Kapitel 1
„Wenn das Leben dir Zitronen schenkt, nimm sie und mach Limonade daraus.“
Marie
„Was für ein verf*** Arschloch!“ dachte ich mir, als ich mal wieder nach ewiger Suche einen Parkplatz in der Nähe meiner Arbeitsstelle gefunden hatte. Ob dieser Typ überhaupt merkte, dass er diese Scheiße jeden Morgen abzog? Ich zitterte vor Wut, als ich in Richtung Hotel marschierte, in dem ich inzwischen schon eine ganze Weile arbeitete. Zur Erklärung: Ich arbeitete in der Frankfurter Innenstadt in einem ziemlich angesagten Hotel, das zu einer noch angesagteren Kette gehört, was es mir nicht gerade erleichterte, am Morgen einen Parkplatz zu finden. Sonst störte mich das echt nicht sonderlich, weil ich eigentlich die Öffentlichen benutzte, aber in dieser Woche fuhr ich mit dem Auto, weil ich ziemlich lange im Geschäft bleiben musste, da es durch verschiedene Begebenheiten, die mit dem Erbe des Hotels zu tun hatten, gerade zu dieser Zeit drunter und drüber ging. Alle machten sich verrückt über das, was in Zukunft durch den Führungswechsel passieren könnte. Wir wussten nicht, ob wir alle angestellt bleiben oder vielleicht aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt werden würden, oder ob das Konzept, das wir fuhren, so überhaupt bestehen bleiben würde. Mir wurde zugetragen, dass der Typ, der das Hotel, nein, die ganze Kette erben soll, zuvor nichts mit der Hotellerie zu tun hatte, sondern mit einer Marketingfirma, die in den USA ziemlich angesagt sei. Was soll das? Warum verscherbelt man eine ganze Hotelkette an jemanden, der nicht weiß, wie damit umzugehen ist? „Komm, wir losen aus, wer’s bekommt, dann haben wir oben im Himmel wenigstens was zum Lachen, oder wie?“ Um wieder zurück zum Thema zu kommen: Als wäre mein Stress auf der Arbeit durch massig Überstunden, gestresste Vorgesetzte und Kollegen noch nicht genug, hatte ich auch noch richtig Probleme damit, einen Parkplatz in Laufnähe zu finden, und das nur durch so einen bekloppten Sportwagenfahrer, der am laufenden Band glaubte, wenn ich in eine Parklücke blinke, symbolisiere es, dass er da reinfahren darf. Ich parke eben nie vorwärts, sondern immer nur rückwärts ein, und er nutzte das jedes Mal aus und schummelte sich vor mir in die Lücke, als wäre es der Sinn seines Lebens, mich zu schikanieren. Super Typ, echt! Ich meine, welcher Idiot kauft sich bitte einen 300.000-Euro-Wagen und stellt ihn dann auf der Straße ab, wo sich gegenüber ein Parkhaus befindet? Beweisführung abgeschlossen, sage ich da nur! Aber als wäre das immer noch nicht genug, ich spoilere euch gerne: Es war mittwochs, endlich hatte ich mal Glück und habe direkt einen Parkplatz gefunden und war mal pünktlich auf dem Weg zur Arbeit, da überfährt mich dieser Typ nicht fast und statt sich zu entschuldigen, flippt er am Steuer aus und rief mir zu, ich solle doch aufpassen. Hallo, geht’s noch? Einen Tag später, ich sage euch, Donnerstag war der Oberhammer. Dieser Arsch hatte gesehen, er musste es gesehen haben, dass ich am Straßenrand darauf wartete, die Straße überqueren zu können, es regnete und meine Schuhe waren schon völlig aufgeweicht vom herunterlaufenden Wasser am Gehwegrand, da jagte er mit vollem Karacho durch eine Pfütze und ruinierte mein komplettes Kostüm mit Schlamm.
„Du verficktes Arschloch!“
Hatte ich ihm hinterhergeschrien, was wahrscheinlich so gar nichts brachte, weil er in seiner ach so tollen „Ich fahre einen Sportwagen“-Seifenblase festhing.
„Marie, was ist denn mit dir passiert?“
fragte mich meine Arbeitskollegin, als sie mich völlig eingesaut vor dem Hotel abfing.
