1 - Dunkelheit vertreibt das Licht
Raue Schindeln drücken in meine nackten Fußsohlen. Wagemutig breite ich die Arme aus und balanciere über den schmalen Dachfirst, den ich mir auserkoren habe. Die Schindeln klappern bei jedem Schritt und ein kräftiger Wind reißt an meiner Kleidung, als wolle er mich herunterstoßen. Das hat er schon oft versucht, aber nie geschafft. Ich recke das Kinn und schiebe die dunklen Locken zurück. Der Wind hat sie sofort wieder in seiner Gewalt und peitscht sie mir ins Gesicht.
Trotz des Sturms umgibt mich ein pechschwarzer, dichter Nebel. Seit die Ewige Nacht wie eine schwere Decke über den Dächern liegt, hat sich kein einziger Sonnenstrahl hierher verirrt. Es sollte unheimlich sein, geradezu furchteinflößend, doch vor Dunkelheit hatte ich noch nie Angst. Mein rechtes Auge braucht kein Licht, um zu sehen.
Am Ende des Dachfirsts bleibe ich stehen. Zu meinen Füßen liegt der verlassene Marktplatz, dessen Bild von umgeworfenen Ständen, kaputten Karren und einer uralten Eiche geprägt ist. Mit dem Erscheinen der Ewigen Nacht ist jeglicher Handel zum Erliegen gekommen. Doch nicht nur das. Die Stadtbewohner sind geflohen oder haben sich in ihren Häusern verbarrikadiert – und die Pflanzen sind dahingewelkt. Auf dem Pflasterstein liegen die braunen und gelben Blätter der Eiche, obwohl der Baum im sommerlichen Grün stehen müsste. Manche behaupten, dass es an irgendwelchen Giften im Nebel liegt, andere sagen, dass den Pflanzen die Sonne fehlt. Mir ist egal, wer recht hat, denn es kommt beides auf dasselbe hinaus.
Der Zustand von Arpach entwickelt sich für mittellose Straßenkinder, die die Stadt nicht verlassen können, allmählich zu einem Problem. Unglücklicherweise bin ich eins jener Straßenkinder.
Sehnsüchtig richte ich meinen Blick auf einen Turm, der, halb hinter Häusern verborgen und halb von der Ewigen Nacht verschluckt, zunächst keinen besonderen Eindruck erweckt. Doch der Schein trügt. Dieses Bauwerk aus hellen Stein und mit den zahlreichen Bögen und Verzierungen ist nicht nur schön anzusehen, sondern auch eine Versuchung, der ich kaum widerstehen kann. Meine Finger zucken allein beim Gedanken daran, ihn zu erklimmen und herauszufinden, ob seine Spitze über die Ewige Nacht hinausreicht.
Den runden Feentempel, der sich an die Seite des Glockenturms schmiegt, streift mein Blick nur beiläufig. Ein Kuppeldach krönt das Gebäude und hinter großen Buntglasfenstern glimmt Licht, das nie gelöscht wird. Denn Feen sind Lichtwesen und welches Lichtwesen würde sich je an einem dunklen Ort aufhalten? Ich schnaube leise. Es ist der blanke Hohn.
»Du fällst noch runter, Lore.« Die quengelnde Stimme meines Freundes reißt mich aus meinen Gedanken. Schwungvoll drehe ich mich zu Greggi um, der im Rahmen eines geöffneten Dachfensters sitzt. Er hat sich nicht auf die Dachschindeln hinausgewagt und hält sich verkrampft mit einer Hand fest. In der anderen hält er eine weit heruntergebrannte Kerze, deren kleine Flamme aufgeregt flackert.
»Blödsinn.« Ein Grinsen stiehlt sich in mein Gesicht, als ich mit ausgebreiteten Armen über den schmalen Dachfirst tanze. Elegant drehe ich mich im Kreis. »Eher lerne ich fliegen, als dass ich falle.«
»Hör damit auf, du bringst dich noch um.« Greggis Stimme schwankt hörbar zwischen Angst und Ärger. Ich halte in meiner Bewegung inne und lasse die Arme sinken. Inzwischen sollte er doch wissen, dass ich weiß, was ich tue. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ich über ein Dach spaziere und meinen Gleichgewichtssinn auf die Probe stelle.
