Cowboyherz mit Hindernissen

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Zusammenfassung

Buchbeschreibung: Aubrey ist frisch Single und auf der Suche nach einem Neuanfang. Sie flieht vor allem – und irgendwie vor nichts. Ihr Weg führt sie für einen neuen Job ins texanische Silverton. Bereits am ersten Tag hat sie einen stinksauer gewordenen Cowboy, einen ruinierten Hosenanzug, kaputte High Heels und einen unerklärlichen braunen Fleck auf der Hose zu verbuchen. Ihr Pech bleibt ihr treu, denn die einzige Bleibe, die sie findet, ist eine Ranch … die einem mürrischen, attraktiven Cowboy und seinen charmanten Geschwistern gehört. Alles läuft einigermaßen, bis ihr Ex auftaucht und seine ganz eigenen Pläne verfolgt. Remington hat keine Zeit für Ablenkungen. Nach einem verheerenden Liebeskummer hat er mit Happy Ends abgeschlossen. Er lässt sich nichts mehr gefallen und will sein Herz nicht noch einmal riskieren. Als ihn eine wütende Frau ständig provoziert, sagt er ihr unverblümt seine Meinung. In der Annahme, sie nie wiedersehen zu müssen, schenkt er dem Vorfall keine weitere Beachtung. Doch dann stellt seine Schwester der temperamentvollen Frau kurzerhand seine Ranch als Unterkunft zur Verfügung. Er sucht keine Komplikationen, aber die neue Psychologin ist das reinste Chaos. Kann er sein Herz schützen, während er gegen die Anziehungskraft zu der arroganten Frau im Gästezimmer ankämpft?

Genre:
Romance/Drama
Autor:
MJ
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
28
Rating
4.8 73 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel Eins

Aubrey

Aubreys Handy klingelt und vibriert im Getränkehalter ihres gemieteten Mustang-Cabrios. Sie dreht das Radio auf, um den neuesten Country-Song von Carrie Underwood dröhnen zu lassen. Mein Gott, das Mädel kann singen. Das Klingeln hört auf, beginnt aber sofort wieder. Sie schaut auf die Rufnummernanzeige.

JT.

„Das ist doch wohl ein verdammter Witz“, ruft sie frustriert. Sie nimmt das Handy in die Hand und wirft es aus dem fahrenden Auto.

„Was bringt ein Neuanfang, wenn dich trotzdem jeder erreichen kann, oder?“, sagt sie zu sich selbst. Sie ist überrascht, wie belebend und befreiend es sich anfühlt, nur an sich selbst denken zu müssen. Nach den letzten acht Jahren hat sie es verdient, ein wenig Zeit damit zu verbringen, ihr Glück zu finden. Ihr eigenes Glück. Als Psychologin hat sie die meiste Zeit damit verbracht, sich mit den Problemen anderer Leute auseinanderzusetzen und ihnen dabei zu helfen, ihre Lasten zu tragen. Aber wer springt ein, wenn sie jemanden braucht, der ihre Lasten teilt? Ihr Mann? Ihre Freunde?

Ja, klar.

Aubrey war nie der Typ Mensch, der leicht vertraut, nachdem sie als Kind von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht wurde. Niemand hat jemals ihre Bedürfnisse an die erste Stelle gesetzt. Bis jetzt. Jetzt ist ihr alles andere scheißegal. Sie braucht einen Neuanfang. Deshalb fährt sie jetzt in einem knallroten Cabrio durch Silverton, Texas, das Verdeck unten und ihr braunes Haar weht in der warmen Sommerbrise.

Sie singt auf der Route 86 bei Redneck Woman mit, als ihr Cabrio anfängt zu rauchen. Der Rauch wird dichter und Aubrey hat keine andere Wahl, als auf einem langen, einsamen Stück Autobahn rechts ranzufahren.

„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, sagt sie und richtet ihr Gesicht gen Himmel.

