Kapitel 1
„Mut kommt bekanntlich vor dem Fall oder so ähnlich.“
Luna
Wie schon so oft in letzter Zeit saß ich vor dem Laptop in der Hoffnung, dass die Wörter, die ich laut meines Vertrages mit dem Verlag schreiben sollte, wie aus Zauberhand zu mir fliegen und mir sagen, was für eine Geschichte ich dieses Mal schreiben würde. Doch die Realität, die mich jeden Tag aufs Neue einholte, war eine andere. Ich hatte gerade eine Biografie herausgebracht, genau genommen ging es um mein Leben bis zu meinem 18. Geburtstag. Vor einem Monat war die Buchpremiere in den USA, und einen Tag danach unterschrieb ich einen Vertrag für ein neues, noch nicht existierendes Buch. Doch seit ich mein Leben ausgebreitet habe und es ziemlich viel Gerede darüber gab, war ich leer. Es war, als hätten mich Aliens entführt, ausgesaugt und einfach wieder abgesetzt. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich mich fühlte, als mein erster Romantik-Roman in den Regalen in der Buchhandlung um die Ecke auslag. Ich war aufgeregt, zappelte und hatte zum ersten Mal das Gefühl, etwas für die Ewigkeit geschaffen zu haben. Die Bücher, die ich bisher schrieb, schrieb ich meistens wie von Zauberhand. Ich hatte eine Grundidee, setzte mich auf meine vier Buchstaben und innerhalb von drei Tagen und Nächten war es abgetippt und in einer Rohfassung gesponnen. Doch seit einigen Wochen tauchte nicht einmal mehr der Funke einer Idee auf, und das frustrierte mich, es brachte mich sogar um den Verstand.
„Was machst du da?“ fragte mich meine beste Freundin und Lektorin Annabeth, ehe ich meinen Kopf von der Tischplatte hob und sie frustriert anschaute.
„Wie, was mach ich da? Ich häng’ ne Runde ab und immer, wenn mich ein Schub der Motivation packt, schreibe ich, das siehst du doch, oder?“
„Oh Liebes, wenn du wüsstest, was ich in Wahrheit sehe, wäre es dir peinlich, dass du mich reingelassen hast, und wenn ich mir anschaue, was du da bis jetzt hast...“ Sie zeigte auf meinen Laptop, der vor meinem Kopf hell leuchtete. „...mache ich mir ernsthaft Sorgen, das ist so richtig finsterer Scheiß, und sorry, aber die Horror-Spate passt einfach nicht zu deinem Schreibstil, mal ganz zu schweigen davon, dass ich keine Ahnung hätte, wie das zu vermarkten wäre.“
Ich hatte schon nach dem zweiten Wort ihrer Anekdote abgeschaltet und meinen Kopf zurück auf die Tischplatte plumpsen lassen, woraufhin sie meine Schulter tätschelte.
„Hey, du kannst das nicht erzwingen, du musst wieder vor die Tür und Menschen beobachten. So unromantisch wie du bist, kann dir, solange du dich hier verschanzt, nichts einfallen. Ich meine, ich kenne deine Bücher in- und auswendig, wie auch nicht, sie sind mein Job. Es wirkt immer so, als könntest du die Herzchen, die Amor verteilt, kotzen, und das, obwohl du nicht an die Liebe glaubst.“
Sie lachte über ihren eigenen Witz, und ich raffte mich etwas auf, ehe ich ihr antwortete.
„Oh, ich glaube an die Liebe, und das weißt du auch, Annabeth. Ich bin sogar so verrückt zu glauben, dass man sich nur einmal in seinem Leben richtig verlieben kann, und was soll ich sagen, ich habe mein Pulver eben schon verschossen.“
„Ach komm, Süße, seit ich dich kenne, habe ich dich noch nie mit einem Mann gesehen.“
„Das wäre ja auch sinnlos, Annabeth, ich würde nur mit einer Person ausgehen und die ist nicht hier.“
„Ich weiß, und ich muss zugeben, sogar ich habe mich in Alexander Maximus verliebt, aber du kannst doch nicht darauf pfeifen, glücklich zu werden. Du musst nach vorne schauen.“
„Annabeth, ich bin glücklich,“ antwortete ich ihr genervt, redete dann aber ruhig weiter. „Ich habe doch dich, und das ist mehr, als ich verdiene.“
„Das ist nicht dasselbe, und das weißt du auch. Du musst deinen Kopf mit Liebe füllen, und dann kommen die Worte ganz von alleine.“
Ich atmete durch. „Was soll ich denn machen, Annabeth? Du hast recht, ich muss eigentlich raus und es mit eigenen Augen sehen, genau wie bei den anderen Romanen. Ich meine, die habe ich nie ganz erlebt, aber zumindest die Nuancen, die am Ende ein Gesamtbild ergaben. Es war wie bei diesem Film, ‘Big Fish’: eine wahre Geschichte, gepaart mit meiner Fantasie.“
Luna, ihre Miene wurde ernster. „Ich mache mir schon seit ein paar Wochen ernsthaft Sorgen um dich. Ich kann dich auf der einen Seite verstehen, aber deine Vergangenheit sollte in der Vergangenheit bleiben und nicht auch noch deine Gegenwart und Zukunft bestimmen.“
„Das weiß ich, Annabeth, aber...“ Ich stoppte.
