Kapitel 1: der Morgen
Wie mein Morgen ablief, war jeden Tag anders. Feste Routinen gab es bei mir kaum – mal schaffte ich es früher aus dem Bett, mal blieb ich nach dem Wecker noch lange liegen. Ob ich morgens duschte oder es schon am Abend vorher erledigt hatte, entschied sich spontan nach Tagesform. Pläne funktionierten für mich morgens einfach nicht.
Das Einzige, was ich wirklich eisern kontrollierte, war das Essen. Wenn sich schon der Start in den Tag unberechenbar anfühlte und mein Kopf von Gedanken übersprudelte, war das mein Anker.
In der Küche machten meine Eltern gerade das Frühstück – natürlich auch für meine Schwester, die wie die verwöhnteste Göre auf Erden am Tisch saß und keinen Finger rührte. Ich ignorierte es, nahm mir nur das Nötigste und ging hinaus.
Ich machte mich auf den Weg zur Haltestelle, die nur etwa hundert Meter entfernt lag. Es warteten bereits einige Leute dort. Als der rote Bus herannahte und anhielt, ließ ich den anderen den Vortritt und stieg als Letzte ein.
Der Bus war voll. Ich ging durch den Gang und setzte mich auf meinen gewohnten Platz – neben denselben Jungen wie jeden Morgen. Wir hatten noch nie ein Wort miteinander gesprochen, aber seine stumme Anwesenheit war mir ganz recht. Um uns herum herrschte das gewohnte Gewirr aus Stimmen und dem Dröhnen des Motors. Der Lärm tat gut; er übertönte meine eigenen Gedanken.
Der Bus hielt wie immer bei der Kirche – nicht, dass ich gläubig gewesen wäre, aber es war eben die Haltestelle. Von dort aus waren es noch gut zweihundert Meter bis zur Schule. Ich zog meine Jacke etwas enger um mich und lief das letzte Stück zu Fuß.
In der Aula wartete schon meine beste Freundin auf mich – sie war definitiv einer meiner Lieblingsmenschen auf der ganzen Welt. Manchmal, wenn sie mich einfach nur anlächelte oder mir etwas erzählte, fragte ich mich ganz kurz, ob da vielleicht ein bisschen mehr war, so eine Art kleiner Crush. Aber wahrscheinlich mochte ich sie einfach nur unglaublich gerne.
Nach und nach kamen noch ein paar andere dazu, bis wir so zu viert oder fünft da standen. Ich hielt mich meistens etwas am Rand oder in der Ecke der Gruppe auf. Auch wenn es schön war, von Menschen umgeben zu sein, musste man es ja nicht gleich übertreiben. Von dort aus konnte ich das Geschehen ruhig beobachten. Wir liefen lachend durch die Flure, ich machte Witze und wirkte völlig entspannt. Ich mochte meine Freunde wirklich, aber trotzdem war da immer diese unsichtbare Wand – wie eine Schicht Glas zwischen mir und den anderen. Ich wusste einfach nicht, wie ich ihnen erklären sollte, was wirklich in meinem Kopf vorgeht. Also lächelte ich weiter.
Als der Gong schlug, verabschiedeten wir uns, da die meisten in andere Räume mussten – nur ein, zwei von ihnen hatten jetzt mit mir Unterricht.
Wir wechselten zwar je nach Fach das Klassenzimmer, aber für jede Stunde gab es zum Glück einen festen Sitzplan. Mein Platz war eigentlich immer in einer der Ecken des Raumes. Auch im Unterricht saß ich am liebsten am Rand: Schön, im Raum zu sein, aber man musste es ja nicht gleich übertreiben und mitten im Blickfeld sitzen.
Ich setzte mich, packte aus und richtete meine Hefte und Stifte exakt parallel zur Tischkante aus. Das gab mir Halt. Ich atmete tief durch, schaute zur Tür und wartete auf die Lehrkraft.
Bis die Tür aufging – und mit der Lehrerin ein neues Gesicht den Raum betrat.