„Kannst du mir nicht mal entgegenkommen, Gott!“

Aubrey steigt aus, geht um das Auto herum und öffnet die Motorhaube. Sofort schlägt ihr eine Rauchwolke entgegen, die ihr die Augen tränen lässt. Na, das ist ja mal wieder fucking awesome. Gestrandet auf einer abgelegenen Landstraße in Texas, mit einer Schrottkarre und ohne Handy. Ein Paradies für Serienmörder, und sie sitzt hier einfach so herum und wartet darauf, abgeschlachtet zu werden oder in der texanischen Hitze zu verdursten. Warum, ach warum, hat sie sich nur für einen Neuanfang in Texas mitten im Juli entschieden?

„Weil es so weit wie möglich weg von Kanada ist“, murmelt sie.

Sie rutscht am Auto entlang nach unten und stützt den Kopf in die Hände. Sie kann ihr Pech nicht fassen. Wenn sie nicht das Pech gepachtet hätte, hätte sie gar kein Glück. Sie gibt sich für einen Moment dem Selbstmitleid und der Frustration hin. Aubrey schreit ihren Ärger heraus und fängt an zu überlegen, wie sie das Problem lösen kann. Jedes Problem hat eine Lösung, richtig? Das sagt sie immer ihren Klienten. Jetzt muss sie ihren eigenen Rat befolgen. Sie sorgt schon für sich, seit sie ein Kind war. Sie ist stärker als das und wird sich ihren Neuanfang nicht durch eine Pechsträhne vermiesen lassen.

Mit neuer Perspektive steht Aubrey auf und geht zum Heck ihres Mustangs. Sie öffnet den Kofferraum und schnappt sich ihren Koffer. Gott sei Dank hat er Rollen. Soweit sie wusste, waren es noch ein paar Meilen geradeaus auf der Route 86 bis Silverton. Sicher, sie ist nicht gerade für einen Marsch durch die verdammte Sahara gekleidet, aber sie wird es irgendwie schaffen. Ihre zwölf Zentimeter hohen Stilettos und ihr Hosenanzug sind ihre extrem gut gearbeitete Rüstung.

Sie schließt das Cabrio ab und lässt den Warnblinker an. Sie wird einen Abschleppdienst rufen, sobald sie in Silverton ist. Nachdem das beschlossen ist, schnappt sie sich ihre Handtasche und den Koffer und läuft los, den Kopf erhoben. Zumindest so lange, bis ihr linker Absatz nachgibt und sie mit dem Gesicht voran auf den heißen Asphalt klatscht.

„Verdammte Scheiße“, brüllt sie, als sie auf den Handgelenken landet, um den Sturz abzufangen.

Sie rollt sich auf den Rücken und schaut in den Himmel. Sie entdeckt einen Geier, der nicht weit von ihr entfernt kreist. Wenn das kein Vorzeichen ist, dann weiß sie es auch nicht. Aubrey liegt da und beobachtet, wie die Wolken vorbeiziehen. Es ist ein schöner Tag in Texas. Heiß wie Sau, aber schön. Es ist lange her, dass Aubrey sich Zeit genommen hat, durchzuatmen und die Umgebung zu genießen. Sie weiß nicht, wie lange sie auf dem Asphalt liegt, aber schließlich rafft sie sich auf und macht den ersten Schritt. Sie drückt sich mit den Handgelenken hoch und stößt einen Schmerzensschrei aus. Sie schaut auf ihr linkes Handgelenk.

„Fuck“, zischt sie.

Aubrey hat ein paar Schnittwunden an den Handflächen, wo sie gefallen ist, aber anscheinend hat sie sich das Handgelenk verstaucht. Ein stechender Schmerz schießt durch ihren Arm, als sie versucht, ihre Hand zu belasten. Sie verzieht schmerzverzerrt das Gesicht, hält sich das Handgelenk fest und rappelt sich weiter auf. Mit der rechten Hand greift sie nach ihrem Koffer und der Tasche und humpelt weiter in Richtung ihres Ziels.

