Bootcamp
Meine Nase klebte an der kalten Glasscheibe. Ich beobachtete, wie die Felder draußen vorbeizogen. Früher waren sie voller Leben gewesen, mit saftigem grünem Gras und riesigen Sonnenblumen. Jetzt waren sie nur noch braune, leere Flächen, nichts als Schlammhügel und Gräben.
Wir waren meilenweit von jeder Zivilisation entfernt. Trotzdem drehten sich die Räder des Autos immer weiter und brachten uns tiefer und tiefer in den Abgrund.
„Wollen wir einen großen Auftritt hinlegen, Harper?“
Ich wandte meinen trüben Blick vom Fenster ab und starrte meinen Onkel im Rückspiegel an.
Ein Anflug von Belustigung lag auf seinem Gesicht. Er genoss das hier – mein Leiden. Ich kniff die Augen zusammen und verzog keine Miene. Ich wollte ihm nicht die Genugtuung geben, auf ihn zu reagieren.
Er nahm mein Schweigen jedoch als ein Ja hin.
Sekunden später legte er einen Schalter am Armaturenbrett um. Das Auto erwachte zum Leben und das laute Heulen der Sirene dröhnte mir in den Ohren.
Sein vibrierendes Lachen ignorierte ich und konzentrierte mich wieder auf die Straße. Diesmal spiegelte sich auf dem grauen Asphalt ein ständiges blaues Blinklicht wider. Es verfolgte uns den ganzen Weg bis zum Bootcamp.
Als mein Onkel über einen Feldweg fuhr, kamen wir an einem Trupp vorbei, der in Reih und Glied marschierte. Kein einziger Körper tanzte aus der Reihe, nicht mal ein kleines bisschen. Die Truppe blieb dicht zusammen und perfekt in Formation. Ich kauerte mich auf dem Rücksitz des Streifenwagens zusammen. Mein Onkel fuhr extra langsam, nur um alles genau zu beobachten.
„Gütiger Himmel, Harper, da hast du dich ja in eine schöne Scheiße geritten. Das überlebst du nie im Leben. Du landest schneller im Knast, als du gucken kannst.“ Mein Onkel hatte offensichtlich keine Hemmungen, seine Meinung und Zweifel laut auszusprechen.
Er hielt neben zwei Männern an. Einer von ihnen war schon etwas älter, aber man sah sofort, dass er körperlich topfit war.
Der andere schien etwa in meinem Alter zu sein, vielleicht ein wenig älter. Aber auch sein ganzer Körper schrie förmlich danach, dass er ein Athlet war.
Beide Männer trugen die gleiche Kleidung: grüne Tarnhosen, ein hautenges grünes T-Shirt und beige Stiefel.
Mein Onkel entriegelte meine Tür und zog sie auf, damit ich aussteigen konnte. Ich rappelte mich unbeholfen auf und starrte den älteren Mann an. Er wirkte mächtig genug, um hier das Sagen zu haben.
„Harper Williams, der neueste Rekrut“, sagte mein Onkel und schüttelte beiden Männern die Hand.
Der ältere Mann umkreiste mich. Er musterte mich von oben bis unten und von allen Seiten, bevor er wieder an seinen Platz an der Front zurückkehrte.
Sein Haar war grau und kurz. Es war glatt nach hinten gekämmt, sodass jedes Haar perfekt saß. Seine Gesichtszüge waren scharf und sein grimmiger Gesichtsausdruck wirkte wie in Stein gemeißelt.
Er strahlte Macht und Autorität aus. In seinen dunklen Augen war keine Spur von Menschlichkeit zu sehen. Wahrscheinlich brachte er allein durch sein Auftreten gestandene Männer zum Weinen.
Der jüngere Kerl stand völlig regungslos da.
Sein Blick war starr nach vorne gerichtet, seine Hände hielt er fest hinter dem Rücken verschränkt.
