Emma - Die Wandler Deutschlands
LESEPROBE
Der Aufprall schmetterte Emma in den Sicherheitsgurt, und sie konnte spüren, wie zwei Rippen brachen. Dann kam das Wasser. Es strömte durch die geborstene Windschutzscheibe hinein und stieg rasend schnell höher ... was nichts anderes bedeutete, als dass das Autowrack immer schneller in den tosenden Fluten des Rheins versank. Emma schrie nur einmal kurz auf, dann zwang sie ihre Panik zur Ruhe und dachte blitzschnell nach.
Auch wenn ihr erstes Rudel sie permanent eingesperrt hatte, war sie nicht weltfremd – danke, YouTube – und wusste, dass sie die Tür niemals, selbst mit den Kräften ihrer Wölfin, würde aufstemmen können, solange der Wagen noch nicht voll Wasser gelaufen und somit der Druck ausgeglichen war.
Die junge Frau spürte, wie ihre Wölfin aufsteigen wollte, um ihren Menschen zu retten. Noch nicht!!!, dachte Emma und drängte ihr verzweifeltes Seelentier zurück. Sie wandelte einen Fingernagel in eine scharfe Wolfsklaue und durchtrennte rasch den Gurt. Dann packte sie ihren kleinen Rucksack – sie hatte noch nie etwas für Handtaschen übrig gehabt – und zog die Riemen fest. Das Wasser reichte ihr bereits bis ans Kinn. Emma warf schnell einen prüfenden Blick auf Beta Christian Leiner. Sein Kopf hing in einem unnatürlichen Winkel zur Seite.
Sein Tod berührte sie nicht. Genauer gesagt hatte sie den Drecksack wie die Pest gehasst. Der Beta gehörte zu der Sorte Mensch, die sich am Leid anderer aufgeilte. Kaum hatten sie das Anwesen der Blackfords hinter sich gelassen, war der Bastard rechts rangefahren und hatte ihr das Missfallen des Hamburger Alphas zum Ausdruck gebracht – mit wohl platzierten Faustschlägen und Tritten in den Bauch, versteht sich. Durch Emmas Intervention war das wichtige Geschäft mit dem Blackford-Rudel und somit auch der Plan für das Ruhrgebiet geplatzt, indem sie der gewählten Gefährtin und Mit-Omega Alia das Leben gerettet hatte. Als Folge hatten die Drillingsalphas nicht Emma als nächste Luna, sondern natürlich Lia gewählt. Die Frau, die sie bereits seit Jahren liebten.
Emma hatte den Blackfords nie gesagt, dass sie deren Rudel quasi für die Übernahme durch das riesige Hamburger Rudel hatte vorbereiten sollen. Dieser Plan war nun ebenfalls buchstäblich den Rhein runtergegangen, und Emma begriff, dass sie hier die einzigartige Möglichkeit hatte, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Dazu musste sie nur überleben ... leichter gesagt, denn just in diesem Moment überspülte das Wasser ihren Kopf.
Die junge Frau wartete, bis das Auto den Grund des tosenden Flusses erreichte, dann stemmte sie die Wagentür auf.
Das Eiswasser schlug ihr wie tausend Nadeln entgegen. Es presste sich in jede Pore, kroch in die Lunge, ins Blut, in die Knochen. Der reißende Strom riss sie aus dem Wrack der ehemals so schicken Nobelkarosse und schleuderte sie mit Wucht in die tosende Strömung des Rheins. Emma trieb, taumelte, kämpfte – und doch war da nichts als die urtümliche Gewalt des Flusses, der sie verschlingen wollte.