Als sie das erste Anzeichen von Zivilisation erreicht, pocht ihr Handgelenk heftig und die Blasen an ihren Füßen sind mehr geworden. Ihre Schuhe beherbergen ein Familientreffen aus verdammten Blasen, die bei jedem Schritt aneinander reiben. Sie glaubt, ihr Glück wendet sich endlich, als das erste Gebäude, das sie sieht, eine Bar namens „Barn House“ ist.

Vielleicht gibt es doch noch ein Lichtblick an diesem beschissenen Tag.

Alkohol hilft immer.

Lebensweisheiten von der lieben Schwiegermutter.

Die örtliche Kneipe sieht eher aus wie eine baufällige Hütte, die ein paar Desinfektionstücher und vielleicht einen Bulldozer vertragen könnte. Auf dem Schild über der Tür fehlen ein paar Buchstaben, sodass dort „Bar Hoe“ steht. Charmant. Aubrey ist das egal, solange es dort Alkohol gibt und sie sich ihren Hintern auf einen Stuhl pflanzen und ihre Füße massieren kann. Sie öffnet die Tür zur Bar, und der Gestank von Körpern, Alkohol und Rauch schlägt ihr ins Gesicht und dringt in jede Pore ein.

Aubrey verzieht das Gesicht und rümpft die Nase, während sie weiter in die Bar geht. Sie weiß jetzt schon, dass sie heute Abend ewig unter der Dusche stehen wird, nur um den Gestank aus ihrer Kleidung zu bekommen. Die Bar ist eine typische Country-Bar mit einer Tanzfläche und einer kleinen Bühne im hinteren Bereich. In der Mitte des offenen Raums steht eine geschwungene Theke; hinter der Bar sind Whiskey-, Rum- und Gin-Flaschen ausgestellt. Auf den Hockern an der Bar sitzen ein paar Gäste, einer davon liegt mit dem Gesicht auf dem Tresen. Offensichtlich hat er heute früh angefangen und ist schon längst weggetreten, wobei er eine Pfütze aus Sabber auf dem Tresen hinterlassen hat.

Es ist verdammt nochmal vier Uhr nachmittags.

Hinter der Bar steht eine Frau mit langem, schwarzem Haar, das aussieht wie Seide und die Farbe eines Raben hat. Sie ist groß und hat einige Tattoos auf dem linken Arm, die Aubrey bemerkt, während sie Gläser hinter der Bar putzt.

Aubrey stolpert auf ihren kaputten Absätzen zur Bar und setzt sich. Die Barkeeperin kommt mit einem misstrauischen Blick auf sie zu.

Sie fragt: „Was darf’s sein?“

„Einen Whiskey, bitte, und den Weg zu einem Hotel.“

Die Barkeeperin holt eine Flasche Whiskey raus und schenkt ein.

„Du bist eindeutig nicht von hier. Was verschlägt dich in unsere Gegend… Miss…?“

„Fox. Aubrey Fox. Und nein, ich bin nicht einmal aus diesem Land. Kanadierin. Und bevor du fragst: Ich sage nicht ‚Eh‘ und lebe auch nicht in einem Iglu“, antwortet sie sarkastisch.

Die Barkeeperin zieht eine perfekt geformte Augenbraue hoch und grinst.

„Okay, Miss Aubrey“, sagt sie langsam.

„Ich bin Daisy und mir gehört dieser edle Schuppen. Das einzige Bed & Breakfast in der Stadt ist bei Halley, und soweit ich weiß, ist sie gerade ausgebucht. Im nächsten Bezirk gibt es noch ‚Happy‘, vielleicht haben die noch was frei, aber ich bezweifle es, da gerade das Rodeo in der Stadt ist. Zu dieser Jahreszeit sind die Unterkünfte ziemlich schnell weg.“

Aubrey kippt ihren Whiskey runter und genießt das Brennen, das ihre Kehle hinunterwandert. Hoffentlich nimmt das den Schmerz in ihren Füßen und im Handgelenk etwas raus.

