Neue Liste erstellen
Mit deinen Freunden teilen
Lesbarkeit anpassen

Holunderlippen [German]

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

"SIE HEISST CHLOE!", meine Stimme schallt über die meiner Mutter, die nicht damit aufhört SIE 'Kleinkriminelle' zu nennen. Alle Augen am Küchentisch liegen nun auf einer Person... Nämlich mir. "Evangeline!", stößt meine Mutter empört hervor, "Woher kennst du diesen Namen?" Tja... das ist eine lange Geschichte... Doch meine Familie lächele ich nur grimmig an. "Weil ihre Lippen nach Holunder schmecken", sage ich dann nur lächelnd und mir ist vollkommen bewusst, welche Wirkung diese Worte auf sie haben. [ Illustration by Miriam Schwardt ]

Status:
vor 6 Jahren
Kapitel:
1
Rating
4.3 (3 Bewertungen)
Altersfreigabe
16+

Chapter 1

Seit ein paar Wochen zieht das neue Café gegenüber unserer schönen Altstadtwohnung nun schon meinen Blick auf sich. Es scheint der Hotspot der Hipster unserer Stadt zu sein. Flanellhemden und Hornbrillen gehen aus und ein mit ihren ausgelaufenen Chucks und Schnürstiefeln und Fairtrade-Secoundhand-Vintage-Kleidung. Ein starkes Anzeichen dafür, dass sich dort meine gesamte Schule in kürzester Zeit befinden wird, die mit ihren Blogs und Instagramfollowern bald das Café zum Überlaufen bringen werden.

Es ist im Moment eine meiner liebsten Beschäftigungen auf meiner Fensterbank zu sitzen und ihnen einfach zuzusehen, aber doch nicht selbst hin zu gehen. Trends und neue Hotspots sind nichts für mich. Nicht, wenn mich nicht jemand dazu einlädt und ich somit keine Wahl habe.

Außerdem regen sich meine Eltern durchgehend über das Geschäft auf und die Jugend, die wohl überall ihren Müll liegen lassen würde und unsere schöne Altstadt verunstaltet. Auch wenn dort vermutlich jeder seine eigenen Tassen mitbringt, um bloß keinen Müll zu machen. Aber ich will gar nicht erst über ihre Kleidung reden. Meine Mutter ist davon überzeugt, dass sie aus der nächstbesten Mülltonne gefischt wurde. Meist werde ich dann still.

Ich finde es faszinierend, herauszufinden, wer nur Mitläufer und wer Trendsetter ist. Außerdem... mag ich ihren Stil. Er sieht fürchterlich bequem aus. Anders, als das, das ich für gewöhnlich trage: Designermode... Klassisch, feminin und eng. „Das, was eine Lady trägt”, pflegt meine Mutter zu sagen. Sie äußert sich auch immer wieder, wie unglaublich froh sie doch ist, dass ich mich nicht von solch kindischen Einflüssen leiten lasse, obwohl ich das anders sehe, halte ich lieber den Mund.

Ich weiß, dass meine Eltern es zu etwas gebracht haben und das haben sie nicht getan, in dem sie sich in ihrer Jugend irgendwelchen Trends hingegeben haben. Sie waren arbeiten und haben für die Schule geackert, damit sie es an die Spitze der Gesellschaft schaffen. Ich weiß natürlich, dass das eine gute Sache ist, die ja auch ich anstrebe, aber ich habe Zweifel, ob es denn das richtige Weg für mich ist. Ich bin keine Führungspersönlichkeit, doch sie sagen immer: „Wenn du es wirklich wollen würdest, dann würdest du es ganz an die Spitze schaffen, Evangeline. Willst du das etwa nicht?” Natürlich bringe ich dann keine Widerworte heraus, wie könnte ich denn? Sie wollen nur mein Bestes, sie wollen den gleichen Erfolg für mich im Leben. Ich bin mir nur nicht so sicher, ob ich das überhaupt will.