»Überhaupt sollten wir gar nicht hier sein«, jammert Greggi weiter und kratzt sich heftig am Arm. Sein blondes Haar wirkt beinahe braun, so dreckig ist es. Ich erinnere mich, dass es vor etwa einem Jahr, als ich ihn kennengelernt habe, golden und gepflegt im Sonnenlicht gefunkelt hat. »Die Ewige Nacht macht krank und hier oben sind wir diesem nebligen Ungetüm sogar noch näher! Hörst du? Wir sollten sofort wieder runterklettern!«
Angsthase.
Ich strecke die Arme aus, um mit den Händen durch den Nebel zu fahren und ungehindert gleiten sie hindurch. Gleichzeitig scheint es so, als würde die Kerze hier oben schwächer leuchten – als verschlinge die Ewige Nacht wie ein hungriges Monster ihr Licht. Ein Schauder erfasst mich bei dem Gedanken daran, welche leibhaftigen Monster sich den Geschichten nach unter der Ewigen Nacht verbergen.
»So schnell wird man vom Nebel nun auch wieder nicht krank.« Hoffe ich zumindest.
Greggi starrt mich entgeistert an. »Du würdest es in Kauf nehmen, ein Nachtgeschwür zu bekommen, nur um länger riskieren zu können, von einem Dach zu stürzen?«
Um frei zu sein.
Ich verdrehe die Augen und tänzle weiter über die Schindeln. Ihr Klappern ist die Musik zu meinen Bewegungen. Greggi wird mich nie verstehen.
»Ich will Irmelin nicht sagen müssen, dass du abgestürzt bist und zerschmettert auf der Straße liegst. Ihr geht es doch jetzt schon nicht gut. Außerdem … Außerdem will ich nicht allein mit ihr sein.«
Verblüfft halte ich inne. »Wieso das denn?«
Er zieht die Schultern hoch und druckst herum.
»Wie-hi-so-ho?«, singe ich ungeduldig und balanciere in seine Richtung.
»Weil sie so krank ist«, platzt es endlich aus Greggi heraus. »Und wenn sie stirbt–«
»Wird sie nicht!«
Er seufzt gequält. Doch bevor wir weiter darüber diskutieren können, werde ich von etwas abgelenkt. Über die gepflasterte Hauptstraße nähern sich gedämpfte klackernde Laute dem Marktplatz. Sie sind so zahlreich, dass es sich nur um mehrere Pferde handeln kann. Schickt der König etwa endlich Männer, um die Stadt zu retten? Oder um die übrigen Menschen, die noch nicht geflohen sind, hier heraus zu holen?
Neugierig laufe ich wieder bis nah an den Giebel heran, um einen Blick auf die Straße zu erhaschen. Die Ankömmlinge erreichen soeben den Marktplatz – und es sind keine königlichen Soldaten. Drei riesige Würmer mit etlichen Beinen verursachen die klackernden Geräusche. Die Leiber bestehen aus mehreren Körperringen und auf ihren Rücken sitzt je eine großgewachsene, finstere Gestalt. Vor Grauen zucke ich zurück.
Nachtwesen.
»Drachenkot«, hauche ich und haste zu meinem Freund zurück. »Greggi, mach die Kerze aus! Sofort!«
»Nein, wieso? Ich hasse es, wenn es dunkel ist«, protestiert er. Unvorsichtig schlittere ich über die Dachschräge zu ihm und entreiße ihm in einer schnellen Bewegung die Kerze, die dadurch erlischt. Heißes Wachs schwappt über meine Hand und zischend hole ich Luft.
»Du blöder …«, setzt Greggi an und schlägt blind nach mir. Er trifft meine Hand, wodurch die Kerze durch meine Finger rutscht, die Dachschräge hinunter poltert und irgendwo unten in der Gasse landet.
