Akademie Umbrea et Luminis
Heute setze ich zum ersten Mal meinen Fuß auf das unbekannte Terrain von Hampstead Heath. Es ist, als treibe ich wie ein kleines, verlorenes Boot auf offener See. Mein Vater entschwindet für ein ganzes Jahr in die unermesslichen Weiten Amerikas – und ich werde zu meinem Großvater in die Natur verbannt. Mit meinen gerade achtzehn Jahren fühle ich mich kaum fähig, für mich selbst zu sorgen. Aufgewachsen in der Hektik der Stadt, im grauen Beton und dem nie verstummenden Dröhnen des urbanen Lebens, spüre ich dennoch ein leises Ziehen in mir. Etwas sagt mir, dass ich zwischen diesen gigantischen Bäumen vielleicht doch einen Platz finde. Ich war immer allein, das weiß ich genau. Seit ich denken kann, gibt es niemanden, der mir ein Lächeln schenkt oder mein Dasein wahrnimmt. Ich gehöre zu jenen, die sich in die dunkelsten Winkel zurückziehen, verloren in Liebesromanen, in der hoffnungslosen Erwartung, in einer anderen, besseren Welt zu erwachen. Aber das geschieht nie. Die Realität ist ein eisiger Sturm. Sie umhüllt mich gnadenlos, verschlingt mich in einem Labyrinth aus Dunkelheit und Verzweiflung. Und das kleine, brüchige zweistöckige Haus am glitzernden Wasser ist nur eine trügerische Zuflucht – kein Schutz vor den Schatten, die nach mir greifen.
»Wir sind da, kleine Hera. Ich trage deine Sachen ins Haus«, sagt der Fahrer, als er den Wagen zum Stehen bringt. Mein Großvater steht bereits am Fenster. Ungeduldig, doch mit einem Lächeln, das heller scheint als die trübe Atmosphäre.
»Hera! Meine Kleine!« Seine Stimme strahlt, als wäre ich ein ersehntes Wunder. Ich verlasse das Auto, gehüllt in meinen schwarzen Mantel. Mit einem zögerlichen Lächeln trete ich ihm entgegen.
»Du bist ja so groß geworden! Und so wunderschön! Komm her, mein Kind.« Langsam, mit Mühe, stützt er sich auf seinen Gehstock und steigt die Stufen hinab.
»Vorsicht, Großvater, sonst fällst du noch.« Ich greife nach seinem Arm.
»Ach, ich bin Schlimmeres gewöhnt. Komm, ich zeige dir dein Zimmer. Ich habe es für dich neu streichen lassen.« Seine Worte klingen warm, und ich nicke, während wir das vertraute Haus betreten. Überall Kreuze und brennende Kerzen, die Gardinen zugezogen, als fürchte er die Welt da draußen.
»Du hattest eine lange Reise. Ruh dich aus, dann essen wir gemeinsam. Morgen zeige ich dir deine Schule«, redet er. Wir steigen die knarrende Treppe hinauf, das alte Holz stöhnt unter unseren Schritten. Ich stütze ihn, während mein Blick an den Wänden hängenbleibt. Überall Gemälde: mächtige, strahlende Wesen, die gegen ein schwarzes Ungeheuer kämpfen. Ein strahlendes Wesen, so hell, dass sein Licht beinahe schmerzt. Seine Flügel bestehen aus reiner Helligkeit, aus einer Flamme, die nicht verbrennt, sondern heilt. Seine Augen funkeln wie ferne Sterne, die in der schwärzesten Nacht den Himmel durchbrechen. Um seinen Körper legt sich eine Aura aus Reinheit, so klar, dass mir der Atem stockt. Jede Faser von ihm scheint aus Licht gewebt, jede Ader wie ein Strom. Eine silberne Rüstung bedeckt sein Innerstes – als schütze sie das Mysterium seiner Macht. Doch nichts überragt die Anmut seiner Flügel: Sie breiten sich aus wie die Säulen eines Tempels, schweben voller Hoffnung und Frieden und erfüllen die Welt mit strahlendem Glanz.
