Von heißen Pool Boys und neuer Familie
Kira
Ich stand am Gate, die Finger umklammerten den Griff meines Koffers, als könnte ich damit die letzten sieben Jahre festhalten. Heathrow war laut wie immer – Stimmen, Schritte, das gelegentliche Rattern von Rollkoffern auf dem glänzenden Boden. Aber in mir war es still. So still, dass ich fast glaubte, ich würde mich in dieser Menschenmenge auflösen. Mein Flug ging in zweiundvierzig Minuten. Zurück nach Hause. Oder zumindest dorthin, wo alles einmal begonnen hatte.
Ich war sechzehn, als ich zum ersten Mal hier gelandet war – ein Austauschjahr, ein Abenteuer, das eigentlich nur neun Monate dauern sollte. Aber dann war da Brien. Und plötzlich war aus einem Schuljahr ein Leben geworden. Ich hatte mich verliebt, war geblieben, hatte studiert, gearbeitet, geträumt. Sieben Jahre lang war London mein Zuhause gewesen. Bis vor einer Woche. Bis ich ihn mit einer anderen gesehen hatte. In unserer Wohnung. In unserem Bett. Ich hatte nicht geschrien. Ich hatte nicht geweint. Nicht sofort. Ich hatte meine Sachen gepackt, ein Hotelzimmer gebucht und bin gegangen. Eine Woche lang war ich durch die Straßen gelaufen, die ich so gut kannte, und hatte mich fremd gefühlt. Und heute stand ich hier. Mit einem Ticket in die Vergangenheit.
„Final boarding call for flight BA217 to Washington D.C.…“
Ich schloss die Augen. Washington war nur der Zwischenstopp. Danach ging es weiter nach Little Falls, die Stadt, die ich mit sechzehn hinter mir gelassen hatte. Meine Eltern wussten, dass ich diesen Sommer kommen wollte. Sie wussten nur nicht, dass ich heute komme. Und sie wussten schon gar nicht, dass Brien nicht mitkommt.
Eigentlich sollte er mit mir fliegen. Ich hatte ihnen so viel von ihm erzählt. Sie hatten sich darauf gefreut, ihn kennenzulernen. Ich hatte mir vorgestellt, wie wir gemeinsam durch die Straßen meiner Kindheit spazieren, wie meine Mutter ihm Apfelkuchen anbietet und mein Vater ihn mit skeptischem Blick ausfragt. Jetzt würde ich allein ankommen. Und ich hatte keine Ahnung, wie ich ihnen erklären sollte, dass alles anders war.
Ich zog mein Handy aus der Tasche. Keine neuen Nachrichten. Natürlich nicht. Ich hatte ihm gesagt, er solle mich nicht mehr kontaktieren. Und trotzdem hoffte ein winziger Teil von mir auf ein „Es tut mir leid“. Ein Teil, den ich hasste.
„Excuse me, miss, are you boarding now?“ Eine Flughafenmitarbeiterin lächelte höflich, aber ihr Blick war schon bei der nächsten Aufgabe.
Ich nickte, murmelte ein „Yes, sorry“ und zog meinen Koffer hinter mir her. Die Gangway war kühl, metallisch, und jeder Schritt hallte in meinem Kopf wie ein Echo meiner Entscheidung. Ich wusste nicht, was mich zu Hause erwartete. Ich wusste nur, dass ich nicht länger hierbleiben konnte. Als ich meinen Platz am Fenster fand und das Flugzeug langsam Richtung Rollfeld rollte, blickte ich ein letztes Mal auf die graue Skyline von London. Kein Abschiedskuss. Kein Drama. Nur ich, ein gebrochenes Herz und ein Ticket in die Vergangenheit.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, nach all der Zeit wieder vor dem Haus meiner Kindheit zu stehen. Sieben Jahre waren vergangen, seit ich diesen Ort verlassen hatte – und doch fühlte sich alles seltsam vertraut an. Die Veranda, die verblasste Holzfassade, selbst der kleine Riss in der Treppenstufe war noch da, als hätte die Zeit hier einfach pausiert.
Ich hatte meinen Eltern noch nichts von der Trennung erzählt – und ehrlich gesagt wusste ich nicht, wie ich es überhaupt erklären sollte.Ich hatte eine enge Beziehung zu meiner Mutter. Wir telefonierten fast täglich, tauschten Rezepte, Gedanken, Sorgen. Trotzdem war ich nie zurückgekommen. Nicht, weil ich sie meiden wollte – sondern weil es nie der richtige Moment gewesen war. Und vielleicht auch, weil ich Angst hatte, mich selbst hier wiederzufinden.
Little Falls war klein. Zu klein. Jeder kannte jeden, und jeder wusste alles. Ich hatte die Enge nie gemocht, hatte mich nach der Anonymität der Großstadt gesehnt, nach dem Gefühl, einfach nur eine unter vielen zu sein. In London war das leicht gewesen. Hier nicht.
Gerade wollte ich den Schlüssel aus meiner Tasche ziehen, als mein Handy vibrierte. Eine Nachricht. Ich warf einen flüchtigen Blick aufs Display, Briens Name leuchtete mir entgegen. Ich seufzte.
Baby, lass uns bitte nochmal reden. Ich liebe dich.
Natürlich. Deshalb war er auch mit dieser Blondine ins Bett gestiegen. Ich schob das Handy zurück in die Tasche, ohne zu antworten. Ich wollte nichts mehr von ihm hören. Die letzten Tage hatte ich in einem Hotelzimmer verbracht, zwischen Selbstmitleid und dem Versuch, einen klaren Gedanken zu fassen. Meine Ersparnisse waren aufgebraucht, und in London hatte ich niemanden, bei dem ich unterkommen konnte. Unsere Freunde waren auch seine Freunde – das machte alles kompliziert. Ich atmete tief durch, zog den Schlüssel hervor und öffnete die Tür. Der vertraute Geruch schlug mir entgegen – eine Mischung aus Holz, Waschmittel und Erinnerung. Die Garderobe hing noch an ihrem Platz, der Stuhl und die Kommode standen wie eh und je. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, als wäre ich nie fort gewesen. Und doch war alles anders. Ich war anders.
