Von Liebe, Vögeln und Pusteblumen

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Summary

Auf humorvolle Art und Weise beschreibt die Autorin die erotischen Irrungen und Wirrungen einer Single Frau auf Dating Plattformen. Unterschiedliche Charaktere lassen sie neue Erfahrungen erleben und begleiten sie bei der Suche nach dem Einen. Sex oder Liebe?

Status
Complete
Chapters
13
Rating
4.3 3 reviews
Age Rating
18+

Prolog

Wiedererwachen in Heidelberg

Den ersten Versuch startete ich im Beisein meiner besten Freundin im wunderschönen Heidelberg. Ein lauer Sommerabend, der Wunsch mal wieder etwas Verrücktes zu tun, der Cocktail, die Stadt – alles zusammen führte mich zum Match mit – keine Ahnung wie er noch mal hieß, nennen wir ihn den Checker. Er sorgte dafür, dass meine Tränen liefen und mein Bedürfnis nach Küssen und Intimität wieder schmerzhaft geweckt wurde. Hier seine Geschichte.

Ey Süße, jetzt pack endlich das Handy mal weg und schnapp dir lieber den Cocktail vor deiner Nase!“, höre ich meine beste Freundin Mona vom Sessel neben mir leicht fluchen.

Wir befinden uns in einem der schönsten Biergärten im Hochsommer in Heidelberg und ich versuche krampfhaft die Einstellungen auf der Datingplattform zu knacken, die ich vorgestern heruntergeladen hatte. Und das Ganze nur, um ihn zu vergessen und endlich wieder nach vorne schauen. Auf dem Lande, bieten sich einem da nicht viele Gelegenheiten, also ging ich online.

Süüüüüüüße!

Jaaaaaaa, ist ja gut. Ich packe es jetzt beiseite. Es ist hier viel zu schön, um sich mit technischen Dingen abzulenken.“

Wir prosten mit unserem Cocktail einander zu und lauschen der Ruhe des Pärchens am Nachbartisch. Meine jahrelange Freundin und ich verstehen uns wortlos und wenn wir zusammen einen Wochenendtrip machen, erinnern wir uns immer wieder, wie schön das Leben doch sein kann.

Pling Pling Pling – mein Handy hört gar nicht mehr auf und Mona und ich starren uns verständnislos verwundert in die Augen.

„Jetzt schau schon nach“, sagt sie.

Ich schaue gespannt auf das Display und erkenne die dicken fetten Buchstaben „MATCH – unglaublich. Mein erstes Match! Und nun?

„Zeig mal her! Wow – der hat was. Mitte 40, Immobilienmakler, 1,90m, süßes Lächeln, geiles Tattoo am Oberarm. Schreib ihn mal an.“

Das ist das Schöne bei Mona – sie teilt nicht unbedingt meine Männereinstellung, unterstützt mich aber wie es eine beste Freundin tut, bei meinen Tätigkeiten, wo es nur geht. Auch, wenn sie nicht der Meinung ist, dass mir so eine Datingplattform wirklich guttun würde. Was ich brauchen würde, wäre ihrer Ansicht nach einen Real Life Mann, der mich hoch von seinem weißen Ross anlächelt und mit mir in den Sonnenuntergang reitet.

Als ich mir den Online-Herren dann genauer anschaue, überkommen mich Zweifel. Er sieht viel zu gut aus, als dass er wirklich an mir interessiert wäre. Eine Nummer zu groß für mich, der hat sich bestimmt verswiped, denke ich mir so.

Pling – und eine Nachricht von ihm. Oh Mann, dann war das wohl doch kein Versehen.

Du hast ein heißes Profilbild lese ich und die Schamesröte stiegt mir ins Gesicht.

Wenn der wüsste, wie alt das Bild ist und wie viel Stunden mich im Vorfeld das Styling gekostet hat. Heiß… Ich und heiß? Er braucht vielleicht doch mal eine Lesebrille.

„Jetzt antworte ihm endlich!“, befiehlt Mona mir.

Danke, schreibe ich lediglich schüchtern zurück.

