Neunzehn Uhr
Ein letzter Griff, dann hob Jana den Teig zurück in die Schüssel und deckte ihn mit einem frischen Tuch ab. Zufrieden wusch sie sich die Finger. Jetzt musste der Teig noch 40 Minuten gehen, dann konnte sie mit dem Ausrollen und Belegen beginnen. Schon bei dem Gedanken lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Pizza war ihr absolutes Lieblingsessen. Bei der Planung des Abends war ihr die Wahl nicht schwer gefallen. Ihr erstes Silvester allein, nur mit ihrer Hündin Elli, wollte sie sich so schön wie möglich machen. Dazu gehörten für sie auf jeden Fall ihr Lieblingsessen, ihre Lieblingsserie, ein leckerer Tee und eine gemütliche Atmosphäre mit Kerzen, vielen Wolldecken und ihrem Kuschelpulli.
Sie schaute sich in der Küche um und entdeckte die kleine Mischlingshündin mit dem langen dunkelbraunen Fell unter dem Küchentisch. Elli wirkte ganz zufrieden, wenn nicht sogar ein wenig gelangweilt.
Jana lächelte bei diesem Anblick. Perfekt, genau so sollte es sein! Noch waren nur vereinzelte Böller zu hören, die Elli zwar den Kopf heben ließen, aber von großem Stress war sie noch weit entfernt. Das würde sich in den nächsten Stunden leider ändern. Aber Jana war vorbereitet.
Fröhlich vor sich hin pfeifend - sie konnte ja vieles, aber pfeifen gehörte definitiv nicht dazu, aber egal! - füllte Jana das Teesieb mit dem leckeren Früchtetee, den sie sich vor ein paar Tagen gekauft hatte, und goss heißes Wasser in die Kanne. Der Abend würde großartig werden. Das beste Silvester aller Zeiten. Das hatten sie sich und Elli geschworen. Und bisher lief alles nach Plan. Bevor der Pizzateig ausgerollt werden musste, würde sie noch genug Zeit für eine Folge ihrer Lieblingsserie haben.
Sie trug eine Teekanne und eine Tasse in ihr Zimmer und stellte alles auf die Fensterbank in der Nähe ihres Bettes ab.
Als sie gerade ihren Laptop auf dem Beistelltischchen aufbauen wollte, klopfte es an der Tür. Elli hob den Kopf und ließ ein leises ›Wuff‹ ertönen. Seufzend ging Jana zur Tür und öffnete sie.
Vor ihr stand ein junger Mann. Mit seinen blonden, zerzausten Haaren und seiner Arbeitskleidung sah er aus, als wäre er direkt aus einem Sägewerk gekommen. Die eisblauen Augen blickten überall hin, aber sie vermieden den direkten Blickkontakt.
Wieder gab Elli ein erneutes ›Wuff‹ von sich - zu viel mehr ließ sich die eher ruhigere Hündin normalerweise nicht hinreißen - aber eine Handbewegung von Jana genügte, um sie am Näherkommen zu hindern.
»Hey, ich ... ähm«, begann der Mann, »... wir kennen uns noch nicht. Ich bin der neue Nachbar von gegenüber.«
»Ja«, sagte Jana reserviert. »Ich weiß, wir sind uns schon mal begegnet.«
Um genau zu sein, am zweiten Weihnachtsfeiertag im Treppenhaus. Jana und Elli waren gerade von einem Spaziergang zurückgekommen, als er ihnen im Treppenhaus entgegen gekommen war. Er hatte ihnen nur stumm zugenickt, mit einem Gesichtsausdruck, als ob er sich am liebsten unsichtbar machen wollte. Jana war es recht gewesen. Nach den Weihnachtsfeiertagen war ihr nicht nach anderen Menschen zumute gewesen.
Auch jetzt wirkte der neue Nachbar zurückhaltend, aber nicht mehr so verängstigt wie bei der ersten Begegnung.
Er nickte und streckte ihr die Hand entgegen. »Ich habe es bisher versäumt, mich vorzustellen. Ich bin Mike.«
Jana zog eine Augenbraue hoch, griff aber nach seiner Hand, um nicht ganz so unfreundlich zu wirken. »Freut mich, dich kennenzulernen. Ich bin Jana.«
Er atmete tief durch. »Kann ich deine Dusche benutzen?« Er hatte so schnell gesprochen, dass Jana im ersten Moment glaubte, sich verhört zu haben, und nur die Stirn runzelte.
Sofort hob er abwehrend die Hände. »Tut mir leid, ich ... meine Dusche ist kaputt. Beziehungsweise der Boiler. Aus der Leitung kommt nur noch eiskaltes Wasser und ich habe den ganzen Tag in der Werkstatt geschuftet und brauche dringend eine Möglichkeit, mich zu waschen, ohne zu erfrieren. Das soll jetzt keine Anmache sein, sondern wirklich nur ein Hilferuf. Aber wenn es dir nicht passt, kann ich es auch woanders versuchen. Immerhin wohnen hier acht Parteien und irgendwer wird mich schon reinlassen wollen. Also entschuldige bitte die Störung und ...«
»Stopp!
Mike hielt inne und schaute sie verwirrt an.