Sie knallt das leere Glas auf den Tresen.

„Na, das ist ja prima! Was ist mit dem örtlichen Arzt?“

„Doktor McGuire. Wofür brauchst du die Ärztin denn?“, fragt Daisy und beugt sich über den Tresen, um Aubrey zu mustern.

„Ich bin gestürzt und glaube, ich habe mir das Handgelenk verstaucht.“

„Ah, nun ja, die Ärztin versteht ihr Handwerk. Sie sollte heute Nachmittag in ihrer Praxis sein. Die ist ein Stück die Straße runter, direkt neben dem Futtermittelladen. Kannst du nicht verfehlen“, lächelt Daisy.

„Großartig… danke“, Aubrey legt einen Zwanzig-Dollar-Schein auf den Tresen und hopst vom Hocker.

„Schön, dich kennenzulernen, Aubrey. Ich bin sicher, wir sehen uns noch. Wenn du was brauchst, sag Bescheid, hörst du?“

„Ja… danke“, murmelt sie und eilt zum Ausgang.

Aubrey macht sich auf den Weg zum Futtermittelladen. Sie ignoriert die verstohlenen Blicke der Leute, während sie am Gehweg entlanghumpelt. Ihr ist bewusst, dass sie gerade nicht wie ein Mensch aussieht. In Kleinstädten gibt es immer etwas, worüber man lästern kann.

Geben wir ihnen doch mal etwas, worüber sie nach dem Gottesdienst am Sonntag reden können, oder?

Sie nähert sich dem Futtermittelladen, wird aber jäh gestoppt, als ein Cowboy aus der Tür gestürmt kommt und an ihr vorbeieilt. Er rempelt sie an, sodass sie das Gleichgewicht verliert. Mit einem überraschten Aufschrei fällt sie unsanft auf ihren Hintern. Der Cowboy, der offensichtlich noch nie etwas von südländischer Gastfreundschaft oder gutem Benehmen gehört hat, begrüßt ein paar andere Cowboys, die gerade aus einem roten Dodge steigen, und ignoriert sie völlig.

Oh, auf gar keinen Fall…

„HEY!“, schreit sie.

Die Gruppe Cowboys dreht sich um und sieht sie auf dem Boden sitzen. Und wow, was für ein Anblick. Vor ihr stehen drei der heißesten Männer, die sie je gesehen hat. Derjenige, der sie umgestoßen hat, trägt einen weißen Cowboyhut, abgetragene Levi’s und ein blaues, kariertes Button-Down-Hemd. Er sieht am jüngsten aus, mit seinen weichen, noch kindlichen Gesichtszügen. Wenn sie raten müsste, ist er nicht älter als achtzehn oder neunzehn. Die anderen beiden Männer, die bei ihm stehen, sind eine andere Geschichte. Sie tragen ähnlich abgetragene, verwaschene Levi’s und passende schwarze Cowboyhüte. Es besteht kein Zweifel, dass sie verwandt sind, denn sie haben ähnliche Gesichtszüge. Einer ist größer und breiter gebaut, trägt ein schwarzes T-Shirt, das sich eng um seine breiten Schultern spannt. Er hat längeres, dunkelbraunes Haar, das unter seinem Hut hervorquillt, ein starkes, kantiges Kinn und strahlend grüne Augen. Augen wie ein Wald nach einem Sommerregen. Der andere Mann sieht ähnlich aus, aber sein Haar ist kürzer und heller, und er ist nicht so breit wie sein Gegenüber. Der Blonde wirkt schelmisch, als würde er jedes Geheimnis kennen. Er grinst breit bei Aubreys Wutausbruch.