Er war wie ein Roboter. Der schönste Roboter, den ich je gesehen hatte.
Er hatte eine markante Kinnpartie und hellbraunes, fast blondes Haar. Der Schnitt war kurz und streng, kein einziges Haar war verrutscht.
„Lieutenant Commander.“ Der ältere Mann nickte dem Jüngeren zu. Dieser bewegte keinen Muskel, nicht einmal seine Augen zuckten.
„Commander.“ Er tippte sich mit seinen festen, starken Daumen gegen die eigene Brust.
Seine Stimme war tief und klang laut durch die Luft.
„Blick nach unten, Williams!“, schrie er. Er sprach so hart, dass ihm fast der Speichel aus dem Mund spritzte.
Ich sah auf meine weißen Sneaker hinunter. Sie waren schon jetzt voller Staub vom Boden. Mein Mund zuckte genervt und ich seufzte leise. Ich passte auf, dass keiner der beiden Männer es hörte.
„Nehmen Sie ihr die Handschellen ab.“ Er sprach direkt zu meinem Onkel. Der drehte endlich den kleinen Schlüssel im Schloss, das meine Handgelenke zusammenhielt, und ließ meine Hand los.
Automatisch hielt ich meine Handgelenke fest. Ich rieb das taube Gefühl weg, das die schweren Handschellen hinterlassen hatten, und sah den Commander wieder an.
„Blick nach unten, Williams!“, brüllte er so laut, dass mein ganzer Körper zusammenzuckte.
Ich sah sofort wieder auf den Boden.
„Sie dürfen keinem ranghöheren Offizier direkt in die Augen sehen, außer man befiehlt es Ihnen.“ Er blies in eine Pfeife. Instinktiv wollte ich wieder aufsehen, aber ich unterdrückte den Drang. „Der Lieutenant wird Sie zu Ihrer Unterkunft bringen.“
„Okay“, antwortete ich meinen Schuhen.
Der Commander seufzte tief.
„Sehen Sie mich an, Williams!“, schrie er. Ich sah ihm in die Augen. Er hielt vier Finger an seine Stirn, wie bei einem militärischen Gruß. „Ihre Antwort lautet: ‚Sir, ja, Sir.‘ Haben Sie das verstanden?“
„Ja.“
Ich sprach ohne jede Zuversicht. Sein Gesicht wurde mit jeder Sekunde wütender. Ich hätte schwören können, dass die Mundwinkel des anderen Typs kurz vor Belustigung zuckten, aber es war so schnell wieder weg, wie es gekommen war.
„Sir“, fügte ich nervös hinzu.
Mein Onkel kicherte neben mir und ich schüttelte den Kopf.
„Sir, ja, Sir“, korrigierte ich mich.
Der Commander schüttelte entnervt den Kopf.
„Abtreten!“, rief er und machte einen Schritt zur Seite.
Der jüngere Kerl, von dem ich inzwischen dachte, er sei eine Statue, lockerte seine Haltung ein wenig. Er begann, mit gleichmäßigen Schritten vom Commander wegzugehen.
Ich folgte ihm und joggte ein bisschen, um Schritt zu halten. Ich hielt den Kopf gesenkt, aber ich konnte nicht anders, als heimlich Blicke auf die gutaussehende Statue zu werfen.
Sein Äußeres wirkte extrem hart. Nicht nur körperlich, alles an ihm schien unnahbar und verschlossen. Seine Augen zeigten keinerlei Gefühle, sein Gesicht blieb starr und kalt. Seine ganze Haltung war unerschütterlich. Er war definitiv ein Roboter.
Er führte mich zu einer großen Holzhütte. Bevor wir hineingingen, blätterte er durch einige Listen auf einem Klemmbrett, das an der Vorderseite des Gebäudes hing.
„Duschblock“, murmelte er und zeigte mit zwei starken Fingern auf ein kleines Backsteingebäude gegenüber.
