VIPER

Summary

Sienna ist wild, stark und lässt sich von niemandem etwas sagen. Doch ihre Vergangenheit holt sie immer wieder ein. Als sie die Apex Games entdeckt, nimmt ihr Leben endlich die Form an, die sie sich immer erträumt hatte. Sie genießt alles in vollen Zügen bis sie auf Octavio Silva trifft und er etwas in ihr weckt, das ihre Welt ins Schwanken bringt...

Status
Ongoing
Chapters
5
Rating
5.0 2 reviews
Age Rating
18+

Prolog

Prolog 

Mit kleinen Schritten tänzelte sie durch das Geschäft. Ihr Blick ging weit nach oben, der Kopf lag tief im Nacken und trotzdem hatte sie das Gefühl, das obere Ende der Regale nicht erkennen zu können. Systematisch durchsuchte sie die dunklen Holzbretter.

Veronica stand bereits an der Kasse, warf ihr jedoch stetig einen unauffälligen Blick zu. Das kleine Mädchen schenkte Veronica ein breites Grinsen, welches sie genauso ausladend erwiderte.

Sie nahm absichtlich nicht so viele Süßigkeiten aus dem Regal, wie sie es eigentlich vorhatte. Vielleicht würden ihre Eltern es gutheißen, dass sie sparsam war.

So oft hatte sie bereits nach den Inline Skates gefragt. Bisher hatten ihre Eltern ihr gesagt, dass sie noch zu jung wäre. Das konnte sie nicht verstehen. Sie war doch schon fast acht Jahre alt. Selbst die nervigen Jungs auf dem Spielplatz konnten es nicht mehr mit ihr aufnehmen. Doch auch das hießen ihre Eltern nicht gut. Erst letzte Woche hatte sie Anthony in den Sand geschubst, nachdem er Melly an den Haaren gezogen hatte. Ihre Mutter hatte ihr ausführlich erklärt, dass Gewalt nie eine Lösung sei und ihr Hausarrest gegeben. Zwar hatte sie sich zunächst schlecht gefühlt, doch als sie an Melly zurück dachte, die ihr weinend und gleichermaßen lachend um den Hals gefallen war, war sie überzeugt, das Richtige getan zu haben.

Ihr Blick fand endlich die blaue Verpackung, nach der sie gesucht hatte. Gierig griff sie mit ihren kleinen Händen nach der Plastikhülle mit den bunten Kugeln. Sie konnte es kaum erwarten nach Hause zu kommen und gemeinsam mit ihren Eltern auf dem Sofa zu lümmeln. Einen Cartoon im Fernseh, angelehnt an ihren Paps und sich die süßen Schokokugeln langsam im Mund zergehen zu lassen.

Vorfreudig rannte sie auf Veronica zu, die gerade mit dem Kassierer plauderte. Mit Schwung warf Sienna die Verpackung auf den Tresen und rief stolz: “Fertig.”

“Na, du bist heute aber ganz bescheiden. Nur eine Packung?”, witzelte die gute Freundin ihrer Eltern.

“Wenn ich nicht so gierig bin, bekomme ich vielleicht mehr Geschenke zum Geburtstag”, stellte sie überlegen fest.

Veronica beugte sich zu ihr herunter und flüsterte ihr ins Ohr. “Weißt du, für dein Alter bist du schon ganz schön gerissen, meine Kleine.”

Das Piepen des Scanners erklang und Veronica überreichte ihr die Süßigkeiten, die sie mit beiden Händen umklammerte wie einen kostbaren Schatz.

Mit einem ohrenbetäubenden Knall zerbarst die Glasscheibe des Geschäftes und verteilte sich im Ladeninneren. Veronica zog sie hinter sich, wobei ihr ein Schmerzensschrei entfuhr, als sie grob am Arm gepackt wurde. Hilfesuchend versteckten sie sich bei der Kassiererin hinter dem Tresen, die sich zitternd versuchte, eine Glasscherbe aus der Wange zu ziehen.