Dann ein anderes Wesen… der… Schatten. Ein majestätisches Monster, dessen Hörner wie Türme in den Himmel ragen. Seine Augen, glutrot, brennen wie Kohlen in der Nacht. Sein Leib ist reine Muskelkraft, jede Ader ein Schattennetz, das seine Gewalt offenbart. Eine metallene Rüstung schützt sein Innerstes – als trüge sie das Geheimnis seiner Macht. Doch nichts übertrifft die Pracht seiner Flügel: riesig wie die Hallen eines Schlosses, schneiden sie durch die Lüfte, werfen ihren Schatten über die Welt. Freiheit und Schrecken zugleich.
Beide kämpfen gegeneinander. Zwei Gegensätze, verschlungen in einem ewigen Tanz, die Klinge gegen die Finsternis. Zwischen ihnen liegt eine Frau. Sie trägt ein Kleid, weiß wie Schnee, und ruht in einem Meer aus Rosen. Blut färbt den Stoff. Ihre Augen bleiben geschlossen, gefangen in einem traumlosen Schlaf. Ein Bild von unerträglicher Traurigkeit, das mitten in diesem kleinen Haus hängt – und doch wie eine andere, viel größere Wahrheit wirkt. Etwas in mir will den Blick abwenden, doch ich kann nicht. Das Gemälde zieht mich in seinen Bann, als würde es mehr von mir wissen, als ich selbst ahne.
»Kennst du die Geschichte von den Elyora – den Lichtwandlern – und den Nerathin – den Schattenboten?« Großvaters Stimme reißt mich aus der Trance. Wir bleiben vor dem Bild stehen.
»Die Legende erzählt, dass diese Wesen noch heute unter uns wandeln. Sie sehen aus wie Menschen, doch ihre Schönheit verrät, dass sie nicht von dieser Welt sind.« Seine Worte hallen in mir wider, während er mit einer langsamen Handbewegung die Figuren deutet.
»Niemand weiß, warum sie hier sind.« Er öffnet die Tür zu meinem Zimmer. So folge ich. Alles voller Nostalgie.
»Und? Gefällt es dir?« Seine Stimme klingt voller Stolz.
»Ja, sehr sogar«, antworte ich.
»Ruhe dich aus, Kind. Danach essen wir.« Er schenkt mir ein Lächeln, bevor er mir den Raum überlässt. Ich bleibe auf dem großen Bett sitzen, das gegenüber dem Fenster steht. Über mir wacht ein weiterer Elyora, gemalt an der Wand. Seine Augen sind von einem Blau, das mich an den Ozean erinnert – weit, endlos, unergründlich. Doch dunkle Schatten umspielen sein Gesicht, als ob selbst das Licht in ihm bedroht wäre. Ich spüre, wie mir unruhig wird. Ein Geräusch. Leise, kaum hörbar. Sofort richte ich meinen Blick zum Fenster. Nichts. Mein Herz hämmert, während ich aufstehe und das Fenster öffne. Dort, auf dem Fensterbrett, liegt eine einzelne weiße Feder. Rein. Strahlend. Als würde sie das Mondlicht trinken. Ich will sie greifen – da klingelt plötzlich mein Handy. Erschrocken zucke ich zusammen, die Feder entgleitet mir und fällt in die Nacht. Mit zitternden Fingern ziehe ich mein Handy aus der Jackentasche.
»Schatz? Bist du gut angekommen?«, fragt mein Vater, Jack. Seine Stimme klingt so fern.
»Ja, Papa. Ich bin gerade angekommen.« Ich hänge meine Jacke über den Stuhl.
»Schatz, hör mir gut zu«, sagt er hastig, als wolle er jedes einzelne Wort in mich hineinpressen.
»Wenn du irgendetwas brauchst – wirklich irgendetwas – benutzt du sofort die Kreditkarte, verstanden? Und wenn dir irgendetwas in der Schule schwerfällt, rufst du mich an. Mach dir das Leben bitte nicht noch komplizierter, als es schon ist. Du bist klüger, als du denkst, und viel stärker, als du dir zutraust«, redet er. Ich beiße mir auf die Lippe. So stark fühle ich mich nicht.