Der heiße Cowboy im schwarzen Hemd wirkt wenig beeindruckt; seine Lippen pressen sich zu einer festen, geraden Linie zusammen. Aubrey vermutet, dass sein Gesicht in tausend Stücke zerspringen würde, wenn er lächeln würde. Der Blonde hat ein amüsiertes Grinsen im Gesicht und der junge Dummkopf wirkt geschockt.

„Jetzt, da ich eure Aufmerksamkeit habe, Cowboys“, sie richtet sich auf.

„Wie wäre es mit einer Entschuldigung dafür, dass ihr mich umgerannt habt, als ihr so eilig aus dem Laden stürmt? Ich dachte, texanische Cowboys hätten Manieren!“, fährt sie fort und geht mit erhobenem Finger auf das Trio zu.

„G-Gnädige Frau“, stottert der junge Kerl, doch Aubrey lässt ihn nicht ausreden.

„Gnädige Frau? GNÄDIGE FRAU?“, fragt sie streng. Aus irgendeinem Grund muss dieser arme Junge nun als Sündenbock für ihre schlechte Laune herhalten, aber sie kann sich kaum beherrschen. Ihr Frust staut sich schon eine Weile an und ist jetzt wie ein außer Kontrolle geratener Zug auf dem Weg in die Katastrophe.

„Jetzt fallen dir Manieren ein. Lass dir eines gesagt sein… Cowboy. Ich hatte einen beschissenen Tag. Mein Auto ist drei Meilen vor der Stadt liegen geblieben. Ich bin auf Absätzen gelaufen… naja, auf einem Absatz, weil der andere abgebrochen ist und ich auf mein Handgelenk gefallen bin. Das verdammt nochmal höllisch wehtut… UND mir wurde gesagt, dass das B & B voll ist! Um es zusammenzufassen: Ich habe kein Auto, keine Unterkunft und fange am Montag einen neuen Job an. Und dann… rennt ihr mich um, ohne mich eines Blickes zu würdigen oder euch zu entschuldigen“, schreit sie.

„Warten Sie mal kurz, Gnädige Frau“, der heiße Cowboy im schwarzen Hemd tritt vor. Verdammt, was füttern die den Männern hier unten? Verficktes Wunderwachstum?

„Ich bin sicher, mein Bruder entschuldigt sich sehr dafür, dass er es nicht getan hat, aber dein schlechter Tag ist nicht seine Schuld. Wie wäre es, wenn du dich mal beruhigst“, sagt er und stemmt die Hände in die Hüften. Und was für feine, verdammt feine Hüften das sind! Verdammt noch mal, konzentrier dich! Der junge Kerl ist sichtlich verlegen und sein Gesicht läuft tomatenrot an.

„Beruhig dich!“, unterbricht Aubrey.

„Hat man dir nie beigebracht, dass man eine aufgebrachte Frau nicht beruhigt, indem man ihr sagt, sie solle sich beruhigen? Das funktioniert nicht. Es regt sie nur noch mehr auf“, sagt sie und bohrt bei jedem Wort ihren Zeigefinger in die Brust des Cowboys.

Frustriert reibt sich der Cowboy mit Zeigefinger und Daumen den Nasenrücken und stößt tief aus.

„Bei allem Respekt, Gnädige Frau, Sie sehen nicht nach der Art von Frau aus, die einer von uns normalerweise auf die Palme bringt“, sagt er.

„Und was soll das bitteschön bedeuten?“, schnaubt Aubrey, stemmt die Hände in die Hüften und wirft dem heißen Cowboy ihren fiesesten Blick zu. Ihr üblicher Todesblick lässt normalerweise Blumen verwelken.

„Es scheint mir, Gnädige Frau, dass Sie ein wenig verklemmt sind. Vielleicht hilft Ihnen die Zeit hier in unserem bescheidenen kleinen County dabei, den Stock aus Ihrem Arsch zu ziehen. Falls nicht, kenne ich einen tollen Chirurgen, der Ihnen da helfen kann“, sagt er mit einem arroganten Grinsen.