Gemurmelte Wünsche und Versprechungen dringen an ihr Ohr, doch sie kann ihren Sinn nicht verstehen. Mit aller Kraft drückt sie die Verpackung an ihre Brust. Ihre Hände sind so nass, dass sie Mühe hat, sie nicht auf den Boden fallen zu lassen.

Schreie und laute Schritte erfüllen das Geschäft durch die nun offene Front. Dünne Rauchschwaden dringen geisterhaft herein und kriechen bedrohlich auf sie zu. Neugierig hebt sie den Blick und versucht über den Tresen zu schauen, doch sie kann draußen nur den roten Abendhimmel erkennen. Weitere Schüsse fallen, gefolgt von Schreien und quietschenden Autoreifen.

Die Frauen wissen nicht, wie lange sie dort versteckt sitzen und das Treiben angespannt verfolgen, bis das Donnern verebbt und Veronica sich als Erste aus der Deckung wagt.

“Du bleibst hier. Verstanden? Du rührst dich nicht von der Stelle!”, mit Nachdruck schiebt Veronica sie zurück auf den Boden. Zu mehr als einem Nicken ist sie nicht in der Lage. Den Rücken fest an den Tresen gedrückt, verbleibt sie in dieser Position und beobachtet ängstlich, wie Veronica sich dem Eingang nähert.

Veronica dreht noch einmal um, dann verlässt sie das Geschäft. Verloren blickt sie der Frau hinterher, bevor sie anfängt mechanisch die Süßigkeiten-Gläser in den Regalen zu zählen, die nicht beschädigt wurden.

Als sie bei 34 angekommen ist, zerreißt ein Schrei die Luft. Wie eine Sprungfeder katapultiert sie sich auf ihre Beine und versucht den plötzlichen Schmerz zu ignorieren, der durch den Rückfluss ihres Blutes verursacht wird. Sie stürmt zur gläsernen Eingangstür, die nur noch aus einem Metallrahmen besteht und springt achtlos hindurch.

Die Packung immer noch fest umklammert, sprintet sie in die Richtung, aus der der Schrei kam. Sie erkennt Veronicas dunkelblaues Sommerkleid, das sich nun neben ihren Knien auf dem Boden sammelt. Gekrümmt hockt sie auf dem Asphalt und beugt sich nach vorn. Aus Angst, dass sie sich verletzt haben könnte, sprintet sie zu ihr.

Erst jetzt bemerkt sie die vielen dunkel gekleideten Männer auf der Straße, doch ihre Aufmerksamkeit gilt nur Veronica. Sie heftet ihre Augen bestimmt auf das dunkelblaue Kleid und den blonden Haarschopf vor sich. Selbst die atemberaubenden Lila- und Rottöne des Abendhimmels können ihren Blick nicht einfangen.

Je näher sie kommt, desto lauter wird das Schluchzen.

Sanft legt sie ihre kleine Hand auf Veronicas Schulter. “Hast du dir weh getan?”

Ruckartig richtet sich der blonde Kopf auf, wobei ihre Haare wie unter Strom kurz in die Luft fliegen. Sie kann ihren Gesichtsausdruck nicht deuten. Doch ihr fällt auf, wie wenig Veronica wie sie selbst aussieht.

“Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst wegbleiben?”, schreit sie für sich untypisch laut. Kurz darauf ersetzt das furchtbare Schluchzen erneut ihre Vorwürfe. Veronica zieht sie fest in die Arme, drückt ihren kleinen Kopf gegen ihre Brust und streichelt sanft über ihre Haare.

“Was ist los? Warum weinst du?”, ihre Worte werden vom Stoff des Kleides gedämpft und sie spürt das Bedürfnis, ebenfalls weinen zu müssen.

Veronicas Schluchzen wird unkontrollierter. Ihr Griff fester.

Die junge Frau zittert, als sie die kleine Kinderhand sanft drückt. “Wir müssen uns in Sicherheit bringen. Hier sind wir in großer Gefahr.”

