In den Fängen von Atlantis (Elena)
In den Fängen von Atlantis (Elena)
Hallo. Ich bin Elena. Und das hier ist meine Geschichte. In meinem Leben war ich eine gute Ärztin, bis mir das Schicksal einen Streich spielte und mich dazu verurteilte, eine ganze Welt zu retten – eine Welt, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte. Es ist Nacht. Der Mond steht am höchsten Punkt des Himmels und taucht die Klippen in ein kaltes, silbernes Licht. Doch die Stille der Nacht wird zerrissen. Aus der dunklen Tiefe des Ozeans steigt ein Geräusch empor, das mir das Blut in den Adern gefrieren lässt: Der Gesang der Sirenen. Es ist ein hohler, vibrierender Klang, der durch Mark und Bein geht. Ich sehe in die Gesichter der Nephilim-Krieger, die uns bewachen, und erkenne ein kurzes Flackern in ihren Augen. Es ist das Klagelied ihrer eigenen Vorfahren, die sie in der Tiefe zurückgelassen und für ihre Technologie geopfert haben. Unter diesem unheimlichen Chor werden Artus und ich zum Ufer getrieben. Das Unterwasserboot wartet bereits, ein schwarzer Schatten im schäumenden Wasser. Die Krieger drängen uns die Rampe hinauf. Ich werfe einen letzten Blick zurück zum Mond, bevor ich in den metallenen Bauch des Bootes steige. Artus ist direkt hinter mir, ich spüre seine Anspannung, während er sich weigert, den Blick vor unseren Entführern zu senken. Als wir das Innere betreten und sich die Luke mit einem schweren, hydraulischen Zischen schließt, wird der Gesang der Sirenen gedämpft, aber das Vibrieren bleibt in den Wänden des Schiffes spürbar. Das Boot erzittert, wir lösen uns vom Land. Wir sinken. Während das silberne Licht des Mondes über uns verblasst, begreife ich: Wir reisen in das Herz einer Welt, die ihre eigene Herkunft verleugnet. Während wir so auf den schmalen Metallbänken im Bauch des Schiffes sitzen und das monotone Brummen der Turbinen den Takt angibt, schweifen meine Gedanken ab. Ich lasse die Ereignisse der letzten Zeit Revue passieren und staune nicht schlecht darüber, wie gut ich das alles weggesteckt habe. Die Flucht durch die graue Ruinenstadt, die Hitze der Aschenwüste, das Grauen im Dschungel – all das hätte eine normale Frau wohl längst in den Wahnsinn getrieben. Ich weiß jetzt: Wäre ich in meinem alten Leben als Ärztin nicht schon so stark gewesen, wäre ich an diesem Limbus sicher zerbrochen. Die Verantwortung für Leben und Tod in der Klinik hat mich wohl auf eine Art vorbereitet, die ich nie für möglich gehalten hätte. Mein Blick wandert zu Artus. Er sitzt mir gegenüber, seine Silhouette zeichnet sich hart gegen das bläuliche Notlicht der Kabine ab. Inmitten all dieser Ungewissheit bin ich einfach nur froh, ihn an meiner Seite gefunden zu haben. Ohne ihn wäre ich sicher schon lange nicht mehr da gewesen; er war mein Kompass, als ich die Orientierung verlor, und mein Schild, als die Bestien aus dem Dunkeln kamen. Ich weiß nicht, was uns in der Tiefe erwartet, aber solange ich seine Anwesenheit spüre, weiß ich, dass mein Licht noch nicht erloschen ist. Wir sind zusammen in diesen Schlund gesunken, und wir werden zusammen einen Weg hinaus finden.Ich lehnte meinen Kopf gegen das kalte, dicke Glas der kleinen Sichtluke und starrte in das bodenlose Schwarz des Ozeans. Doch plötzlich war da ein Licht. Erst nur ein fernes Flimmern, dann wurde es heller, bis es die gesamte Scheibe ausfüllte. Ich sah etwas Unglaubliches. Ein riesiges Wesen glitt majestätisch an uns vorbei, so nah, dass ich fast glaubte, die Vibration seiner Bewegung im Rumpf des Schiffes zu spüren. Es war eine