Ihre Arme ruderten verzweifelt, die Beine strampelten, aber der Strom riss an ihr, drehte sie, wirbelte sie herum wie ein Stück Treibholz. Der Druck auf ihren Ohren hämmerte, die Dunkelheit unter der Oberfläche war undurchdringlich. Luftblasen stiegen aus ihrem Mund, glitzerten geisterhaft im fahlen Licht, ehe sie im Nichts verschwanden
Ihre Brust brannte. Jeder Atemimpuls schrie nach Sauerstoff, doch ihre Kehle blieb fest verschlossen. Wasser drang trotzdem in Nase und Rachen – ein beißender Geschmack aus Schlamm, Öl und Blut. Anscheinend trieb sie mitten in einer sich nicht auflösenden Wolke aus Öl und Treibstoff des untergegangenen Autos ... großartig! Emma würgte, hustete ins Nichts und sah panisch und gleichzeitig hilflos mit an, wie der kostbare Sauerstoff ihre Lungen in Luftblasen verließ. Dann stürzte noch mehr Wasser auf sie ein, als sie erneut auf den Grund des Flusses gepresst wurde
Panik breitete sich aus, heiß und kalt zugleich. Ihr Herz raste, der Kopf dröhnte, schwarze Schlieren tanzten am Rand ihres Blickfelds. Für einen Augenblick wollte sie loslassen, sich dem Sog ergeben, hinabgleiten, wo alles still und dunkel war.
Doch da war etwas. Ein dumpfer Schlag tief in ihrem Inneren, wie ein Herzschlag, der nicht der ihre war. Warm, wild, beharrlich. Ihre Wölfin. Nicht als Stimme, sondern als Instinkt – ein drängendes, unnachgiebiges Gefühl: Nicht aufgeben. Es war nicht ihrer beider Schicksal, hier in diesem göttinnenverfluchten Fluss draufzugehen! Ihr Mensch musste kämpfen.
Mit einem Ruck bäumte sich Emmas Körper auf. Ihre Muskeln schmerzten, als würden sie zerreißen, doch sie trat um sich, bekam endlich Grund unter ihre Füße und stieß sich mit aller verbliebenen Kraft ab. Die Oberfläche blitzte auf wie ein ferner Spiegel. Die Omega schnellte nach oben, riss den Mund auf und sog gierig Luft ein – ein einziger, brennender Atemzug, scharf wie Glassplitter in der Kehle.
Sofort drückte die nächste Welle sie wieder nach unten. Der Strom riss an ihren Gliedern, peitschte sie gegen Treibgut. Ein Ast schlug gegen ihre Rippen, und ein scharfer Schmerz brannte durch ihre Brust. Luft entwich ihr wieder, sie spürte das Brennen, das Reißen, das Hämmern im Schädel.
Doch diesmal ließ sie nicht los. Jede Faser ihres Körpers, jedes Gefühl in ihr kämpfte. Der Instinkt ihrer Wölfin hüllte sie ein – nicht als Stimme, sondern wie ein Flammenmeer, das ihr Herz antrieb. Aufgeben war keine Option.
Sie schlug erneut um sich, ertastete im Strudel etwas Raues – ein Ast, dick und knorrig. Ihre Finger krallten sich daran fest, die Haut riss auf und ihre Fingernägel splitterten, doch sie ließ nicht los. Mit zitternden Armen zog sie sich Stück für Stück nach oben, während der Strom weiter an ihr zerrte.
Endlich durchbrach die junge Frau die Oberfläche. Luft. Kalte, nasse, klare Luft – so unendlich köstlich, lebendig und rein. Emma keuchte, hustete, spie Wasser aus und klammerte sich noch fester an den Ast. Jeder Atemzug war ein Stich in die Rippen, jede Bewegung ein Kampf gegen die Kälte, die sie niederreißen wollte.
Aber sie war oben. Sie lebte.
Ihre Finger krallten sich fester in das nasse Geäst, während der Rhein unbarmherzig an ihr zerrte. Die Rinde schnitt ihr in die Haut, doch der Schmerz hielt sie wach, hielt sie im Hier und Jetzt. Jeder Atemzug brannte wie Feuer in ihrer Lunge, die Rippen stachen, aber sie sog die Luft ein, als könne genug davon das Gefühl, immer noch zu ertrinken, ungeschehen machen.
Die Strömung schlug mit Wellen gegen ihren Rücken, versuchte, sie wieder in die Tiefe zu reißen. Sang ein trügerisches Lied von süßem Vergessen, doch Emma stemmte sich dagegen. Zentimeter für Zentimeter zog sie sich an dem Ast hoch, bis sie den nächsten erwischte. Ihre Hände glitten ab, rissen sich die Haut auf, Blut mischte sich mit Schmutz und Wasser, doch sie klammerte sich weiter fest. Denn eine weitere Runde mit dieser grauenvollen Strömung würde sie echt nicht packen!
