Hochsensibel - Anders sein

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Summary

Schnatternde Menschentrauben im vollen Klassenzimmer, hupender, brummender Verkehr auf dem Weg zum Supermarkt. Unterwegs kommt noch der Anruf einer Freundin, die wissen möchte ob man am Freitag mit zur Party kommt... Für viele der ganz normale Alltag. Nicht so für Maleah, denn die 16-jährige nimmt die Welt anders wahr als die meisten ihrer Altersgenossen. Für sie sind die alltäglichen Reize und Herausforderungen eine ständige Achterbahnfahrt der Gefühle. Doch trotz aller Turbulenzen hat sie in ihrer besten Freundin JayJay eine verlässliche Stütze, wenn diese nicht gerade eigene Probleme zu bewältigen hat. Ein Roman über Freundschaft, Selbstakzeptanz und die Magie des Andersseins. Was es heißt, anders zu sein.

Status
Complete
Chapters
16
Rating
5.0 2 reviews
Age Rating
16+

Montag

   Maleah                                                               


Mein Herz klopfte.

 

Es klopfte so wild, dass mir übel wurde.

  Wie jeden Tag, sobald das Schulgebäude in Sicht kam.

 

  Ich zog die Wohnungstür hinter mir zu und straffte die Schultern.

  Auf geht's, Maleah.

Einen Fuß nach dem anderen setzte ich auf die Treppenstufen und lief die Treppe hinab. Aus der Wohnung unter unserer drang eine unsichtbare Wolke aus ranzigem Fett ins Treppenhaus. Schnell huschte ich daran vorbei und trat aus dem Haus. Die warmen Sonnenstrahlen kitzelten meine Nase und ich musste niesen. Während ich durch die bunten Häuser unserer Nachbarschaft ging, kramte ich in meiner Jackentasche, nach einem Taschentuch.

Es war ein ruhiger, klarer Morgen.

Wie die Ruhe vor dem Sturm.

Ich atmete tief durch. Die nächsten vierzig Minuten würden wieder eine Tortur, dabei fing der richtige Wahnsinn erst danach an. In der Schule.

Schnell schüttelte ich den Kopf und verdrängte den Gedanken an die Schule. Ich wollte jetzt nicht daran denken, jetzt noch nicht.

Ein leises kratzen drang an meine Ohren und als ich den Kopf drehte, sah ich ein Eichhörnchen einen Baum hinaufflitzen. Um mein Herz breitete sich Wärme aus. Genau an das wollte ich denken, an die Schönheit der Natur und das Geschenk des Lebens.

Das brauchte ich auch um mich mental auf den neuen Tag einzustellen, denn schon bald war es mit der Ruhe vorbei.

  Wie toll, dass Dad und ich so weit vom Stadtzentrum lebten. Im Gegensatz zu meiner Schule. Die stand mittendrin.

Allerdings jeden Tag zu Fuß dorthin gehen zu müssen, war schon anstrengend.

Ich erreichte das Ende unserer Straße und wappnete mich innerlich gegen die Flut an Reizen, die in wenigen Schritten auf mich einprasseln würde. So gut es ging versuchte ich den lauter werdenden Motorenlärm, den Benzingeruch und die allgemein aufgeladene Luft auszublenden.

 Was allerdings gar nicht so einfach war, wenn man sich nebenbei noch auf den Verkehr konzentrieren musste.

Die geschäftige Atmosphäre und der ständig steigende Geräuschpegel raubte mir schon jetzt fast jeden Nerv. Am liebsten hätte ich wieder kehrt gemacht und mich zu Hause unter meiner Bettdecke verkrochen, aber das ging natürlich nicht. Also musste ich wie jeder andere auch, raus, und in die Schule. Wenigstens die frische Brise tat gut.

Ich vergrub meine Hände in den Jackentaschen und marschierte weiter den Gehsteig entlang. Auf jedem Meter gesellten sich mehr Gerüche in das bereits vorhandene Gemisch. Der Duft von frisch gebackenem Brot mischte sich mit dem von gerade geschnittenen Blumen, die die schlaksige Floristin vor ihrem Lädchen in Vasen mit frischem Wasser drapierte. Aus der Drogerie flogen Schwaden von teuren Parfüms herüber und der Metzger legte die Angebote des Tages in der Theke aus. Der intensive Geruch von rohem Fleisch segelte auf einer Windböe heran und reihte sich unter die anderen Düfte wie zu einem Tanz.

 Kaum etwas roch aufdringlicher als rohes Fleisch. In mir meldete sich die Übelkeit und hastig schritt ich vorwärts. Ich verlangsamte mein Tempo erst wieder, als ich dem großen, hässlichen Schulgebäude näher kam.