»Hast du sie gerade runtergeworfen?! Sag mal spinnst–«
»Still«, zische ich so eindringlich, dass Greggi tatsächlich den Mund hält. Vorsichtig rutsche ich weiter die Dachschräge hinab. Der Wind zerrt an meinem Haar und meiner Kleidung. Um den Halt nicht zu verlieren, stemme ich die Ferse in die Dachrinne und spähe auf den Marktplatz.
Die Riesenwürmer halten unter der toten Eiche. Sie sind jeweils so lang wie zwei bis drei Pferde und so breit wie ein fetter Ochse. Von einem dieser ekelerregenden Reittiere steigt ein überraschend menschlich aussehendes Nachtwesen ab. Sein Haar ist rabenschwarz, womit er unter den anderen keine Ausnahme darstellt. Dunkle Muster ranken sich um seinen Hals und die Handgelenke. Sein Brustharnisch und die Armschienen bestehen aus dunklem Leder und die weite, dunkelblaue Hose ist bis unterhalb der Knie mit einem anderen Stoff eng umwickelt.
»Das musst du dir ansehen«, murmle ich.
»Was denn? Wie denn? Es ist stockdunkel. Du hast nämlich meine Kerze vom Dach geworfen!«
Ich werfe einen flüchtigen Blick zu Greggi. Mein Freund hat den Mund verzogen und stiert beleidigt ins Nichts. Ein bisschen tut er mir deswegen schon leid. Er ist genauso unfähig wie all die anderen, ohne Licht etwas zu sehen.
»Da sind Nachtwesen auf dem Marktplatz. Sie haben gigantische Würmer auf Beinen–«
»Nachtwesen? Würmer?«, keucht Greggi entsetzt und macht sich daran ins Innere des Hauses zu fliehen. Dabei stößt er seinen Ellbogen gegen das milchige Glas des aufgeklappten Dachfensters, das laut im Fensterrahmen scheppert.
»Schh!«
Er hält in der Bewegung inne und reibt sich mit wehleidig verzogenem Gesicht den Ellbogen. Alarmiert drehe ich mich wieder dem Marktplatz zu, um herauszufinden, ob uns jemand gehört hat und begegne geradewegs dem Blick des Nachtwesens. Für einen Moment bin ich wie festgefroren und wage nicht zu atmen.
Mistfliegenkacke!
Ich reiße mich aus meiner Starre und weiche panisch zurück. Seine silbernen Augen folgen meinen Bewegungen.
»Greggi, die haben uns entdeckt«, rufe ich meinem Freund zu und krauche die Dachschräge hoch. Die Ziegel klappern geräuschvoll unter meinen Füßen. Ich erreiche das Dachfenster und muss mich zusammenreißen, um Greggi nicht einfach ins Innere zu schubsen. Mit weit aufgerissenen Augen und vorsichtig tastend steigt er unsere improvisierte Treppe bestehend aus einem Schrank und einer Truhe herab.
»Bei den Feen, Lore. Heißt das, dass wir sterben werden? Werden die uns umbringen?!«
»Dich bestimmt, wenn du weiter so lahmarschig bist«, schimpfe ich ungeduldig.
»Hättest du meine Kerze nicht weggeworfen, könnte ich jetzt etwas sehen, also ist das deine Schuld«, pfeffert Greggi zurück. »Wenn ich sterbe, trägst du die Verantwortung.«
Unwillkürlich wandert meine Hand zu einem glatten Amulett, das ich um den Hals trage. Es liegt kühl auf meiner erhitzten Haut. Ich lasse es wieder los, als Greggi endlich den Weg frei macht und ich durch das Dachfenster klettern kann. Seine Worte machen mich unsagbar wütend und das Gefühl mich rechtfertigen zu müssen, übernimmt die Oberhand.