„Ich weiß, ich überlege schon länger, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, dir dein Leben zurückzugeben. Das Leben, für das du so hart gekämpft hast, verstehst du?“
„Annabeth!“ ermahnte ich sie. „Da gibt es nichts, was du überlegen musst, und auch nichts, worüber du dir Gedanken machen solltest. Du hast genug eigene Sorgen, um die du dich zu kümmern hast.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Meine Sorgen sind halb so wild und nicht dein Problem. Ich meide es einfach nur, vor die Tür zu gehen, um diesen Hetztiraden zu entkommen, das ist schon alles. Es ist also halb so wild, solange ich mein Essen weiterhin online bestellen kann.“
Inzwischen war ich aufrecht auf meinem Stuhl gesessen und griff erstmal nach dem Weinglas, das neben meinem Laptop ruhte, um mir einen kräftigen Schluck zu gönnen. Es gefiel mir nicht, dass Annabeth meine Sorgen zu ihren machte. Sie war meine Lektorin, meine Freundin, aber meine Mutter musste sie nicht auch noch sein.
„Das verstehe ich. Ich würde da auch nicht rausgehen wollen, weil ich Angst hätte, mit Absicht überfahren zu werden oder so. Deshalb habe ich mir ja auch so viele Gedanken gemacht. Ich könnte es nicht verkraften, dass dir etwas geschieht, weder physisch noch seelisch, und es tut mir leid, dass ich es so offen sagen muss, aber beides ist nicht weit entfernt.“
Ich nickte und wackelte auf meinem Stuhl herum; sie kannte mich gut, in manchen Momenten vermutlich zu gut, aber was sollte ich tun.
„Du hast recht,... stimmte ich ihr zu. ... aber nochmal, das ist nicht dein Problem, sondern meins. Du kannst mich nicht immer beschützen, auch wenn es wirklich gut gemeint und unheimlich süß ist. An manchen Dingen kannst nicht einmal du etwas ändern.“
„Das ist es ja...“ antwortete sie mir. „Ich denke, ich habe sogar die perfekte Lösung für dein Problem gefunden.“
„Was?“ fragte ich und blieb kurzerhand in meiner Bewegung stehen. Dann schaute ich sie eindringlich an. „Wie meinst du das?“
Sie grinste, richtete sich etwas auf und begann zu erklären. „Okay, also zuerst habe ich gedacht, wir könnten vielleicht nochmal deinen Namen ändern oder dich einfach aus unserem System löschen, dass niemand außer ich deine Unterlagen besitzt. Aber dann dachte ich, dass es nicht gerecht wäre, dich einfach wieder in jemand Neues zu verwandeln. Ich habe wie jede Woche mit meiner Mom telefoniert und wir sind auf dich gekommen, woraufhin sie mir eine Lösung aufzeigte, die perfekt wäre. Die nicht nur dir etwas Neues ermöglicht, sondern irgendwie auch mir.“
„Oh je, da bin ich ja mal gespannt,“ schoss es aus mir. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und verschränkte zur Abwehr die Arme vor meiner Brust, denn ich war mir alles andere als sicher, dass mich ihr Vorschlag erfreuen würde.
„Okay, also vielleicht sollten wir einfach einen anderen Ansatz probieren,“ setzte sie an, und ich runzelte die Stirn, denn sie verwirrte mich.
„Einen anderen Ansatz?“ fragte ich, wartete ihre Antwort aber gar nicht ab. „Ich glaube, bei ‚Ich bleibe hier in meiner Wohnung‘ da gibt es keine Möglichkeiten, die mich diese Wohnung verlassen lassen, Annabeth, egal welchen Namen ich trage, egal wie ich mich verkleide, es würde nichts ändern.“
Ich umklammerte mein Weinglas wie immer mit beiden Händen und legte meine Oberlippe am Rand des Glases ab.
„Naja, ein bisschen offen für meine Idee musst du schon sein,“ ermahnte sie mich.