  Ich bog um die letzte Häuserecke und schluckte.

 

Erste Hürde, fertig. Aber jetzt...

Ich schielte zu dem grauen Gebäudekomplex hoch.

 

Auf zu neuem Wahnsinn.

Ohne anzuhalten lief ich die letzten Meter darauf zu, innerlich huschte ein lächeln über mein Gesicht, bei dem Gedanken, dass ich gleich JayJay sehen würde, gleichzeitig jedoch stieg ein Hauch von Nervosität in mir auf der sich rapide verdichtete und jeden Schritt anfühlen ließ wie ein Paukenschlag. Bis ich mich wie zu Eis erstarrt dachte.

 Als ich mich durch das Schultor schob fühlte sich mein ganzer Körper  wie eingefroren an, meine Gedanken auch. Warum?

Hochsensibilität.

Das heißt... Meine Sinne reagieren stärker auf Reize. Emotionen, Empfindungen, aber auch Umwelteinflüsse kommen bei mir verstärkt an. Das kann oft überwältigend sein, doch es ermöglicht auch eine tiefe Empathie und ein intensiveres Erleben von Details und die Schönheit in den kleinen Dingen. Manchmal fühle ich mich wie ein emotionaler Schwamm, der jede kleinste Stimmung um mich herum aufsaugt. Ich kann es nicht steuern, es ist immer und überall. Es bedeutet nicht, dass ich schwach bin, was viele Leute gerne glauben möchten. Es ist einfach eine andere Art die Welt zu erleben.

 

Sobald ich die Schule erblickte und mich auch der lauteste Verkehrslärm nicht mehr ablenken konnte, verstärkte sich in mir das Gefühl der Steifheit, des "eingefroren sein".

    Es war nicht nur in der Schule so.

Aber es war halt eben so. Es ließ sich nicht ändern.

  Ich atmete tief durch und näherte mich weiter dem Eingang. Suchend flogen meine grauen Augen über das bunte und lärmende Meer aus Schülern.

War sie schon da?

Unweit der Tür entdeckte ich sie und erleichtert hoben sich meine Mundwinkel. Auch sie erkannte mich jetzt und winkte mir wie wild entgegen. Mein lächeln wurde breiter. Ein wenig taute ich wieder auf.

Mein Tag war gerettet.

"Maaleeaah!", rief meine beste Freundin.

"JayJay!", antwortete ich ebenso freudig, bevor sie mir um den Hals fiel.

"Wie war dein Wochenende?", fragte JayJay, nachdem sie mich wieder losgelassen hatte.

"Ach naja, wie immer", antwortete ich, und bevor sie dies kommentieren konnte, setzte ich schnell hinterher: "Und dein's? Du strahlst als hättest du etwas absolut grandioses erlebt." Unnwillkürlich musste ich lachen.

"Das habe ich auch", antwortete JayJay, ebenfalls lachend.

"Was war's? Komm schieß los." Ihre grünen Augen blitzten.

"David hat unsere Waschmaschine in ein Huhn verwandelt", sagte sie und prustete los.

"Bitte was?", brachte ich noch raus bevor ich ebenfalls laut kichern musste. Ich konnte einfach nicht anders. Wenn ich irgendjemanden lachen sah, musste ich immer direkt mitlachen. Andersherum, wenn ich irgendwen traurig oder gar weinen sah, legte ich auch immer gleich mit los. Aus diesem Grund ging ich niemals ohne mindestens einer Packung Taschentücher aus dem Haus. Diese Packung kramte ich nun aus meiner Jackentasche und zupfte ein Taschentuch heraus, welches ich JayJay reichte, die sich damit die Lachtränen trocknete und ihre Mascara vor dem verschmieren bewahrte.

 Es tat gut meine Beste Freundin so glücklich zu sehen, gemeinsam zu lachen und für einen Augenblick nicht an die Strapazen des bevorstehenden Tages zu denken.

 

JayJay und ich kannten uns schon seit dem Kindergarten.

Ja, richtig gehört. Seit dem Kindergarten. Und seit dem waren wir unzertrennlich. Alles hatten wir zusammen erlebt. Oder sollte ich sagen durchlebt?

   

Aber gut, JayJays ältester Bruder David hatte also aus der Waschmaschine ein Huhn gemacht. Was hatte er da bloß wieder angestellt? Ich wollte die ganze Story wissen und das sagte ich JayJay. Meine beste Freundin holte tief Luft und hielt mit Mühe einen erneuten Lachanfall zurück.

"Halt dich fest...", sagte sie.

