Chapter 1 – Das Klavier
Der junge Mann befand sich in einem sehr alten Haus, man konnte ihm die Jahre ansehen. Keiner störte sich daran, man überließ es einfach seinem Schicksal. Doch für Shigaraki war der Ort einfach perfekt. Trotz der vielen Warnungen, kam er erneut hierher. Langsam schritt er durch den breiten Korridor und betrat den Hauptsaal an dessen Ende. Seine Augen schweiften kurz durch den Raum und seine Aufmerksamkeit blieb auf einem gewissen Instrument, auf dem er schon seit Jahren nicht mehr gespielt hatte.
Er nahm den Platz davor ein und setzte sich auf den Hocker. Das Möbelstück knarrte leise, doch den jungen Mann schien das nicht zu stören, es interessierte ihn nicht. Das leicht verschmutzte Klavier deckte er einfach auf. Seine Augen trübten sich, trotz seiner feindseligen Persönlichkeit war er tief in seinem Inneren eine sensible Person. Durch seine Empfindlichkeit, war es einfach, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Selbst wenn er seine steinerne Maske aufsetzte, sein psychopathisches Lachen andere erzittern ließ, im inneren war er immer noch erschüttert und verletzlich.
Plötzlich verspürte er das Bedürfnis zu spielen, seine Gefühle, zusammen mit der Musik, fließen zu lassen, deshalb pustete er den Rest des Staubes hinfort. Danach legte er seine Finger auf die Tasten, stets bedacht, nie die ganze Hand aufzulegen – denn er wollte das Instrument nicht zerstören. Leise seufzte er. Die Wahrheit war, dass er sich an seine Spezialität gewöhnt und gelernt hatte, damit zu leben. Nichtsdestotrotz war sie an und für sich wie eine Last. Es gab nur eine Möglichkeit, wie er sie unterdrücken konnte, und das waren seine Handschuhe, jedoch hatte er sie an diesem Tag vergessen.
Vor seinem Besuch in diesem Anwesen hatte er gegen irgendwelche »Helden« gekämpft. Weitere Menschen waren gestorben. Wieder einmal war er Zeuge davon geworden. Jedoch war er es schon so oft, dass es ihn mittlerweile nicht mehr berührte, nicht wie beim ersten Mal. Das Morden selbst bereitete ihm immer wieder Freude, er mochte es zu sehen, wie andere litten. Seiner Meinung nach, waren sie alle dazu verdammt.
Mit einem Finger drückte er leicht auf die weiße Oberfläche. Es gefiel ihm. Nach nur wenigen Sekunden konnte man eine klare und flüssige Melodie hören, die durch das alte Anwesen erklang. Der Blauhaarige fühlte den Takt – er spielte im Rhythmus der Angst. Gefühle, vor denen er von klein auf geflüchtet war. Angst mischte sich mit Leere. Am Anfang dachte er immer negativ, seine durch das Leben zerstörte Psyche machte das alles nicht gerade einfacher.
Ein weiterer Klang, eine weitere Zeile, als er das Knarren des Fußbodens erhörte. Augenblicklich nahm er seine Finger vom Instrument, als plötzlich die Geräusche der näher kommenden Schritte sich beschleunigten. Tomura erstarb, er konnte sich nicht rühren, er saß mit dem Rücken zur Tür, in der, in dem Moment, eine Person stand – dem war er sich sicher.
»Ich wusste gar nicht, dass du Klavier spielen kannst«, hörte er hinter sich die ihm bekannte, nervige Stimme Dabis. Er wusste nicht, wieso der Mann seine Identität nicht preisgeben wollte und genau das regte ihn noch mehr auf. Jedoch verschwanden alle Bedenken und Shigaraki atmete erleichtert auf.
»Niemand wusste es«, dachte er. Zumindest glaubte er, dass es nur ein Gedanke gewesen war, denn schon nach kurzer Zeit erhob der Schwarzhaarige erneut seine Stimme.