„Sarah, frag lieber nicht...“
Ich schaute kurz an mir runter; meine kompletten Klamotten waren nass und braun statt schwarz.
„... dieser Mistkerl, Wichser, Arschloch!...“
fluchte ich meinen kompletten unanständigen Wortschatz weiter.
„... Er ist knallhart durch eine Pfütze gefahren, als ich die Straße überqueren wollte.“
„Warte, du meinst aber nicht deinen Parkplatzwegschnapper, oder?“
„Doch, genau den meine ich. Ich sag dir, der macht das mit Absicht...“
Ich hob meinen Finger und verzog mein Gesicht, um meiner Aussage Nachdruck zu verleihen.
„... Gestern hätte der mich fast überfahren. Dem Typen ist alles um sich herum scheißegal, ehrlich, Sarah, wie kann man so durchs Leben marschieren? Urggg.“
Ich biss meine Zähne zusammen und knirschte mit ihnen. Sie antwortete nicht, sondern zuckte nur mit den Achseln. Dann sagte sie aber doch noch etwas.
„Vielleicht solltest du den Typen einfach mal ansprechen, ich meine, schau dich an, das geht ja echt nicht.“
Sie verzog ihr Gesicht mitfühlend und zeigte mit ihrer einen Hand auf meine komplette Aufmachung.
„Ja, weißt du, die ganze Zeit dachte ich: Ach komm, ist doch nicht so schlimm, wenn er dir den Parkplatz weggeschnappt hat. Aber das gestern und das heute, das hat das Fass echt zum Überlaufen gebracht. Ich habe mir heute auch schon überlegt, mir den Typen morgen einfach mal vorzuknöpfen. Wirklich, so sauer wie heute war ich noch nie auf eine fremde Person.“
„Hast du dir schon überlegt, wie du das machen willst? Ich mein, wie willst du ihn erwischen und was machst du, wenn er so ein alter, beängstigender Typ ist?“
Ich musste grinsen bei diesem Gedanken. Ich hatte ihn durch seine Autoscheibe nicht wirklich ausmachen können und wusste nicht, was für ein Lackaffe da am Steuer saß.
„Na ja, dann werde ich ihm trotzdem die Meinung sagen. Das geht doch nicht, schau mich nur an.“
Ich zeigte erneut an mir herunter und verzog das Gesicht so, dass es wirklich unglücklich aussah. Endlich im Büro angekommen, atmete ich erst mal durch und hoffte, die Erlebnisse meines Morgens durch viel Arbeit schnell wieder vergessen zu können.
„Marie, wie schaust du denn aus?“
fragte mich meine Chefin, völlig entsetzt darüber, wie ich in dieses Büro gelaufen war.
„Oh Mann, es tut mir so leid, aber so ein Kerl ist mitten durch eine Pfütze gefahren. Ich konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen und die komplette Mischung aus Schlamm und Regenwasser ist über mich gespritzt.“
„Oh je, du Arme...“
Sie rieb mir beruhigend den Arm.
„... Hast du noch Wechselkleidung dabei? Gerade heute ist es sehr wichtig, dass wir alle super aussehen.“
Ich runzelte die Stirn.
„Was? Wieso, was ist denn heute so wichtig?“
„Na ja, heute kommt doch der neue Chef an. Er wird durch die verschiedenen Abteilungen laufen, um sie etwas näher kennenzulernen.“
Ich schaute erneut an mir herunter, ehe ich den Kopf schüttelte.
„Na toll, perfektes Timing, würde ich sagen. Ich habe natürlich nichts mehr hier.“
„Warte mal kurz.“
Hielt mich meine Chefin grinsend an und kam nach einer Minute mit einem Kleid in ihrer Hand aus ihrem Büro zurück zu mir.
„Schau mal, ziehe das einfach an, aber gehe runter, dann kannst du dir auch noch etwas die Haare und vor allem dein Gesicht richten.“
Ich grinste verlegen.
„Danke, das ist echt lieb.“
„Ach, kein Problem...“
Winkte meine Chefin ab.
