"Danke, dass du mich zu mir geführt hast!"

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Summary

Eine ganz gewöhnliche Frau, wie sie eine Tür weiter wohnt oder gegenüber. Das Schicksal war nicht immer gnädig mit ihr und so fasst sie einen Entschluss, für den sie sich in Grund und Boden schämt. Die Frage ist es eine Dummheit oder eine geniale Idee?

Status
Complete
Chapters
2
Rating
5.0 5 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1

Heute

Meine Finger umklammern den Türgriff und ich bin mir unschlüssig, ob ich meine Entscheidung nicht doch bitter bereuen werde. Der Spruch man soll keine schlafenden Hunde wecken hat jetzt gerade in seinem Wahrheitsgehalt rapide an Potential zugenommen, oder doch nicht? Vielleicht ist es besser, wenn ich am Anfang beginne statt mittendrin.


ca. sechs Monate zuvor

Ich bin wieder einmal in einer meiner depressiven Phasen gefangen. Nichts und niemand kann mir da heraushelfen. Was habe ich auch schon zu erwarten. Klein, unförmig, zu großer Bauch, zu flacher Hintern, zu dicke Beine, zu breite Schultern. Die besten Jahre sind vorbei, oder haben noch nicht einmal begonnen. Die sechsundvierzig steht vor der Tür und wimmert kläglich um Einlass. Immer wieder erzählt man mir, aus der Familie oder dem Bekanntenkreis, wie stolz ich doch sein kann, ich habe ja schon so viel geschafft. Klar ich habe es geschafft, nachdem ich mehrere Schulen durchlaufen und mich von der angeblich passenden Sonderschule zum Abitur durchgeboxt habe, ein Studium zu Ende zu bringen, doch wofür? Weder arbeite ich in diesem Beruf, noch wollte ich jemals Karriere machen. Meinen Lebenstraum, und für mich auch der Lebenssinn, eine Familie zu gründen und Kindern einen besseren Start ins Leben zu geben, als es mir selbst vergönnt, war... naja, was soll ich sagen mit 45 ist das wohl vorbei.

Aber, ich schweife ab. Eigentlich will ich etwas ganz anderes erzählen. Meinen Weg zu der oben genannten Türklinke. Nebenbei habe ich erwähnt, dass ich noch nie sexuellen Verkehr mit einem anderen Menschen hatte? Ups, vergessen.

Also, vor sechs Monaten habe ich auf Netflix einen Film gesehen. Ich gehöre ja zu der Kategorie Selbstgeißelung. Anstatt dass ich mir Abenteuer, Science-Ficton oder Horrorfilme ansehe, laufen bei mir Romanzen. Wenn ich sie schon nicht selbst erleben kann, dann lebe ich sie eben durch andere. Je höher der FSK, umso besser. Also ich stöbere so durch die Filme und lande bei einem Film mit Emma Thompson. “Meine Stunden mit Leo”. Der Trailer ist viel versprechend und ich schaue ihn mir an. So viele Dinge, die hier angesprochen werden, passen auf mich, aber genauso viele Dinge sind weit von meiner Realität entfernt. Jetzt kommt das große Aber!

Der Film bringt mich auf eine Idee. Eine Idee, die mich heute zu dieser Türklinke geführt hat.

Noch während der Film läuft suche ich auf meinem Handy nach Callboys für Frauen. Es gibt so viele Seiten, die genau das anbieten, was Frau sich wünscht. Junge, knackige Männer, die dir jeden Wunsch erfüllen und fast schon von den Lippen ablesen. ‘Wow’, geht es mir da so einige Male durch den Kopf. Ich lege das Handy wieder zur Seite und schaue den Film weiter. Am Ende steht Emma Thompson nackt vor einem Spiegel und ich denke nur ‘Respekt, das hätte ich mich niemals getraut’.

Mein Blick fällt wieder auf mein Handy und ich kann nicht widerstehen. Ich rufe ein paar Seiten auf und schaue mir die Männer an. Einige haben sogar Videos aufgenommen, um sich selbst zu präsentieren. Ich merke, dass ich vollkommen hin- und hergerissen bin zwischen Neugier, Sehnsucht, Scham und Schuldgefühl. So gerne würde ich in die Welt der Wissenden eintauchen. Lesen und zusehen, das ist doch nicht das Gleiche. Also nicht, dass wir uns da falsch verstehen, zusehen im Sinne von Pornos. Ich bin doch keine Spannerin. Hilfe, was denkt ihr bloß von mir.