Ihr Körper zitterte vor Kälte und Erschöpfung, doch in ihrer Brust pochte ein dumpfer Wille, der nicht allein der ihre war. Ein leises Drängen, warm und unbeugsam, durchströmte sie. Ihre Wölfin. Die Instinkte des Tieres waren klar: nicht nachgeben, auf gar keinen Fall loslassen. Überleben.
Emma stöhnte, hob das Knie aus dem Wasser und suchte Halt am glitschigen Ufer. Ihre Schuhe hatte sie längst verloren, ihre nackten Füße fanden keinen festen Grund, rutschten immer wieder vom schlammigen Boden ab. Doch irgendwann hakte sich ihre Zehenspitze in eine Wurzel, die aus der Erde ragte. Mit einem Aufbäumen schob sie ihren Körper nach vorn, riss sich mit letzter Kraft weiter ins Dickicht der Trauerweide hinein, die ihr bereits mit einer knorrigen Wurzel eine helfende Hand gereicht hatte.
Schlamm klebte an ihren Händen, glitt über ihre Arme, während sie keuchend, halb kriechend, halb robbend, sich höher ans Ufer zog. Ein letztes Mal spürte sie die gewaltige Kraft des Rheins hinter sich, dann lag sie auf dem nassen Gras, ihr Körper bebte unkontrolliert.
Sie rollte sich auf den Rücken, ignorierte dabei den kleinen Rucksack, der durch die Gnade der Göttin immer noch auf ihrem Rücken festgeschnallt war, und sog die Nachtluft ein. Dann keuchte die junge Frau, hustete und würgte den halben Fluss auf das Gras. Tränen mischten sich mit dem Regen, der in feinen Tropfen durch das Blätterdach fiel. Über ihr bewegten sich die Äste der Trauerweide, schwer und dunkel, als wollten sie sie beschützend zudecken.
Emma lag da, völlig erschöpft, unfähig, sich zu rühren. Ihre Lunge brannte, ihre Rippen fühlten sich an, als würde jeder Atemzug sie zerreißen. Aber sie lebte. Ein bitteres, ungläubiges Lachen löste sich aus ihrer Kehle, brüchig, aber durch und durch echt.
Zum ersten Mal seit Jahren hatte sie nicht nur überlebt – sie hatte sich selbst gerettet.
Die Kälte der aufziehenden Nacht in Kombination mit der völlig durchnässten Kleidung wurde dann aber doch zu viel, und Emma spürte wie durch Nebel, dass ihr Seelentier aufsteigen wollte. Also schlüpfte sie mehr oder weniger hastig aus ihren Sachen und stellte den Rucksack daneben auf den Boden. Dann wandelte sie sich in die kleine kupferrote Wölfin, rollte sich an den Baumstamm geschmiegt zusammen und schlief augenblicklich ein.
Der Schlaf war lang, aber nicht traumlos ... und ebenfalls zum ersten Mal seit Jahren waren es keine Alpträume, die sie verfolgten. Nein, es war die kurze und doch so unendlich glückliche Zeit bei den Blackfords, die ihr den Schlaf versüßte. Ein Rudel, das sich als Gegengift zu dem Horror ihrer Kindheit herausgestellt hatte, mit Alphas, die genauso waren, wie Rudelführer im Idealfall sein sollten. Stark, mit einer Autorität, die man nicht erlernen konnte und die aus dem Wissen um die eigene Stärke und Loyalität gegenüber jedem einzelnen Mitglied des anvertrauten Rudels stammte. Dazu eine gehörige Prise gutes Herz, Mut und unendliche Liebe zu der gewählten Luna ... und in Lucans speziellem Fall: eine riesige Wagenladung an Blödsinn, Dickköpfigkeit und einem konsequenten Gasfuß!
Ihr Seelentier gurrte im Schlaf glücklich, tollte im Traum mit ihrer neuen Omegaschwester Alia über die Wiesen, fing Schmetterlinge und spielte mit Lias Adoptivbruder und dem Beta des Ruhrgebiet-Rudels, Ace Cunningham, fangen.
Doch auch die schönsten Träume endeten irgendwann, und so wachte Emma auf ... allein, zerschlagen und todunglücklich.
Mühsam wandelte sie sich in einen Menschen zurück und ächzte vor Schmerz, als ihre gebrochenen Knochen sich mit scharfem Stechen bemerkbar machten. Dass Omegas keine Selbstheilung hatten wie andere Wandler, war einfach nur absoluter Supermist!