„Mum? Dad?“ rief ich ins Haus. Keine Antwort. Bei dem schönen Wetter war es gut möglich, dass sie im Garten waren. Vielleicht war das auch besser so. Ich brauchte einen Moment, um anzukommen – nicht nur hier, sondern in dem neuen Leben, das ich mir erst noch zusammensetzen musste
Ich hatte recht. Mum und Dad saßen am Gartentisch, gemeinsam mit meiner Schwester Celia, einem weiteren Mädchen in ihrem Alter und einer Frau, die mir vage bekannt vorkam. Ihr Gesicht trug Spuren von Sonne und Lächeln, etwas jünger als meine Eltern, aber mit derselben warmen Ausstrahlung. Bevor ich mich zu erkennen gab, blieb ich stehen und ließ den Blick über die Szene gleiten. Sie lachten. Alle. Unbeschwert, vertraut. Ein leises, sehnsüchtiges Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Es war schön, sie so zu sehen – meine Familie, vereint in einem Moment, der fast wie aus einem alten Foto wirkte. Für einen Augenblick fühlte ich mich wie eine Fremde in meinem eigenen Leben. Im Pool plantschte ein kleiner Junge, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Seine quietschenden Rufe mischten sich mit dem Plätschern des Wassers. Und dann sah ich ihn. Am Beckenrand stand ein Mann. Badehose, sonnengebräunte Haut, ein durchtrainierter Oberkörper, auf dem die Wassertropfen wie flüssiges Licht glitzerten. Der Kescher in seiner Hand wirkte fast nebensächlich. Mein Blick blieb an ihm hängen, wanderte über seine Schultern, seine Brust, die sich bei jeder Bewegung spannte. Die Badehose saß eng – zu eng, um nicht aufzufallen. Ich schluckte. Mein Herz klopfte schneller, als es sollte. Ich blinzelte, leckte mir über die trockenen Lippen und versuchte, meine Gedanken zu ordnen.
Es gab viele attraktive Männer. Aber dieser hier... dieser Mann löste etwas in mir aus, das ich nicht benennen konnte. Ein Prickeln unter der Haut, ein Ziehen tief im Bauch. Meine Härchen stellten sich auf, als hätte mein Körper ihn erkannt, bevor mein Verstand es tat.
„Kira!“ Die Stimme meiner Mutter durchbrach meine Gedanken wie ein Sonnenstrahl durch Nebel. Ich zuckte zusammen, lächelte und ging ihr entgegen. Sie sprang auf, ihre Augen glänzten vor Freude, und fiel mir um den Hals. Ihre Umarmung war warm, vertraut, ein Stück Zuhause.
„Hey Mum“, sagte ich leise und drückte sie fest an mich. Ich hatte sie vermisst. Mehr, als ich mir eingestehen wollte.
„Süße, endlich bist du wieder da! Du bist aber groß geworden.“
Ich lachte, ging zu Celia und schloss sie ebenfalls in die Arme. Auch sie hatte sich verändert – aber ihr Blick war derselbe: leicht herausfordernd, leicht verschmitzt.
„Mum, ich bin keinen Zentimeter gewachsen“, entgegnete ich grinsend und warf meinem Vater einen kurzen Blick zu. Er nickte mir zu, wortlos. Unsere Beziehung war... kompliziert, mit Rissen, die nie ganz verschwunden waren.
„Das meine ich nicht“, sagte Mum und wandte sich an Dad. „Du bist eine Frau geworden, sieh mal, Eddi.“ Ich spürte, wie ihre Worte in mir nachhallten. Eine Frau. Ja. Aber gerade fühlte ich mich eher wie ein Mädchen, das versuchte, sich selbst wiederzufinden. Mein Blick wanderte zurück zum Pool.
„Seit wann haben wir einen neuen Poolboy? Den hast du gut ausgesucht, Mum.“ Ich grinste frech, zwinkerte ihr zu – und bemerkte, wie Dad mich entgeistert ansah.
„Das ist mein Vater“, zischte das Mädchen neben Celia, ihre Stimme scharf wie ein Messer. Ich blinzelte. „Und wer bist du?“ fragte ich zurück, bemüht, die Fassung zu wahren. Meine Stimme klang kühler, als ich wollte.
Mum lachte nervös. „Das sind die Millers – Olivia, Cassi, Noah und Derek. Unsere Nachbarn. Du kennst sie doch.“ Mir klappte die Kinnlade herunter. Natürlich. Die Millers. Wie konnte ich sie nicht erkannt haben? Ich war sieben Jahre weg gewesen, aber trotzdem... Derek? Das war Derek?
„Stimmt... jetzt, wo du’s sagst“, murmelte ich verlegen und spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. Mein Blick wanderte erneut zu ihm. Derek. Mister Hot Poolboy war Derek. Der beste Freund meines Vaters. Verheiratet. Vater. Und trotzdem... mein Körper reagierte auf ihn, als wäre er ein Versprechen.
„Schön, dass du wieder da bist, Kira“, sagte Olivia freundlich und kam auf mich zu. „Den kleinen Mann da hinten kennst du noch nicht – das ist Noah, unser Sohn.“
„Danke. Und... tut mir leid wegen des Kommentars“, murmelte ich, biss mir auf die Unterlippe und versuchte, nicht völlig im Boden zu versinken. Mein Herz pochte unangenehm laut.