»Jetzt lass mich auch mal was sagen«, erwiderte Jana. Obwohl sie sich anfangs über die Unterbrechung geärgert hatte, konnte sie sich ein Schmunzeln nun nicht mehr verkneifen.
»Entschuldige, wenn ich nervös bin, rede ich viel. Wenn es dir nicht passt, verstehe ich das. Immerhin haben wir Silvester. Dann versuche ich es eben bei den anderen Nachbarn.«
»Da hast du schlechte Karten«, hielt sie ihn direkt zurück. »Von den anderen sechs Parteien sind drei Studenten-WGs, die über Silvester nicht da sind. Familie Tabar im Erdgeschoss stellt abends immer die Klingel aus, damit der kleine Matia nicht geweckt wird. Herr Yıldız ist seit kurzem im Altersheim und die Wohnung steht leer. Und Frau Holtzmann lässt dich zwar rein, aber nie wieder raus, denn die alte Dame freut sich über jede Gesellschaft, die sie bekommen kann.« Den letzten Satz flüsterte Jana nur. Frau Holtzmann war alt, aber sie hatte erstaunlich gute Ohren.
»Ich verstehe.«
Sein trauriger Gesichtsausdruck ließ Mitleid in ihr aufsteigen. Eigentlich hatte sie ihn nur so schnell wie möglich loswerden wollen, aber jetzt bröckelte ihr Entschluss. Seufzend öffnete sie die Tür und lud ihn mit einer Handbewegung ein.
»Komm herein. Aber ich warne dich. Der Hund sieht zwar süß aus, aber er hat noch alle Zähne, und Wadenbisse tun sehr weh!«
Er blinzelte erstaunt. Dann zeigte sich zum ersten Mal so etwas wie ein Lächeln. Ein kleines, feines Lächeln, das seine harten Gesichtszüge sofort weicher erscheinen ließ.
Und das sie vom ersten Moment an faszinierte.
»Ich muss noch meine Sachen holen, dann komme ich wieder«, teilte er ihr mit.
Sie nickte. »Klopf einfach an, ich mache auf.«
Es dauerte keine fünf Minuten, da stand er mit frischer Kleidung, Handtuch und Duschzeug wieder vor ihrer Tür. Nachdem er sich mit Elli bekannt gemacht hatte - sehr vorsichtig und zurückhaltend, genau die richtige Art, um Ellis Vertrauen zu gewinnen - zeigte sie ihm das Badezimmer.
»Danke vielmals! Ich beeile mich, versprochen.«
Jana nickte nur und zog die Badezimmertür hinter sich zu.
Unschlüssig ging sie in die Küche und überlegte, wie sie die Zeit überbrücken konnte, bis er fertig war. Ihren ursprünglichen Plan, vorher noch eine Folge ihrer Serie anzuschauen, konnte sie nun vergessen.
Seufzend räumte sie schon einmal die vorbereiteten Beilagen aus dem Kühlschrank und stellte sie auf den Tisch.
Ob Mike sich über eine Einladung freuen würde? Sie hatte so viel Teig und Belag gemacht, dass es für mindestens drei Bleche reichen würde. Aber nein! Warum eigentlich? Sie kannte ihn kaum, und er machte nicht den Eindruck, als würde er sich über Gesellschaft freuen. Oder vielleicht hatte er schon Pläne für Silvester. Bestimmt war er mit Freunden verabredet. Auch wenn das nicht ganz zu seinem Eindruck passte. Er hatte irgendwie bedrückt gewirkt.
Ein lautes Heulen gefolgt von einem lauten Knall durchbrach ihre Gedanken.
Oh nein! Es ging los!
Ehe sie reagieren konnte, war Elli aufgesprungen und in Richtung Badezimmer gerannt.
»Nein, Elli! Bleib hier, du kannst da jetzt nicht rein!« Sie hetzte ihrer Hündin hinterher, aber sie konnte nicht verhindern, dass das Tier mit den Pfoten die Klinke runterdrückte und sich durch den Spalt ins Badezimmer zwängte.
Fluchend kam Jana vor der Tür zum Stehen. Sie konnte jetzt schlecht einfach reingehen und einfach den Hund rausholen.
»Mike«, rief sie über das laufende Wasser hinweg. »Es tut mir leid, aber Elli hat furchtbare Angst vor dem Feuerwerk und das Badezimmer ist ihr sicherer Raum. Ich komme kurz rein und hole sie.«
Jana lauschte auf eine Antwort, aber es blieb still. »Mike?« Verwirrt runzelte sie die Stirn. »Mike? Ist alles okay?« So langsam begann sie sich Sorgen zu machen. »Ich komme jetzt rein, okay?«
Sie atmete einmal tief durch und trat entschlossen über die Schwelle. Der Anblick, der sich ihr bot, erwischte sie völlig kalt. Mike saß zusammengekauert in der Duschwanne, den Kopf zwischen den Knien, die Arme eng um die Beine geschlungen. Jana bemerkte das Zittern und die unruhige, hektische Atmung und wusste sofort, was Sache war.
Man brauchte kein umfangreiches Fachwissen, um die Situation richtig zu deuten: Mike steckte mitten in einer Panikattacke.