Ich suche nach Männern, die in meiner Region tätig sind und finde zwei. Natürlich schaue ich mir als erstes alle Bilder an und lese dann die Daten zu dem Objekt meiner Begierden. Als letztes schaue ich mir dann die Videos an. Bei keinem der beiden schaffe ich es bis zum Ende. Während der eine wie ein weichgespülter Teddybär von Perwoll redet und wirkt, als wäre er eine Art Guru. So redet der anderen als käme er von der Straße aus einer Gang und der einen dreitägigen Kurs in guter Kleidung und Konversation belegt hat. Natürlich hat er ihn gerade mal eben so bestanden. Doch was soll ich sagen, meine Ansprüche sind gewaltig gesunken in den letzten 30 Jahren. Ich wähle, dass für mich kleinere Übel, und setze an ihm zu schreiben. Von mir selbst angewidert und peinlich berührt lösche ich den Text wieder und gehe ins Bett. Der Satisfyer wird auch heute seinen Dienst tun.

Am nächsten Morgen ist mein Kopf noch nicht ganz klar und ich greife halb verschlafen nach meinem Handy. Als erstes taucht natürlich die Seite des Callboys auf und während ich noch mit den Schultern zucke, fange ich an zu schreiben. Ich sende die Nachricht ab und habe das Gefühl, ich hätte gerade einen Lottoschein mit sechs Richtigen gefunden. Mein Herz schlägt aufgeregt und ich bin plötzlich hellwach. ‘Was hast du dir nur dabei gedacht und vor allem, warum hast du auch noch die Wahrheit geschrieben?’, ‘Was denkt der nur, wenn der deine Nachricht bekommt?’, ‘Der arme Mann, dass kannst du ihm unmöglich antun.’ usw. usf.

Nach einem weiteren ereignislosen Tag Arbeit schaue ich zum gefühlt hundertsten Mal auf mein Handy und atme erleichtert auf. Keine Antwort. ‘Gut, dann hat er dich nicht ernst genommen. Schwein gehabt’ Trotzdem schaue ich jeden Tag wieder nach und dann nach zwei Tagen eine Antwort. “Hey, vielen Dank für deine sympathische Nachricht. Vielleicht sollten wir einmal telefonieren und schauen, ob wir uns verstehen? Dann können wir auch über deine Wünsche reden.” Fast hätte ich das Handy vor Schreck weggeworfen. ‘Telefonieren? Oh mein Gott, das kann ich nicht. Ich will nicht, dass er weiß, wer ich bin, ich kann ihm meine Nummer doch nicht geben. Aber er wird mir seine ganz sicher auch nicht geben. Was soll ich nur tun?’

Todesmutig habe ich ihm geantwortet und gefragt, wie genau er sich das denn vorstellt, wer wen anruft und wann. Dann kommt die Ernüchterung. Eine ganze Woche keine Antwort. Vermutlich nimmt er mich nun doch nicht ernst oder glaubt ich bin eine Betrügerin, vielleicht ein Kerl. ‘Schwein gehabt, ich muss mich doch nicht damit auseinandersetzen, ob ich diesen Schritt gehen kann oder nicht.’

Der elfte Tag und es kommt eine Entschuldigung, er war krank und daher nicht in der Lage zu antworten. Ich will ihm sofort antworten und mitteilen, dass es besser ist, wenn ich einen anderen Weg finde an meinem sexuellen Leben teilzuhaben. Ich warte lieber ein paar Tage und schreibe ihm dann, dass es eine gute Idee ist, erst einmal zu telefonieren, dass ich aber auch keine Idee habe, was meine Wünsche sind. Weil ich noch nicht darüber nachgedacht habe dieses Ereignis mit einem käuflichen Mann zu erleben.

Wieder warte ich und schließlich nach wenigen Tagen kommt eine Mail mit seiner Telefonnummer. Er bittet mich ihn am morgigen Abend gegen 19 Uhr anzurufen. Die Nacht ist die Hölle für mich, ich kann kaum einschlafen und je näher der nächste Abend kommt, desto unruhiger werde ich. Ich renne immer wieder ins Bad und als es schließlich nach 19 Uhr ist, kralle ich mich förmlich an mein Handy und wähle seine Nummer.

