Kapitel 1 - Happy Birthday
„Rhena, jetzt komm schon! Wir kommen noch zu spät!“
Sam klang ziemlich genervt, als er mir diese Worte über die Schulter zurief.
Ich schaute noch einmal kurz auf mein Handy und bemerkte mit einem erschrockenen Blick auf die Uhrzeit, dass uns nur noch fünf Minuten blieben, um pünktlich zu kommen.
Und mein Vater hasste es, wenn jemand zu spät kam.
„Ja, ich beeil mich ja schon! Hetz mich nicht, Sam!“
Ich lief ihm hinterher, so schnell es eben in meinem engen Abendkleid ging. Dabei musste ich den Stoff ein wenig anheben, um nicht über den Saum zu stolpern.
Als wir schließlich an der Haustür ankamen, richtete Sam sein Jackett und atmete schwer aus.
„Irgendwann bringst du uns noch in ernsthafte Schwierigkeiten mit deinen Höflichkeiten.“
Er tadelte mich mit einem strengen Blick, bevor er mit einem geübten Handgriff meine Halskette richtete, die tief in meinem Dekolleté hing.
Diese Geste hatte für mich allerdings nichts Ungewöhnliches, sondern eher etwas Brüderliches. Ich kannte Sam schon seit der Grundschulzeit und irgendwie waren wir mit den Jahren immer mehr wie eine Familie geworden. Er gehörte inzwischen genauso selbstverständlich zu meinem Leben wie meine eigenen Eltern.
Und aus diesem Grund war es auch völlig normal, dass er zum 60. Geburtstag meines Vaters eingeladen war.
Es war zwar nur eine kleine Feier, aber mein Vater hatte schon immer großen Wert auf besondere Dinge gelegt.
Wie zum Beispiel auf Abendgarderobe und Pünktlichkeit.
„Ich konnte doch nicht zulassen, dass die Kätzchen da draußen erfrieren“, verteidigte ich mich und sah ihn unschuldig an.
Sam verzog das Gesicht und verdrehte die Augen, als könnte er kaum glauben, dass ich das gerade tatsächlich gesagt hatte.
„Es ist tiefster Sommer, Ren!“
Bevor ich etwas erwidern konnte, sprang die Haustür auf und meine Mutter empfing uns mit einem riesengroßen Lächeln.
„Samuel, Rhena! Es ist so schön, euch beide hier zu sehen!“
Wie ein Wirbelwind flog meine Mutter Sam in die Arme und drückte ihn so fest an sich, dass er das Gesicht verzog. Dabei lachte sie ausgelassen, während Sam versuchte, ihre überschwängliche Begrüßung mit einem höflichen Lächeln über sich ergehen zu lassen.
Meine Mutter hatte schon immer ein fröhliches und stürmisches Gemüt gehabt, während mein Vater eher im Hintergrund blieb und uns nun mit ernster Miene betrachtete. Schließlich senkte er den Blick auf seine Uhr, die unter dem perfekt gerichteten Ärmel seines Jacketts hervorschaute.
„Auf die letzte Minute“, brummte er. „Mal wieder.“
Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete offensichtlich darauf, dass Sam ihm die Hand gab. Sobald dieser sich aus der Umarmung meiner Mutter befreien konnte, straffte er die Schultern, drückte den Rücken durch und trat mit ausgestreckter Hand vor meinen Vater.
„Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Geburtstag, Herr Caviels. Bleiben Sie gesund und uns noch lange erhalten.“
Obwohl Sam meinen Vater um einige Zentimeter überragte, zeigte er ihm immer den nötigen Respekt.
Mein Vater strahlte eine immense Strenge und Härte aus, die auf andere Menschen durchaus einschüchternd wirken konnte. Aber trotz seiner ernsten Art war er immer ein guter Vater gewesen. Er hatte in jeder Notsituation zu mir gestanden und sogar Sam unterstützt, wenn dieser seine Hilfe gebraucht hatte.