»Gib den Leuten eine Chance. Gib dir selbst eine Chance.« Er seufzt. Seine Stimme wird leiser, verletzlicher.
»Und wenn dir irgend so ein Junge zu nahekommt, rufst du mich sofort an, hörst du?«, spricht er. Ich senke den Blick, mein Herz schwer. Ach, Papa. Ich bin eine einsame Seele.
»Versprich mir nur eins«, sagt er schließlich.
»…, dass du auf dich aufpasst. Das ist alles, was ich will. Mehr verlange ich nicht«, redet er.
»Das mache ich. Bis dann, Papa«, sage ich leise, beende den Anruf und lege mein Handy mit einem dumpfen Geräusch auf den Tisch. Langsam gehe ich zum Schrank, wo mein Blick an etwas Dunklem hängen bleibt. Ich knie mich hin, strecke die Hand aus und ziehe das Objekt hervor. Es ist ein Buch – schwer, als würde es nicht nur aus Papier bestehen, sondern aus all den Jahren, die es überdauert hat. Der Einband ist rissig, das Leder spröde, gezeichnet von der Zeit. Staub liegt so dick darauf, dass ich erst kräftig pusten muss, um überhaupt etwas erkennen zu können. Die Partikel tanzen im schwachen Kerzenschein, als wären sie kleine Funken, die sich im Raum verlieren. Und dann sehe ich die Worte. Deutlich, klar, fast zu lebendig für ein so altes Werk.
»Die verbotene Liebe des Skals.« Mit meinen Worten klingelt mein Handyalarm. Müde und erschrocken zugleich zucke ich auf, greife nach meinem Handy und erkenne, dass die Live-Übertragung meiner Lieblingsautorin beginnt. Hastig lege ich das alte Buch, das noch immer schwer in meinen Händen liegt, auf den Tisch und krieche unter die Decke, als könnte sie mich vor allem beschützen, was jenseits des Lichts meines Bildschirms liegt.
»Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier sind und mich nicht allein gelassen haben«, beginnt sie mit warmer, eindringlicher Stimme.
»Heute werden wir ein paar Auszüge aus meinem neuen Werk: Verliebt in den Teufel lesen. Es erzählt, wie die Bindung zweier gegensätzlicher Wesen sie unwiderstehlich zueinander treibt – und doch in einer Flamme der Leidenschaft zerstört.« Sie öffnet das Buch, und mit ihrem ersten Satz verändert sich die Atmosphäre in meinem Zimmer, als wäre die Luft schwerer geworden.
»Oh, Lucifer, verrate mir, wie ich dich in deiner Flamme lieben soll? Du zerstörst alles, was du berührst, und bringst nur Unheil über mich. Sag mir, Lucifer… wie soll ich dich lieben, wenn du mich verbrennst?«
Meine Lider beginnen schwer zu werden. Die Worte sickern in mich hinein, wie ein ferner Gesang, süß und schmerzhaft zugleich.
»Ich werde dich ehren und lieben, bis keine Flamme der Hölle mehr glüht«, fährt sie fort.
»Vertraue mir, Geliebte! Ich brauche dich… ich brauche dich. Damit ich lieben kann.« Vor meinem inneren Auge sehe ich die Szene: eine Frau in Weiß, ein Teufel in Flammen.
»Ich werde gehen…«, haucht sie leise. Lucifer erstarrt. Sein Herz zerbricht in meiner Vorstellung, als ihre Worte ihn treffen.
»Nein! Tue es nicht, Geliebte! Zerstöre mich nicht!«, ruft er, seine Stimme bebt vor Verzweiflung. Doch sie bleibt standhaft.
»Du hast mir wehgetan, Lucifer. Und du hast dich nicht einmal entschuldigt.«
»Das habe ich! Das habe ich!«, ruft er, als würde er in Stücke gerissen.
