vorbei ist, aber er hatte einfach zu viel Schiss vor deinem Theater.“
Drei Jahre.
Die Worte schlugen ein wie eine Detonation. Drei Jahre. Das bedeutete, dass fast von Anfang an ihrer vermeintlichen Traumbeziehung ein Schatten gefolgt war. Fast seit dem Zeitpunkt, an dem sie zusammengezogen waren, hatten die beiden sie hintergangen. Sie hatten sie belogen, angelächelt, mit ihr angestoßen, während sie im Hintergrund ein doppeltes Spiel trieben.
Max, der es endlich geschafft hatte, in seine Hose zu steigen, trat mit verzweifeltem Blick auf sie zu. Er streckte die Hände aus, wollte sie berühren. „Roxane, bitte, hör nicht auf sie! Ich liebe dich doch! Das mit Sabrina … das war einfach nur ein dummes Versehen, eine körperliche Sache, aber mein Herz gehört dir!“
„Ein Versehen?!“, schrie Roxane nun. Die eisige Schicht riss entzwei und gab den Weg frei für eine lodernde, unkontrollierbare Wut, die jede Zelle ihres Körpers erfasste. „Drei Jahre nennst du ein verdammtes Versehen?! Du bist ein verlogenes, erbärmliches Arschloch!“
Bevor Max auch nur blinzeln konnte, holte Roxane aus. Die Enttäuschung über den jahrelangen Betrug, der Schmerz und der blanke Hass bündelten sich in ihrer rechten Hand. Mit einem laut schallenden Klatschen traf ihre flache Hand seine Wange. Der Schlag hallte durch das Schlafzimmer. Max taumelte einen Schritt zurück, die Hand an die rote Wange gepresst, die Augen groß vor Überraschung.
In diesem Bruchteil einer Sekunde brannten Roxane die Augen. Heiße Tränen drängten nach vorne, der Schmerz drohte ihr die Kehle zuzuschnüren. Ihr Herz schrie danach, in Tränen auszubrechen, sich auf den Boden zu werfen und diese Ungerechtigkeit anzuschreien. Doch in ihrem Inneren schaltete sich ein eiserner Überlebenswille ein.
Nein.
Sie würde diesen beiden Monstern nicht den Triumph gönnen, sie weinen zu sehen. Sie würden nicht erleben, wie tief diese Wunde saß. Sie sollten sie weder schwach noch gebrochen sehen.
Mit einer hastigen Bewegung wischte sie das erste Tränchen weg, das den Weg über ihre Wange wagen wollte, und presste die Lippen so fest aufeinander, dass sie den metallischen Geschmack von Blut schmeckte.
Sie drehte sich auf dem Absatz um, ignorierte Max, der ihren Namen rief, und stürmte aus dem Schlafzimmer in den Flur. Im großen Schiebetürenschrank riss sie die oberste Sporttasche heraus. Mit zitternden, aber schnellen Händen riss sie die Schranktüren auf, griff wahllos nach ein paar T-Shirts, einer Jeans, Unterwäsche und ihren Kulturbeutel, stopfte alles hinein, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ob es zusammenpasste.
„Roxane, verdammt noch mal, bleib stehen! Lass uns das klären!“, rief Max und kam ihr im unvollständig geknöpften Hemd hinterhergelaufen.
Roxane zog den Reißverschluss der Tasche mit einem Ruck zu, warf sich den Riemen über die Schulter und wandte sich an der Wohnungstür noch ein letztes Mal um. Ihre Stimme zitterte kein bisschen, sie war stahlhart und kalt wie Wintereis.
„Meine restlichen Sachen hole ich mir in den nächsten Tagen ab“, sagte sie mit einem Blick, der Max auf der Stelle erstarren ließ. „Sorg dafür, dass diese Schlampe bis dahin weg ist. Und lass dich bloß nie wieder in meinem Leben blicken.“
Sie knallte die Wohnungstür hinter sich zu, dass der gesamte Türrahmen vibrierte.
Auf dem Gang rannte sie die Treppen hinab, die Lunge brennend vor kalter Luft, bis sie endlich das schützende Blech ihres Autos erreichte. Sie riss die Fahrertür auf, warf die Tasche auf den Beifahrersitz und verriegelte sofort die Türen von innen. Erst als das schwere Schloss einrastete, sackte sie am Lenkrad zusammen. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie kaum fähig war, den Zündschlüssel ins Schloss zu stecken.
Der Motor heulte auf. Mit aufgerissenen Augen, das Sichtfeld durch einen Dunst aus Adrenalin und unterdrückten Tränen verschwommen, riss sie das Lenkrad herum. Sie gab Gas, verließ die Tiefgarage und raste davon – quer durch die Stadt, weit weg von den Trümmern ihres derzeitigen Lebens, direkt ans andere Ende der Stadt.
Zu Ben.