Wann sehen wir uns, du Hübsche? kontert er.

Ich bin fassungslos. Was denkt dieser Kerl, wie schnell ich hier auf solch plumpe Sprüche eingehen würde. Ehe ich noch länger darüber nachdenken kann, schnappt sich meine Freundin das Handy und tickert fröhlich locker

Morgen um 14 Uhr im „Café um die Ecke in den Chat. Ich bin sprachlos.

„Süße, ich kenne dich. Du überlegst jetzt wieder viel zu lange hin und her, ob du antworten sollst, da habe ich es uns beiden doch so viel einfacher gemacht.“

„Ich kann mich doch nicht in einer wildfremden Stadt mit einem wildfremden Mann treffen!“, kontere ich und sehe nur ihr Schmunzeln über beide Ohren.

„Wir werden uns absprechen und mal Grundlegendes zu deinen Datingvorhaben absprechen. Ich möchte auch nicht, dass dir etwas passiert, aber auf deinen Spaß kannst du ja trotzdem kommen. Du bist schon viel zu lange Single.

Und so legen wir die Safety First Regeln meiner zukünftigen Achterbahnfahrten fest: Anruf beim Weggehen, Standort teilen, Anruf nach 2 Stunden. Minimalste, aber sichere Regeln. Und vor allem weiß ich, dass ich mich da auf meine Freundin verlassen kann.

Pling Pling

Super – freue mich auf dich!

Echt jetzt? Der kennt mich nicht mal und freut sich schon. Versteh mir einer Datingsprache.

Leicht angeschwipst machen wir uns auf den Rückweg zum Hotel. Natürlich sind Männer wieder das Gesprächsthema Nummer Eins. Wir haben in den 20 Jahren unserer Freundschaft schon so viele Erlebnisse geteilt, dass wir beide wissen, welche Art von Mann mich da erwarten wird. 350km von der Heimat entfernt, nachts am Chatten, schnelles Treffen und ein heißer freier Oberkörper als Profilbild irgendwie freue ich mich auf diesen Checker. Dabei spielt es dann auch keine Rolle, ob wir uns wirklich mögen oder anpassen oder Erwartungen gerecht werden müssen. Entscheidend sind dabei lediglich der erste Moment und die allbekannte Frage, ob die Chemie passt. Wobei ich hier von hormonell bedingten Körperreaktionen spreche und nicht unbedingt Charaktereigenschaften. Dafür bin ich wahrscheinlich auf der falschen Plattform unterwegs. Ein kleines Fünkchen Hoffnung auf eine neue Beziehung schwingt bei mir jedoch mit.

ER würde dies gar nicht gutheißen, dieses rein lustvolleVorstoßen in unbekannte Gefilde. ER hatte mich auch zum Abschied noch davor gewarnt.

Es ist Samstagmorgen und nach einer grüblerischen Nacht sitzen wir beim leckeren Frühstück in der Sonne im Hotelgarten. Die Teller voll mit leckeren Köstlichkeiten von Pancakes bis zu Rührei und zurück zum Croissant, ein Glas Sekt für jeden und zum Abschluss den Cappuccinomit Zigarette. So lassen Mona und ich es uns gut gehen.

„Und Süße, weißt du schon, was du nachher anziehen wirst?“, lenkt sie das Gesprächsthema auf das bevorstehende Date.

„Ach, der wird heute bestimmt noch absagen, da brauche ich nichts anziehen.“

Meine Freundin lacht aus vollem Halse und ich ebenso.

„Also ich meine, ich kann meine roten Dessous getrost im Koffer lassen“, und biss währenddessen genüsslich langsam in die leuchtend gelbe Banane.

Pling – Ich hoffe, du trägst gleich einen Rock!

Mit dieser Nachricht ist dann wohl auch mein Zweifelverschwunden, er würde noch absagen.

„Siehst du, nicht alle Männer sind unzuverlässig“, - abwarten denke ich mir nur.

Allerdings werde ich nun unruhig.