„Schon gut“, lachte sie. „Ich weiß, dass mein Mann heiß ist – deshalb habe ich ihn geheiratet.“ Sie zwinkerte mir zu. „Derek, komm mal her!“ rief sie ihrem Mann zu. Mein Blick richtete sich erneut auf ihn. Er kam langsam näher, das Sonnenlicht spielte auf seiner Haut, sein Gang war ruhig, selbstbewusst. Und ich? Ich fühlte mich wie sechzehn. Wie damals, als alles neu war. Wie jemand, der gerade zum ersten Mal begriff, was Begehren wirklich bedeutete. Wie hatte ich das früher übersehen? Ich hatte mich verändert – das wusste ich. Aber er? Ab einem gewissen Alter verändert man sich doch nicht mehr so sehr... oder etwa doch?
Er kam näher, und mit jedem Schritt wurden seine Gesichtszüge klarer. Die Sonne legte sich wie ein goldener Schleier über sein Gesicht, ließ die Konturen seiner Wangenknochen und den Schatten unter seinen Augen noch markanter wirken. Derek hatte nicht nur den Körper eines Mannes, der wusste, wie man sich bewegt – sondern auch das Gesicht eines Mannes, der wusste, wie man wirkt. Und ich? Ich war plötzlich viel zu bewusst, dass ich ihn ansah. Sein dunkles Haar glänzte im Licht, durchzogen von ein paar grauen Strähnen, die ihm eine gewisse Tiefe verliehen. Nicht alt – eher wie jemand, der Geschichten in sich trug. Seine Augen waren dunkel, schwer zu greifen, und obwohl ich sie noch nicht direkt gesehen hatte, spürte ich, dass darin etwas lag, das mich erschüttern würde. Seine Lippen wirkten weich, aber bestimmt – und ich ertappte mich bei dem Gedanken, wie sie sich wohl anfühlen würden.
Kira, hör auf. Das ist Derek. Der beste Freund deines Vaters. Die beiden haben zusammen studiert, ein Unternehmen aufgebaut, sich gegenseitig durch jede Lebensphase getragen. Ich sollte ihn nicht so ansehen. Ich sollte ihn nicht so fühlen. Ich zwang mich zu einem Lächeln, versuchte, meine Gedanken zu ordnen, während Olivia ihn mit einem liebevollen Blick begrüßte.
„Sieh mal, ist Kira nicht wunderhübsch geworden?“ sagte sie, als Derek bei uns ankam. Sein Blick glitt über mich – langsam, prüfend – von Kopf bis Fuß. Und dann leckte er sich über die Lippen, schluckte, und wandte sich wortlos zu seiner Frau. Kein Augenkontakt. Kein direktes Wort an mich.
„Ja“, sagte er knapp. Seine Stimme war tief, rau, mit einem Ton, der mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. „Schön, dich wiederzusehen, Kira.“ Er lächelte – vorsichtig, beinahe zurückhaltend – doch seine Augen blieben irgendwo bei meiner Schulter hängen, nie bei meinem Gesicht.
„Nicht so schüchtern, Derek. Ihr habt euch doch früher so gut verstanden. Na los, nimm sie in den Arm“, lachte Olivia und schob ihn spielerisch in meine Richtung. Ich erstarrte. Die plötzliche Nähe ließ meine Gedanken taumeln, mein Körper reagierte schneller als mein Verstand. Ich wich seinem Blick aus, spürte, wie sich Unsicherheit in mir ausbreitete – und gleichzeitig eine seltsame Sehnsucht nach Berührung. Als seine Arme sich um mich legten, war es, als würde mein Herz für einen Moment aussetzen, nur um dann doppelt so stark weiterzuschlagen. Wärme durchflutete mich, ein Gefühl von Sicherheit, das ich nicht erwartet hatte. Und doch war da etwas anderes – etwas, das kribbelte, das sich wie ein elektrischer Impuls durch meinen Körper zog. Meine Arme bewegten sich wie von selbst, schlossen sich um ihn, hielten ihn fest. Zu fest? Seine Hand streifte meinen Rücken, direkt auf der nackten Haut, dort, wo mein bauchfreies Oberteil endete. Ich keuchte – leise, aber hörbar. Direkt in sein Ohr.
Ich löste mich hastig, spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. Und obwohl ich spürte, dass er mich ansah, zwang ich mich, den Blick zu senken. Ich wollte – nein, ich musste – vermeiden, ihm in die Augen zu sehen. Nicht jetzt. Nicht hier. Mein Herz hämmerte. Ich fühlte mich aufgewühlt, überfordert, und gleichzeitig seltsam lebendig.
„Wer ist das?“ Eine helle Stimme durchbrach die Spannung wie ein Schnitt durch Seide. Das Band zwischen uns – dieses unsichtbare Ziehen – löste sich. Ich atmete erleichtert aus. Der kleine Junge zupfte an Dereks Badehose. Ich sah hinunter und erkannte Noah. Ich ging in die Hocke, zwang mich zu einem Lächeln. Kinder waren nicht gerade meine Stärke, aber er war Dereks Sohn. Und Olivia war freundlich gewesen. Es war das Mindeste.
„Ich bin Kira. Die Schwester von Celia und die Tochter von Eddi und Jenna“, erklärte ich ihm sanft.
Also bist du auch meine Schwester?“ fragte er und ich verschluckte mich beinahe. Unsere Familien waren eng verbunden. Wir lebten Tür an Tür, hatten früher jede freie Minute miteinander verbracht. Für ihn war es logisch, dass wir irgendwie zusammengehörten. Aber alles in mir sträubte sich gegen diese Vorstellung. Denn Familie bedeutete Nähe. Und Nähe bedeutete Grenzen. Grenzen, die ich gerade nicht spürte.