“Wir müssen Mama und Papa anrufen und ihnen sagen, dass sie nicht herkommen dürfen!”

Veronica schlägt die Hand vor den Mund und Tränen rinnen erneut über ihre Wangen. Fragend schaut das kleine Mädchen zu ihr auf. “Was ist los?”

Im Augenwinkel sieht sie einen schwarz gekleideten Mann über die Straße rennen, der sie in zusätzliche Alarmbereitschaft versetzt.

Er trägt einen Anzug wie in den Action-Filmen, die sie manchmal heimlich mit ihrem Papa geschaut hat.

Veronica griff nach ihrer Schulter und wollte sie umdrehen, doch in diesem Moment fiel ihr auf, was Veronica so inständig versucht hatte zu verbergen.

Die Tüte mit Süßigkeiten fiel zu Boden. Kleine Schokoladenkügelchen in sämtlichen Farben rollten über den Asphalt und sammelten sich schließlich an den Cowboy-Stiefeln, die sie nur allzu gut kannte.

Ihre Mama hatte ihn immer damit aufgezogen und ihm gesagt, dass er wie in so einem “alten Westernschinken” herumlaufen würde. Doch ihr Papa liebte diese Stiefel. Er hatte sie auf einer Familienreise gekauft und seither bei jeder passenden Gelegenheit getragen. Er hatte darin mit ihr gespielt, getanzt und Abenteuer erlebt.

Nun wirken sie seltsam Fehl am Platz, gemeinsam mit den bunten Schokokugeln gaben sie ein bizarres Bild ab. Vorsichtig machte sie einen Schritt in die Richtung, doch Veronica stellte sich ihr wieder in den Weg. Drückte sie fest an sich und weinte haltlos.

“Papa, Mama?”, ihre Gedanken wurden farblos und leer, als die Realität langsam Form annahm.

Sie versuchte, an Veronica vorbeizuschicken und zu ihren Eltern zu gelangen, doch sie hielt sie fest im Griff. Immer wieder schrie sie nach ihren Eltern und dann wurde sie nach oben gerissen. Veronica warf sie sich über die Schulter und rannte los.

Der Mann im Anzug rannte plötzlich neben ihnen her und sobald Veronica ihn bemerkte, beschleunigte sie ihren Lauf.

Ein Bandana mit einem Skelett-Kiefer verhüllte die untere Hälfte seines Gesichtes. Veronica lief der kalte Schweiß den Rücken herab, als sie versuchte, von dem Mann wegzukommen.

“Bleibt stehen”, befahl der Mann. Und als hätten seine Worte etwas in Veronica lahm gelegt, erstarben ihre Schritte, bis sie zum Stillstand kam.

Bevor der Mann mit den Bandana bei ihnen ankam, krachte ein rot gekleideter Mann von hinten in ihn. Sie stürzten zu Boden und rangelten miteinander, während die beiden Frauen sich eng gegen eine Hauswand pressten. Veronica versuchte, den Kopf des Mädchens so zu drehen, dass sie nichts von alldem sah, doch sie konnte nicht wegschauen. Ihr Blick glitt zwischen den zitternden Fingern Veronicas hindurch und erfasste, wie einer der Männer ein Messer zog. Er stach auf seinen Kontrahenten mit der weißen Skimaske ein, pinnte ihn an den Boden und hörte erst auf, als dieser sich nicht mehr rührte.

Wie erstarrt standen sie dort, rührten keinen Muskel in der Hoffnung, dass der überlebende Mann sie nicht sehen würde.

Er war riesig mit schwarzen Haaren und hielt noch immer das blutige Messer umklammert.

Der Griff von Veronica erdrückte sie fast und mit Entsetzen stellte sie fest, dass der Mann mit dem großen Messer zielstrebig auf sie zuging. Mit seiner blutigen Hand griff er nach dem Bandana und tupfte sich die Stirn ab, bevor er es zu Boden fallen ließ.