Für einige Augenblicke gestattete die junge Frau sich, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. In der Folge schluchzte und fluchte Emma jetzt lautstark vor sich hin. Wobei fluchen eine zu harsche Beschreibung für Emmas Wortwahl war. Zu stark war die Indoktrination, dass ein Omega still, unterwürfig und unsichtbar sein sollte.
Insofern war es auch nicht verwunderlich, dass statt eines saftigen „Scheiße" oder „Fuck" Worte wie „Oh, du blöder Krümmelkeks" oder „Flufft euch doch alle ins Knie!" teilweise das Rauschen des großen Flusses übertönten.
Nachdem sie ihrer Wut und Verzweiflung Luft gemacht hatte, blieb sie keuchend stehen, die Hände flach auf die schmerzenden Seiten gepresst. Als die Rippen nur noch im Takt ihres Herzschlags wütend pochten und nicht mehr wie verrückt stachen, wischte Emma sich die Tränen von den Wangen und zwang sich, praktisch zu werden.
Kurz entschlossen packte sie ihre immer noch ziemlich triefenden Klamotten und tauchte zwischen den hängenden Zweigen der Trauerweide hindurch, um sich auf einer weiten Wiese wiederzufinden. Einige Felsblöcke, vermutlich Überbleibsel eines Jahrhunderthochwassers, ragten aus dem hohen Gras auf und wurden bereits von der Sonne erwärmt.
Perfekt!
Pragmatisch, wie sie zumindest hin und wieder war, breitete die Omega ihre Sachen auf den Findlingen zum Trocknen aus und nahm sich als Nächstes ihren Rucksack vor. Der war nicht nur wasserdicht und aus wirklich gutem, reißfestem Material – zudem waren auch Alias Abschiedsgeschenke gut gepolstert und mit Luftpolsterfolie umwickelt gewesen. So war, oh Wunder, der Flakon mit dem verhüllenden Kräuterduft ganz geblieben. Auch das Gläschen mit den kleinen violetten Tabletten – den Hitzeblockern – war heil.
Alias Abschiedsworte schwangen in der Luft, als würde die weißhaarige Luna des Ruhrgebiets neben ihr stehen und ihr die beiden Gegenstände erneut in die zitternden Hände drücken.
„Für den Fall, dass du entkommen kannst ... damit du unsichtbar wirst ..."
Nun, entkommen war sie jetzt auf alle Fälle! Da fehlte nur noch das Unsichtbarwerden.
Kurzerhand schraubte Emma den Deckel des kleinen Glasbehälters auf und fischte eine der winzigen violetten Pillen heraus. Für einige Herzschläge betrachtete die Omega die Tablette, für die einst Alias Mutter, die Kräuterhexe Lydia, ihr Leben im Austausch hatte geben müssen. Dann schob sie sich das winzige Ding, das die Macht hatte, sie vor den Alphas dieser Welt zu verbergen, in den Mund und schluckte es herunter.
Kurz erwog sie, sich das Kräuterparfum aufzutragen, verwarf den Gedanken jedoch rasch. Die weißhaarige Luna des Ruhrgebiets war zwar so lieb gewesen, den Flakon bis zum Rand aufzufüllen, trotzdem würde er nicht ewig halten, und Emma wusste beim besten Willen nicht, wo sie genau war und wie lange es folglich dauern würde, eine Stadt zu erreichen.
Spare in der Zeit, so hast du in der Not, zitierte sie ein menschliches Sprichwort, verstaute das Fläschchen wieder in seiner Luftpolsterhülle und anschließend im Rucksack. Die Tabletten folgten dicht darauf.
Dann meldete ihr Magen lautstark knurrend, dass die letzte Fütterungszeit bereits viel zu viele Stunden her war und jetzt bitte einmal schleunigst etwas Größeres als ein Tablettchen hineingespachtelt werden sollte!
Das Problem an der ganzen Sache war nur, dass Omegas durch und durch Pazifisten waren und nur dann zu rasenden Bestien wurden, griff man ihre Gefährten oder – noch schlimmer – ihre Jungen an. Sprich: Jagen kannte Emma nur der Theorie nach, und auch ihre Wölfin fiepte leicht verwirrt vor sich hin.