Qualle von gewaltigen Ausmaßen. Sie leuchtete in einem so intensiven, giftigen Gelb-Grün, dass es fast magisch wirkte. Ihre unzähligen Tentakel zogen sich wie glühende Fäden durch das dunkle Wasser und schienen in der Schwerelosigkeit der Tiefe zu schweben, anstatt zu schwimmen. Für einen Moment vergaß ich die Fesseln an meinen Handgelenken und die Krieger, die hinter uns hockten. Ich war vollkommen gebannt von dieser fremdartigen Schönheit. Es war eine Erinnerung daran, dass der Limbus nicht nur aus Ruinen und Tod bestand, sondern auch aus Wundern, die kein Mensch zuvor gesehen hatte. Ich sah zu Artus, um sicherzugehen, dass ich nicht halluzinierte, und in der Reflexion des grünen Lichts auf seinem Gesicht sah ich, dass auch er atemlos war. Die Natur hier unten gehorchte ihren eigenen Gesetzen – und wir drangen gerade mitten in ihr Herz vor. Das magische Grün der Qualle verblasste, als das Wesen in der Schwärze der Tiefe verschwand. Doch bevor ich das Bild in meinem Kopf festhalten konnte, wurde die Stille in der Kabine jäh zerrissen. Ein gellendes, metallisches Knacken drang aus den Deckenlautsprechern, gefolgt von einer Stimme, die so emotionslos und künstlich klang, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. ‚Identifikation anfordern‘, dröhnte die mechanische Ansage durch das Schiff. ‚Bestätigen Sie die Transportnummer und den Autorisierungscode für Anlegestelle 5.’ Einer der Krieger, der uns gegenüber saß, richtete sich straff auf. Er tippte auf ein gläsernes Bedienfeld an seinem Handgelenk. ‚Einheit 7-Alpha‘, antwortete er mit einer Stimme, die fast genauso leblos klang wie die Durchsage. ‚Code: Nephilim-Prime-9. Zwei hochwertige Subjekte an Bord. Bereiten Sie die Dekontamination vor.’ Das Wort Subjekte traf mich wie ein Schlag. Für diese Stimme und diesen Mann waren Artus und ich kein König und keine Ärztin mehr – wir waren Frachtgut, das einer Nummer zugewiesen wurde. Das Schiff vollführte eine scharfe Wendung, und ich spürte, wie der Druck in meinen Ohren zunahm. Anlegestelle 5. Es klang so endgültig. Draußen in der Dunkelheit tauchten nun die ersten künstlichen Lichter auf – kein weiches Quallenleuchten mehr, sondern das harte, gleißende Weiß der Energiekristalle, die den Eingang zur Unterwasserstadt markierten. Wir waren da. Das Schiff glitt mit einem letzten Rumpeln in die Anlegestelle Nummer 5 und kam zum Stillstand. Die mechanische Ansage erstarb in einem Zischen. Dann, mit einem Klicken, öffnete sich die innere Tür der Kabine. Zuerst kamen Männer in anderen, strahlend weißen Anzügen herein. Sie sahen aus wie Ärzte oder Wissenschaftler, nicht wie Soldaten. Alle hatten einen Mundschutz auf, doch das war nicht nötig, denn sie hatten alle die gleichen, kalten Augen – Augen, die keine Wärme kannten, nur Neugier. Und alle ihre Augen hatten verschiedene Farben, die Zeichen ihrer Hybrid-Natur: ein kaltes Blau hier, ein stechendes Violett dort. Als sie näher traten, bemerkte ich einen Geruch. Er war speziell, wie nach Minze. Es war kein schlechter Duft, im Gegenteil, er war sauber und frisch und ließ mich für einen Moment ein wenig beruhigen. Ein seltsamer Kontrast zu den kalten Blicken und den Metallschellen an meinen Handgelenken. ‚Die Subjekte werden zur Dekontamination geleitet‘, sagte der erste Mann mit einer klaren, aber emotionslosen Stimme. Er machte eine Handbewegung, und die anderen traten vor, um uns aus der Enge des U-Boots zu führen. Wir waren in Atlantis angekommen, und unser Leben als Versuchskaninchen hatte gerade erst begonnen.