Was ist, wenn ich ihm nicht gefalle? Was ist, wenn er sofort wieder gehen will? Was ist, wenn er ganz anders aussieht als auf den Bildern? Die Fragen fangen an mir meinen Kopf zu zermalmen und ich entschließe mich, doch lieber über die Kleidung nachzudenken, die ihn später vom Denken ablenken soll.

Zum Glück habe ich meine Kontaktlinsen dabei und auch den roten Lippenstift, den ich so liebe. Dazu mein rotes Lieblingskleid und die weißen Pumps. Passt. Das Date kann kommen. Über die Unterwäsche mache ich mir keine Gedanken, schließlich will ich nur knutschen. Das Küssen ist für mich das Non-plus-Ultra, ohne leidenschaftlicheKüsse läuft bei mir im wahrsten Sinne des Wortes rein gar nichts.

Es ist so weit.

„Süße, pass auf dich auf und schick mir deinen Standort! Ach, und komm ja nicht wieder auf die Idee, hier ins Hotelzimmer zu gehen und mich auszuquartieren. Der Abend damals in Hannover hat mir gereicht, als ich im Flur übernachten musste. Viel Spaß!“, wünscht mir Mona zum Abschied und mit einem Küsschen für meine Freundin verlasse ich das Zimmer.

Ja, aufpassen, soll ich wirklich hin gehen? Mein Gedankenkarussell beginnt wieder mit Vorwürfen und althergebrachten Weisheiten, dass man sich niemals mit einem fremden Mann treffen sollte. Der erste Mann nach IHM – nach 2 Jahren des Abschwörens von den Männern traue ich mich wieder auf die Pirsch.

Ob das wohl gut geht? Wie flirtet man eigentlich gleich nochmal? Ist küssen wie Fahrradfahren, dass man es nie verlernt? Bin ich mir sicher, dass ich mich unverbindlichmit einem wildfremden Kerl treffen will? Fragen über Fragen. Ich will jetzt aber nicht denken, sondern es einfach mal geschehen lassen, es wagen, mich wieder vorsichtig dieser Gefühlswelt zu nähern. Ich bin in einer fremden Stadt, mich kennt hier niemand und schließlich hat meine beste Freundin ein Auge auf mich.

Also Kopf aus, Herz – oder besser Bauch – an.

Überpünktlich erscheine ich beim verabredeten Treffunkt und sehe ihn schon von weitem. Mit seinen fast 2 Metern und den schwarzen wuscheligen Haaren ist er unübersehbar. Natürlich hat er ein schwarzes Sakko mit Jeanshose an, die seinen knackigen Hintern wohl geformt erscheinen lässt. Beim Näherkommen erkenne ich auch seine Gesichtszüge und bin erleichtert ihn lächeln zu sehen und nicht gleich die Flucht ergreifend.

„Charlotta?“

„Ja. Schön, dass es geklappt hat“, stammle ich schüchtern vor mich hin.

Wir steuern auf dick gepolsterte Lounge Möbel im Außenbereich des Cafés zu und ich überlege krampfhaft, welche Sitzposition ich einnehmen sollte. Beruflich über Eck sitzen zeugt von Nähe, nebeneinandersitzend kann man sich nicht in die Augen schauen, also platziere ich meinen süßen Hintern ihm direkt gegenüber. Ich bin so aufgeregt, dass mir die Getränkekarte vor Augen verschwimmt. Er sieht so gut aus. Die blauen Augen, den Drei-Tage-Bart und jetzt zieht er auch noch sein Jackett aus, da uns die Sonne doch an Hitze ziemlich zusetzt. Die Jacke schien allerdings sehr gepolstert zu sein, denn darunter kommen schmale Schultern und dünne Arme zum Vorschein. Irgendwie passt das nicht zusammen, denke ich mir. Vereinzelt schauen graue Brusthaare über den obersten Knopf des Hemdes heraus. Sie ähneln denen auf seinen schlanken Fingern, die permanent mit dem Kuli auf dem kleinen Tischchen vor uns am Spielen sind. Auch er scheint nervös zu sein.

