Kapitel 1 - Das Wiedersehen
Nervös trete ich von einem auf das andere Bein. Ich muss aussehen wie ein zappeliger Muppet.
Ein 1,85 m großer Muppet mit sonnenverwöhnter Haut, schulterlangen Braids und dem Körperbau eines Surfprofis. Ich grinse leicht, kreise meine Schultern um etwas der nervösen Angespanntheit abzuschütteln.
Ist schließlich nur ein weiterer Gast in meiner Abenteuerhütte. Ein weiterer verwöhnter Millionär, der in den Ferien Indiana Jones spielen möchte.
Aber irgendwie fühlt es sich eben anders an. Es ist wirklich nicht das erste Mal, dass sich ein reicher Mann anmeldet und seine Familie mitbringt. Er bringt ein zwölfjähriges Mädchen mit, das seine Tochter sein muss. Eine Frau begleitet die beiden. Sie hat einen anderen Nachnamen, daher ist sie entweder eine Geliebte oder ein Kindermädchen, damit Dad sich auch nachts Abenteuer zum etwas anderem Amüsement suchen kann.
Alles schon erlebt. Manches Mal sprang für mich eine heiße Ferien Romanze raus. Mit dem männlichen Part, wohlgemerkt.
Es ist seltsam wie viele, gerade erfolgreiche Männer, sich in der großen Welt da draußen verstecken müssen. Und hier in unserem kleinen Inselparadies interessiert es niemanden, mit wem ich mein Bett teile. Ich werde nach meiner Arbeit und meinem Engagement für die Inselwelt bewertet, nicht nach meiner Sexualität.
Allerdings ist die Auswahl hier auch sehr gering. Meine große Liebe werde ich nie finden. Vielleicht existiert so etwas auch gar nicht. Vielleicht ist es nur ein Märchen welches wir uns erträumen, um das Leben geheimnisvoller erscheinen zu lassen.
Oder vielleicht ist meine wahre Liebe auch einfach meine Heimat. Meine Freunde und Familie.
In meiner Kindheit und Teenager Zeit, war ich neugierig auf die Welt. Ich wollte die großen, geschäftigen Städte sehen. Wollte an die Orte reisen, die ich mir selbst durch die detailisiertesten Erzählungen unserer Gäste nicht vorstellen konnte.
Doch mit den Jahren kam die Erkenntnis, dass all diese Orte nicht so toll sein können, wenn die Menschen doch zu uns wollen. In die Ruhe, an das türkise Meer, die weißen Strände. Ich könnte nie an einem anderen Ort leben, nie das hektische Treiben der Welt ertragen.
Ich lebe mit tollen Menschen, jeder kennt jeden und durch die Touristen lernt man auch immer neue Menschen und Sichtweisen kennen.
Kurz blitzt die Erinnerung an ein paar neugierig dreinblickende, bernsteinfarbene Augen auf. An ein verschmitztes Lächeln im Gesicht eines Zwölfjährigen, zwischen Junge und Mann gefangen.
Wir sahen uns jeden Sommer. Er verbrachte die Ferien mit seinen Eltern in einem der Luxusapartments und obwohl er reich war, spielten wir wie Jungs es eben tun. Wild, voller Abenteuer, aufgeschürfter Knie und Dreck. Mein Piratenkamerad. Was aus ihm wohl geworden ist? Hat er die Liebe gefunden?
Ist er irgendwo ehrhaft verheiratet, hat Kinder, Haus und schickes Auto? Wo verbringt er die Sommer? Ist er ein Langweiler geworden oder träumt er immer noch von geheimnisvollen Schätzen in Piratenhöhlen?
Wieder kreise ich die Schultern. Seit dieser Gast sich angemeldet hat, bin ich nervös. Es ist mir ein Rätsel, als ob mein Geist mir etwas mitteilen möchte. Ich lache leise. So ein Quatsch!
,,Da muss wohl mal wieder jemand ins Sassy Nights", schmunzelte ich. Meine Lieblingsbar auf der Hauptinsel unserer kleinen abgeschiedenen Inselwelt. Dort findet man als schwuler Inselbewohner entweder einen willigen Partner aus der eigenen Gemeinschaft oder einen Gast aus einem der umliegenden Hotels. Heißer, unbeschwerter Spaß. Nicht die totale Erfüllung, aber zumindest vergeht man nicht an Einsamkeit.
Endlich sehe ich es. Sanft segelt das kleine Flugzeug auf dem Landeabschnitt von Treasure Island zu. Ich erkenne es muss meine Freundin Kaori sein, die die Gäste von der Hauptinsel zu mir bringt. Nur sie fliegt so sanft, ganz als würde sie auf der perfekten Sommerbrise entlang schweben.
Die Sonne lässt das Meer glitzern, schenkt den Touristen einen atemberaubenden Anblick, dort oben, über allem schwebend. Meine Heimat zeigt sich heute wirklich von ihrer besten Seite.
Hier herrscht endloser Sommer, jedoch auch für uns ist die Zeit der Sommerferien für die europäische Welt, der wahre Sommer. Dann kommen die meisten Touristen.
Lachende Kinder die über unsere Strände toben, Eltern die ausspannen, Menschen die für eine Weile ihre Welt hinter sich lassen und uns Inselbewohnern klar machen, wie schön unsere Heimat ist.
Das kleine Flugzeug setzt gekonnt und sanft auf. Sobald der Motor verstummt, schwing die Tür zur Pilotenkabine auf. Kaori winkt und ich winke zurück. Ihre Haut ist soviel dunkler als meine, bildet einen tollen Kontrast zu dem wasserstoffblonden Pixie Cut, den sie trägt.