»Auf Wiedersehen, Lucifer.«
Ein Schauer jagt mir über die Haut. Ich öffne die Augen und sehe in die Dunkelheit meines Zimmers. Für einen Moment glaube ich, nicht allein zu sein.
»Und so… verbrannte Lucifer in Asche, während seine Geliebte glücklich weiterlebte«, beendet sie.
Lucifer…
Die Stimme verklingt. Meine Augen erlahmen…
»Hera?«
»Hera?«
»Hera?«
Ich reiße die Augen auf. Es ist Großvaters Stimme, gedämpft, aber eindringlich. Ich blinzle, richte mich mühsam auf.
»Du hast das Abendessen verschlafen, Schatz. Es ist schon Morgen geworden, und heute musst du zur Schule. Ich habe dich bereits angemeldet. Wir sind ein wenig spät dran«, sagt er. Ich sehe zum Fenster. Die Nacht ist verschwunden. Ein fahles Morgenlicht ergießt sich ins Zimmer, als hätte jemand heimlich die Zeit übersprungen.
»Zieh dich an und komm dann runter. Ich habe dir Frühstück für unterwegs vorbereitet.« Mit seinen Worten zwinge ich mich aus dem Bett. Ich wähle meinen engen, schwarzen Rollkragenpullover, dazu den kurzen roten Karo-Rock und dicke Strumpfhosen, die zu meinen Boots passen. Meine langen, glatten, hellbraunen Haare binde ich straff in zwei Teile, als müsste ich eine Rüstung anlegen. Dann schlüpfe ich in meinen schwarzen Mantel. Großvater wartet bereits mit einem Taxi. Auf der Fahrt zur Schule klopft mein Herz schneller. Vor uns erhebt sich ein altes, ehrwürdiges Gebäude mitten im Wald, direkt am Wasser. Vor den Toren parken luxuriöse Autos und Motorräder – alles wirkt fremd, glänzend, abweisend.
»Na komm, Schatz. Die Schuldirektorin wartet schon auf dich«, sagt Großvater sanft und hält mir die Tür auf. Wir betreten die Halle, hoch wie eine Kathedrale. Überall diese Wesen – in Schwarz und Weiß, Licht und Schatten, wie das Herz dieser Stadt.
»Da sind Sie ja. Ich dachte schon, es sei etwas passiert.« Die Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Vor uns steht eine auffallend schöne Frau, deren blonder Haarschnitt streng und elegant zugleich wirkt. Ihr roter Barockanzug verleiht ihr eine fast theatralische Erscheinung, als wäre sie selbst Teil eines alten Gemäldes.
»Ich bin ein alter Mann und habe lange gebraucht, um die Treppen herunterzusteigen«, entgegnet Großvater charmant und reicht ihr die Hand.
»Sonst wäre meine Enkeltochter schneller hier gewesen«, sagt er. Sie lächelt geschmeichelt, ihre grauen Augen mustern mich aufmerksam.
»Da bin ich mir sicher. So schön wie sie aussieht.« Ihre Worte lassen mir die Röte ins Gesicht steigen, und ich blicke hastig zu Boden.
»Harper Charles«, stellt sie sich vor.
»Direktorin der Akademie.« Und reicht mir die Hand. Ich schüttle sie.
»Sie können unbesorgt gehen. Wir passen gut auf Ihre Enkeltochter auf. Schließlich haben wir hier keine Dämonen, nicht wahr?« Sie lächelt und legt ihm kurz die Hand auf die Schulter, als sei es nur ein Scherz. In diesem Moment höre ich hinter mir ein leises Kichern. Ich drehe mich um und sehe ein Mädchen, das gerade aus der Toilette tritt. Ihre langen blonden Haare glänzen makellos, gehalten von einem weißen Band, das sie fast wie eine Puppe wirken lässt. Graue Augen, glatt und kühl wie Eis, mustern mich mit überheblicher Neugier. Sie trägt dieselbe rote Uniform wie alle anderen, doch ihr Hemd hat sie hochgeknotet, sodass ihr Bauch frei bleibt, und die Krawatte hängt lose. Ihre Kniestrümpfe schmiegen sich makellos an ihre Beine, und doch ist es ihr Blick, der mich trifft – spöttisch, fordernd.