Dieser Wichser…

Frustriert und unsicher, wie sie reagieren soll, schnaubt Aubrey, wirft die Arme in die Luft und will weggehen, hört aber ein unterdrücktes Lachen von einem der Cowboys. Sie blickt über die Schulter und sieht, wie der Blonde grinst. Sie verdreht die Augen und geht weiter, ohne zurückzublicken, trotz des Flatterns in ihrem Bauch, das der heiße Cowboy bei ihr auslöst. Sie entdeckt die örtliche Klinik und geht hinein. Sie wird von einer kleinen alten Dame mit weißem, wippendem Haar und einer Brille begrüßt, die am Empfang sitzt.

„Hallo, ich würde gerne zum Arzt. Ich glaube, ich habe mir das Handgelenk verstaucht“, sagt sie höflich.

Die Frau schaut auf und ihre Augen weiten sich, als sie Aubreys Zustand sieht. Ihre Haare haben sich aus dem festen Knoten am Hinterkopf gelöst. An ihrem weißen Chiffonhemd klebt Blut von ihren Handflächen, und zusätzlich zu dem abgebrochenen Absatz, den sie in der Hand hält, hat sie ein klaffendes Loch im Knie ihrer Stoffhose.

„Du meine Güte, Süße. Sind Sie sicher, dass Sie nur einen Arzt brauchen? Kommen Sie, setzen Sie sich hierher, ich hole sofort Dr. McGuire“, die Frau kommt mit der Hand auf der Brust hinter dem Tresen hervor. Sie begleitet Aubrey in ein Behandlungszimmer, wo sie einige Formulare ausfüllen muss, bevor sie auf der Untersuchungsliege Platz nehmen kann.

Ein leichtes Klopfen an der Tür und Dr. McGuire tritt ein. Sie scheint Mitte dreißig zu sein, mit langem, glattem, honigfarbenem Haar. Sie hat die Gesichtszüge eines Engels, und wenn sie spricht, klingt ihre Stimme sanft und beruhigend. Kein Wunder, dass diese Frau Ärztin ist. Alles an ihr wirkt wohltuend.

„Miss Fox?“, fragt sie.

„In Fleisch und Blut…“

„Was führt Sie heute zu mir? Ich glaube, ich habe Sie noch nie in unserer kleinen Stadt gesehen“, Dr. McGuire setzt sich auf einen Rollhocker vor der Behandlungsliege.

„Ich bin neu in der Stadt. Ich bin gestürzt und glaube, ich habe mir das Handgelenk verstaucht.“

„Alles klar, schauen wir es uns mal an.“

Dr. McGuire legt ihre Unterlagen beiseite und untersucht Aubreys linkes Handgelenk. Aubrey zuckt zusammen, als sie versucht, das Gelenk zu bewegen.

„Es ist definitiv etwas geschwollen und geprellt. Aber es scheint nichts gebrochen zu sein. Ich würde Ihnen raten, es zu kühlen und ruhigzustellen. Sie können diese Kompressionsbinde vorerst verwenden, das hilft. Gegen die Schmerzen können Sie ein rezeptfreies Mittel nehmen. Das sollte ausreichen. Wenn die Schwellung anhält oder die Schmerzen schlimmer werden, kommen Sie einfach wieder vorbei, dann schaue ich noch einmal drauf.“

„Danke“, sagt Aubrey, als sie mit Dr. McGuire aufsteht.

„Was verschlägt Sie in die Stadt, Miss Fox?“, fragt die gute Ärztin.

„Ich brauchte einen Neuanfang. Habe eine Anzeige für einen Kinderpsychologen gesehen und dachte mir, warum zur Hölle auch nicht“, sie zuckt lässig mit den Schultern.