„Ihre Zeit ist für null-vier-hundert Uhr angesetzt. Sie dürfen nur zu der Zeit duschen, die Ihr Plan vorsieht. Die Duschen werden im Wechsel zwischen den Unterkünften geteilt.“
„Okay“, erwiderte ich, ohne wirklich zuzuhören. Ich war noch nie ein Fan von Regeln – deshalb war ich ja in diesem Bootcamp. Er stampfte mit seinem schweren beigen Stiefel auf den Boden und starrte mich mit seinen faszinierenden Augen an.
„Damit haben Sie sich gerade fünf Extra-Runden auf dem Sportplatz für morgen eingehandelt, Williams. Nehmen Sie Haltung an, Blick nach unten und zeigen Sie Ihrem Lieutenant etwas Respekt.“
Die Schärfe in seiner Stimme ließ mich aufschrecken. Mir fiel der dämliche Satz wieder ein, den ich den Offizieren antworten musste.
„Sir, ja, Sir.“
„Kantine.“ Er zeigte auf ein größeres Backsteingebäude, das nicht weit vom Duschblock entfernt war.
Ich hob kurz den Blick, um es mir anzusehen, und senkte ihn dann wieder.
„Damentoiletten.“ Wieder sah ich hin, um die Richtung zu prüfen.
„Und zum Schluss das Personalgebäude. Das ist für Kriminelle strengstens verboten.“
„Kriminelle?“, fragte ich und sah ihn an, wobei meine Augen amüsiert funkelten. Klar, genau das waren wir, aber ich hätte nicht erwartet, dass er es so offen ausspricht. Bisher war er doch so professionell gewesen.
„Soldaten“, korrigierte er mich, und sein Gesichtsausdruck wurde wieder hart. „Dafür, dass Sie mich hinterfragen und ansehen, haben Sie sich gerade weitere zehn Runden für morgen verdient. Blick nach unten, Soldat.“
Gott, ich hasste ihn.
Er stieß die Tür zur Hütte auf und trat hinein. Es war ein langer Raum ohne jede Dekoration. Acht Einzelbetten standen in einer Reihe, jeweils vier an den Seitenwänden. Jedes Bett war mit einer braunen Wolldecke bezogen, die sowohl unbequem als auch kratzig aussah.
Am Fußende jedes Bettes stand ein Mädchen. Alle trugen die gleiche Uniform: Tarnhosen, ein grünes T-Shirt, schwere schwarze Stiefel und einen dicken Gürtel. Sie standen kerzengerade und regungslos da und starrten starr in den Raum. Keine von ihnen wandte den Blick zu uns. Ihre Hände lagen zum Gruß an der Stirn.
Der Lieutenant ging durch den Raum. Er blieb kurz vor jedem Mädchen stehen, musterte sie von oben bis unten und ging dann weiter. Kein Mädchen veränderte ihre Haltung oder sah ihn direkt an. Keine wagte es, ihm zu widersprechen.
„Ihre Stiefel müssen mehr glänzen, Rodgers!“, schrie er das letzte Mädchen an.
„Sir, ja, Sir!“, antwortete sie sofort.
Dann nahm er am Ende des Raumes Aufstellung, hob selbst die Hand zum Gruß und rief: „Rührt euch, Soldaten!“ Die Mädchen ließen die Arme sinken und entspannten sich, aber nur ein kleines Stück. Ihre Augen blieben starr nach vorne gerichtet.
„Harper Williams, neuester Rekrut“, verkündete der Lieutenant mit lauter Stimme. Er nahm einen Stapel frisch gefalteter Uniformteile vom Bett und reichte sie mir. „Uniform. Bett. Wir sehen uns um null-fünf-hundert Uhr.“
Ich sah zu, wie er fast aus dem Zimmer marschierte und die Tür hinter sich zuschlug.
In diesem Moment richteten sich alle Blicke auf mich.