„Hmm... nicht ganz. Wie wäre es, ich bin einfach deine beste Freundin?“ Er runzelte die Stirn, dachte kurz nach – und breitete dann die Arme aus, um mich zu umarmen. Irgendwie war er ja süß.
„Na dann, jetzt da alle begrüßt sind, mache ich uns ein paar Cocktails!“ rief meine Mum fröhlich und klatschte in die Hände.
„Warte, ich helfe dir!“ Ich sprang auf und folgte ihr in die Küche. Noah hatte mich aus der Situation mit Derek gerettet – aber das änderte nichts daran, dass zwischen uns etwas war. Etwas, das ich nicht greifen konnte. Oder bildete ich mir das alles nur ein, weil ich ihn so verdammt attraktiv fand?
„Es ist vermutlich merkwürdig für dich, sie alle nach so vielen Jahren wiederzusehen“, sagte meine Mum, während sie Zitronen, Eiswürfel und Säfte aus dem Kühlschrank holte. Ich trat zur Vitrine, griff nach dem Rum – er stand noch immer am selben Platz wie damals. Ein leises Nicken war alles, was ich zustande brachte. Ja, es war merkwürdig. Und nicht nur das. Es war beunruhigend. Denn plötzlich gab es Empfindungen, die früher nicht existiert hatten. Gefühle, die sich still und unerwartet in mir ausbreiteten, wie ein Flüstern unter der Haut.
„Aber du weißt doch, dass sie zu unserer Familie gehören“, fuhr Mum fort, während sie die Zitronen auf dem Schneidebrett ausrichtete. „Es gibt niemanden, dem dein Dad und ich näherstehen als Derek und Olivia. Deshalb hat Noah dich gefragt, ob du seine Schwester bist. Für ihn fühlt es sich einfach so an.“ Ich schluckte. Ja, ich wusste das alles. Ich wusste, wie eng unsere Familien miteinander verbunden waren. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sich etwas verschoben hatte. Etwas Grundlegendes. Und ich konnte nicht so tun, als wäre alles wie früher.
„Ich weiß, Mum. Aber für mich ist es nicht mehr wie früher“, sagte ich leise, während ich Gläser auf einem Tablett verteilte und Eiswürfel hineingleiten ließ. „Ich habe mich verändert. Und ich denke, die Millers auch. Für mich sind sie eher Bekannte als Familie.“
Mum seufzte, ein leiser, enttäuschter Laut, der zwischen den Zitronenscheiben und dem Klirren der Eiswürfel fast unterging.
„Das wird bestimmt wieder“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu mir. „Du wirst sehen, es dauert nicht lange, dann ist alles wieder beim Alten.“
Ich antwortete nicht. Stattdessen wanderte mein Blick durch die Fensterscheibe hinaus in den Garten. Und dort, in sicherer Entfernung, wagte ich es zum ersten Mal, Derek direkt anzusehen. Unsere Blicke trafen sich – und die Welt hielt für einen Moment den Atem an. Das war nicht der Mann, den ich vor sieben Jahren zurückgelassen hatte. Und das waren nicht die Augen, die ich damals kannte. Diese Augen – dunkel, durchdringend, voller unausgesprochener Gedanken – ließen mein Herz schneller schlagen und meinen Atem stocken. Ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog, als würde mein Herz aus meiner Brust fallen und ihm direkt vor die Füße rollen. Früher hatte ich für Derek eine tiefe Zuneigung empfunden, so wie man sie für einen vertrauten Erwachsenen empfindet, der irgendwie zur Familie gehört. Doch jetzt... jetzt war da etwas anderes. Etwas, das vielleicht noch mit Zuneigung zu tun hatte, aber mit Familie ganz sicher nicht mehr. Unsere Blicke verflochten sich ineinander, und keiner von uns schien in der Lage zu sein, wegzusehen. In seinen Augen lag so viel – ein stilles „Schön, dich wiederzusehen“, ein „Ich habe dich vermisst“, vielleicht sogar ein „Geh nie wieder weg“. Und gleichzeitig ein „Verschwinde lieber, bevor es kompliziert wird“. Und ich verstand ihn. Ich gab ihm recht. Es war verwirrend. Und vielleicht wäre es besser, wenn ich einfach wieder verschwinden würde. Aber dann, ganz leise, schlich sich ein anderer Gedanke in meinen Kopf: Vielleicht bilde ich mir das alles nur ein. Vielleicht war da gar nichts. Vielleicht war ich einfach nur überfordert, verletzlich, empfänglich für jede Form von Aufmerksamkeit. Derek war verheiratet. Vater. Fast doppelt so alt wie ich. Es war absurd zu glauben, dass er... dass da etwas sein könnte.
Unsicher wandte ich den Blick ab, zwang mich, mich auf die Minzblätter zu konzentrieren, die ich zupfte. Ihre frische, kühle Textur half mir, wieder zu mir zu kommen. „Ich denke nicht, Mum“, flüsterte ich, mehr zu mir selbst als zu ihr, und runzelte die Stirn. Ich vermied es, erneut aus dem Fenster zu sehen, doch meine Gedanken kreisten weiter um Derek. Die Neugier in mir war zu laut, um sie zu ignorieren.
„Wie war das eigentlich nochmal – Derek und Olivia sind jünger als ihr, oder?“ fragte ich nach ein paar schweigenden Sekunden, so beiläufig wie möglich. Mum begann zu lachen, ein ehrliches, warmes Lachen, das den Raum füllte.