Als mein Vater den Händedruck erwiderte, huschte tatsächlich ein leichtes Lächeln über seine Lippen. Etwas, das ich bei ihm nur selten zu sehen bekam, außer wenn Sam zugegen war.
Er mochte ihn wirklich. Und er hatte mir schon so oft zu verstehen gegeben, dass er einen Mann wie ihn gerne an meiner Seite sehen würde. Vermutlich wäre ihm nichts lieber gewesen, als Sam eines Tages offiziell als seinen Schwiegersohn begrüßen zu dürfen.
Wäre meine Mutter nicht gewesen, hätte er mich wahrscheinlich schon längst mit irgendeinem reichen Schnösel verheiratet. Der Gedanke daran bereitete mir eine Gänsehaut.
Nachdem die beiden ihre Begrüßung beendet hatten, trat ich vor und umarmte meinen Vater kurz. Wie immer erwiderte er die Umarmung eher zurückhaltend, doch daran hatte ich mich längst gewöhnt.
„Alles Gute zum Geburtstag, Vater. Dein Geschenk hast du ja schon bekommen.“
Unwillkürlich musste ich daran denken, dass sein Geschenk dieses Jahr noch kleiner ausgefallen war als im letzten. Die Schulden häuften sich immer weiter, und inzwischen mussten wir bei einigen Dingen deutlich sparsamer sein als früher. Aber mein Vater ließ es sich trotzdem nicht nehmen, eine anständige Feier zu seinem Geburtstag zu veranstalten.
Selbst wenn es bedeutete, dafür an anderer Stelle Abstriche machen zu müssen.
„Tochter.“
Er nickte mir mit seinem typisch knappen Tonfall zu, drehte sich um und begann eine Unterhaltung mit den wenigen anderen Gästen.
Wir hatten noch nie besonders viele Worte miteinander gewechselt, aber heute kam er mir doch ungewöhnlich distanziert vor. Irgendetwas an seiner Haltung wirkte angespannt, beinahe so, als würde ihn etwas bedrücken. Selbst als er sich den anderen Gästen zuwandte, blieb dieser ernste Ausdruck auf seinem Gesicht.
Beinahe wäre ich ihm nachgegangen, um ihn zu fragen, was ihm fehlte, als ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter spürte.
„Mach dir keine Sorgen, Schatz. Dein Vater ist heute ein wenig gestresst.“
Meine Mutter nahm mich liebevoll in den Arm und drückte mich sanft an sich. Dabei schenkte sie mir eines ihrer warmen Lächeln, mit denen sie es schon immer geschafft hatte, meine Sorgen zumindest für einen Moment zu vertreiben.
„Ich weiß. Mir reicht es, wenn er Sam nett begrüßt.“
Der Genannte räusperte sich daraufhin und richtete demonstrativ seine Krawatte, als hätte er mit unserem Gespräch überhaupt nichts zu tun.
„Was gibt’s zu essen, Frau Caviels?“
Er grinste über beide Ohren und drückte meine Mutter ebenfalls noch einmal sanft an sich. Zuvor hatte er schließlich nicht wirklich die Gelegenheit bekommen, ihr von sich aus eine Umarmung zu geben.
Dabei musste er sich so weit zu ihr hinunterbeugen, dass ich manchmal glaubte, er würde sich irgendwann noch den Rücken verrenken. Meine Mutter war schon etwas unterdurchschnittlich groß, während ich meine Körpergröße eindeutig von meinem Vater geerbt hatte.
In der Schule hatte man mich immer wegen meiner lächerlich langen Beine aufgezogen, die kaum zu meinem Oberkörper zu passen schienen. Damals hatte ich mich oft darüber geärgert, aber inzwischen hatte ich mich längst daran gewöhnt, die meisten anderen Frauen um einige Zentimeter zu überragen.
Meine Mutter musste lachen und schüttelte amüsiert den Kopf.