„Offen, jetzt bekomme ich es sogar mit der Angst zu tun, Annabeth.“
Auch sie nahm ihr Weinglas in die Hand, das ich ihr, als sie kam, fast bis zum Rand aufgefüllt hatte. Dann nahm sie einen Schluck und antwortete mir erst, als sie ihn wieder vollständig heruntergeschluckt hatte.
„Okay, du bist meine beste Freundin und ich liebe dich wie eine Schwester. Wir kennen uns seit fast sechs Jahren, und egal, was du sagen würdest, ich würde deine Probleme immer automatisch auch zu meinen machen und dich beschützen, genauso wie du mich immer in Schutz nimmst. Also ist es aussichtslos für dich, mich zu ermahnen, mich raushalten zu müssen.“
Ich nickte erst, dann grinste ich. Sie hatte recht; wir kannten uns seit sechs Jahren und beschützten uns egal bei was. Deswegen konnte ich ihr ihre Sorgen um mich nicht übelnehmen, denn ich hätte sie im gleichen Maß um sie.
„Du hast recht...“ lenkte ich ein. „Ich würde ebenfalls nichts auf dich kommen lassen, also höre ich dir erstmal zu, auch wenn ich mir sicher bin, dass es in meinem Fall keine Lösung für mein Problem gibt.“
„Dass lass dann mal meine Sorge sein. Du hast mir irgendwann mal erzählt, dass du, als du jünger warst, immer mal im Ausland arbeiten wolltest.“
„Ja, da hatte ich ja auch noch einen Job, der das ermöglicht hätte, aber ich arbeite schon seit vier Jahren nicht mehr in der Hotelbranche, was du ja weißt.“
„Ja, schon, aber mal ehrlich, das ist doch wie Fahrradfahren; das verlernt man nicht.“
„Warte mal, schlägst du mir gerade vor, meine Berufung an den Nagel zu hängen, um zurück in den Beruf zu wechseln, den ich eigentlich nicht leiden konnte?“
„Oh Gott, nein!“ antwortete sie sofort. „Ich schlage dir lediglich vor, vorübergehend in einem gastronomischen Job im Ausland Feldforschung zu betreiben. Schreiben kannst du im Augenblick sowieso nicht, weil dir nichts einfällt. In Bars gehst du nicht. Erstens, weil du Feiern gehen im Großen und Ganzen nicht magst, und zweitens, weil du zurecht Angst davor hast. Aber für ein paar Monate in einer Bar oder einem Restaurant oder so im Ausland zu arbeiten, schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe...“
Ich schüttelte den Kopf, sagte aber nichts.
„Wieso nicht?“
„Ganz einfach, ich kann mir das überhaupt nicht leisten.“
„Also, auch dafür hätte ich vielleicht eine Lösung.“
„Na, da bin ich ja mal gespannt.“
„Na ja, du gehst einfach nach New York.“
Ich prustete los.
„New York? Ist das dein Ernst? Ich habe da schon so einige Reportagen drüber gesehen, und die Mietpreise einer Wohnung in der Größe wie hier kosten im Monat so viel wie mein Auto im ganzen Leben. Also nein.“
„Jetzt warte doch mal. Ich hätte eine Möglichkeit, bei der musst du für die Wohnung keinen Cent bezahlen.“
Ich hob die Augenbrauen in die Höhe.
„Keinen Cent? Willst du einem Penner den Karton klauen oder was?“
„Ach Quatsch, du ziehst einfach mit in das Haus meiner Großeltern.“
„Umsonst?“
„Ja, natürlich umsonst.“
Ich schüttelte diesmal etwas vehementer mit dem Kopf.
„Dir oder deinen Großeltern möchte ich nicht auf der Tasche liegen, nur weil mich die Muse verlassen hat und mich meine beschissene Vergangenheit einzuholen droht. Also nein.“
„Tust du nicht. Die wären froh über etwas Gesellschaft. Meine Eltern leben auf der anderen Seite des Kontinents, und ich lebe auf einem komplett anderen Kontinent. Glaub mir, die würden sich freuen.“
„Annabeth, nein,“ betonte ich wieder streng.