Lange, schmale, bleistiftförmige Finger. Was sagt man nochmal gleich über den Zusammenhang von Händen und männlichen Körperteilen? Charlotta, reiß dich zusammen und konzentriere dich auf das Gespräch, denke ich mir.

Das Gespräch verläuft wie viele, denen ich noch begegnen werde. Wie alt bist du nochmal, was machst du beruflich, hast du Kinder, was machst du in deiner Freizeit, welchen Sport treibst du, wo wohnst du, wie lange bist du schon Single, warum bist du auf der Plattform usw..Anfangs schienen mir diese Fragen noch unheimlich interessensbekundigend, heute weiß ich, es ist das typische Sex-Vorgeplänkel, das in der Regel mit zu dir oder mirbeendet wird.

Aber nun zurück zum Date. Das Gespräch verläuft erstaunlicherweise gut flüssig und wir stellen viele Gemeinsamkeiten fest. Ob diese nun wahrheitsgetreu sind oder nicht, sei mal dahingestellt. Auf jeden Fall lachen wir sehr viel und ich fühle mich zunehmend wohler. Ja, seine blauen Augen, das schelmische Lachen machen die zu Beginn festgestellten Unebenheiten wieder wett. Er trinkt mittlerweile schon das dritte Bier.

Ist Abschütten bei Dates eigentlich erlaubt? Muss er sich mich schön trinken? Obwohl, ich bin auch schon beim dritten Glas Wein angelangt und blicke zum ersten Mal auf die Uhr. Drei Stunden erzählen wir nun schon voneinander und von den Erlebnissen bei Tinder. Ich lüge über meine Erfahrungen dort, bis dass sich die Palettenbretter biegen. Meine Rolle der Verführerin spiele ich sehr gut und unterstreiche meine Aussagen durch tiefe Einblicke in mein Dekolleté beim Vorbeugen zum Glas auf dem niedrigen Tisch. Warum eigentlich? Er reizt mich, seine wohl geformten vollen Lippen reizen mich, seine prall gefüllte Jeans reizt mich, seine Hand, die zufällig meine streift, reizt mich, seine schmeichelnden Worte finden den direkten Weg in meinen Bauch. Er scheint mich mit seinem gesamten Wesen einnehmen zu wollen.

Zum jetzigen Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass diese Süßholzraspelei zum zielgerichteten Dating dazu gehört. Das wird wohl nie meins werden und da er die Worte „du hast so schöne Augen“ und andere Körperteile nur allzu oft genutzt hat, werde ich ihnen auch keinen Glauben mehr schenken.

„Du bist eine umwerfende Frau und ich würde dich später sehr gerne wieder sehen!“, reißt er mich aus meinen Gedanken.

Wie jetzt? Später wiedersehen? Ich dachte, so ein Date endet mit einem Kuss und küssen will ich ihn. Ich will schmecken, wie es ist seine Lippen zu spüren. Irgendwas muss mir einfallen.

„Sehr gerne. Wollen wir bezahlen und ich bringe dich zur Haltestelle“, schlage ich vor.

Ja, ihr lest richtig, zur Haltestelle, denn angeblich ist sein Auto in der Werkstatt. Wie jeder auch nachkommende angebliche Gentleman bezahlt er die Getränke und wir schlendern Richtung S-Bahn.

Ich merke, wie mir die Zeit davonrennt.

Ich muss ihn küssen.

Ich muss wissen, wie es ist einen fremden Mann zu küssen.

Auf die Idee, dass er ja auch die Initiative ergreifen könnte, komme ich erst gar nicht. Mein Tunnelblick ist voll auf animalen Jagdmodus gewechselt.

„Wäre schön, wenn du mich heute Abend noch besuchen kommen würdest. Ich habe ein Haus oben auf den Weinbergen und eine sehr große Badewanne. Wir trinken gemütlich ein Gläschen Wein und ich lasse dir Wasser ein“, schlägt er mir mit tiefem Blick und Augenzwinkern vor.

