Prolog
Eric
Ich wurde zu einem großen Gebäude geführt. Die Hände immer noch auf dem Rücken und zwei Männer an meiner Seite. War es schon so weit vorgedrungen? Das konnte ich mir nicht vorstellen.
Wir betraten durch die große Eingangstür einen langen Flur. Grob wurde ich richtig Treppenhaus geschliffen und diese nach oben geführt. Im vierten Stock bogen wir auf einen Flur ab. All das schweigend und mit hallenden Schritten.
Eine Tür wurde geöffnet und ich wurde hineingeführt.
Der Raum sah nicht anders aus als mein Labor.
„Setzen“, befahl einer der Männer und ich folgte. „Wenn sie nichts zu verbergen haben. Müssen sie keine Angst haben“, wurde mir gesagt und wenig später betrat ein Mann in weißem Kittel den Raum.
Ich hätte gerne so viel gefragt, aber da war so ein lästiges Stück Stoff in meinem Mund.
Meine Handschellen wurden gelöst und einer reichte dem Neuankömmling meinen Arm. „Bitte halten sie still“, bat er und legte meinen Arm neben mich auf den Tisch. Was war das hier? Warum töteten sie mich nicht einfach, wenn ich doch so gefährlich war.
Seine Hand griff nach dem Desinfektionsspray und trug dieses an meiner Armbeuge auf. Genervt sah ich über seine Schulter und ließ ihn mir Blut abnehmen.
Schon seltsam, dass ich als Arzt keine Nadeln sehen kann. Zumindest nicht in mir.
„Aufstehen“, befahl einer und drehte mir wieder den Arm auf den Rücken, um mir wieder die Handschellen anzulegen.
Ich seufzte leise und ließ sie machen. Was hätte ich auch gegen so viele Männer mit Waffen tun sollen. Zumal meine eigenen Waffen unfähig gemacht wurden. Nicht nur durch den Stoff in meinem Mund. Auch durch den Vampblocker, den ich mir heute Morgen verabreicht hatte.
Grob schob mich einer von ihnen wieder aus dem Raum und rief: „Bringt ihn in eine der Zellen.“ Sofort waren zwei andere an meiner Seite und zogen mich durch den Gang zurück zum Treppenhaus. Diesmal nach unten. Wohl in den Keller.
Eine Zellentür wurde geöffnet und ich hineingeschoben. Hinter mir fiel das Gitter zu und ein Schlüssel drehte sich im Schloss.
Sobald ich hörte, dass sie verschwunden waren, sah ich mich genauer um. Die Zelle bestand aus nicht mehr als einem Brett an der Wand, welches man als Bett herunterklappen konnte und einem Topf in der Ecke. Sehr menschlich.
Links und rechts konnte man in die anderen Zellen blicken.
Auf meiner rechten Seite konnte ich niemanden ausfindig machen jedoch von links starrten mich zwei helle Augen an.
Es war ein junges Gesicht. Tränen überströmt und genau derselbe Knebel im Mund wie ich. Ein Mädchen.
Ihre dunklen Haare besaßen helle Enden, welche an ihrer Schulter anfingen und runter bis unter ihren Brustkorb gingen. Sie zog unsicher die Beine an ihre Brust und ich sah, wie sie fester auf die Knebel biss.
Seufzend wendete ich den Blick ab und ließ mich wie sie auf den Boden sinken. Ihr Gesicht würde ich wohl jetzt öfter sehen. Wobei ich mich wunderte, wie ein so junges Wesen hier landete.
Die Tür ging wieder auf und ein paar andere Männer betraten den Zellengang. Eine Zelle weiter hinten war ihr Ziel. Ich hörte ein leises Winseln, erstickt durch ebenfalls einem Knebel. Wenig später wurde ein junger Mann an den Zellen vorbeigeführt. Er gab immer noch ein leises Winseln von sich und wehrte sich leicht gegen den Griff der Männer. Zwischen den erbärmlichen Lauten glaubte ich ein „Bitte“ zu hören.
Die Tür schlug hinter ihnen zu und man hörte die Schritte auf der Treppe nach oben. Wenig später Schreie. Diese verstummten jedoch wenig später. Okay, also würde ich doch ermordet werden.
Ich ließ meinen Blick zu dem jungen Mädchen gleiten. Sie schaute ängstlich nach oben und ich sah, wie sie schluckte. Weitere Tränen liefen über ihre Wangen. Es war unglaublich wie weit diese Monster gingen. Wir wehrten uns gegen unsere Natur und traten kaltes Blut aus Konserven. Dafür ermordeten sie unsere Kinder. War das fair? Glaubten sie, dass sie in irgendeiner Weise besser waren als wir? Nein. Sie mordeten, weil sie zu wenig wussten und Angst hatten. Wir mordeten, weil wir überleben mussten.
Ihr Blick ließ von der Decke und sie sah wieder zu mir. Ihre Augen schienen nur so um Hilfe zuschreien. Doch ich musste leider leicht den Kopf schütteln. Ich sah, wie ihre Unterlippe bebte, kurz darauf folgte ein leises Schluchzen.
Die Tür wurde wieder aufgerissen. Wieder Männer, welche einen weiteren aus seiner Zelle holten. Reges Treiben hier.
Ich ließ meinen Kopf an die Wand sinken und schloss die Augen.
Lydia. Sie hatte versucht mich zu retten. Sie hatte es sicher durschaut. Nur konnte sie nichts tun. Sie war nur ein Mensch. Nur eine Ärztin. Meine Freundin.
Ich musste leicht lächeln. Meine Freundin. Sie gehörte zu mir. Sie wäre bei mir eingezogen. Vielleicht würde sie dennoch einziehen. Um Ran zu schützen. Um Sanji zu unterstützen. Sie wusste das er sie brauchte. Sie würde für ihn da sein.
Hatte Jon es nach Hause geschafft? Hatte Atayo es geschafft? Ich hatte nicht nach ihnen gesehen. Nur Atayos Worte waren in meinem Kopf gewesen. Dass ich meine Chance bei ihr nutzen musste. Er hatte Recht gehabt. Vielleicht wäre ich als Jungfrau gestorben. Ich musste leise schmunzeln. Er hatte mich davor beschützt. Vor dem schlimmsten, was einem auf dieser Erde passieren konnte. Spaß beiseite.
Jon hatte es sicher geschafft. Atayo war stark. Er hatte Maro bei sich. Es würde allen gut geht.
Kenzo… Nur Kenzo nicht. Ich wollte mir Atayos Gesicht, wenn er es erfuhr, nicht vorstellen. Dennoch schwebte es vor meinem inneren Auge. Ich hatte seinen Bruder nicht retten können.