„Ach, Samuel, immer nur auf das Essen bedacht. Wie immer.“
Sie schenkte ihm ein warmes Lachen, während Sam über beide Ohren grinste und sich schon im nächsten Moment über das Buffet hermachte.
Nach einer ganzen Weile des Herumstehens und einigen ziemlich langweiligen Gesprächen mit den Nachbarn und den wenigen Arbeitskollegen meines Vaters begann ich schließlich, nach Sam zu suchen. Er hatte die schlechte Angewohnheit, hin und wieder einfach zu verschwinden, ohne jemandem Bescheid zu geben.
Nachdem ich mich im Raum umgesehen und ihn nirgendwo entdecken konnte, machte ich mich auf die Suche nach ihm.
Schließlich fand ich ihn auf der kleinen Veranda vor dem Haus.
Die Arme locker auf das Geländer gestützt, starrte er hinauf in den dunklen Abendhimmel. Er schien so sehr in seine Gedanken versunken zu sein, dass er nicht einmal bemerkte, wie ich durch die offene Tür nach draußen trat und mich neben ihn stellte.
„Sam? Ist alles gut bei dir?“
Er zuckte leicht zusammen und wandte überrascht den Kopf zu mir.
„Äh, Ren, ich … hab dich gar nicht kommen gehört.“
Sein Blick hatte irgendetwas Verlorenes an sich. Selbst als er mich ansah, schien er mit seinen Gedanken noch immer ganz woanders zu sein.
„Sam?“
„Entschuldige, es ist nur … ich hab doch bald Geburtstag.“
Immer wenn Sams Geburtstag näher rückte, wurde er seltsam still. Ich kannte das inzwischen schon von ihm, auch wenn ich nie so recht verstanden hatte, weshalb ihn dieser Tag dermaßen beschäftigte.
Aber dieses Mal schien es ihn noch mehr mitzunehmen als sonst.
„Solltest du dich nicht freuen?“
Er lächelte verdrossen, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Auf seinem Gesicht zeichnete sich eine leichte Blässe ab, die mir zuvor gar nicht aufgefallen war.
Für einen Moment schwieg er und wandte den Blick wieder zum Himmel. Seine Finger bewegten sich unruhig über das Geländer, bevor er schließlich tief durchatmete.
„Ich muss dir etwas sagen. Ich weiß nicht recht, wie, aber es wird alles verändern …“
Verwirrt betrachtete ich ihn von der Seite. Was auch immer ihn beschäftigte, es schien ihm unglaublich schwerzufallen, darüber zu sprechen.
„Was? Sam, wovon sprichst du …“
Sein Handy fing plötzlich an zu klingeln und riss ihn aus seiner Starre.
Hektisch kramte er es aus der Innentasche seines Jacketts und hielt es sich ans Ohr. Schon beim Blick auf das Display hatte er ziemlich überrascht gewirkt, doch als er den Anruf entgegennahm, schnauzte er genervt in den Hörer.
„Was?“
Ich beobachtete ihn aufmerksam, während sich sein Gesichtsausdruck mehr und mehr verfinsterte. Seine Kiefermuskeln spannten sich an und die Hand, mit der er das Telefon hielt, schloss sich fester um das Gerät.
„Ich komme sofort. Rührt ja nichts an.“
Damit legte er auf und starrte noch eine ganze Weile auf das Display, als müsste er erst einmal verarbeiten, was er gerade erfahren hatte.
„Sam, was ist los? Was ist passiert?“
So wütend hatte ich ihn noch nie gesehen. Normalerweise war Sam ein ziemlich ausgeglichener Mensch, doch in diesem Moment wirkte er, als müsste er sich mit aller Kraft beherrschen.
Lange sah er mir ins Gesicht, beinahe so, als wollte er mir noch etwas sagen. Seine Lippen öffneten sich sogar einen Spalt, doch schließlich schüttelte er nur leicht den Kopf.