„Schau mal, das Gute an unserem Job ist doch, dass wir arbeiten können, wo wir wollen. Auch ich würde alle vier Wochen für vier Tage nach New York kommen. Win-win also. Du hast schon zweimal über eine Stadt in den USA geschrieben, obwohl du sie noch nie gesehen hast. Es wäre also perfekt.“
„Ich könnte auch ein Buch über Afghanistan oder so schreiben. Deswegen habe ich aber nicht unbedingt das Bedürfnis, dorthin zu reisen und zu kontrollieren, ob es ist, wie ich es mir vorstelle.“
„Liebes, du weißt, wie ich das meine. Dort kannst du dich frei bewegen. Du kannst dir sicher sein, dass dich niemand erkennt. Eines kann ich dir jedenfalls versichern: Wenn du hier bleibst, findest du die Worte, die du suchst, und die Geschichten, die du schreiben willst, nicht. Das Einzige, was du finden wirst, bist du – und zwar völlig oben drüber, weil du dich hier verschanzt und vergisst, wie das Leben in Freiheit einmal war. Du musst hier raus, und noch genauer: Du musst hier erstmal weg.“ ...
Ihre Stimme bekam, immer wenn ihr etwas ernst war, eine Klangfarbe, die mich beeindruckte. Ich antwortete nicht; ich musste erstmal über ihre Worte nachdenken. Ich konnte eigentlich nicht leugnen, dass sie recht hatte, versuchte es in meinem Kopf aber trotzdem.
... „Denk wenigstens mal darüber nach, bevor du mir eine Antwort gibst.“
Ich schüttelte hin- und hergerissen meinen Kopf.
„Ich weiß nicht.“
„Okay, dann eben die härteren Bandagen, Luni, ...
Betonte sie ernst. Ich hasste es, wenn sie mich so nannte, denn dann konnte ich ihr nichts mehr abschlagen.
... du sitzt hier seit Wochen fest. Ich wette, du kannst aus den Haaren an deinen Beinen inzwischen Zöpfe flechten, kennst die komplette Netflix- und Prime-Mediathek auswendig und könntest selbst bei Star Trek mit jedem Nerd konkurrieren...
Ich nickte. Was sollte ich auch anderes tun? Sie traf den Nagel auf den Kopf.
... und jetzt schau dich doch mal an. Hast du dich in letzter Zeit mal im Spiegel betrachtet? Ich mein, du bist eigentlich echt heiß, aber deine fast vorhandene Monobraue, dieser Jogginganzug, den du wahrscheinlich seit Wochen nicht gewaschen hast...
Sie würgte künstlich.
... und dieser Flip, der da in deinen Haaren klebt, ekelig.“
„Ich habe einen Erdnussflip im Haar?“ fragte ich, als sei das Einzige, an das ich denken wollte, Essen.
„Ja, hast du.“
„Wo?“
„Da.“
Sie zeigte auf die rechte Hälfte meines Kopfes. Ich suchte mit meiner Hand danach, ertastete ihn, holte ihn aus meinen Haaren, schaute ihn kurz an und dann stopfte ich ihn mir in den Mund.
„Ihhh, Luna.“
Rief sie angewidert von dem, was ich da gerade tat.
„Was denn?...“ fragte ich neutral und verwundert über ihre Reaktion. „...Ich will eben nichts verschwenden.“
Sie schüttelte den Kopf und hob beide Hände in die Luft.
„Das ist zu viel, wirklich, du musst hier raus.“
Sie lehnte sich in den Stuhl mir gegenüber, dann ließ sie ihre Arme Richtung Boden sinken, als hätte sie gerade sämtliche Kraft verloren, und wartete ein paar Augenblicke ab, bis sie es nochmal probierte.
„Na komm schon, Luna. Was hast du denn zu verlieren? Es ist doch nicht für immer, nur ein halbes Jahr, mehr nicht. Wir beide wissen, dass du die besten Geschichten, die du bisher erzählen konntest, durch die Gastro gefunden hast. Also wieso sollte es jetzt anders sein?“
„Ich weiß nicht. Bedienen ist einfach nicht mein Ding. Nicht ohne Grund habe ich an meinem letzten Arbeitstag mindestens drei Kreuze im Kalender gemacht.“
„Ja, aber richtig gehasst hast du es auch nie. Gebe es doch zu. Du hast nur den Beruf gewechselt, weil dir Schreiben einfach besser gefallen hat.“
Wenn ich einen Moment darüber nachdachte, musste ich ihr recht geben mit dem, was sie sagte. Wirklich gehasst habe ich es tatsächlich nicht. Es war das Gesamtbild, das ich nicht so gerne mochte, sprich die Arbeitszeiten, die Überstunden und das Arbeiten an jedem Wochenende, das hat mich angekotzt.