„Sehen wir so alt aus im Vergleich zu den beiden?“ fragte sie neckend. Ich drehte mich zu ihr um und schenkte ihr ein liebevolles Lächeln. „Nein, Mum. Du siehst toll aus. Ich habe mich nur gefragt, weil Noah noch so jung ist.“
Mum und Dad hatten mich ziemlich früh bekommen, weshalb sie jetzt auch nicht wirklich alt wirkten. Aber bei Derek und Olivia war es anders.
„Liv ist sechsunddreißig und Derek achtunddreißig – also drei Jahre jünger als dein Dad und ich“, erklärte sie, während sie die Zitronen auspresste. „Weißt du nicht mehr? Dereks großer Bruder war früher der beste Freund deines Vaters, bevor er gestorben ist.“
Ich sah sie überrascht an, doch irgendwo tief in meinem Gedächtnis begann etwas zu klingeln. Eine Erinnerung, die sich langsam aus dem Nebel schälte. Und während ich versuchte, sie zu greifen, spürte ich erneut dieses Ziehen in der Brust – dieses leise, gefährliche Gefühl, das ich nicht benennen konnte.
„Du warst gerade erst geboren, als das passiert ist“, sagte Mum leise, während sie die Zitronenhälften in der Hand drehte. Ich nickte stumm und ließ meinen Blick wieder nach draußen wandern. Dad und Derek saßen nebeneinander auf der Terrasse und lachten laut über etwas, das sie auf dem Handy betrachteten. Ihr Lachen war ehrlich, tief – und irgendwie berührte es mich. Ich spürte Mitgefühl für beide, aber vor allem für Derek. Wenn ich daran dachte, wie es wäre, meine Schwester zu verlieren… Ich schüttelte den Gedanken ab, bevor er sich festsetzen konnte. Es war gut, wieder hier zu sein. Bei ihr. Bei uns.
„Aber haben Derek und Dad nicht zusammen studiert?“ fragte ich, leicht verwirrt, während ich die Stirn runzelte.
„Doch“, antwortete Mum, während sie die Zitronen auspresste. „Aber bevor die beiden ihr Studium begonnen haben, waren dein Vater und Dereks Bruder Alec gemeinsam auf einem Auslandsjahr – genau wie du damals. Dein Dad musste früher zurück, weil du unterwegs warst.“
Ich nickte langsam, und die Erinnerung an die Geschichte kehrte zurück wie ein Schatten, der sich über den Raum legte.
„Dereks Bruder ist gestorben, als Dad alleine zurückkam“, stellte ich leise fest. Der Gedanke schnürte mir die Kehle zu. Das musste furchtbar gewesen sein.
Mum nickte diesmal ebenfalls, ihr Blick wurde weich und traurig. „Es war eine schwere Zeit für deinen Vater. Wir waren gerade mal neunzehn, hatten ein Baby – dich – und er hatte seinen besten Freund verloren. Er war überfordert, brauchte Abstand. Und dann, eines Tages, stand Derek völlig aufgelöst vor unserer Tür. Sein Leben war aus den Fugen geraten, und er bat deinen Vater um Hilfe.“ Ich sah sie an, während sie sprach, und versuchte mir vorzustellen, wie das damals gewesen sein musste. Zwei junge Männer, beide verletzt, beide auf der Suche nach Halt. „Seitdem sind sie unzertrennlich“, fuhr Mum fort. „Kaum hatte Derek die Highschool abgeschlossen, begannen sie gemeinsam zu studieren. Und schon während des Studiums gründeten sie LifeRecords. Den Rest kennst du.“
Ich nickte, aber mein Blick blieb leer. „Und was war mit dir und mir?“ fragte ich schließlich, die Worte kamen langsamer, schwerer. „Es klingt, als wäre Dad ziemlich beschäftigt gewesen – mit Derek, der Uni, der Firma. Du warst allein. Und hattest ein Baby.“
Mum lächelte traurig, als würde sie sich selbst in dieser Erinnerung wiederfinden. Einen Moment lang schwieg sie, dann sagte sie: „Du musst verstehen, dass es deinem Vater damals nicht gut ging. Er gab sich die Schuld an Alecs Tod, weil er ihn allein gelassen hat.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust, spürte, wie sich eine alte Wunde in mir regte. „Du meinst, er gibt mir die Schuld dafür“, warf ich ein, und meine Stimme klang bitterer, als ich wollte.
Mum seufzte. „Dein Vater hat alles getan, um Derek wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Er hatte das Gefühl, er schuldete es Alec. In dieser Zeit war das das Einzige, was für ihn zählte.“ Sie widersprach mir nicht. Und das tat weh. Es war, als hätte sie mir gerade bestätigt, was ich immer nur vermutet hatte – dass meine Geburt der Auslöser für all das war. Großartig. Ich war keine zwei Stunden zu Hause, und schon fühlte ich mich fehl am Platz. Als wäre ich ein Gast in meinem eigenen Leben. Mein Gesichtsausdruck musste Bände sprechen, denn Mum trat einen Schritt näher, streckte ihre Hand nach mir aus. „Kira…“
Ich drehte mich leicht von ihr weg, versuchte, die aufsteigende Enge in meiner Brust zu ignorieren. „Schon gut, Mum. Es ist lange her. Lass uns zu den anderen gehen.“ Ich zwang mich zu einem aufmunternden Lächeln – das sich falsch anfühlte – griff nach dem Tablett mit den Cocktails und trat hinaus in den Garten. Für die „Kids“ gab es alkoholfreie Varianten, für die Erwachsenen ordentlich Rum. Mein Vater beäugte mein Glas mit hochgezogenen Augenbrauen, als ich es an die Lippen setzte und einen Schluck nahm. Ich ignorierte ihn. Was sollte er auch tun? Ich war dreiundzwanzig. Ich durfte trinken. Ich durfte vieles. Nur nicht fühlen, was ich gerade fühlte.