Ihr Magen rumpelte erneut. Es brummte so laut, dass selbst die Vögel in den nahegelegenen Büschen aufflatterten.
Zögerlich folgte sie dem Drängen ihrer Wölfin hinaus in den Wald. Jeder Schritt fiel ihr schwer, doch der Geruch nach frischem Leben kitzelte bald ihre Nase: ein Kaninchen, noch recht jung und vermutlich ähnlich unerfahren wie Emma selbst, war ganz in der Nähe. Ihr Herz begann zu rasen – nicht vor Jagdglück, sondern aus purer Not.
Unsicher duckte sie sich ins Gras. Ihre kleinen Pfoten glitten über den taugetränkten Boden, ihre Muskeln spannten sich, und dann sprang sie los. Unbeholfen, viel zu laut, aber überraschend erfolgreich. Mit einem erschrockenen Quieken zappelte das kleine Kaninchen unter ihren Vorderpfoten.
Emma spürte, wie ihr Atem heiß gegen den winzigen, bebenden Körper stieß. Ihr Magen krampfte, jeder Instinkt schrie nach einem Biss in die zarte Kehle. Doch dann sah sie die Augen – zwei große, schwarze Knopfaugen, die sie anstarrten, voller nackter Panik und stummem Flehen.
Die Lefzen der kupferroten Wölfin bebten. Doch die Zähne schlossen sich nicht. Stattdessen drang ein wimmerndes Fiepen aus ihrer Kehle, beinahe entschuldigend. Ihre Zunge glitt über das zitternde Fell, beruhigend, fast wie eine Mutter, die ihr Junges sauberleckt.
Ich kann nicht ...
Der Gedanke war nicht mehr als ein Flüstern, das durch Mensch und Wolf zugleich hallte.
Behutsam nahm sie die Pfoten weg. Das Kaninchen verharrte einen Herzschlag lang, als könnte es nicht glauben, dass es noch lebte – dann sah es hastig zu, dass es Land gewann.
Emma blieb zurück, den Bauch leer, die Kehle trocken, die Beine zitternd. Ein Teil von ihr weinte vor Hunger, der andere atmete auf. Sie hatte gejagt. Gut, mit mäßigem Erfolg ... nein, eigentlich ziemlich erfolglos, weil sie nach wie vor Kohldampf ohne Ende hatte. Aber anscheinend siegte der Pazifist in ihr über einen mittlerweile wirklich sehr wütend knurrenden Magen.
Das Problem war nur, dass sie dringend etwas zwischen die Beißer brauchte, allein schon, um den immensen Verlust an Energiereserven auszugleichen, den der Kampf mit dem Rhein gefordert hatte.
Frustriert jaulte die kupferrote Wölfin auf, dann trottete sie mit hängendem Kopf zurück zu ihrem improvisierten Nachtlager. Jagen war vom Tisch! Das hatte ihr dieser missglückte Versuch nur zu deutlich gemacht ...
Also, was taten Mensch und Wolf gegen einen knurrenden Magen?
Emma wandelte sich zurück in einen Menschen und sah sich um. Normalerweise gab ein Wald genug Essen her, um sogar einen Vegetarier zu ernähren – man musste nur wissen, wo man suchen konnte. Also strich die junge Frau Fleisch schweren Herzens erst einmal von ihrem Speiseplan und marschierte zu den Felsen, auf denen ihre Kleidung inzwischen von der Sonne getrocknet worden war.
Rasch zog sie sich an, schulterte ihren Rucksack und marschierte in den Wald.
Auch wenn Selbstheilungskräfte bei einem Omega praktisch nicht vorhanden waren, so war sie als Wandler zumindest gegen die zahlreichen Gifte der Natur gefeit, die einen Menschen töten konnten. Deswegen kümmerte es sie nicht sonderlich, ob der Pilz, den sie da gerade gefunden hatte, essbar war oder nicht ... sie stopfte ihn sich einfach hungrig in den Mund.
Aber anscheinend hatte die Mondgöttin ein Einsehen mit ihr, und was sie da gerade herunterschlang, entpuppte sich als Steinpilz. Und wie oft bei Pilzen: Wo einer war, waren auch mehrere. Nach kurzer Zeit war ihr Hunger gestillt, und Emma sah sich um.