„Schau mal, ich habe eine Freundin. Ihr gehört eine Bar in Manhattan, nicht so weit weg von meinen Großeltern. Die kann man sogar ganz leicht zu Fuß erreichen. Mit der habe ich mich diese Woche unterhalten, und sie meinte, sie würde sich freuen, wenn du dich bei ihr vorstellen würdest. An einer Bar kannst du dich austoben. Die Menschen, die in eine Bar marschieren, haben ganz oft das Bedürfnis, die Barkeeper wie den Friseur zu behandeln und erzählen dir wahrscheinlich die spannendsten Geschichten aus ihrem Leben, aus denen du dann ein paar schöne Meisterwerke machen kannst...“
Ich erinnerte mich daran, wie es war, als ich in der Disco gearbeitet habe. Auch da hatten die Leute immer das Bedürfnis, mir ihre halbe Lebensgeschichte zu erzählen.
„...Und wer weiß, vielleicht entdeckst du ja deinen zweiten Mr. Right.“
„Haha, der war gut, Annabeth.“
„Süße, ich wette, du begegnest irgendwann nochmal einem Mann, der dein Alexander Maximus sein kann...“
Ich blieb still, dachte aber darüber nach, was sie sagte. Ich hatte schon einen Alexander Maximus, und noch einer kam mir nicht ins Haus. Darüber waren sich mein Kopf und mein Herz einig. Aber dennoch hatte sie mit allem anderen recht, und irgendwie gefiel mir die Vorstellung, endlich wieder frei atmen zu können.
„... Hörst du?“ fragte sie mich, weil sie bemerkt haben musste, dass es in meinem Kopf zu rattern anfing. Ich atmete scharf ein.
„Ja, Annabeth, ich höre dich, aber ich denke nach, und ich wiege ab. Je mehr ich nachdenke und abwiege, desto besser gefällt mir deine Idee, und das macht mir Angst.“
„Wirklich?“ Sie schien überrascht über meine Antwort und schaute mich mit ihren großen, tiefbraunen Augen eindringlich an, dann musterte sie mich genau, vermutlich um zu kontrollieren, dass ich sie nicht auf den Arm nahm. Ich versuchte, die Stille zu unterbrechen.
„Und deine Großeltern hätten wirklich nichts dagegen?“
„Nein, gar nicht. Meine Großmutter war total aufgeregt. Sie meinte, es wäre schön, mal wieder mehr als nur zwei Personen am Esstisch sitzen zu haben. Und als ich ihr gesagt habe, dass ich dann regelmäßig nach New York kommen würde, war es um sie geschehen. Ich glaube, sie liebt dich jetzt schon wie eine Enkelin.“
„Mh,...“ dachte ich nach. Ich wollte keine Umstände machen, schon gar nicht bei Menschen, die ich nicht kannte. Wenn es allerdings tatsächlich so war, wie Annabeth es mir versicherte, gefiel mir die Vorstellung, ihren Großeltern eine Freude zu machen und sie nicht mehr ganz so alleine zu wissen. Ich atmete noch einmal durch, dann stimmte ich zu, als spräche aus mir eine mir unbekannte Stimme.
„... Okay, weißt du was? Ich mach’s.“
„Waas? ...“ schrie Annabeth fast, dann sprang sie auf, umrundete den Tisch, schlang ihre Arme um mich und hüpfte auf und ab.
„... Ich verspreche dir, New York wird dir gefallen. Du wirst es dort lieben. Uh, meine Granny wird sich freuen, wenn sie das hört. Oh man, ich freu mich so.“
Irgendwie war es süß, dass sie sich mehr über meine Entscheidung freute, als ich es tat. Mir bereitete die Vorstellung, in ein fremdes Land zu reisen, ein mulmiges Gefühl. Doch wenn ich ehrlich war, bereitete mir in München zu bleiben, ein noch mulmigeres Gefühl. Es war also wie die Wahl des geringeren Übels. Erst als sie wieder von mir abließ, meldete ich mich erneut zu Wort.
„Ich weiß gar nicht, auf was ich achten muss oder was ich in New York brauche oder wann ich bereit sein werde, in einen Flieger zu steigen.“
In mir kochte Panik auf. Ich wusste, ich hatte zwar bereits ja gesagt, dennoch hatte ich die Möglichkeit, mein Ja zu revidieren. Doch selbst dieses Wissen ließ meine innerliche Unruhe nicht vom Harken. Ich war kurz vorm Hyperventilieren, denn eines war mir ebenso klar: Annabeth hatte recht. Nur eine solch drastische Entscheidung konnte mich vor physischen und seelischen Schmerzen bewahren.
„Hey,...
Annabeth bemerkte sofort, dass mit mir etwas nicht stimmte und schlang erneut ihre Arme um mich. Sie kannte mich einfach wie kein anderer.
... keine Panik. Ich werde dir hier mit Rat und Tat zur Seite stehen, mit dir eine Checkliste ausarbeiten und dir beim Packen helfen.“
Ich nickte, und sie ließ mich wieder los, weil sie bemerkte, dass sich meine Atmung wieder normalisiert hatte.