Es gibt eine Person in diesem Café, die mich noch so viel mehr fasziniert als die Hipster. Sie sieht aus wie das pechschwarze Schaf in der Herde von braunen Wollschafen. Jeden Morgen bindet sie sich die dunkelvioletten Haare zu einem Zopf hoch, während sie ihre Zigarette zwischen ihre dunkelroten Lippen klemmt. Sie trägt eine schwarze Lederjacke kombiniert mit Bandshirts und meist so zerrissene und zerfetzte Hosen, dass mehr Haut als Stoff da ist. Sie sieht aus, als würde sie das Ganze nichts angehen und nicht interessieren, dabei scheint ohne sie der Laden nicht zu laufen. Eines Morgens ist sie nicht gekommen und die Schlange zog sich über den ganzen Bürgersteig. Mein Vater hat sich an diesem Morgen so dermaßen aufgeregt, dass es kaum auszuhalten war und er Amok hätte laufen können. Ohne dieses Mädchen kommen die Angestellten nicht mit der Bestellung hinterher. Manchmal überlege ich, ob der Laden ihr gehört, doch dafür ist sie zu jung und, zu meinem Bedauern, zu selten da.

Manchmal blickt sie zu meinem Fenster hoch, als würde sie schauen wollen, ob ich das Café beobachte, scheinbar hat sie jemand darauf aufmerksam gemacht, dass ich hier so oft sitze. Zuerst war es ein flüchtiger Blick hoch zu meinem Fenster, desinteressiert wie an allem Anderen, dann grinste sie jedes Mal, wenn ich zu ihr herunterblickte und unsere Blicke sich trafen. Ich versteckte mich dann immer beschämt hinter meinem Vorhang. Wem behagte es schon beim Beobachten erwischt zu werden? Selbst bei dem Gedanken daran, schießt mir das Blut in den Kopf.

Schließlich winkte sie mir immer zu, wenn sie zur Arbeit kam, irgendwann begann sie sogar manchmal guten Morgen zuzurufen. So laut, dass ich es durch mein Fenster hörte. Ich weiß nicht, was ich davon halten sollte, oder davon, dass ich beinahe enttäuscht bin, wenn sie rauskommt, mich aber nicht eines Blickes würdigt. Ich weiß nur, dass sich seit einiger Zeit immer ein Grinsen auf meinen Lippen bildet und mein Herz aufgeregt klopft, als würde ich etwas Verbotenes tun, was ja auch irgendwie stimmt, da meine Eltern niemals billigen würden, wenn ich mich mit jemandem wie ihr abgebe. Sie ist das, was ich niemals sein werde. Aber vielleicht das, was ich sein will, das was ich brauche.

Vor ein paar Tagen hat sie mich mit einem Nicken ins Café eingeladen, doch ich habe nur scheu mit dem Kopf geschüttelt, niemals würde ich dieses Café betreten können, ohne an die Worte meiner Eltern zu denken. Sie zuckte nur mit den Schultern und verschwand zu ihrer Arbeit. Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann wieder zu lernen. Wie immer. Ich muss mich auf mein Abitur konzentrieren und darf keine Ablenkung zulassen.

Heute haben ihre Lippen etwas geformt, ich bin nicht so gut im Lippenlesen, doch ich denke es war ein „Wieso nicht?“. Ich habe nur mit den Schultern gezuckt und sie ist im Café verschwunden und hat dann draußen an die Tafel geschrieben: „Holunderlimonade, nur 1,50 € ;)“. Sie hat auf die Tafel gezeigt und mich vielsagend angesehen. Natürlich habe ich den Kopf geschüttelt und sie ist wieder schulterzuckend im Laden verschwunden.