“Hallo, ich bin Robert, spreche ich mit Kate?” Ich schlucke und spürte wie zittrig meine Hände und meine Stimme sind. “Ja, hallo, ich bins Kate. Ich sollte dich ja anrufen.” Ein schmunzelndes Kichern erklingt am Telefon und ich kann mir gut sein Gesicht vorstellen. “Ja, schön, dass du es getan hast. Es freut mich dich kennenzulernen. Du hast eine sehr angenehme Stimme.” Nun bin ich es die schmunzeln muss, meine Stimme wurde schon des Öfteren mit gewissen Telefonhotlines verglichen. “Danke, also wie geht es jetzt weiter?” Wieder dieses schmunzelnde Kichern und ich spüre, wie ich langsam etwas ruhiger werde. “Naja, ich denke ich werde dir erst einmal ein bisschen was von mir und meiner Aufgabe erzählen und dann schauen wir mal, ob du dir vorstellen könntest, dich mit mir zu verabreden.” Ich schlucke und nicke, bis ich merke, dass er das ja gar nicht sehen kann. “Okay...” Ich höre ihn einatmen. “Man, deine Stimme ist echt sexy. Also meine Name ist Robert, ich bin 30 Jahre alt und arbeite seit etwa zwei Jahren als Callboy. Ich sehe es als ein Geschenk an, dass ich Frauen etwas geben kann, was sie vermissen. Zärtlichkeit, Wertschätzung, intellektuelle und einfühlsame Gespräche oder auch ein unvergessliches, prickelndes Abenteuer. Ich weiß, dass du in diese Richtung wenig Erfahrung hast, und bin mir sicher, dass ich dich auf deiner Reise zu deiner Sexualität begleiten kann. Ich denke bevor wir uns zurückziehen, sollten wir erst einmal in einem Café oder einer Bar etwas zusammen trinken. Was hältst du davon? Wir können natürlich auch ein zweites Treffen arrangieren und das erste nur zum Kennenlernen nutzen.”

Meine Gedanken fahren gerade Achterbahn, wie kann er sagen, dass er mir auf sexueller Ebene begegnen kann, wenn er noch nicht einmal weiß, wie ich aussehe. Wie kann er glauben, dass er überhaupt dazu rein physisch in der Lage sein wird. Ich weiß gar nicht was ich zuerst ansprechen soll oder wie. “Ähm, ja, klingt gut.” Diesmal kein schmunzelndes Lächeln. “Hey Kate, ich höre, dass dir etwas auf der Seele liegt. Auch wenn es nicht einfach ist, du kannst es mir sagen, ich werde dich nicht ver- oder beurteilen.” Einen Moment bleibt es ruhig. „Was macht dir Sorgen?” Ich nicke wieder vor mich hin. “Naja, ich mein, wie... also wie willst du wissen... ich mein ich bin...” Stille und ich werde wieder nervöser. “Ich möchte dir von einer Kundin erzählen. Ich werde keine Namen oder andere Dinge nennen, die einen Hinweis auf sie geben. Vor ein paar Wochen war ich auf einem Treffen mit einer wirklich sehr netten, älteren Dame. Am Anfang wollte sie einfach nur einen Begleiter, der mit ihr einmal romantisch essen geht. Am Ende verließ ich ihr Hotelzimmer am nächsten Morgen. Sie lag selig lächelnd im Bett und schlief. Sie war 75 Jahre alt und inkontinent. Es hat mir nichts ausgemacht. Eine andere Kundin, das ist schon ein paar Monate her, saß im Rollstuhl und viele meiner Kundinnen haben irgendeinen Makel, den sie an sich nicht leiden können. Sie fühlen sich zu alt, zu groß, zu dick, zu dünn, zu hässlich und was weiß ich nicht was noch alles, aber eines kann ich dir garantieren. Jede Frau hat etwas Schönes an sich, bei dir ist es auf jeden Fall die Stimme und ich bin mir sicher, da ist noch viel mehr.”