Mein Blick wanderte unwillkürlich zu Derek, der sich gerade mit Olivia unterhielt. Ich versuchte, seine Mimik zu deuten, suchte nach einem Zeichen – nach irgendetwas, das mir bestätigte, dass ich mir das alles nicht nur einbildete. Aber da war nichts. Oder vielleicht doch? Vielleicht war da ein kurzer Blick, ein Zucken in seinem Gesicht, das mir galt. Vielleicht war es auch nur Wunschdenken. Du bildest dir das alles ein, Kira, flüsterte eine Stimme in mir. Er ist verheiratet. Hat ein Kind. Und du bist... du bist einfach zu jung. Aber die Stimme war nicht laut genug, um das Gefühl zu übertönen, das sich in mir festgesetzt hatte. Dieses leise, gefährliche Ziehen, das sich nicht abschütteln ließ.
„Kira, deine Mutter hat mir erzählt, dass du eigentlich mit deinem Freund herkommen wolltest. Wie hieß er noch gleich?“ Olivias Stimme war freundlich, beinahe beiläufig, doch die Frage traf mich wie ein kleiner Stich unter die Haut – nicht schmerzhaft, aber unangenehm genug, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog, während ich innerlich seufzte. Der Tag hatte bereits genug emotionale Wendungen genommen, und ich war müde vom Verstecken, vom Lächeln, vom so-tun-als-ob.
„Brien“, antwortete Derek – schneller, als ich selbst hätte reagieren können. Etwas in seiner Stimme war anders, kaum merklich, aber für mich spürbar. Sie klang gedämpft, fast rau, als würde ein Gedanke darin stecken, den er nicht aussprechen wollte. Ich hob den Blick nur kurz, registrierte, dass niemand sonst darauf reagierte, und zwang mich, ebenfalls so zu tun, als hätte ich nichts bemerkt. Doch mein Herz hatte es gehört – und es schlug plötzlich ein wenig schneller.
„Ja, er wollte eigentlich mitkommen“, log ich, während ich einen Schluck von meinem Cocktail nahm, der mir plötzlich viel zu stark schmeckte. „Aber er hat mit seiner Band gerade viel zu tun und konnte deshalb nicht.“
„Er spielt in einer Band?“ Olivia klang interessiert, ihr Blick wanderte zu Dad und Derek, und ich konnte mir vorstellen, wie sie bereits überlegte, ob LifeRecords ihn unter Vertrag nehmen könnte – vorausgesetzt, er war gut genug.
„Wie cool!“ rief Celia begeistert, ihre Stimme hell und unbeschwert. Ich zwang mich zu einem Grinsen, doch innerlich fühlte es sich falsch an. Ich log jeden Einzelnen von ihnen an. Und das hier war meine Familie. Eigentlich sollte Ehrlichkeit selbstverständlich sein – aber das hatte ich längst verlernt. Dank meines Vaters. Sie wussten ja nicht einmal, dass ich länger als nur die Semesterferien bleiben würde. Ich wollte mir nicht die Blöße geben, schon wieder gescheitert zu sein. Nicht vor ihm. Nicht vor Derek.
„Ja, er ist Sänger“, erklärte ich knapp, bemüht, meine Stimme ruhig zu halten. Mum begann plötzlich laut zu lachen, ein unerwartetes, herzliches Lachen, das mich irritiert innehalten ließ. Auch Olivia schmunzelte.
„Was für ein Zufall“, sagte Mum und warf Dad einen vielsagenden Blick zu. Ich sah in die Runde, verwirrt. Hatte ich etwas verpasst?
„Kann mir jemand erklären, was so lustig daran ist, dass Kiras Freund Sänger in einer Band ist?“ fragte Cassi, die skeptisch die Augenbrauen hob und die Arme vor der Brust verschränkte.
„Ungefähr in eurem Alter“, begann Mum und deutete auf Cassi und Celia, „hatten eure Dads, Dereks Bruder und zwei andere Jungs auch eine Band. Sie nannten sich die ‚Thundermans‘. Und Eddi war der Frontsänger.“
Celia, Cassi und ich brachen in schallendes Gelächter aus. Mein Vater – ein Sänger? Das Bild war so absurd, dass ich es kaum ernst nehmen konnte. Ich versuchte mir vorzustellen, wie er mit Gitarre auf einer Bühne stand, mit schiefem Grinsen und zu viel Haargel. Unmöglich.
„Mit dem Unterschied, dass wir irgendwann vernünftig geworden sind“, brummte Dad und nahm einen Schluck aus seinem Glas, „und angefangen haben zu studieren und eine Firma aufzubauen. Dein Freund ist doch bestimmt in deinem Alter. Studiert er wenigstens nebenbei?“
„Nein, er ist hauptberuflich Musiker“, antwortete ich, bemüht, ruhig zu klingen. „Sie können davon leben. Er ist wirklich gut.“ Es war nicht gelogen – aber auch nicht die ganze Wahrheit. Die letzten Jahre waren oft schwierig gewesen. Ich hatte studiert, gejobbt, während Brien mit der Musik kaum genug für uns beide verdiente. Und trotzdem verteidigte ich ihn. Warum eigentlich? Vielleicht, weil ich noch nicht bereit war, ihn loszulassen. Oder weil ich nicht wollte, dass sie wussten, wie sehr ich mich geirrt hatte.
Vielleicht auch, weil ich mich selbst noch nicht ganz davon überzeugt hatte, dass es wirklich vorbei war. Dass ich wirklich allein hier war.