»Sophia!«, ruft Frau Harper streng, ihre Stimme durchbricht das Kichern.
»Zieh deine Uniform ordentlich an! Die Regeln dieser Schule gelten für alle!«, redet sie. Das Lächeln verschwindet von Sophias Lippen. Mit einem genervten Seufzen zerrt sie ihr Hemd herunter. Ich spüre, dass dies kein Ende, sondern ein Anfang ist.
»Verabschiede dich von deinem Großvater und folge mir, Hera«, sagt Frau Harper sanft. Großvater greift in die Innentasche seines abgetragenen Mantels. Mit einem verschmitzten Lächeln zieht er eine kleine Box hervor, liebevoll in Papier eingeschlagen.
»Hier, mein Herz. Dein Kuchen für später«, sagt er. Ich nehme sie an, halte sie fest an mich gedrückt, als wäre sie mehr als nur eine Mahlzeit – vielleicht ein Stück Geborgenheit, das er mir mitgibt. Mein Hals ist trocken, ich kann kaum Danke sagen. Doch noch ehe ich die Worte formen kann, höre ich ein helles, spöttisches Kichern. Sophia läuft gerade an uns vorbei, ihr Blick bleibt an der Box hängen, und in ihrem Grinsen liegt etwas Giftiges. Sie mustert mich von oben bis unten, als sei ich ein jämmerliches kleines Mädchen. Ich halte den Atem an, starre nur auf die Box, während die Röte mir ins Gesicht steigt. Erst als ihre Schritte verhallen, wage ich, wieder Luft zu holen.
»Viel Spaß in der Akademie, Liebes«, flüstert Großvater. Dann küsst er mich auf die Stirn und drückt mir sanft die Schulter. Ich nicke, dankbar und gleichzeitig verloren, als er sich umdreht und hinausgeht. Plötzlich bin ich allein. Klein. Verloren zwischen diesen gewaltigen Wänden, die wie eine Kathedrale über mir thronen.
»Komm später in mein Büro«, sagt Frau Harper, als wir durch die Halle schreiten. Ihre Stimme ist freundlich, doch in ihr liegt etwas Unnachgiebiges, etwas, das keinen Widerspruch duldet.
»Dort bekommst du deine Schuluniform. Und Ersatz« Ihr Lächeln wirkt wie eine Geste der Fürsorge, doch ich spüre den Nachdruck, mit dem sie diese Worte an mich richtet.
»Die Regeln unserer Akademie sind einfach.« Ihre Worte klingen beiläufig, aber jeder Satz legt sich schwer auf mein Herz, als sei er Teil eines unsichtbaren Schwurs.
»Seid freundlich zueinander. Keine Gewalt. Und hört auf, euch in Mutproben zu beweisen. Die Dunkelheit braucht keine Einladungen«, sagt sie. Ein Klingeln durchschneidet die Stille wie ein Riss im Raum. Ihr Handy. Sie wirft nur einen flüchtigen Blick darauf, hebt dann den Kopf und ruft mit einer Stimme, die durch den Korridor hallt – klar, befehlend, voller Autorität.
»Michael! Komm sofort her! Bring Hera in ihre Klasse!«, verlangt sie. Ich folge ihrem Blick – und sehe ihn. Ein Junge läuft den Gang entlang, so mühelos und leichtfüßig, als würde er nicht über den Boden gehen, sondern schweben. Sein Haar: Weißblond, lockig, glänzend, fast zu vollkommen, fällt in seidenen Strähnen über die Schultern. Seine Haut: bleich, porzellanfarben, makellos, als sei sie nie von der Sonne berührt worden. Doch es sind seine Augen, die mich fesseln. Eisblau. So tief und unergründlich, dass ich das Gefühl habe, er könnte jede meiner Gedanken wie eine Seite in einem offenen Buch lesen. Als er vor mir steht, lächelt er. Warm, höflich, beinahe beruhigend. Und doch spüre ich, wie mein Herz aus dem Takt gerät, als hätte es etwas erkannt, das mein Verstand noch nicht begreifen will.