Ich muss mich schwer zusammenreißen, um nicht zu weinen, aber er hat Recht. Warum kasteien wir Frauen uns immer wieder. Wir leben, wir tragen Wunden davon und behalten Narben. Innerlich wie äußerlich. Was unterscheidet uns da von den Männern? Es gibt hierauf eine einfache und vor allem kurze, prägnante Antwort. Nichts! Nur unsere Einstellung zu uns selbst. “Ich bin nicht schlank und ich habe das Gefühl, dass ich hässlich bin, nicht liebenswert. Ich glaube nicht, dass ein Mann bei mir eine Erektion haben kann.” Wieder dieses schmunzelnde Kichern. “Ganz ehrlich Kate, das sind meistens die Kundinnen, bei denen es besonders leicht ist, hart zu werden.” Mir steht der Mund offen vor Verwunderung.

“Versuch dich doch mal ein wenig zu beschreiben oder du schickst mir einfach zwei Bilder von dir. Ein fürchterliches und eines, dass dir gefällt.” In meinem Kopf gehe ich schon die Bilder durch, die sich in meinem Besitz befinden und eins ums andere kann ich zu den fürchterlichen zählen. “Okay, ich schick dir was. Aber wie geht es dann weiter?” Er erzählt mir etwas über die Modalitäten und den Ablauf. “Also, ich denke du kannst erst einmal ein wenig darüber nachdenken, was du willst und ob du es willst. Wenn du soweit bist, dann meldest du dich einfach bei mir und wir machen ein Date aus. Ich würde mich auf jeden Fall sehr freuen, wenn wir uns einmal persönlich treffen dürfen.”

Nachdem ich aufgelegt habe, sitze ich noch eine Weile auf meinem Sofa und schaue aus dem Fenster auf den fallenden Regen. Ich bin zwiegespalten. Das Telefonat war ganz nett, aber kann ich wirklich dafür bezahlen mit einem Mann zu schlafen? Was wenn ich damit Sehnsüchte und Begierden wecke, die ich nie wieder gestillt bekomme. Was man nicht kennt, kann man auch nicht wirklich vermissen und 400 EUR sind eine ganze Menge Geld für mich, vor allem für zwei Stunden, da muss er schon einiges für leisten. Was für ein Stundenlohn. Während ich mich hin- und herreißen lasse, schicke ich zwei Fotos ab. Das eine ist wirklich bäh und das andere ist naja, geht so. Viel mehr an positiver Bewertung wird von mir auch nicht kommen.

Seine Antwort kommt beinahe sofort. “Das wird überhaupt kein Problem für mich. Du hast wunderschöne Augen und deine Lippen laden zum Küssen ein. Auch wenn es dir schwerfällt mir zu glauben, du bist eine wirklich hübsche Frau. Ich freue mich bald von dir zu hören.” Ich muss schlucken, spüre aber auch gleichzeitig eine Welle der Euphorie durch mich hindurchwandern. Sofort verpasse ich ihr einen Dämpfer. ‘Er ist käuflich, er kann wohl kaum etwas anderes behaupten, wenn er Geld verdienen will.’


ca. vier Monate später

Ich habe immer wieder an Robert gedacht und heute war wieder so ein Tag, den ich am liebsten wegwerfen wollte. Wenn einmal nichts funktioniert, dann schließt sich direkt der ganze Rest des Tages mit an. Vor lauter Frust esse ich wieder zu viel Süßigkeiten und stöbere durch mein Handy. Dabei finde ich die Mails von Robert wieder und beschließe den Schritt einfach zu gehen. Ich verfasse eine kurze Nachricht an ihn.

“Hallo Robert, ich würde gerne einen Termin mit dir ausmachen. Ich denke, es ist an der Zeit einen Schritt zu mir zu gehen. Gruß Kate.”

Die Antwort lässt diesmal nicht lange auf sich warten. "Hallo Kate, ich freue mich schon sehr auf dich. Ich bin zurzeit nicht in Deutschland, werde aber in drei Wochen wieder da sein. Ich würde mich dann bei dir melden, wenn es in Ordnung ist" Natürlich ist es in Ordnung, so haben ich noch einmal eine Galgenfrist und kann es mir unter Umständen doch noch einmal anders überlegen. Die Tage ziehen dahin und ich denke schon nicht mehr an die erwartete Nachricht, bis sie dann plötzlich da ist.

"Hallo Kate, ich bin wieder in der Heimat. Wenn es dir passt, dann ruf mich doch heute Abend einmal an, dann können wir ein Date ausmachen." Wie beim ersten Mal, bin ich auch heute furchtbar nervös. Schließlich legen wir uns auf einen Tag in einem Monat fest.