„Tut mir leid, Ren. Ich muss los. Wir sehen uns morgen, ja?“
Sam beugte sich nach vorne und gab mir einen Kuss auf die Wange.
Noch bevor ich überhaupt etwas einwenden konnte, machte er auf dem Absatz kehrt und war schon verschwunden.
Verdutzt blieb ich auf der Veranda zurück und starrte ihm hinterher.
Hä?
Den Rest des Abends musste ich immer wieder über Sams merkwürdiges Verhalten nachdenken. Es war das erste Mal, dass er mich derart ohne eine Antwort hatte stehen lassen. Und dann war da noch dieses seltsame Telefonat.
Rührt ja nichts an.
Was zum Teufel sollte das bedeuten?
Seit Sam gegangen war, kam mir die Party irgendwie schrecklich langweilig vor. Kein Gespräch konnte mich noch einmal fröhlich stimmen, und irgendwann hatte ich einfach keine Lust mehr, mich mit den anderen Gästen zu unterhalten.
Also beschloss ich, zurück in meine Wohnung zu gehen.
Meine Mutter hatte sich zwar gewundert, dass ich so bald nach Hause wollte, mich aber nicht daran gehindert. Da derlei Partys mich ohnehin des Öfteren langweilten, machte sie sich auch keine weiteren Gedanken darüber.
Mein Vater hingegen hatte sich nicht wirklich dafür interessiert, dass ich früher ging. Er war viel zu sehr mit seinen Gesprächen beschäftigt gewesen, um meinem Abschied größere Aufmerksamkeit zu schenken.
Also alles so wie immer.
Als ich schließlich zu Hause ankam, ließ ich meine Schlüssel mit einem leisen Klirren auf die Kommode fallen und schleppte mich direkt in mein Schlafzimmer.
Mit einem erschöpften Seufzen ließ ich mich auf mein Bett plumpsen.
Nachdenklich lag ich eine ganze Weile da und starrte an die Decke. Ich war vollkommen fertig und jegliche Motivation, mich noch einmal zu bewegen, war verschwunden.
Trotzdem schaffte ich es irgendwann, mich noch einmal aufzuraffen und bettfertig zu machen. Danach rollte ich mich in meine Bettdecke ein und versuchte, ein wenig Klarheit in meinen Kopf zu bekommen.
Doch immer wieder musste ich an Sam denken.
An seinen verlorenen Blick, seine seltsamen Worte und die Wut, die sich nach diesem Telefonat auf seinem Gesicht abgezeichnet hatte.
Was hatte er mir sagen wollen?
Und was konnte so wichtig gewesen sein, dass er deswegen einfach verschwand?
Ich drehte mich auf die andere Seite und zog die Bettdecke ein wenig höher.
Morgen wartete schließlich wieder ein anstrengender Arbeitstag auf mich. Der Wecker würde mich früh aus dem Bett werfen und es würde ein langer Tag werden.
Eigentlich sollte ich längst schlafen, anstatt mir über Dinge den Kopf zu zerbrechen, auf die ich ohnehin keine Antwort hatte.
Aber das war leichter gesagt als getan.
Ich grübelte noch eine ganze Weile, bis meine Gedanken schließlich immer träger wurden und ich letztendlich einschlief.
Ihr Lieben! ❤️
Auch wenn es dieses Mal eher um Rohentwürfe geht, würde ich mich trotzdem immer über Hinweise freuen, wenn ihr Fehler entdeckt oder euch etwas auffällt, was die Logik des Textes betrifft. ❤️
Und macht euch darauf gefasst, dass es dieses mal ziemlich Dark wird!
Liebe Grüße
Luna









Eine neue Story! Obwohl ich in der Regel nur M/M Geschichten lese kann ich nicht wiederstehen auch hier mitzulesen weil ich deinen Schreibstil so gut finde
LG reni