„Ich habe immer ein paar Sachen hier.“
„Ja, ich glaube, das sollte ich für die Zukunft auch einrichten.“
Es dauerte bestimmt eine halbe Stunde, bis alles an mir wieder gerichtet war und ich mich wieder einigermaßen sehen lassen konnte. Ich war angepisst, mit der gesamten Situation der letzten Tage komplett unzufrieden, was sich nicht unbedingt änderte, als ich zurück im Büro war. Alles war total wuselig, und meine Kollegen benahmen sich, als wären wir zurück in den Kindergarten katapultiert worden. Sie tuschelten und kicherten miteinander, was sich erstmal für Außenstehende nicht komisch anhörte, aber unsere Assistant Director of Sales hatte normalerweise so tief den Stock im Arsch, dass sie das eigentlich nicht zuließ. Ich lief erstmal zu Sarah und Simon, die ebenfalls miteinander tuschelten.
„Hey Leute, hab ich was verpasst?“
„Marie!“
Antwortete Sarah unüblich enthusiastisch.
„Wir haben gerade unseren neuen Chef kennengelernt.“
Vervollständigte Simon ihren Satz.
„Ja und? …“
fragte ich nun noch verwirrter.
„… Ihr wusstet doch alle, dass heute der Tag sein wird, an dem sich unser neuer Obermufti blicken lassen wird.“
Ich klang etwas zu abfällig, selbst für meinen Geschmack.
„Ja, schon, aber du wirst es nicht glauben: Dieser Typ ist kein Mittfünfziger, wie alle angenommen haben. Es handelt sich nämlich nicht um den Sohn, sondern um den Enkel.“
Versuchte jetzt wieder Simon zu erklären. Ich runzelte die Stirn.
„Ja, und?“
Ich verstand immer noch nicht, was sie mir damit sagen wollten.
„Marie…“
flüsterte Sarah jetzt.
„… er ist ein Typ in den Dreißigern und keiner von der hässlichen Sorte, er ist heiß und zwar richtig heiß, ich meine wirklich, ich verbrenne mir jedes Körperteil, wenn ich ihn berühre, heiß.“
Ich öffnete die Augen etwas weiter und grinste.
„Aha, und wie heiß von 1-10?“
„Marie, 69 mindestens. Mit ihm würde ich alles anstellen und bei Gott, er dürfte ebenfalls alles mit mir anstellen.“
antwortete Simon verschmitzt, wie immer, wenn ihm ein Typ gefiel. Ich musste lachen und verdrehte die Augen, dann nuschelte ich kaum hörbar:
„Oh man, typisch.“
Die Arbeit verging nach dem Spontanbesuch unseres neuen Chefs zum Glück wirklich schnell, und ich konnte diesen Scheißtag endlich hinter mir lassen. Das Getuschel die ganze Zeit ging mir so richtig auf die Nerven, ich konnte das echt keine Sekunde länger ertragen, und diese flackernden Herzchen in den ganzen Augen, Pfui. Ich war glücklich, als ich endlich meine Zwei-Mann- oder besser gesagt, Zwei-Frau-WG betrat und endlich zur Ruhe kam.
„Hey, was machst du denn schon hier?“
rief meine Mitbewohnerin aus der Küche, kaum hatte ich meinen Schlüssel aus dem Türschloss gezogen.
„Hey na, ...“
Ich öffnete mit einem breiten Grinsen die Küchentür.
„... gell, du kochst?“
Lynn stimmte sofort in mein Grinsen ein.
„Oh ja, ich mach Thai-Curry, magst du auch was?“
„Und ob, du weißt doch, wie sehr ich Thai-Curry liebe, und an Tagen wie diesen ist gutes thailändisches Essen immer noch die beste Medizin.“
Lynn legte bei dieser Aussage sofort den Kochlöffel beiseite und begutachtete mich eindringlich. Dann verzog sie das Gesicht.
„Was ist mit dir passiert? Und du stinkst.“
Sie hielt untermalend Zeigefinger und Daumen um die Nase.
„Ach, frag lieber nicht, Scheißtag, wirklich wahr. Ich gehe auf jeden Fall gleich duschen.“
Sie nickte zustimmend, als ich das sagte, ließ ihre Finger aber noch nicht von ihrer Nase sinken, schien dann aber ziemlich schnell Mitleid mit mir zu haben und zog mich an meiner Schulter zurück.
„Komm, setz dich erstmal, ...“
Sie schob einen Stuhl vom Tisch und zeigte auf ihn.
„... ich vergesse mal kurz den Geruch und mache dir einen Tee, dann kannst du mir alles erzählen.“
Das war süß, dachte ich.