Ich habe mich wieder meiner Arbeit zugewandt, ihr Angebot ist mir aber nicht aus dem Kopf gegangen. Sie will scheinbar wirklich, dass ich ins Café komme. Ich... nur ich... Ein Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus. Zum ersten Mal fühle ich mich beachtet, so wie ich bin und das von einem Menschen, der mich doch gar nicht kennt.


Lass Jay C. Avis wissen, was du von diesem Kapitel hältst!
Ich liebe es

1

Ich liebe es

Lustig

0

Lustig

Pikant

0

Pikant

Spannend

0

Spannend

Emotional

0

Emotional

Tiefgründig

0

Tiefgründig

Herzerwärmend

1

Herzerwärmend

Schockierend

0

Schockierend

Gutes Schreiben

1

Gutes Schreiben

Überzeugende Handlung

1

Überzeugende Handlung

Toller Charakter

0

Toller Charakter

Starker Dialog

0

Starker Dialog

author

klingt nach einem guten Einstieg in eine interessante Story :)

5 Jahre
author

Werde auf jeden Fall weiterlesen

5 Jahre
author

werde ich weiterlesen sehr schöne story

4 Jahre
1

Weitere Empfehlungen

Merry Christmas - Adventskalender 2025

Aelyn Raven: Wieder eine tolle Geschichte. Leider bin ich erst jetzt dazu gekommen sie zu lesen, aber das tut der Geschichte keinen Abbruch *g* ich freue mich schon auf den nächsten Adventskalender

Jetzt lesen
Charly's Weihnachten

T.M: Ich kann es gar nicht anders sagen also ich liebe diese Geschichte einfach. Sie hat für mich einfach alles was es braucht. Sie hat mich einfach mitgenommen auf eine echt schöne Reise. Danke❤️

Jetzt lesen
Destino Secreto

Karin Rogowski: Gut geschrieben und beschrieben. Die Charaktere und Situationen sind stimmig und nehmen einen gefangen. Mich hat das Buch ab der ersten Zeile fasziniert, genau wie die anderen Bücher davor. Sehr guter Schreibstil und eine sehr gute Übersetzung, nebenbei bemerkt. Dankeschön, dass Du Deine Bücher ...

Jetzt lesen
Grimveil Gamma - Im Schleier der Schatten

Amy: Ich mochte Kirrok schon im letzten Teil, seinen Zynismus, der ihn oft in die Klemme bringt, aber auch so herrlich sympathisch macht 🥰😅😍 es ist sooo mitreißend und spannend geschrieben, dass sie Zeilen verfliegen und man am Ende angekommen ist. Hervorragende Unterhaltung, ich freue mich schon auf ...

Jetzt lesen
YOU AND ME

Grazia: Auch wenn diese Geschichte abgeschlossen ist und ein Ende hat, ist es für mich kein tolles Ende. Es ist als würde es mittendrin aufhören. Man will das Happy end weiterlesen, aber da ist nichts mehr, nur das kurze, knutschen und Freund und Freundin sein und dann .... Grundsätzlich mag ich die Geschic...

Jetzt lesen
Chicago Lovers

Tante Zwerg: Was ein meeega tolle Buch war das bitte?Mega toll wirklich... toller Schreibstil, mega tolle Protagonisten und von allem etwas! Es war lustig, spannend, hot🍆🔥 und viel Liebe! Alle Emotionen waren super umschrieben!Sehr sehr toll wirklich ♡Es wäre aber toll gewesen von der gemeinsamen Zukunft noch ...

Jetzt lesen
Zwischen Pflicht- und Bauchgefühl

Katharina: 30 Kapitel am Stück gelesen und nur aufgehört weil es mitten in der nacht war mehr muss ich nicht sagen. Mega toll

Jetzt lesen
Einmal ... für immer

Snowstorm: Sehr schöne Geschichte Genau das richtige um ein bisschen heile Welt zufühlen Danke und gerne mehr davon

Jetzt lesen
Alpha Company - Xavier Caldwell

Sandra: Lässt sich super lesen, ich will mehr davon

Jetzt lesen