Wie viel davon wahr ist, kann ich leider nicht sagen, aber die Einladung zum Baden wird wohl auch mein zukünftiges Datinggeplänkel bestimmen.

„Ich muss schauen, wann wir beim Japaner fertig sind, und würde mich dann bei dir melden“, antwortete ich.

Da ich endlich einmal mit Mona in einer Roof Top Bar essen gehen will, möchte ich ihm in diesem Moment keine klare Zusage geben. Dieses Erlebnis mit meiner Freundin ist mir trotz erwachtem Hormonschub wesentlich wichtiger.

„Das klingt doch nach einer Zusage“, freute er sich.

Hatte er mir überhaupt zugehört?

Wir stehen nun dicht voreinander, ich blicke mit aufgeschlagenen Wimpern tief in seine Augen und wage meinen Standardspruch „Erhalte ich zum Abschied einen Kuss?“, der in der Regel zum gewünschten Ergebnis führt. In diesem Moment fährt die Bahn vor und er reißt seinen Kopf erschrocken zur Seite.

„Heute Abend, Schätzchen, dann kriegst du so viele Küsse, wie du brauchst und noch mehr“, streichelt er mir einmal über die Wange und hüpft in die Bahn.

Wumms, weg ist er.

Was war das denn jetzt? Schätzchen? Er verschwindet,ohne einen Kuss dazulassen, mein Herz brennt und ich stehe fassungslos am leeren Bahnsteig.

Hallo? Was hat dich denn jetzt da gestochen? Das geht doch nicht! Bleib hier!

Mir schießen Tränen in die Augen. Ich wollte doch nur einen Kuss, einmal wieder geküsst werden.

Am Abend gehe ich mit meiner Freundin Sushi essen. Ich erzähle ihr vom Date und das alles geklappt hat, er war kein Axtmörder. Von meiner Sehnsucht ihn zu küssen, berichte ich ihr nicht, das ist mir zu peinlich und kindisch. Wir lachen sehr viel und spätestens als sie einen Klecks Wasabi mit Schmand verwechselt, liegen wir prustend lachend halb auf dem Boden. Wohl genährt und glücklich begeben wir uns auf den Rückweg zum Hotel.

„Ich soll mich ja noch bei ihm melden, ob ich noch zu ihm komme. Was meinst du?“

„Mhm, weiß nicht, im Cafe treffen ist eine Sache, zu ihm hin fahren eine andere. Hast du Lust?“

Ich überlege. Habe ich Lust?

„Ich habe Lust zu küssen. Der letzte Kuss ist so lange her“, antworte ich etwas melancholisch.

„Das kann ich verstehen. Ok. Dann fahr aber mit dem Taxi und schick mir wieder deinen Standort.“

Bevor ich es mir anders überlegen kann, schreibe ich ihm, wo ich hinkommen soll und warte in der Hotellobby auf seine Antwort. Nervös wandere ich von einer Vitrine zur nächsten, schaue mir Sightseeingflyer an und blicke immer wieder auf mein Handy. Nix. Nach einer Stunde habe ich immer noch keine Antwort und ich begebe mich zurück aufs Zimmer. Mitlerweile ist es schon fast Mitternacht. Mona liegt im Bett und gibt mir schlaftrunkenden Ratschlag es zu vergessen.

Hallo? schreibe ich erneut.

Wieder keine Antwort. Mit Tränen in den Augen vor Wut versuche ich einzuschlafen. Das kann doch nicht wahr sein.

Warum erhalte ich keine Antwort? Hatte er doch nur Spaß gemacht? War ich ihm nicht hübsch genug? Habe ich etwas Falsches gesagt? War ich mit meinem Kuss zu forsch? Viele selbstvernichtende Fragen gehen mir durch den Kopf. Mein Alkoholpegel macht die Sache nur noch schlimmer. Letztendlich schlafe ich wimmernd mit „Ich will doch nur mal wieder küssen“ auf den Lippen ein.

Morgens ums 6 Uhr erhalte ich seine Nachricht Entschuldige, ich bin auf dem Sofa eingeschlafen.