„Ach, ich will eigentlich gar nicht mehr darüber reden, aber wenn ich noch einmal diesen Scheiß-Mercedes mitsamt seinem Besitzer sehe, werde ich richtig sauer.“
„Oh Gott, hat dieser Typ dir etwa schon wieder den Parkplatz weggeschnappt?“
„Nein, sehe ich etwa so aus, als hätte er mir nur den Parkplatz geklaut?“
Lynn verzog ihre Mundwinkel nach unten.
„Warte, er war das?“
Ich nickte.
„Oh ja, er meinte, mit mindestens 80 km/h durch eine Pfütze fahren zu müssen, während ich genau an dieser Stelle die Straße überqueren wollte. Ich war stinksauer. Zu allem Überfluss ist heute auch noch unser neuer Boss im Hotel angekommen, und da ich aber einmal meine komplette Montur wechseln musste, ...“
Ich zeigte auf mich.
„... habe ich ihn verpasst, und alle Weiber und Kerle im Büro haben erzählt, wie scharf sie auf ihn seien und wie gut er aussah. Ich hab’s kaum ausgehalten. Bei dem ganzen Geschnatter versteht dieser Mann nicht, dass er alles durcheinanderbringt, so eine Scheiße, echt mal.“
Ich legte vor lauter Frustration meine Stirn auf der Tischplatte ab.
„Süße, morgen ist ein neuer Tag, und du weißt genau, dass dein neuer Chef am wenigsten für so einen Idioten wie diesen Parkplatzwegschnapper-Typ kann und dass diese Missgunst eigentlich nicht ihm gilt, oder?“
Ich spitzte meinen Mund und ruderte zurück.
„Okay, fein, vielleicht kann er nichts dafür, aber diesen Kerl, ich sag es dir, diesen Mistkerl, knöpfe ich mir morgen erst mal vor, und zwar, dass es sich gewaschen hat, nur dass das mal klar ist, und dann werde ich ihm so richtig meine Meinung sagen.“
Lynn lachte und schüttelte gleichzeitig den Kopf.
„Du bist mir eine, aber nicht, dass mir morgen Beschwerden kommen, dass du das bereust,“
sie zeigte mit dem Rührlöffel, den sie inzwischen wieder in der Hand hielt, auf mich,
„... keinen Ton will ich hören, ach, und noch was, wir beide haben morgen ein Date.“
Ich runzelte die Stirn.
„Was? Was denn für ein Date?“
„Na ja, ich will ein bisschen um die Häuser ziehen, und du kommst mit mir.“
Ich schüttelte so schnell ich konnte den Kopf.
„Äh nein, niemals, ich habe gerade echt keine Lust auf so etwas, außerdem habe ich morgen einen Töpferkurs.“
„Einen Töpferkurs? Ding, Ding, Ding, versuch es noch mal, aber mit einer glaubhafteren Beschäftigung bitte.“
Ich lachte, schüttelte aber weiter meinen Kopf.
„Komm schon, du hast es mir beim letzten Mal versprochen.“
„Ja, aber ich würde so gern einfach mal nichts unternehmen, verstehst du?“
„Na, um ehrlich zu sein, nein, du bist jung, ich bin jung, das müssen wir auskosten, solange wir das noch sind, verstehst du? Wir haben eine Deadline,“
sie tippte mehrmals auf eine imaginäre Uhr an ihrem Handgelenk.
„Man Lynn, das ist doch immer das Gleiche, die gleichen Idioten baggern an dir rum, können aber weder ein tiefgründiges Gespräch führen, noch können sie irgendetwas anderes.“
antwortete ich völlig entnervt.
„Dass du auch immer alles so schwarz sehen musst.“
„Aber das tue ich doch gar nicht, ich sehe es höchstens realistisch, das ist was anderes.“
Darauf antwortete sie nichts mehr, sondern verzog ihr Gesicht und verdrehte die Augen.
„Okay Lynn, das schaut komisch aus, wenn du das machst, bitte hör auf damit, oder weißt du was, mach weiter, ich hau einfach ab und bin mal duschen.“
Ich stand vom Stuhl auf, lief Richtung Flur, drehte mich noch mal kurz um und funkelte meine Mitbewohnerin breit an, ehe ich ins Badezimmer verschwand.