“Nein, nein! Bitte nicht! Sie ist noch ein Kind!” Veronica schob sie zwischen ihren Rücken und die Hauswand, versperrte so den Weg des Mannes zu ihr.

Mit beiden Händen krallte sie sich in den Stoff ihres Kleides. Zerdrückte das wunderschöne Blumenmuster zwischen ihre Fingern. Bis sie ein gurgelndes, dumpfes Geräusch vernahm. Sie traute sich nicht nach oben zu schauen, aber sie hatte gehört, wie nah die Schritte des Mannes gekommen waren.

Fest kniff sie die Augen zusammen. Dann spürte sie, wie der Stoff des Kleides langsam durch ihre Hände rann. Irgendjemand zog daran und sobald sie einen dumpfen Aufprall hörte, riss sie entsetzt die Augen auf.

Sie konnte die Situation, die sich ihr zeigte, im ersten Moment nicht erfassen.

Veronica lag mit dem Gesicht voran auf dem harten Asphalt, ihr blaues Kleid umgab sie wie eine kleine Blumenwiese und dennoch stimmte etwas an diesem Anblick nicht. Der blutverschmierte Mann stand neben ihr, das Messer fest umklammert und schaute ihr tief in die Augen.

Verwirrt ließ sich Sienna auf ihre Knie fallen, tastete nach dem Rücken der Freundin ihrer Mutter. Schüttelte und rief ihren Namen. Doch sie regte sich nicht.

Rote Flüssigkeit hatte die Spitzen ihrer blonden Haare gefärbt und breitete sich unter ihrem Gesicht aus, das sie nicht sehen konnte.

“Tante Veronica”, flüsterte sie, doch bekam keine Antwort.

Wutentbrannt stürzte sich das Mädchen auf den Mann vor ihr. Sie trat und boxte gegen seine großen Beine, die in einer festen Lederhose steckten. Er rührte sich nicht, also versuchte sie, nach dem Messer an seiner Hand zu greifen. Doch der Mann wendete es ihr problemlos aus den kleinen Händen und fügte ihr dabei einen Schnitt in der Handinnenfläche zu.

Geblendet vor Zorn und Schmerz, trat sie weiter auf den Mann ein. Tränen trübten ihren Blick und dann griff eine raue Hand nach ihrer und schloss sie fest ein.

Ein Schrei entrann ihrer Kehle, als das Blut ihrer Handfläche langsam ihren Unterarm entlang floss. Er zog ihre Hand so weit nach oben, dass sie sie auf Zehenspitzen stellen musste. Wütend starrte sie nach oben, sah ihn mit all dem Hass an, den sie aufbringen konnte.

Der Mann umfasste das Messer fester, holte nach hinten aus und schwang seinen Arm schließlich nach vorn. Sie wendete ihren Blick nicht eine Sekunde von seinen stechend blauen Augen ab. Kurz bevor das Messer ihren Körper traf, stoppte es.

Ein Seufzen erklang über ihr, bevor er sie losließ. Sofort fing sie wieder an, auf ihn einzuschlagen. Desinteressiert griff er nach dem Bandana auf dem Boden und stopfte es in seine Hosentasche, bevor er nach dem Mädchen griff und sie sich über die Schulter warf.

Ihr Zappeln und Schreien erstarb erst, als sie auf die zwei leblosen Körper nicht weit von ihr entfernt fiel. Die bunten Kugeln strahlten in einer Pfütze, die das Licht der Laterne über ihr spielte.

Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und grub ihre Finger dabei tief in den schmerzenden Schnitt ihrer Hand. Der Mann schmiss sie auf die Rückbank eines schwarzen Geländewagens mit getönten Scheiben. Mit langsamen Bewegungen griff er nach seinem Handy.

“Boss. Ja, alles lief wie geplant. Allerdings habe ich hier etwas, das Sie interessieren könnte”, mit einem raubtierhaften Lächeln in ihre Richtung raste er los.

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