»Ich bin nicht Schuld«, fauche ich erbost und springe vom Schrankdach auf die Truhe und von dort auf den Boden. Mit einem dumpfen Plumps lande ich mit den nackten Füßen auf den Holzdielen. Ein muffiger Geruch liegt in der Luft. »Du hast mir den dämlichen Wachs aus der Hand geschlagen.«
»Nachdem du ihn mir weggenommen hast!«
»Ja!«, brülle ich. »Sonst hätten sie uns direkt entdeckt!«
»Schön!«, antwortet Greggi nicht minder aufgebracht. »Und wer wollte unbedingt auf dieses feenbeschissene Dach?«
Ich schweige. Meine Hände sind zu Fäusten geballt und mein Herz rast mit meinen Gedanken um die Wette. Die Möglichkeit, dass ich tatsächlich … dass ich … Ein bitterer Geschmack breitet sich in meinem Mund aus. Eine alte Erinnerung zupft an meinem Gedächtnis, schleicht in den Schatten meines Geistes umher und wird doch nicht greifbar.
»Lore?«, fragt Greggi leicht verunsichert und reißt mich aus meiner Starre. Seine Hand findet meinen Arm und klammert sich an mir fest. »Können wir jetzt bitte von hier verschwinden? Ich will nämlich wirklich nicht sterben.«
»Keiner wird das«, bestimme ich und ziehe ihn hinter mir her durch den Dachboden. Hier lagert allerlei altes, unbrauchbares Zeug – klapprige Schränke, ein Schaukelpferd und gerahmte Landschaftsbilder. Erst vorhin haben wir diese Dinge durchstöbert und allerhand Staub aufgewirbelt.
Polternd rennen wir die Treppen bis ins Erdgeschoss hinab. Greggi hält sich dabei so fest an meinen Arm geklammert, dass es wehtut. Seine Finger bohren sich regelrecht in meine Haut. Ohne nach rechts oder links zu schauen, stürme ich voran und bin erleichtert, bislang über kein Nachtwesen mit gezückter Klinge zu stolpern. Fast schon übermütig zerre ich Greggi bis zur Hintertür und stoße sie beherzt auf. Auch hier lauert weder ein Nachtwesen noch ein Riesenwurm.
Langsamer, als ich es gerne hätte, laufen wir die Straße entlang. Bei jedem zweiten Schritt stolpert Greggi über seine eigenen Füße oder die Pflastersteine und ich verliere aufgrund seiner Ungeschicklichkeit fast die Nerven. In meinem Kopf setzt sich die Vorstellung fest, ich könne jeden Moment eine tödliche Klinge im Rücken spüren oder von einer großen Hand abgefangen werden. Es steht außer Frage, dass uns das hochgewachsene Nachtwesen hätte finden und einholen können. Doch nichts dergleichen passiert.
Habe ich mich vielleicht getäuscht und es hat mich doch nicht gesehen?
So schnell wie möglich leite ich Greggi möglichst kreuz und quer durch die Gassen der Stadt, die immer verschachtelter und unübersichtlicher werden, je weiter wir uns vom Marktplatz entfernen. Meine Füße schmerzen mittlerweile bei jedem Schritt und irgendwann stoppe ich erschöpft. Falls uns ein Nachtwesen gefolgt sein sollte, haben wir es zweifellos abgehängt.
»Haben wir es geschafft? Sind wir sicher? Sind wir zuhause?«, fragt Greggi keuchend ohne seine Umklammerung zu lösen. Ich schüttle ihn energisch ab und reibe über die zerquetschte Stelle an meinem Arm. Das wird sicher ein Bluterguss, so fest wie er zugedrückt hat.
Ich lasse den Blick über die an die enge Gasse grenzenden Häuser gleiten. Lockere Fensterläden bewegen sich im Wind, der durch die Stadt pfeift und Ratten tummeln sich um etwas am Boden und nagen daran herum. Zwar kriecht mir eine Gänsehaut den Nacken hinauf, doch beschließe ich das Gefühl zu ignorieren. »Hier in den Häusern waren wir bisher noch nicht, aber vielleicht finden wir ja was brauchbares.«
Greggi seufzt wenig begeistert auf.