Kaori hüpft aus der Kabine und öffnet dann die Passagiertür. Ein hübsches Mädchen, mit vor Abenteuerlust blitzenden Augen, springt heraus. Ihre jungen Augen sehen sich aufgeregt um.
,,Dad! Das ist der Wahnsinn! All die kleinen Inseln! Manche sieht man sogar noch von hier aus. Als ob man zu Fuß herübergehen kann!"
,,Das würde ich nicht empfehlen.", sage ich daraufhin und trete näher. ,,Wieso?'', fragt sie sogleich. ,,Die Insel da vorne scheint nicht weiter weg als meine Tanzschule zu Hause!" Ich grinse das aufgeweckte Mädchen an, ,,Zuhause warten auf deinem Weg aber keine Haie und andere Raubfische!"
Aufgeregt schaut sie zum nahen Ozean. ,,Haie? Echt? Gibt es auch Wale?"
,,Atmen nicht vergessen Liebling!", erklingt nun eine tiefe Stimme, die mir Schauer über den Körper schickt. Ein Mann steigt aus dem Flugzeug.
Mit dunkel blonden Haaren, die in einem modernen Schnitt in der Meeresbrise wehen, einem sportlichen Körper in halblanger Cargohose und einem Hemd mit sexy hochgekrempelten Ärmeln, die obersten Knöpfe offen, entspricht er genau dem Typ Mann dem ich kaum widerstehen kann.
Er hilft kurz der Frau die beide begleitet aus dem Flugzeug, erntet dafür einen liebevollen Kuss auf die Wange, von der hübschen Frau die seiner Tochter sehr ähnelt. Pech für mich also! Mein Blick tanzt über seinen athletischen Körper, bewundert die breiten Schultern und schmalen Hüften.
Bevor ich zu sehr abdrifte, holt mich ein Stoß in meine Rippen zurück. Kaori grinst vielsagend, doch ich schüttelte den Kopf unauffällig. Bemerke nun das seine Hand ausgestreckt ist. Ich sehe in seine Augen und mir stockt der Atem. Bernsteinfarbene Augen! Diese sehen mich nun leicht irritiert an und ich ergreife schnell die ausgestreckte Hand.
,,Guten Tag, meine Name ist Dean. Willkommen auf den Paradiesinseln Mr McLean, insbesondere natürlich hier auf Treasure Island. Ihre Familie und sie erwartet ein Urlaub voller Wunder und Abenteuer. Doch auch Ruhe und Entspannung wird es geben."
Den letzten Teil sage ich aus einem Instinkt heraus. Er sieht irgendwie fertig aus. Eine Müdigkeit wohnt den schönen Augen inne und die Körperhaltung wirkt als wäre sie zu gewollt. Gewollt stark.
Doch nun lächelt er. Mein Herz hüpft gleich los. Ich kenne dieses Lächeln, diese Augen. Oder? Aber das kann doch nicht sein. Nach all den Jahren?
James McLean III, bist du wirklich...?
,,Guten Tag. Wir freuen uns sehr hier zu sein. Nenn' mich bitte Jay. Ich will hier nur ich selbst sein. Dieser ganze steife Anstandsterror ist ein Graus!" ,,Genau! Dad braucht Spaß!", ruft das Mädchen und ich grinse unwillkürlich. Sie erinnert mich an den Jay meiner Kindheitssommer.
Aufgeweckt, neugierig, euphorisch für jedes Abenteuer. ,,Das werdet ihr haben. Und um auf deine Frage zu antworten : ja es gibt hier auch Wale, Delfine, Rochen. Es gibt Tauchkurse und ebenso Ausflüge auf Glasbodenbooten."
Sie sieht aus als wolle sie gleich los, wird aber von der Frau zurück gehalten. "Zoe! Wir packen erst aus, bevor wir auch nur irgendwo hingehen. Außerdem wollen wir doch gute Manieren zeigen und unserem Host auch mal Hallo sagen, oder?" Das Mädchen seufzt, doch nach einem Blick ihres Vaters, reicht sie mir auch die Hand. ,,Willkommen Zoe. Keine Angst, dir läuft hier nichts davon!", sage ich schmunzelnd und schüttelte dann die Hand der Frau.
,,Ich bin Emily. Hallo Dean, nett dich nennen zu lernen!"
,,Jetzt aber genug albernes Gerede... Auf geht's!", juchzt Zoe und schnappt sich einen der Trolleys. ,,Zoe!", schimpft Emily, "Moooooom... Jetzt sei nicht so boring. Komm!" Emily lacht nun schallend, greift auch einen Trolley, ,,Das hat sie von dir Jay!"
Der schöne Adonis lacht ebenso, greift die restlichen zwei Taschen und folgt beiden dorthin, wo der Jeep meines Abenteuerressorts auf uns wartet.
,,Heiß der Kerl, hmm?", Kaori grinst. Ich zucke die Schultern. ,,Aber scheinbar straight. Er ist ein Dad und vergeben. Du kennst meine Regeln!"
,,Regeln müssen manchmal gebrochen werden!", sagt sie mit einem Zwinkern, küsst meine Wange, ruft der Familie ein Goodbye zu und fliegt wieder davon. Es ist immerhin Hochsaison.
Ich folge nun der Familie, beobachte wie er beiden in den Jeep hilft, Emilys Hand küsst. Ihr Umgang ist vertraut. Innig. Und mich hat er erst gar nicht erkannt.
Oder er ist doch nicht der, für den ich ihn halte. Immerhin ist sein Nachname anders.
Es sind 18 Jahre vergangen seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.