Musik liegt in der Luft

All Rights Reserved ©

Summary

Als Carola von ihrem Mann während ihrer Krankheit verlassen wird, bricht ihre Welt zusammen. Ihr Herz ist gebrochen, als sie erfährt, dass er sie mit ihrer besten Freundin betrogen hat – die nun schwanger ist. Gleichzeitig kämpft Jenny, eine alleinerziehende Mutter, mit den Herausforderungen des Lebens. Die liebe zur Musik läßt ihre Wege kreuzen Doch wie können sie gemeinsam die Schatten der Vergangenheit überwinden und eine Zukunft voller Harmonie finden?

Status
Complete
Chapters
5
Rating
4.0 1 review
Age Rating
18+

Agitato

„Dieser Scheißkerl!“

Sturzbäche von Tränen flossen über Carolas zierliches Gesicht. „Das ist das letzte Taschentuch, das ich noch habe!“ kündigte Leonie an und hielt Carola ein Papiertaschentuch hin. Es war ein warmer Freitag im Mai. Das bedeutete, dass ein Wochenende vor der Tür stand. Eigentlich hätte alles so schön sein können, wenn da nicht diese endlose Leere gewesen wäre die Carola jedes Mal befiel, wenn ihre Wohnungstür hinter ihr ins Schloss fiel. „Sei doch froh, dass er weg ist“, versucht Leonie sie zu trösten. „Ich habe ihm alles gegeben, wirklich ALLES!“, seufzte Carola erneut los und eine weitere Flut von Tränen ergoss sich in Sturzbächen in ihr bis dahin ungebrauchtes Taschentuch. „Ich habe sogar sein Sperma geschluckt und jetzt lässt mich dieser Scheißkerl wegen dieser Schlampe sitzen! Die besten Jahre meines Lebens habe ich ihm gegeben. Wir wollten eine Familie gründen. Ich habe ihn geliebt! Und was macht dieser Arsch? Er vögelt während meiner Chemo mit dieser Schlampe herum und schwängert sie auch noch!“ Erneut brachte Carola ein herzzerreißendes Schluchzen hervor.

Obwohl das Café nur spärlich besucht war konnte doch jeder erkennen, dass sich an diesem Tisch eine wahre Tragödie abspielte, wie sie nur das Leben schreiben konnte. Eigentlich kannten sich Carola und Leonie nur flüchtig. Sie waren Arbeitskolleginnen und verbrachten meist ihre Mittagspause zusammen. Aber Carola hatte gerade ihre beste Freundin an diesen „Scheißkerl“ (wie sie ihren Ex-Partner von nun an titulierte) verloren und wusste nicht, bei wem sie sich sonst hätte ausheulen können. Leonie hatte sie auch während der Chemo unterstützt. Als Carola die Diagnose Krebs erhielt war das für sie ein schwerer Schock. Zuerst kam es ihr vor, als ob jemand den Boden unter ihren Füßen wegzog. Mit Stefan und ihr lief alles so gut. Zumindest bis zu diesem Zeitpunkt. Sie wollten sich eine gemeinsame Zukunft aufbauen. Ein Haus, Kinder, alles was so dazugehört. Carola hatte sich das immer gewünscht. Ein Heim hatte für sie etwas von Geborgenheit und was gibt es noch Schöneres als einen sie liebenden Mann an ihrer Seite und ein Kind dazu? Leonie wusste nicht mehr wie sie Carola noch trösten sollte. Sie startete einen neuen Versuch: „Ich weiß, dass das für dich nicht einfach ist. Wenn dein Partner etwas mit deiner besten Freundin anfängt, diese von ihm schwanger wird und du jetzt zusehen darfst wie die beiden auf Familie machen und auch nur drei Straßen weiter wohnen dann ist das einfach nur…“

„Scheiße!“, schrie Carola „eine Riesenscheiße ist das!!!“

„Das haben jetzt auch die Gäste an den Nebentischen gehört“, merkte Leonie an. „Soll ich nochmal Taschentücher besorgen?“ „Nein“, schniefte Carola „ich werde mich jetzt wieder in meinen vier Wänden verkrümeln und warten, bis mir die Decke auf den Kopf fällt.“ Leonie trank ihren Cappuccino aus und wischte sich den Milchschaum von den Lippen. „Sieh die positiven Seiten des Lebens: Du hast die Chemo gemeistert. Dein Krebs ist geheilt. Du bist erst 34. Du kannst noch Kinder bekommen und findest bestimmt auch bald wieder einen Mann. Aber nicht, wenn du dich zu Hause verkrümelst…“ Leonie legte tröstend ihren Arm um Carola. „Du musst mal wieder raus; unter Menschen. Du sitzt schon viel zu lange alleine herum und grübelst vor dich hin. Lamentieren und in Selbstmitleid versinken ändert deine Situation nicht. Wieso gehst du nicht in einen Verein oder so?“ „Na toll, soll ich mit meinen Waden vielleicht in den Fußballverein eintreten?“, entgegnete Carola etwas gereizt, „du weißt genau, dass ich total unsportlich bin.“ „Aber du hast doch mal Musik studiert?“ erwiderte Leonie. „Ja, und meinen Beruf für diesen Arsch aufgegeben! Seit Jahren habe ich keinen Ton mehr auf der Querflöte gespielt, weil sich alles nur noch um diesen Kerl gedreht hat, der diese Schlampe gefick…“ „Ich weiß, ich weiß“, unterbrach sie Leonie schnell, bevor Carola ihre Ausführungen noch weiter präzisieren konnte, „Warum gehst du nicht in einen Musikverein oder so etwas?“ „Soll ich vielleicht zur Blasmusik gehen?“ entrüstet sich Carola. „Bist du denn total bescheuert? Was soll ich denn da? Ich habe doch nicht Querflöte studiert um jetzt Schnadahüpferl zu spielen!“ „Was hast du denn zu verlieren?“ konterte Leonie. „Engagierte Leute die mitmachen werden immer gesucht. Gerade letzte Woche war wieder eine Anzeige in der Zeitung. Überlege es dir doch mal. Es ist doch nicht wegen der Musik alleine. Du kommst mal raus, siehst andere Menschen… Und wer sich auf die Noten konzentriert der kommt auch nicht auf trübe Gedanken.“

Da hatte Leonie allerdings Recht. Vielleicht war die Idee doch nicht so abwegig. Warum sollte Carola nicht einfach mal einen Versuch wagen und spaßeshalber eine Probe des Musikvereins besuchen? Vielleicht war ja der Dirigent jung und hübsch. Und unverheiratet? Zu Hause angekommen holte sie gleich die Zeitung hervor, um die Anzeige zu suchen:

„Wir suchen leidenschaftliche Musikerinnen und Musiker jeden Alters und jeder Erfahrungsstufe, um unsere Reihen zu verstärken. Egal, ob Sie ein erfahrener Profi oder ein aufstrebendes Talent sind, bei uns sind alle willkommen! Wenn Sie Interesse haben, Teil unserer musikalischen Familie zu werden und gemeinsam mit uns die Bühne zu erobern, kommen Sie zu unseren Proben jeden Montag um 19:00 Uhr in der Stadthalle. Wir freuen uns darauf, Sie kennenzulernen und gemeinsam großartige Musik zu machen.“

„Na dann“, dachte Carola, „no risk, no fun!“