„Es ist trotzdem komisch,“ sagte ich.
„Was ist komisch?“
„Na ja, hier einfach alles stehen und liegen zu lassen, in eine Stadt zu gehen, in der ich niemanden kenne und erstmal so zu tun, als gäbe es mein Leben und vor allem meine Probleme hier nicht. Findest du nicht?“
Ich schaute Annabeth in die Augen. Sie reagierte kaum darauf, doch dann verzog sie ihr Gesicht.
„Na komm, Luna, sei mal ehrlich zu dir selbst. So viel zum Stehen und Liegen lassen hast du hier nicht, und lass uns bitte nicht so tun, als wäre es so. Du würdest nur mich zurücklassen, und das nicht mal richtig. Wir würden uns alle vier Wochen sehen, oder hast du seit neuestem eine Schar Freunde im Keller, von denen ich nichts weiß?“
Ich verzog das Gesicht, auch wenn sie recht hatte.
„Das war gemein, Annabeth.“
Sie schüttelte lachend den Kopf.
„Nein, war es nicht. Du lässt eben nicht gerne Menschen in dein Leben, und das ist okay. Nur deswegen fühle ich mich ja wie etwas Besonderes.“
„Annie, du bist etwas Besonderes, und das weißt du auch.“
Sie grinste, und ihre Wangen nahmen einen Hauch von Röte an. Das war irgendwie süß.
„Liebes, nochmal, ich liebe dich wie eine Schwester...
setzte sie an, und ich dachte darüber nach. Ich hatte nie eine Schwester, aber hätte ich eine, würde ich mir wünschen, sie wäre genau wie Annabeth.
... umso wichtiger ist es für mich, dich wieder glücklich und unbeschwert zu sehen. Ich bin mir so sicher, dass dir das guttun wird. Und da du in den USA geboren wurdest, fällt die ganze Bürokratie wegen eines Visums weg, und du könntest, wenn du wolltest, schon morgen los.“
„Morgen?“ fragte ich mit etwas zu viel Panik in der Stimme. Es war, als verliere ich jedes Mal, wenn es darum ging, meine Wohnung zu verlassen, etwas mehr an Selbstvertrauen.
„Keine Sorge, ... versuchte sie mich sofort zu beruhigen. ... wir schauen, dass wir die nächste Woche an einem meiner freien Tage zusammen alles durchgehen und organisieren. Dann hast du genügend Zeit, dich mit der Vorstellung, aus München zu gehen, anzufreunden.“
Ich nickte, auch wenn ich wusste, dass mir nicht die Vorstellung, München zu verlassen, Angst bereitete, sondern vielmehr das Ungewisse, das direkt danach lauern würde.
"Ich werde dich zum Flughafen bringen und dafür sorgen, dass du in New York abgeholt wirst. Du wirst also nur beim Flug alleine sein.“
„Und wie muss ich einen Flug buchen?“ fragte ich.
Annabeth lächelte und schüttelte den Kopf. „Es ist wirklich erstaunlich, dass du noch nie einen Flug gebucht hast und noch nie geflogen bist.“
Doch ich korrigierte ihre Aussage sofort. „Hey, ich bin wohl schon geflogen, als ich vier war, nämlich in dieses gottverdammte Land hier, falls du das noch nicht wusstest.“
„Neee, ... winkte sie kopfschüttelnd ab. ... das zählt nicht, daran kannst du dich ja nicht mal mehr erinnern.“
„Stimmt.“
„Okay, ich kümmere mich um alles, und du schaust einfach nur, dass du bis zum Abflug das Übliche gepackt und dich auf Vordermann gebracht hast.“ Annabeth schnappte sich noch im selben Moment ihr Handy, tippte ein paar Mal darauf herum und schaute mich grinsend an. „Jetzt kannst du nicht mehr absagen, Liebes. Dein Flug geht in 8 Tagen.“
Wieder schnürte mir dieses Tempo den Hals zu, aber ich wusste, ich war nicht alleine, und das beruhigte mich im gleichen Moment. Dann nickte ich.
„Hey,...
Diesmal tätschelte sie mir die Hand.
… du wirst zu keiner Zeit das Gefühl haben, alleine zu sein, das verspreche ich dir.“
Ich grinste.
„Ich weiß, Annabeth, und du hast ja recht, dass hier, …
Ich zeigte um mich.
… ist untragbar, mein Leben ist im Augenblick untragbar, und die Angst, vor die Türe zu gehen, nimmt mich am meisten mit.“
„Ich weiß, Süße. “...