Sie stand jetzt vor der Qual der Wahl ... Entweder machte sie sich auf die Suche nach der Zivilisation, riskierte dabei, in ein weiteres Rudelgebiet abzuwandern, oder sie wurde zum Einsiedler und lebte von jetzt an im Wald.
Kaum war der Gedanke gedacht, schüttelte sich die junge Frau entgeistert. Das kam wahrscheinlich eher nicht infrage! Auch wenn sie ein Omega war, war sie trotzdem ein Wolf – zumindest zum Teil –, und als solcher war sie nun mal ein Rudelwesen. Sie brauchte einfach Menschen oder Wandler um sich herum, und da war es ihr auch relativ egal, ob es sich hier um Raubwandler wie Wölfe, Katzen, Bären oder gar Hirsche handelte oder um die sanfteren Wesen wie Kaninchen- oder Vogelwandler.
Also verschmolz sie abermals mit ihrer Wölfin und lauschte auf den Gesang des Waldes. Die scharfen Sinne ihres Seelentiers wiesen schließlich in eine ganz bestimmte Richtung, und Emma machte sich seufzend auf den Weg. Nur für den Fall der Fälle, dass sie tatsächlich ein anderes Rudelgebiet betreten würde, würde sie sich kurz vor dem Grenzübergang in besagte Zivilisation mit dem Kräuterparfum von Alia unsichtbar machen.
Auch wenn die Umstände, unter denen sie jetzt hier gelandet war, nicht unbedingt das schönste Erlebnis ihres Lebens gewesen waren, genoss die junge Frau dennoch die folgende Wanderung. Es war wirklich ein schöner Wald ... große, starke und gesunde Laub- und Kiefernbäume wechselten sich miteinander ab. Üppiges Unterholz, in dem es vor Leben nur so wimmelte, wurde von Farnen und hohem Gras durchzogen und bildete so eine willkommene Abwechslung. Durch die Bäume fielen vereinzelte Lichtstrahlen und beleuchteten Abschnitte des Waldes wie Spotlights, die eine Filmszene ausleuchten.
Der Duft eines gesunden Waldes – schwerer, dunkler und feuchter Erde und die Süße reifer Beeren, gemischt mit dem Geruch von Kiefern- und Tannennadeln – lag in der Luft, und Emma atmete tief ein, nur um bei dem scharfen Stich durch die gebrochenen Rippen zusammenzuzucken. So ein blöder Krümmelkeks aber auch, dachte sie bitter. Daran würde sie noch ein paar Wochen ihren Spaß haben! Göttin, was würde Emma jetzt für das Omegaheilmittel geben, das ihre beste Freundin und Kräuterhexe Sarah für die Luna des Ruhrgebiets zusammengemischt hatte! Aber die Rückkehr zu den Blackfords war leider unmöglich. Auch wenn ihr Herz verzweifelt nach der Geborgenheit und Liebe schrie, die ihr dort in der kurzen Zeit zuteil geworden war, so wenig wollte sie dieses wunderbare Rudel in Gefahr bringen.
„Du weißt, was deine Aufgabe ist, Omega?" Die tiefe Reibeisenstimme von Adam Canton, Alpha des Hamburger Rudels, hallte durch den Raum, und Emma beeilte sich rasch, mit gesenktem Kopf zu nicken. Sie kniete seit etwa zwei göttinnenverdammten Stunden auf dem kalten Boden aus italienischem Marmor, den Kopf unterwürfig nach unten geneigt, die Hände artig im Schoß verschränkt, als würde sie den arroganten Widerling, der wie ein König auf dem schweren, thronartigen Stuhl saß, anbeten.
„Sieh mich an, wertlose Kreatur!" dröhnte der Mann, und die junge Frau beeilte sich, dem Befehl nachzukommen.
Wie alle Alphamänner war Adam Canton ein attraktiver und sehr großer Wandler. Mit seinen fast 2,10 m überragte er sie um einiges, doch es war nicht nur seine Größe, die einschüchternd war. Die Aura aus kalter, gnadenloser Boshaftigkeit loderte förmlich aus den dunklen Augen, die sie nun gerade abfällig musterten. Er sah seinem verfluchten Sohn so ähnlich, dass Emma Mühe hatte, nicht vor Ekel auf den Boden zu kotzen. Aber sie hütete sich, diese Emotionen emporsteigen zu lassen, erinnerte sie sich doch noch zu gut an den letzten Alphaausraster, der sie beinahe das Leben gekostet hatte.