»Es freut mich, dass du den Weg hierher gefunden hast, ohne dass dir etwas zugestoßen ist«, sagt er. Seine Stimme ist sanft, voller Melodie – und klingt zugleich wie ein Versprechen, das man nicht hinterfragen darf.
»Ist… ist die Gegend gefährlich?«, frage ich leise, überrascht von meinen eigenen Worten.
»Nicht, solange du die richtigen Entscheidungen triffst.« Dann greift er in seine Jackentasche, zieht einen weißen Federstift hervor, der im Licht fast zu glühen scheint, und reicht ihn mir.
»Den wirst du brauchen. Herr Josh lässt uns gern viel schreiben.« Seine Finger streifen meine Hand. Nur einen Atemzug lang, und doch zu intensiv. Eine Welle von Wärme durchzuckt mich – zu warm, brennend fast, als hätte mich Feuer berührt.
»Bitte sehr.« Mit einer eleganten Bewegung öffnet er die Tür zum Klassenraum. Er wendet den Blick nicht von mir ab, seine Augen ruhen auf mir, fest, unerträglich schön – und gefährlich nah. Mit klopfendem Herzen trete ich über die Schwelle. Die Klasse ist von einer Eleganz, die mich sofort einschüchtert. Hohe Decken wölben sich über mir, die großen Fenster lassen das Licht in Strömen hereinfallen und werfen bunte Schimmer auf den Boden, die durch die kunstvoll eingefassten Glasflächen gebrochen werden. In den Ecken ragen mächtige Statuen aus purem Gold empor, ihre Flügel weit ausgebreitet, als wachten sie über jeden Atemzug, der hier getan wird. Die Schüler sitzen kerzengerade an ihren Plätzen, ihre Mappen und Stifte ordentlich ausgerichtet. Nichts ist zufällig, nichts wirkt beiläufig. Diese Atmosphäre ist erhaben, fast unantastbar – und ich, mit meinem Mantel, meinem pochenden Herzen und der Unsicherheit in meinen Händen, fühle mich fehl am Platz.
»Ah, du musst Hera sein«, begrüßt mich eine tiefe, warme Stimme. Der Lehrer tritt auf mich zu, seine Augen hell, sein Lächeln freundlich.
»Josh Brown. Ich darf euch bis zum Abschluss in Kunst begleiten.« Seine Hand umfasst, die meine, fest, aber nicht drückend, und er legt mir dann fast väterlich den Arm um die Schulter.
»Willkommen in dieser Stadt. Und willkommen in unserer Klasse«, sagt er. Ich nicke stumm, zu überfordert von den vielen Blicken, die sich auf mich richten. Einige Schüler lächeln spöttisch, andere tuscheln leise. Die Atmosphäre verändert sich jedoch, als Michael an mir vorbeigeht – sein Blick plötzlich ernst, fast abweisend, als trüge er eine Last, die niemand außer ihm kennt. Mit seinem Schritt fegt ein kalter Wind durch die Reihen, so stark, dass Blätter und Stifte von den Tischen tanzen.
»Rio, schließ die Fenster. Es zieht.« Ein leises Raunen erhebt sich, dann ein Befehl des Lehrers.
»Leute, das ist Hera«, erklärt Herr Brown, noch ehe die Stille zurückkehrt. Ein kehliges Lachen bricht sie sofort wieder.
»Genau. Sie wurde von ihrem Großvater in die Schule gebracht. Mit Kuchen.« Sophia. Sie steht plötzlich im Türrahmen, die Arme verschränkt, das Lächeln spitz wie ein Messer. Die Klasse lacht mit, und ihre grauen Augen bohren sich in meine, als wolle sie mich vor allen bloßstellen.
»Michael«, sagt Herr Brown ruhig, aber mit Nachdruck.