Dann schwiegen wir einen Moment, ehe Annabeth das Thema in eine positivere Richtung lenkte.
… Ich werde später noch einen Termin mit Maja zum Skypen ausmachen, dass du sie auch schon kennenlernst. Dann weißt du sofort, ob die Chemie zwischen euch stimmt, und wenn du dann in New York bist, kannst du dich direkt mit ihr persönlich treffen und schauen, ob dir der Job in der Bar gefällt, und wenn ja, dann hast du gleich Leute um dich, die mich auch kennen.“
Ich nickte.
„Das klingt gut.“
„Okay.“
Annabeth hatte diese Gabe, aus riesigen Felsen kleine Kieselsteine zu machen, und das beeindruckte mich. Sie beeindruckte mich immer und immer wieder.
„Aber, …
Mahnte sie plötzlich und holte mich damit sofort zurück ins Hier und Jetzt.
… und das sage ich nur einmal, ich werde hier vorher vorbeikommen und kontrollieren, ob du wieder ein normaler Mensch bist. So, ...
Sie zeigte auf mich.
... lasse ich dich in keinen Flieger steigen. Davon würde sich mein guter Ruf nämlich nicht mehr erholen, egal wie nett du am Ende rüberkommst.“
Ich verdrehte die Augen.
„Haha.“
„Ne, nicht haha. Du kannst froh sein, dass ich dich mag. Jeder andere wäre schon vor Wochen schreiend davongelaufen.“
Ich musste lachen, als sie das sagte. Ich liebte ihre Ehrlichkeit, das war und ist tatsächlich eine Eigenschaft, die nur noch selten zu finden ist.
„Ist ja gut. Ich verspreche dir, ich werde mich nicht wie ein Affe in dieses Flugzeug setzen.“
Sie atmete durch.
„Gott sei Dank.“
„Und diese Maja, ist sie nett?“
Annabeth nickte zu meiner Beruhigung, vermutlich wäre es jetzt gerade auch dumm, etwas anderes zu sagen, wenn sie mich tatsächlich in diesem Flugzeug nach New York sehen wollte.
„Ja, du wirst sie mögen. Ich bin schon seit vielen Jahren mit ihr befreundet und hab schon einiges mit ihr erlebt. Ihr Cousin Max, dem die andere Hälfte der Bar gehört, ist auf den ersten Blick ein bisschen schwierig. Nein, schwierig ist das falsche Wort. Sagen wir, er muss sich an Fremde immer erst gewöhnen. Aber wenn er dich erst kennengelernt hat, legt er das bestimmt schnell ab.“
Ich verzog erst das Gesicht, dann nickte ich.
„Okay, also brauche ich mir tatsächlich keine Sorgen machen?“
„Nein, echt nicht, versprochen. Ich würde dir das nie vorschlagen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass dieser Schritt der richtige für dich sein wird.“
Die folgenden 8 Tage vergingen für mich wie im Flug. Annabeth kam fast jeden Tag vorbei, um nach mir zu sehen, und ich denke, um sicherzugehen, dass ich es mir nicht anders überlege. Vielleicht aber auch, um mir das Gefühl zu geben, nicht alleine zu sein. Mittwochs blieb sie sogar über Nacht, um bei meinem Skype-Gespräch mit Maja dabei zu sein, und half mir sogar beim Waschen und Packen.
„Ich muss ja sicherstellen, dass du für alles gewappnet bist.“
Wiederholte sie immer wieder, wenn ich sie komisch ansah. Ich glaube aber eher, sie wollte einfach nur sicherstellen, dass ich nicht die gammeligsten Jogginganzüge einpacke, die mein Repertoire zu bieten hatte. Als es endlich so weit war und ich meine Wohnungstüre hinter mir ins Schloss zog, wurde mir zum ersten Mal seit letzter Woche so richtig mulmig im Bauch. Was war, wenn ich die falsche Kurzschlussentscheidung getroffen hatte? Was war, wenn ich all das hier schrecklich vermisste, weil die Leute in New York so anders waren als ich? Und was war, wenn genau das Gegenteil eintreten würde? Gedanken über Gedanken, die ich selbst während der Autofahrt zum Flughafen nicht abschütteln konnte. Ich hatte Angst vorm Fliegen, vermutlich weil mich der letzte Flug bereits in ein Leben katapultiert hatte, um das ich nicht bat und welches ich nicht wollte, zumindest nicht vollständig. Ich war verunsichert, obwohl ich dachte, all diese Gefühle hätte ich im Laufe meines Lebens bereits abgeschüttelt, und auch das bereitete mir eine scheiß Angst.