„Cool, dann schreiben sie auch ihre eigenen Songs?“ fragte Cassi, sichtlich beeindruckt. Ich nickte. Naja, dachte ich, eigentlich habe ich die meisten ihrer Songs geschrieben. Aber das behielt ich für mich. Ich wollte nicht noch mehr Fragen provozieren.
„Wie heißt die Band?“ Cassi zückte ihr Handy, bereit, den Namen bei YouTube einzugeben.
„Enemies“, sagte ich knapp. Der Name schmeckte bitter auf meiner Zunge. Ich war noch nicht bereit, Brien wiederzusehen – nicht einmal in einem Video. Nicht heute.
„Ihr könnt euch ja die Videos ansehen“, fügte ich hastig hinzu und stand auf. „Ich gehe mich umziehen. Es ist echt viel wärmer hier als in London.“ Ohne auf eine Antwort zu warten und bevor sie das Video starten konnten, verließ ich den Garten und machte mich auf den Weg in mein altes Zimmer. Mein Herz pochte schneller, als ich die Treppe hinaufstieg. Nicht nur wegen Brien. Auch wegen Derek. Und wegen der Frage, die sich wie ein Echo in meinem Kopf festsetzte: Was, wenn ich mir das alles nur einrede? Was, wenn ich in ihm etwas sah, das nie da war?
Ich blieb kurz auf der obersten Stufe stehen, lauschte dem Lachen, das durch das offene Fenster drang, und spürte, wie sich ein seltsames Ziehen in meiner Brust ausbreitete – wie Heimweh nach etwas, das ich nie wirklich hatte. Vielleicht war es nicht Derek, den ich vermisste. Vielleicht war es das Gefühl, gesehen zu werden.
Wieder hatte sich nichts verändert. Es war, als hätte die Zeit in diesem Zimmer einfach pausiert, als wäre ich nie wirklich fort gewesen. Die Poster an den Wänden – Boybands, Solokünstler, ein paar vergilbte Erinnerungen an Teenagerträume – hingen noch immer dort, leicht ausgeblichen, an den Rändern löste sich der Kleber, als würden sie sich langsam selbst verabschieden. Der Raum war ordentlicher als in meiner Erinnerung. Früher lagen hier überall Klamotten, Schminkzeug, halb geöffnete Zeitschriften, die ich nie zu Ende gelesen hatte. Jetzt wirkte alles aufgeräumt, fast steril. Als hätte jemand versucht, die Spuren von mir zu verwischen, ohne sie ganz zu löschen. Ich öffnete meinen Koffer, der sich wie ein Symbol für mein altes Leben anfühlte – halb voll, halb leer, chaotisch gepackt, wie mein Kopf. Ich kramte nach einem Bikini, irgendetwas Leichtem, Unkompliziertem. Der erste, den ich zu fassen bekam, war schwarz, knapp geschnitten, mit Lederapplikationen, die mehr zeigten als verbargen. Ich hielt ihn einen Moment lang in der Hand, betrachtete ihn, als müsste ich mich selbst fragen, ob ich ihn wirklich tragen wollte. In einem Schwimmbad hier in Little Falls? Niemals. Aber für den Garten, für die Sonne, für den Moment... vielleicht. Und irgendwie gefiel mir der Gedanke, dass Derek mich darin sehen würde. Ich hasste mich ein bisschen für diesen Gedanken. Aber ich ließ ihn zu.
Als ich den Bikini anzog und mich im Spiegel betrachtete, sah ich eine Frau, die ich nicht ganz erkannte. Der Stoff verdeckte gerade so das Nötigste, setzte meine Brüste in Szene, ließ meine Hüften weich wirken, meine Haut golden im Licht. Ich fühlte mich selbstbewusst. Sexy. Und gleichzeitig verletzlich. Die kleinen Speckpölsterchen an Bauch und Hüfte, die ich früher nie hatte, waren da – und ich sah sie. Aber sie störten mich nicht. Nicht wirklich. Was mich störte, war das Gefühl, dass ich mich gerade für einen Mann zurechtmachte, der nicht mein Mann war. Und dass ich das wollte. Ich setzte mich aufs Bett, zog die Knie an die Brust und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Mein Herz war schwer. Nicht wegen Derek. Nicht nur. Sondern wegen Brien. Wegen allem, was gewesen war. Sieben Jahre. Sieben Jahre Liebe, Streit, Versöhnung, Alltag, Zukunftspläne. Und dann – eine andere Frau. Ein anderes Bett. Ein anderes Leben, das nicht mehr meines war. Ich hatte ihn geliebt. Ich liebte ihn vielleicht immer noch, auf eine kaputte, zersplitterte Weise. Und trotzdem hatte ich ihn verlassen. Oder er mich. Ich wusste nicht, wer von uns zuerst gegangen war. Vielleicht war es schon lange vorbei gewesen, bevor ich es gemerkt hatte. Ich fragte mich, ob ich Derek nur deshalb so intensiv wahrnahm, weil ich verletzt war. Weil ich jemanden brauchte, der mich sah. Der mich wollte. Der mir das Gefühl gab, nicht austauschbar zu sein. Vielleicht war das alles nur eine Projektion. Vielleicht war es gar nicht echt. Aber dann erinnerte ich mich an seinen Blick. An die Art, wie er mich ansah, ohne mich wirklich anzusehen. An das Zögern in seiner Stimme, als er meinen Namen sagte. Und ich spürte wieder dieses Ziehen in der Brust, dieses leise, gefährliche Kribbeln, das sich nicht abschütteln ließ.
Ich war verwirrt. Zerrissen. Und ich wusste nicht, ob ich mich gerade neu erfand oder einfach nur verlor. Vielleicht musste ich mir selbst erst wieder begegnen, bevor ich jemand anderem begegnen konnte. Vielleicht war das hier – dieses Zimmer, diese Stadt, dieser Sommer – genau dafür da. Ich stand auf, strich den Bikini glatt und atmete tief durch. Ich war nicht bereit. Nicht für Brien. Nicht für Derek. Nicht einmal für mich selbst. Aber ich war hier. Und das war ein Anfang.