»Begleite Sophia in den Strafraum. Bleib so lange bei ihr, bis sie ihre Aufgabe erledigt hat«, verlangt er. Michael erhebt sich wortlos, sein Blick bleibt an mir hängen, so intensiv, dass mir der Atem stockt. Dann wendet er sich Sophia zu, deren Lächeln erloschen ist.
»Du hast die Würde eines Menschen verletzt«, sagt er mit ruhiger Stimme, die jedoch etwas Unerbittliches in sich trägt.
»Und sie vor allen wie eine offene Wunde präsentiert. Folge mir«, sagt Michael. Sophia presst die Lippen aufeinander, doch ihr bleibt keine Wahl. Zischend stöckelt sie hinaus, und das tuschelnde Kichern der anderen verstummt.
»Also, seid nett zu Hera«, fordert Herr Brown, und diesmal nicken viele zustimmend.
»Setz dich bitte. Wir fangen gleich an.« Mit weichen Knien gehe ich zwischen den Reihen hindurch, spüre die Blicke wie Stiche in meinem Rücken. Ganz hinten, am Fenster, lasse ich mich nieder. Der Lehrer will gerade das Thema eröffnen, da knarrt die Tür. Und er tritt ein. Der Junge, der den Raum sofort verändert. Seine Haare sind tiefschwarz, voll und wellig, die Seiten kurz geschoren. Zwei Strähnen fallen ihm über die Stirn, in seine roten Augen, die brennen wie Glut in der Dunkelheit. Sein Blick trifft mich, und mein Herz stolpert. Diese Augen… so dämonisch schön, so gefährlich. Seine Gesichtszüge sind hart, makellos, die Augenbrauen dunkel und stark, die Wimpern so lang, dass sie die Glut seiner Augen noch intensiver wirken lassen. Seine Lippen sind voll, sinnlich, blutrot – als hätten sie eben noch einen Kuss gestohlen oder einen Fluch ausgesprochen. Seine Haut glänzt blass wie Mondlicht, und ich kann mich nicht lösen, nicht von ihm, nicht von diesem unerklärlichen Bann. Schmuck glitzert in seinen Ohren, zu viele Ringe, zu gewollt – doch er trägt sie mit einer Selbstverständlichkeit, die jede Regel verhöhnt.
An seinem Hals prangt ein tätowierter Dämonenkopf, dessen Flügel sich an beiden Seiten hochziehen, als wollten sie ihn umschlingen. Er ist groß. Unglaublich groß. Mindestens 1,98, denke ich, während er den Raum durchschreitet, als gehörte er nicht nur hinein, sondern, als würde er ihn beherrschen. Seine schwarze Lederjacke spannt sich über breite Schultern, und unter dem tiefausgeschnittenen Tanktop blitzen weitere Symbole auf, dunkle Linien, die sich wie geheime Runen über seine Haut ziehen. Seine Hände… ich starre. Tätowiert, kunstvoll, als seien sie Skeletthände, die in die lebendige Haut geätzt wurden. Jede Linie, jede Schattierung lässt sie wie die Fäuste des Todes selbst wirken. Dunkel. Geheimnisvoll. Bedrohlich. Und doch – alles an ihm zieht mich an, so stark, dass ich mich kaum noch atmen höre.
»Amon, wo hast du dich wieder herumgetrieben?!«, ruft Herr Brown streng.
»Jedes Mal kommst du zu spät! Und wo ist deine Uniform?!« Doch die Worte prallen an ihm ab, als wären sie Rauch im Wind. Langsam, fast träge, dreht er den Kopf. Diese roten Augen – sie suchen mich, finden mich, halten mich fest. Ein Blick, der mich durchbohrt, als sei ich nichts weiter als Beute in einem unsichtbaren Käfig. Mein Hals wird trocken, ich schlucke schwer. Seine Brust hebt und senkt sich in einem Rhythmus, der wie ein Kriegsschlag klingt. Atemzüge, schwer und heiß, als würde er Flammen ein- und ausatmen. Schweiß glänzt auf seiner Stirn, rinnt in Perlen an seinen Schläfen hinab, tropft von seinem Kinn. Sein Gesicht rötet sich, als würde er von innen heraus brennen. Ich spüre diese Hitze bis hierher, als wäre sie ein lebendiges Wesen, das nach meiner Haut greift.