Leider erfuhr ich nicht mehr warum, denn genau in diesem Augenblick schrillte die Schulglocke um zu verkünden, dass in wenigen Minuten die erste Stunde begann. Ich musste wohl oder übel auf die Pause warten um zu erfahren, was David denn nun angestellt hatte.

 JayJays kichern verwandelte sich zu einem stöhnen inklusive Augenverdrehen.

"Oh Gott, und dann auch noch Mathe", stöhnte sie.

 

Ich dachte genau dasselbe. Mathe war das absolute Hassfach von uns. Ergeben schlurften wir los und schlossen uns dem Strom von Schülern an, die nun alle mehr oder weniger widerwillig ihren Klassenräumen zustrebten. Unterwegs fuhr meine Hand unbemerkt an meine Ohren und massierte sie. Der klang der Glocke zerfetzte mir jedesmal fast das Trommelfell.

 Wir betraten unser lautes und volles Klassenzimmer. Mal wieder schien es als wollte jeder als erstes von seinen Wochenenderlebnissen erzählen und wie immer, schien jeder dabei das Ziel zu haben, dies lauter zu tun als alle anderen. Gleich hinter der Tür fielen sich kreischend Melina und Samantha um den Hals. Meine Güte. Es waren doch nur zwei Tage die sie sich nicht gesehen hatten. Samstag und Sonntag. Zwei Tage. Und die hatten sie wahrscheinlich stundenlang mit dem Handy am Ohr verbracht. Wie manche so nonstop aufeinanderkleben konnten war mir echt ein Rätsel. Und vor allem, woher nahmen sie ihren permanenten Gesprächsstoff? Ich war froh, wenn ich mal Zeit für mich hatte und nichts und niemanden hören und sehen brauchte. Und selbst wenn ich wollte, wusste ich nie was ich sagen sollte und meine Zunge klebte taub am Gaumen. Deswegen war ich auch der Klassenfreak. Aber gut. War halt so.

JayJay und ich arbeiteten uns zu unseren Sitzplätzen vor und ich ließ mich erschöpft auf meinen Stuhl fallen. Melina und Samantha schafften es auch irgendwie zu ihren Plätzen, nachdem jeder Melinas neue Tasche bestaunen durfte, die eher einem gerupften Zebra glich.

Das war doch sicher nicht vorher mal lebendig gewesen?

Melina und Samantha starteten eine Diskussion über Make up, bei der sie die gesamte Klasse mit einbezogen. Wirklich alle.

Ausser mich und JayJay.

Wozu Geld für so sinnloses Zeug wie Kriegsbemalung ausgeben? Das fragte ich mich immer wieder. Und wie ein Zebra mochte ich auch nicht herumlaufen. Wenn das wirklich die neueste Mode war, konnte ich sehr gerne darauf verzichten. Das war meine ehrliche Meinung zu dem Thema, doch die wollte natürlich niemand hören, deshalb fragte man mich auch nicht mehr.

 Ich stieß JayJay an, die neidisch zu den anderen hinüber schielte, lächelte ihr aufmunternd zu und packte meine Mathesachen aus.

  Meine beste Freundin tat dasselbe und zupfte dabei verstimmt an ihrer ausgeblichenen Jeans herum. Ich legte alles auf meinem Tisch zurecht und war ausnahmsweise froh, als Mr. Copper mit seinem obligatorischen strahlenden Gesicht den Raum betrat.

"Guten Morgen, Klasse 9 b!", trompetete er, während er schwungvoll seine Tasche auf dem Lehrerpult abstellte. Mr. Copper erhielt nur stöhnendes gemurmel und reihenweises Augenverdrehen zur Antwort. Er schien sich jedoch nicht daran zu stören. Fast hatte ich Mitleid mit dem Lehrer, aber nur fast. Sein Beruf war bestimmt anstrengend, doch hatte er sich diesen ja selbst ausgesucht. Ich wusste genau, dass ich auf gar keinen Fall Lehrerin werden wollte. Doch was ich werden wollte wusste ich auch nicht. Aber das zu entscheiden blieb mir zum Glück noch etwas Zeit. Erst einmal musste ich die nächsten sechzig Minuten Mathe überstehen. Mr. Copper schrieb gut gelaunt das heutige Thema an die Tafel. Gleichungen. Zum kotzen!

 Im Raum erscholl überall gekrame und geraschel, als alle anfingen unmotiviert ihre Sachen auszupacken und die entsprechende Seite im Buch aufzuschlagen. Und die Diskussion über Kriegsbemalung damit endlich, endlich zum erliegen kam.

 

Auf gehts! Gleichungen. Juhuu!