„Sie sind also Psychologin?“, fragt Dr. McGuire überrascht. Obwohl, angesichts ihres aktuellen Zustands sieht sie wahrscheinlich aus, als müsste sie selbst von einem Psychologen begutachtet werden.

„Ja, das bin ich. Ich werde mich selbstständig machen, da ich eine Praxis von dem vorherigen Psychologen übernehme, der in Rente geht. Ich habe allerdings noch keinen Plan, wo ich unterkommen soll. Haben Sie einen Vorschlag?“, fragt sie schüchtern.

„Bitte, nennen Sie mich Jordan. Es scheint, als würden wir eng zusammenarbeiten. Ich kann Ihnen vielleicht mit einer Unterkunft helfen, bis Sie sich eingelebt haben. Meine Familie besitzt eine Ranch am Stadtrand. Ich wohne nicht mehr im Haupthaus, aber mein Bruder lebt noch dort und ich weiß, er hätte nichts dagegen, wenn Sie dort wohnen, wenn ich ihn frage.“

„Wirklich?“, sie ist überrascht über ihre Hilfsbereitschaft.

„Absolut! Wir Fachleute müssen zusammenhalten, oder? Ich rufe gleich mal Remi an, um das zu bestätigen. Sie regeln das mit Geraldine, der Empfangsdame, und ich gebe Ihnen dann Bescheid, okay?“, sagt Jordan.

Aubrey ist verblüfft und stolpert zu Geraldines Schreibtisch. Die Empfangsdame ist völlig vertieft in eine alte Quilting-Zeitschrift, die aus den frühen 80ern zu stammen scheint. Aubrey räuspert sich, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

„Na, Süße. Fühlst du dich schon etwas besser?“, fragt sie fröhlich.

„Ja, viel besser. Danke“, sagt sie.

„Jetzt habe ich noch eine Frage, bevor du gehst. Du hast keine Telefonnummer in deinen Daten angegeben, und wir brauchen eine für den Fall, dass die Ärztin dich erreichen muss.“

„Oh! Entschuldigung, ich habe mein Handy verloren. Wie wäre es, wenn ich Ihnen die Büronummer gebe, da ich dort am Montag anfange.“

Aubrey gibt ihr die Kontaktdaten der Praxis. Während sie das tut, kommt Jordan aus ihrem Büro zurück und geht auf Aubrey zu.

„Mein Bruder sagt, er hat dort ein Zimmer für dich frei. Wenn du eine Wegbeschreibung brauchst, kann ich sie dir geben“, sagt Jordan mit einem unschuldigen Lächeln.

„Ähm, eigentlich… mein Mietwagen ist am Stadtrand liegen geblieben“, sie seufzt. „Es war wirklich ein mieser Tag.“

„Oh, okay… Na ja, ich bin hier in etwa einer Stunde fertig und kann dich hinbringen. Wie wäre es, wenn du solange gegenüber in Dollys Diner gehst? Dolly hat den besten Apfelkuchen im ganzen Bundesstaat und sie liebt es, neue Gesichter zu sehen“, sagt Jordan, während sie mit Aubrey zur Tür geht. Aubrey stimmt zu und verlässt die Klinik. Sie hört hinter sich ein Schnappen und dreht sich schnell um, nur um zu sehen, wie Jordans Augenbrauen nach oben wandern.

„Was ist los?“, fragt sie.

„Ich hasse es, wenn es noch schlimmer kommt, Aubrey. Aber ich glaube, du hast dich in etwas… Hundeexkremente gesetzt“, sie presst die Lippen zusammen und versucht sichtlich, ein Lachen zu unterdrücken.

Aubrey dreht sich um und schaut zum Himmel, während sie tief einatmet, um ihre Emotionen zu beruhigen. Sie weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll, wenn sie daran denkt, wie schrecklich dieser Tag läuft.

„Natürlich habe ich das“, sagt sie sarkastisch und geht in Richtung Diner.