„Hey, mach dir keine Sorgen“...
Versuchte mich Annabeth zu beruhigen, weil sie mal wieder alles bemerkte, was in mir vorging.
... „Glaub mir, außer beim Flug wirst du keine Sekunde alleine gelassen, wenn du es nicht wünschst.“
Ich nickte und starrte weiter aus dem Fenster der Beifahrerseite. Ich konnte nicht glauben, dass ich dem tatsächlich zugestimmt hatte, dass ich in wenigen Stunden schon in New York sein würde, und noch weniger konnte ich glauben, wie schnell es vom Vorschlag bis zur Durchführung ging. Am Flughafen angekommen, wusste ich nicht, was ich zu tun hatte, und wieder war es ein Segen, Annabeth bei mir zu wissen, denn sie wusste genau, was zu tun war. Sie flog schließlich auch mehrmals im Jahr. Mich schüchterte in letzter Zeit alles ein, und auch jetzt machte dieses Gefühl nicht Halt, aber ich wollte dem nicht nachgeben. Ich wollte wieder ich sein, und deshalb war es so wichtig, diesen Schritt zu gehen und meiner Angst erneut den Kampf anzusagen. Am Kontrollpunkt des Flughafens, der zum Abflugbereich führte, verabschiedeten wir uns schweren Herzens, auch wenn wir wussten, dass wir uns in wenigen Wochen wiedersehen würden.
„Wir sehen uns in etwas weniger als vier Wochen. Der Rest wird schon, glaube mir.“
Betonte sie immer und immer wieder, und ich wusste, dass sie mir die Wahrheit sagte, denn so war Annabeth nun mal. Sie sorgte für ihre Freunde, und für mich war sie das, was einer Familie am nächsten kam, und meiner Familie traute ich blind. Ich nickte in der Umarmung, dann schnappte ich mir mein Handgepäck. Die anderen Koffer hatte ich bereits beim Check-in abgegeben, drehte mich um und lief durch die Absperrung. Ich winkte noch einmal kurz und verschwand in den Bereich, in dem alles noch einmal durchleuchtet wurde, ehe man in den Duty-Free-Bereich gelangte und Annabeth komplett aus meiner Sicht verschwand. Ich ließ mir mehrmals den Weg zu meinem Gate erklären, da ich wirklich sicher gehen wollte, richtig zu sein und nicht plötzlich in den falschen Flieger zu steigen. Laut meines Tickets hatte mir Annabeth einen Platz am Fenster gebucht, vermutlich weil sie diese Plätze am liebsten hatte. Ich musste zugeben, dass es mich wunderte, dass die Leute immer am Fenster sitzen wollen. Das einzige Gefühl, das mich auf diesem Platz überkam, war: „Scheiße, ich muss hier raus.“ Ich hatte ein Problem mit Höhen und mit engen Räumen und war unheimlich erleichtert, als ich bemerkte, dass dieses Flugzeug meinem Kopf keinen Ärger bereitete und es scheinbar nicht eng genug war, um eine Panik in mir auszulösen. Dennoch schwitzte ich und mein Herz pochte, aber das lag vermutlich an der Aufregung, die ich einfach nicht loswurde. Selbst als dieser riesige Vogel endlich zu rollen begann, wollte nichts an mir, wirklich nichts, weiterhin in diesem Ding sitzen bleiben. Es war zu spät, jetzt konnte ich nicht mehr umdrehen. Mein altes Leben sollte der Vergangenheit angehören, und mein neues Leben war eine Ansammlung fremder weißer Seiten, die es an mir lag, zu füllen und zu eigen zu machen. Und während ich die meisten der Gefühle in mir hasste, war eines dabei, das mir gefiel, denn ich konnte atmen. Ich konnte endlich wieder atmen, und das brachte mich trotz dieser beißenden Unsicherheit zum Lächeln. Der Flug dauerte gute acht Stunden, und ich war erleichtert, als wir endlich wieder richtigen Boden unter den Füßen hatten. Dennoch hatte ich nicht kapiert, warum alle Leute nach der Landung geklatscht haben. Ich meine, war das nicht der Job eines Piloten, uns wieder sicher auf den Boden zurückzubringen, oder hatte ich da was falsch verstanden? Bei einem Arzt klatsche ich ja auch nicht, wenn er mich am offenen Herzen operiert hat und ich da lebend wieder rauskam, oder? Denn wenn man das doch so macht, hatte ich noch einige Male zu klatschen, wenn ich zurückkam. Dass mir München, ja sogar ganz Deutschland gehörig auf den Sack ging, war kein Geheimnis. Dennoch hoffte ich inständig, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, dieses Wagnis einzugehen.