»Amon?«, fragt Herr Brown vorsichtiger, als hätte auch er nun bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Amon reagiert nicht. Mit einem Ruck zieht er die Lederjacke von seinen Schultern, und darunter wölben sich Adern wie Schlangen über seine tätowierten, stahlharten Arme. Die Jacke schleudert er achtlos einem Schüler entgegen.
»Amon, du hast eine Beule in der Hose! Soll Cindy Hand anlegen?«, ruft ein Schüler höhnisch, und Gelächter erfüllt den Raum. Mir schießt das Blut in den Kopf. Ich kann nicht wegsehen. Es ist ungehörig, es ist schamlos, und doch… meine Augen finden ihn immer wieder. Sein Blick. Direkt auf mich gerichtet. Rot, glühend, fesselnd wie der eines Raubtiers. Seine Zähne bohren sich in seine Unterlippe, als würde er den Hunger in sich selbst bezwingen wollen. Und ich? Ich sitze hier, unfähig, mich zu bewegen, als hielte er mich mit unsichtbaren Ketten. Und ja… er hat eine Beule. In der Hose.
»Er ist bestimmt noch angeschlagen von gestern. Da hatte er eine wilde Nacht mit Sophia!«, ruft einer der Schüler lachend. Amon beugt sich kurz nach vorn, eine Hand liegt schwer, fordernd auf seiner Jeans, dann verlässt er den Raum. Unruhig. Ungebändigt. Das Gelächter hallt nach, bis Herr Brown mit der flachen Hand auf die Tafel schlägt.
»Ruhe jetzt!«, donnert er, und augenblicklich verstummt das Chaos. Ich zwinge mich, die Feder in die Hand zu nehmen, den Worten des Lehrers zu folgen. Jeder Satz von Herrn Brown klingt wie ein ferner Glockenschlag, und ich notiere pflichtbewusst, während mein Herz noch immer rast. Minuten vergehen. Immer und immer wieder. Da öffnet sich die Tür erneut. Amon. Er wirkt verändert. Sein Haar klebt feucht an der Stirn, Tropfen laufen seinen Hals hinab, als hätte er sich in kaltes Wasser gestürzt, um nicht zu verbrennen. Das schwarze Tanktop klebt an seiner Brust, und doch wirkt er jetzt gefährlicher als zuvor. Wie ein Raubtier, das kurz von der Kette gelassen und wieder eingefangen wurde. Mit schweren Schritten kommt er näher – und setzt sich neben mich. So nah, dass seine Wärme meine Haut erreicht. Breitbeinig, die Haltung provozierend, wirft er ein Bein auf die Tischkante. Der Tisch rückt ein Stück nach vorn, als wäre auch er nicht stark genug, seiner Präsenz zu widerstehen. Ich schreibe weiter, meine Hand zittert leicht.
Doch plötzlich…
Die Feder in meinen Fingern beginnt zu glühen. Erst warm, dann heiß, zu heiß. Rauch steigt auf, dünn und scharf, bis ich den Stift fallen lasse. Ein Schrei bleibt mir im Hals stecken, während meine Finger brennen, rot werden, als hätte ich in Feuer gefasst. Verwirrt blicke ich auf – und sehe ihn. Amon. Seine Augen lodern, auf meinen Stift gerichtet, ein kaum merkliches Zucken an seinen Mundwinkeln. Ein Schatten von Spott, von Lust am Spiel. Dann richtet er den Blick wieder nach vorn, als wäre nichts geschehen. Meine Finger aber schmerzen weiter. Rot, als wären sie gezeichnet worden. Gebrandmarkt. Die Hitze hängt an mir, als hätte sie sich in meine Haut eingebrannt.