Als wir an diesem Tag vollgepackt mit unseren Koffern im Aufzug des Hotels stehen überkommt mich eine katastrophale Gefühlswelle.

„Mona, ich will wieder küssen. Ich will wieder diese Leidenschaft spüren, ich will meine Mauern einreißen. Ich war zu lange abstinent und habe gegen meine Bedürfnisse gelebt und alles abgeblockt.“

Weltuntergangsschluchzend und triefend liege ich den Armen meiner Freundin und lasse mir den Kopf streicheln. Zum Glück bin ich emotional sehr zügig unterwegs – himmelhoch jauchzend und zu tode betrübt liegen bei mir nur sekundenweise auseinander und als wir im Erdgeschoss ankommen, fasse ich den Plan – es wird weiter getindert und gedatet. Ich brauche diese Leidenschaft in meinem Leben, das Begehren, Küsse und Berührungen und werde meinen Kopf dabei ausschalten und IHN verbannen. Wenn keine Beziehung dabei zustande kommt, hatte ich wenigstens meinen Spaß. Ich bin gespannt, wer mein derzeit nicht vorhandenes Liebesleben bereichern wird. Auf geht’s!

Als ich damals nach diesem Erlebnis wieder in meinem dörflichen Zuhause war, erwartete mich meine 12-jährige Tochter Lilith schon sehnsuchtsvoll, rannte auf mich zu und drückte mir einen fetten Schmatzer auf den Mund. Mein Ex-Mann beobachtete wie immer argwöhnisch aus dem Hintergund die Szenerie. Mona schaute mich wohlwissend an, was mir alles in diesem Moment durch den Kopf ging und sagte lediglich: „Dieser Kuss ist so viel mehr wert!“. Und sie hatte natürlich Recht.

In dieser Nacht schlief ich sehr unruhig und immer wieder tauchten Bilder von IHM und UNSEREMKuss vor meinem geistigen Auge auf.

Als letztgendlich früh morgens die Sonne auf ging, taperte ich vollkommen gerädert in die Küche, machte mir einen Kaffee und ging zurück in meinen Lesesessel im Schlafzimmer. Ich schnappte mir mein Tagebuch und schaute erst einmal nachdenklich durch die große Fensterfront dem Sonnenaufgang zu. Ja, der Sessel begleitet mich nun schon seit meinem Umzug. Tiefdunkles Rot mit weißen Blumen, richtig dick gepolstert, hohe Lehne und direkt neben meinem Bett stehend mit Blick auf die Felder und Wiesen der Dorfgrenze. Ich liebe ihn, ich liebe diesen Ausblick.

Was will ich? – schrieb ich dann in mein Büchlein. Wer bin ich und was ist mit mir passiert, dass mich dieser Wunsch nach küssen so aus der Bahn geworfen hat? Was um himmelswillen habe ich mir da für niederschmettgernde Fragen gestellt? Was ist mit meinem Selbstwert passiert?

Alles Fragen, auf die ich zum damaligen Zeitpunkt keine Antworten hatte. Wie jeden Sonntagmorgen blickte ich auf die vergangene Woche zurück und ließ meine Gedanken und Gefühle Revue passieren. Warum ist mir dieses Date in Heidelberg passiert? Ich wusste warum – das Leben wollte mir zeigen, wie sehr ich meine Bedürfnisse nach Nähe vergraben hatte und wie sehr mir körperliche Nähe doch fehlte. Dieser Wunsch nach Küssen war mehr als das, was es zu sein schien. Je mehr ich mir dessen klar wurde, desto mehr zeichnete sich mein Schlachtplan ab.

Wenn ich schon in keiner Beziehung war, würde ich wenigstens die unverbindlichen Freuden des Lebens in Angriff nehmen. Es gab noch so Vieles zu entdecken, zu fühlen, was ich mir lange verboten hatte. Ich legte den Stift beiseite und nahm mein Handy, öffnete die App und startete das Swipen nach rechts und links. Ich kam mir wie beim Online Shopping vor und schmunzelte.