»In diesem Fall, fühle ich mich geehrt«, entgegnete der Schurke, woraufhin der Zweite zischte und sich vom Hocker erhob. Langsam ging er auf das eine Mitglied der Liga zu. Er war neugierig, was der Blauäugige hier machte, weswegen er, ohne groß darüber nachzudenken, einfach fragte. Auf die Frage hin kratzte Dabi sich leicht am Nacken – er wollte nicht zugeben, dass er ihm gefolgt war.
Der Schwarzhaarige hatte sich schon vor einiger Zeit in den Anführer verguckt. Er wusste, dass er keine Chancen hatte, jedoch erschien der Blauhaarige ihm so mysteriös und interessant, dass er gar nicht anders konnte. Der junge Mann war seine Schwäche, eine verbotene Frucht. Ein Verlangen keimte in ihm auf, er wollte ihn küssen, ihn umarmen oder einfach seine Hand ergreifen.
Doch er konnte nicht und das Wissen erschlug ihn beinahe. Für ihn war er wie ein Weltwunder, vermutlich würde diese Bezeichnung die meisten zum Lachen bringen. Blaue Haare, schlanke Silhouette, ständig aufgeplatzte Lippen – das war nichts neues, nichts besonderes und doch, es begeisterte ihn. Sein ganzes Dasein begeisterte den Schwarzhaarigen.
»Verfolgst du mich?«, fragte Shigaraki erneut, was eine leichte Panik in Dabi auslöste und trotz seiner eisernen Miene, war er schockiert.
»Vielleicht«, murmelte er heraus, was er sofort bereute. Tomura hatte diese Antwort definitiv nicht erwartet, Wut bäumte sich in ihm auf. Er wusste nicht, was ihn lenkte, doch er beschleunigte seinen Schritt – mit dem Ziel, sich auf den Anderen zu werfen. Jedoch ließ der Ältere es nicht zu, mit Leichtigkeit packte er den Blauhaarigen an den Handgelenken und drückte ihn an die nächste Wand.
»Was genau wird das hier?!«, knurrte Tomura.
»Das könnte ich dich genauso fragen …«, murrte Dabi ihm ins Ohr. Er hatte keinerlei Kontrolle über sich und wusste, dass er es bald bereuen würde.
»In letzter Zeit bist du ziemlich nervig … Zumindest mehr als sonst.«
Das alles war ihm zu viel, der Jüngere versuchte, sich mit aller Kraft aus Dabis Griff zu befreien, wodurch es zu einer Rangelei und Geschrei kam.
Dies bewirkte jedoch etwas völlig anderes, als er erwartet hatte, denn um ihn zu beruhigen, verschloss Dabi ihre Lippen zu einem Kuss. Am Anfang hatte Shigaraki nicht vor diese Liebkosung zu erwidern, doch als die Zungenspitze, des Blauäugigen, immer wieder über seine Unterlippe fuhr – da war es um ihn geschehen. Leicht öffnete er seinen Mund, was der andere Mann ausnutzte und mit seiner Zunge ins Innere vordrang.
Er hörte erst auf, als er genug hatte, für den Moment zumindest. An ihren Mundwinkeln bahnte sich der Speichel seinen Weg hinab und ihre Lippen waren gerötet, etwas geschwollen. Sie wussten eines genau, sie wollten mehr, vor allem wollten sie einander. Doch das war weder der richtige Ort, noch die richtige Zeit.
Mit immer noch schnell pochenden Herzen und schnellem Atem blickten sie sich in die Augen. Der Schwarzhaarige lockerte seinen Griff, um die Handgelenke des Blauhaarigen, um diese als Nächstes an dessen Hüfte zu platzieren. Tomura dagegen warf seine Arme um den Nacken des Anderen, bittend, dass Dabi ihn noch mehr küssen möge.
Und natürlich konnte er es nicht ablehnen …
Angst gerät in Vergessenheit, wenn man mit dieser einen Person zusammen ist – der Rhythmus wird schneller und die Melodie ändert ihre Bedeutung