Kapitel 1
Ich lasse einen zufriedenen Blick durch mein Klassenzimmer schweifen. Die Vorbereitungen sind getroffen, die Unterlagen für die Eltern liegen bereit und die Powerpointpräsentation steht. Sobald ich umgezogen bin, kann es losgehen. Da klopft es an der Türe. Ich drehe mich irritiert um und schaue dorthin. Außer mir ist eigentlich niemand im Schulhaus. Das kann nur der Hausmeister sein. Gut, dass ich den, als Dorfschullehrerin, die selbst im Flecken aufgewachsen ist, kenne.
“Komm rein, Rudi!“, rufe ich und rücke doch nochmal meinen Laptop etwas zur Seite.
“Hi Miri!“, sagt eine mir bekannte Stimme, die allerdings so gar nicht zu unserem Hausmeister passt. Ich drehe mich um und sehe Ole, ein Kumpel aus dem Musikverein, vor mir stehen.
“Ole, was machst du denn hier?” fragend schaue ich ihn an.
“Wir sind drüben in der Halle gerade am Aufbauen, bekommen die Heizung aber nicht zum Laufen, kannst du uns vielleicht helfen?” Ich lasse meinen Blick über ihn gleiten. Er trägt die Uniform eines bekannten deutschen Rettungsdienstes. Die Blutspendeaktion. Das habe ich ja komplett vergessen.
“Ich ruf mal Rudi an!“, sage ich lapidar.
“Der ist im Urlaub!“, antwortet Ole und wippt auf seinen Stiefeln hin und her. Der ist wohl ein bisschen overdressed, der Gute. Ich seufze leise.
“Na gut. Ich komme mit. Du musst den oberen Schalter lange drücken - dann tut es!” Schnell werfe ich noch einen Kontrollblick durchs Klassenzimmer und auf die Uhr. Gott sei Dank bin ich immer mega früh dran. Dann gehen wir durch das alte Gebäude rüber zur Sporthalle. Mir stockt kurz der Atem, als ich diesen Raum so sehe. Normalerweise findet die Aktion nämlich in der großen Festhalle statt. Ich selbst mache um so was sowieso immer einen riesigen Bogen. Ich habe es nicht so mit Nadeln! Mein Puls beschleunigt sich, als ich die ganzen Liegen und das sonstige Equipment sehe.
“Miri? Alles gut?” Ole boxt gegen meine Schulter.
“Ähm. Ja. Also lass uns mal in den Heizungsraum gehen!” Ich gehe entschlossen voran und drücke die Klinke.
“Warte mal!“, ruft Ole noch. Doch es ist zu spät und die Türe steht schon sperrangelweit offen.
“Was zum Teufel!“, flucht eine deutlich männliche Person, die allerdings nicht wirklich erkennbar ist, da der Kopf augenscheinlich in einem viel zu hoch geknüpften Shirt steckt. Ich kann nicht anders, als zu lachen. Ein etwas verstrubbelter Kopf kommt kurz darauf zum Vorschein. Ich muss zweimal hinschauen.
“Levin? Was machst du hier?” Verblüfft schaue ich einen meiner ehemaligen Schulfreunde an. Wir hatten schon ewig nichts mehr voneinander gehört. Ich lasse meinen Blick kurz über seinen Body wandern und schlucke trocken. Wow!
“Na das gleiche könnte ich dich auch fragen. Er hat wohl seine Fassung wieder erlangt und grinst mich an.
“Zieht dir lieber mal was drüber. Sonst erkältest du dich noch!“, feixt Ole. “Und Miri, bevor du hier anfängst zu sabbern, die HEIZUNG!” Ich werfe Ole einen vernichtenden Blick zu.
“Der da steht im Weg!“, sage ich und zeige auf Levins Brust. “Ich wusste gar nicht, dass du zurück bist!“, sage ich zu ihm und mache mich an den Knöpfen zu schaffen.
“Tja, wärst du in der letzten Zeit mal beim Musikverein gewesen, hättest du es mitbekommen, dass wir einen neuen Landarzt hier haben!” Ole grinst mich an.
“Du bist was?” Mittlerweile hat Levin es auch geschafft sich anzuziehen und schlingt sich in einer flüssigen Bewegung das Stethoskop um den Hals. Fuck! Wieder kann ich kaum meinen Blick von ihm lösen. Immerhin höre ich nun einen Signalton, der mir anzeigt, dass die Heizung angesprungen ist.
“Das klingt gut!“, sagt Ole und trollt sich endlich. Ich schaue einen Moment auf meine Schuhe.
“Ist das ein Problem für dich?“, fragt Levin und schaut mich vielsagend an. Sein Blick durchleuchtet mich direkt. Er hatte schon immer die unglaubliche Gabe, in Menschen einfach hineinzusehen. Er tritt noch einen Schritt näher auf mich zu.
“Ähm. Also ich bin nie krank. Deshalb nö!“, sage ich selbstbewusster als ich mich eigentlich fühle. Die Beziehung zwischen Levin und mir war immer haarscharf an der Grenze der Friendszone. An der gegenseitigen Anziehungskraft hat sich wohl nicht viel geändert...
“Na wunderbar. Dann bist du gleich unsere erste Spenderin!” sagt er lächelnd und legt einen Arm um mich. Gemeinsam treten wir aus dem kleinen Raum.
“Leider leider habe ich gleich Elternabend...“, sage ich entschuldigend und winde mich aus seinem Griff. Er riecht verdammt gut. Dabei berührt das kalte Metall des Stethoskops meinen Arm. Ich erschauere unter der Berührung.
“Ach du bist hier Lehrerin?“, fragt er mich und mustert mich erneut.
“Genau!“, sage ich und lächle zurück. Ole kommt wieder auf uns zu.
“Levin, du müsstest mal noch dein Arztzimmer einrichten!“, sagt er.
“Wann beginnt denn dein Elternabend?“, fragt Levin.
“In einer Stunde!“, petzt Ole und grinst mich vielsagend an. Ich werfe ihm einen bösen Blick zu.
“Genau und ich muss mich jetzt fertig machen!“, sage ich bestimmend.
“Ach, das schaffen wir noch, oder?“, fragt Levin grinsend.
“Klar, da können wir gleich die Orgastraße testen!“, befürwortet auch Ole Levins Vorschlag.
“Sorry, ich bin da echt raus!” sage ich mit Nachdruck und bin mir der Nähe der beiden Jungs mehr als bewusst.
Ole und Levin grinsen sich, wie früher im Jugendtreff an. Ich weiß, was das bedeutet.
“Truth or dare, meine Liebe!“, flüstert Levin leise in mein Ohr. Verdammt. Jetzt kommen sie mir mit dieser Schiene.
“Das ist nicht fair!” Früher habe ich keine Chance ausgelassen, um den anderen Jungs meinen Mut zu zeigen. Aber bei Nadeln hört der Spaß echt auf.
Die beiden Jungs zucken synchron die Achseln. “Schisser!“, sagt Ole und zwinkert mir zu. Ich boxe ihn an die Schulter.
“Tja, scheint wirklich so!“, pflichtet Levin ihm bei und zwinkert mir zu. “Dann geh ich mal das Arztzimmer einrichten...”