Als ich wieder zu den anderen in den Garten trat, war es meine Schwester, die mich als Erste bemerkte. Ihr Blick wanderte über meinen Körper, blieb kurz am Bikini hängen, bevor sie die Augenbrauen anerkennend hob.
„Wow, Schwesterchen“, sagte sie mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Bewunderung und neckender Provokation lag.
Mum und Dad sahen mich ebenfalls an, ihre Mienen jedoch waren weniger eindeutig. Sie schienen nicht recht zu wissen, was sie von meinem Aufzug halten sollten – zu viel Haut, zu wenig Tochter. Ich spürte, wie sich mein anfängliches Selbstbewusstsein langsam verflüchtigte, wie Unsicherheit sich stattdessen in mir ausbreitete und sich wie ein dünner Schleier über meine Haut legte. Den Blick zu Derek versuchte ich zu vermeiden. Ich wusste, dass er irgendwo dort saß, dass seine Augen vielleicht schon auf mir lagen – und genau deshalb wagte ich es nicht, hinzusehen.
„Ich wollte eine Runde schwimmen gehen“, murmelte ich, obwohl niemand etwas gesagt hatte. Die Worte klangen wie eine Verteidigung, obwohl niemand mich angegriffen hatte. Ich drehte mich um und lief zum Pool, spürte die Blicke in meinem Rücken, spürte mein Herz, das sich schneller zu schlagen begann. Das Wasser war kühl, erfrischend, wie eine kurze Flucht aus der Hitze meines eigenen Kopfes. Ich tauchte unter, ließ die Welt für einen Moment verschwinden, und als ich wieder auftauchte, wagte ich es – zum ersten Mal – zu Derek aufzusehen.
Und da war er. Sein Blick traf mich, direkt, unverstellt, und ich wusste in diesem Moment, warum ich den Bikini gewählt hatte. Warum ich ihn trug. Es war dumm, oberflächlich, vielleicht sogar ein wenig verzweifelt – aber ich hatte es getan, um diesen Blick zu bekommen. Diesen einen, der sich wie Feuer auf meiner Haut anfühlte, der jede Zelle meines Körpers zum Leben erweckte. Leidenschaftlich. Intensiv. Und vollkommen fehl am Platz. Es war absurd. Wir kannten uns seit meiner Geburt. Er hatte mich auf dem Arm gehalten, mir Geschichten vorgelesen, mir Fahrradfahren beigebracht. Und jetzt? Jetzt löste sein Blick etwas in mir aus, das ich nicht kontrollieren konnte. Ich verstand nicht, warum mein Körper so reagierte. Warum mein Herz schneller schlug, warum meine Gedanken sich um ihn drehten, obwohl sie sich um ganz andere Dinge drehen sollten. Ich war hier, um Abstand zu gewinnen. Um mein Leben zu sortieren. Um herauszufinden, wer ich war, nachdem alles auseinandergebrochen war.
Brien. Der Name allein tat weh. Sieben Jahre. Sieben Jahre Liebe, Gewohnheit, gemeinsame Pläne. Und dann – eine andere Frau. Ein anderes Bett. Ein anderes Leben, das nicht mehr meines war. Ich hatte ihn verlassen, ja. Aber manchmal fühlte es sich an, als hätte er mich schon lange vorher verlassen. Vielleicht war ich ihm zu vertraut geworden. Zu sicher. Zu langweilig. Und jetzt war ich hier, in einem fremd gewordenen Zuhause, mit einem fremd gewordenen Ich, das sich nach einem Mann sehnte, den es nicht haben durfte. Ich schämte mich für meine Gedanken. Für das Kribbeln, das Dereks Blick in mir auslöste. Für die Fantasien, die sich leise in meinem Kopf formten, obwohl ich sie sofort wieder verdrängte. Vom psychologischen Standpunkt aus betrachtet, war das vermutlich ein klassischer Fall von Verdrängung. Ich stürzte mich in das nächste emotionale Chaos, nur um dem aktuellen zu entkommen. Aber das machte es nicht besser. Es machte es nur komplizierter. Und falsch. Auf jede erdenkliche Weise falsch. Ich musste mir Derek aus dem Kopf schlagen. Dringend. Und doch wusste ich, dass ich es nicht konnte. Nicht jetzt. Vielleicht nicht jemals.
Später, als ich in meinem Bett lag, das Fenster geöffnet, die Sommerluft warm auf meiner Haut, hörte ich das Lachen meiner Familie von draußen. Es klang unbeschwert, fröhlich, wie ein Echo aus einer Zeit, die mir nicht mehr gehörte. Ich fühlte mich fehl am Platz. Als wäre ich zu Besuch in meinem eigenen Leben. Als hätte die Welt sich weitergedreht, während ich stehen geblieben war.
Und vielleicht war das das eigentliche Problem – nicht Derek, nicht Brien, sondern ich. Ich wusste nicht mehr, wo ich hingehörte.









wow😍 da bin ich aber gespannt , wie es weitergeht…! 🙋♀️
Wow, da geht es ja schon von Anfang an ziemlich hitzig zu. Ich bin gespannt wie lange die beiden sich erfolgreich aus dem Weg gehen können. Das kann nicht gut gehn 😍
Das ist schon ewig her, dass ich diese Story gelesen habe und ratz fatz war sie weg und es kamen keine updates mehr. Fange nochmals von vorne an..., auch nur weil sie wirklich spannend war. Hoffe, dass sie auch online beendet wird.