Hätte der Beta den Anführer des Rudels nicht zurückgezogen und ihn auf den Wert der am Boden liegenden – und zugegebenermaßen sterbenden – jungen Frau hingewiesen ... nun, Emma wäre jetzt bei der Göttin.
Ein leises, dunkles Knurren erfüllte den Raum, als Canton sich nicht ausreichend gewürdigt fühlte. Die kleine Omega neigte sofort den Kopf zur Seite und präsentierte ihren Hals als Zeichen der Unterwerfung, was das gereizte Seelentier des Alphas etwas beschwichtigte.
„Enttäusche mich besser nicht, Omega! Sonst werde ich dich meinem Sohn und seinen Kumpanen zum Fraß vorwerfen und dann das, was von dir übrig ist, an den bösartigsten Bastard verkaufen, den ich auftreiben kann. Hast du mich verstanden? Wir werden dich und die Blackfords genau im Auge behalten. Solltest du aus der Reihe tanzen, werden wir das Ruhrgebiet halt früher oder später mit Gewalt säubern, und du wertloses Stück Dreck wirst dir wünschen, niemals geboren worden zu sein! HAST DU DAS VERSTANDEN?"
Emma duckte sich und zitterte vor Angst, als Canton von seinem Thron sprang und mit einem Satz bei ihr war. Der Alpha griff in ihre kupferrote Haarpracht und zerrte sie daran in die Höhe. Mit gebleckten Zähnen starrte er in die grünen Augen der Omega und war schließlich mit dem, was er sah, zufrieden. Mit einem Grollen warf er sie förmlich aus seinem Thronsaal – aka dem riesigen Büro – und schmetterte die Tür zu.
Emma lag auf der anderen Seite des Ganges und unterdrückte mit aller Macht die Tränen. Den Schmerz spürte sie fast gar nicht, da in ihrem Innern Angst und Hoffnung miteinander rangen. Morgen würden einige Gamma-Krieger sie ins Ruhrgebiet bringen. In ein neues Rudel, in dem sie vielleicht ein Zuhause finden konnte ... und eines, das sie irgendwann verraten sollte ...
Mühsam schüttelte Emma die finsteren Erinnerungen ab, bevor sie in eine Abwärtsspirale geraten konnte. Sie war frei ... Hamburg war weit entfernt, und mit etwas Glück würden der Alpha und seine dreckige, göttinnenverfluchte Mistratte von Sohn davon ausgehen, dass sie – genau wie Beta Leiner – im Fluss draufgegangen war.
Dass die Blackfords noch unter Beobachtung standen, war für die junge Frau gar keine Frage! Dazu war dieses kontrollsüchtige Arschloch einfach zu machtgeil, als dass er sich die Möglichkeit entgehen lassen würde, sich das Ruhrgebiet unter den Nagel zu reißen. Auch wenn die „friedliche" Übernahme durch Emmas Einwirken mit dem geschlossenen Gefährtenbund zwischen dem Höllentrio und Alia vom Tisch war: Adam Canton war dezent größenwahnsinnig.
Er plante seit etlichen Jahren bereits, die starken Rudel Deutschlands durch seine geschickt platzierten Schläfer – die Omegas – unter seine Kontrolle zu bringen. Der Plan mochte zwar langwierig sein, aber er war in seiner Schlichtheit und Boshaftigkeit kaum zu übertreffen. Da dem Hamburger Rudel durch die Gnade der Göttin gleich sechs der seltenen und kostbaren Wandler geboren worden waren, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis alle Spielsteine in Position gebracht worden waren und Canton Deutschlands Gebiete einfach in die Hände fallen würden. Dann wäre er sogar in der Lage, seinen Bruder, den amtierenden König der Wölfe, um die absolute Führungsspitze herauszufordern.
Dummerweise hatte Emmas Entscheidung, Alia zu retten, gleich ganze Wagenladungen Sand in das Getriebe seiner Pläne geschaufelt, und jetzt würde er zumindest, was das Ruhrgebiet anging, umdisponieren müssen.
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