Prolog
Die Realität war eine seltsame Angelegenheit. Gefiltert durch individuelle Wahrnehmungen, Erfahrungen und Glaubenssätze. Wie absurd musste eine Situation sein, dass Carolines Gehirn sich schlicht weigerte, sie als real anzuerkennen?
Egal, wie oft sie die Augen verzweifelt zusammenpresste und hoffnungsvoll wieder aufriss, ihre Hände blieben mit dünnen Seilen stramm zusammengebunden und der rechte Knöchel mit einer Kette an der metallischen Wand fixiert. Das Brennen ihrer Handgelenken war der einzige Grund, aus dem sie sicher war, dass all dies kein Traum sein konnte. Die Eiseskälte drang bis zu den Knochen vor und betäubte nicht nur den Schmerz, sondern lähmte auch ihre Gedanken. Wie zäher Brei flossen sie durch die Gehirnwindungen, wo normalerweise Geistesblitze zuckten. Träge wanderte ihr Blick über die kahlen grauen Stahlwände, harten Pritschen zu den anderen Gefangenen. Schließlich blieb er an ihrer Freundin Isabelle hängen.
„Isy! Hey, Isy!", flüsterte sie. „Bist du wach?"
"Mmh!", brummte das Mädchen leise und Caroline beobachtete einen Moment die gleichmäßigen Atemzüge. Eine kleine Auszeit, in der das zierliche Mäuschen keine Angst haben musste. Das Dröhnen um sie herum schwoll an und ab und die Wände ächzten, je nachdem wie ihr Gefährt sich bewegte. Logischerweise war sie von einem Schiff ausgegangen. Wie sie von einem Mitgefangenen erfahren hatte, war die Lage jedoch beängstigender. Er behauptete, sie wären in einem U-Boot. Ihre Reaktion war ein ungläubiges Lachen gewesen, aber sein Bericht, wie er im Dunkeln überfallen und verschleppt worden war, klang glaubhaft und ähnelte ihren Erlebnissen. Im Gegensatz zu allen anderen hatte er mitbekommen, wie sie ihn durch das schwarze Loch die Leiter heruntergebracht hatten.
Er schien über fünfzig Jahre alt zu sein und dass er hier war, erfüllte Caroline mit Hoffnung. Vielleicht handelte es sich bei ihren Entführern doch nicht um Menschenhändler. Was sollten sie mit solcher Beute schon anfangen? Neben ihm, Isy und ihr selbst, waren zwei Männer und drei Frauen angekettet. Alle fünf im Teenageralter oder knapp darüber. Was hatten diese Leute bloß mit so einer Mischung vor?
Alles in ihr krampfte sich bei der Erinnerung an ihre eigene Begegnung mit den Entführern zusammen. Nein, das waren keine Menschenhändler, wie man sie aus den Nachrichten kannte. Diese unnatürlich kräftigen Hände, die sich um ihr Genick gelegt hatte. Wie undurchdringlich sich die Haut unter ihren Fingernägeln angefühlt hatte. Ein Schluchzen stieg ihre Kehle hoch und sie presste die gebundenen Hände mit aller Gewalt vor den Mund, um jedes Geräusch zu unterdrücken. Sie musste die Gedankenspirale unterbrechen, die sie in den Abgrund zu reißen drohte. Es gab eine logische Erklärung. Sie musste sie nur finden. Aber spielte logisch oder absurd überhaupt eine Rolle? Geschwächt und angekettet waren sie ihren Entführern, so oder so, völlig ausgeliefert.
Sie betrachtete das schlafende Gesicht ihrer jungen Freundin und ballte die Fäuste. Nein, selbst unter Todesangst und Schmerzen bereute sie die Entscheidungen nicht, die sie hergeführt hatten. Und mit Sicherheit würde sie nicht kampflos aufgeben!