»Stell dir nur vor, wir finden ein Einmachglas mit Gewürzgurken oder sogar mit süßen Kirschen.«
Greggis Magen grummelt hörbar und ich sehe ihn schlucken. Auch mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich nur daran denke. Seit keine Wochenmärkte mehr stattfinden und die meisten Menschen sich in ihren Häusern verschanzen, um von ihren letzten Vorräten zu leben – wohl in der Hoffnung, dass sich die Ewige Nacht eines Tages auflöst und das Leben normal weitergeht – ist es schwierig an Nahrung zu kommen.
»Warte hier, wenn du nicht willst. Aber lass dich nicht von den Ratten auffressen«, stichle ich und beobachte den Ausdruck des Schreckens in seinem Gesicht. Ihn zu beeinflussen, Dinge zu tun, die er eigentlich nicht will, ist erschreckend einfach.
»Wer sagt, dass ich nicht mitkommen will«, ruft er aus und streckt blind seine Hände nach mir aus. »Lass uns nur zuerst nach Kerzen suchen, Lore. Das schuldest du mir, nachdem du sie vom Dach geworfen hast. Das war immerhin meine Letzte.«
Ich schnaube. »Ich habe sie nicht geworfen.«
»Behauptest du.«
»Ist so.«
»Gib’ es doch einfach zu.«
Ich ziehe scharf die Luft ein. »Hast du das gehört?«
»Was?«, fragt Greggi erschrocken und macht unwillkürlich ein paar kleine Schritte auf mich zu.
»Gar nichts, es gibt nämlich nichts zuzugeben«, fauche ich, fasse nach seinem Arm und ziehe ihn zur nächstliegenden Tür. Wütend schlägt er mich.
»Mach’ das nochmal und … und du kannst dir einen neuen Freund suchen«, droht er lahm.
Ich erwidere nichts darauf, sondern drücke die hölzerne Tür auf und spähe hinein. Eine Treppe führt nach oben und mehrere Türen zweigen ab. Die Luft ist stickig und genauso abgestanden wie in jedem anderen verlassenen Haus – viele von ihnen stehen schon lange leer. Mein Blick gleitet über die spärliche Einrichtung, die offenbar schon mal geplündert wurde. Kerzenständer ohne Kerzen liegen umgestürzt auf einer Kommode. Ich schiebe Greggi auf sie zu und lege seine Hand auf das Holz.
»Schau mal nach, ob da was brauchbares drin ist.«
»Und was machst du?«
»Ich suche die anderen Räume ab.«
Greggi murmelt unverständliche Worte hinter mir, doch achte ich nicht weiter auf sein Nörgeln, als ich durch die erste Tür trete. Die gute Stube erweckt den Anschein, als hätte hier vor kurzem noch jemand gelebt. Eine Decke liegt zerknüllt auf dem Sofa und allerlei Krimskrams stapelt sich auf einem Beistelltisch. Am Boden entdecke ich eine zerbrochene Tasse, über die ich bedacht drüber steige. Meine Füße fühlen sich jetzt schon wund an, da brauche ich ganz sicher keine Splitter in der nackten Fußsohle. Ich nähere mich dem kleinen Tisch und lächle breit, als ich einen zeigefingerlangen Kerzenrest finde. Ich tappe zurück in die Diele und drücke Greggi wortlos den Kerzenstummel in die Hand. Er erschrickt erst, doch dann breitet sich ein breites Grinsen in seinem Gesicht aus.
»Oh, Wachs«, freut er sich und macht Anstalten mich umarmen zu wollen. Ich tauche unter seinen Armen hindurch und tippe ihm spielerisch gegen die Wange. Er macht eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er eine Mücke vertreiben.
»Das bringt dir zwar nicht viel, weil wir es nicht entzünden können, aber später wirst du deine Bücher damit noch genug bekleckern können«, sage ich bemüht beiläufig, kann aber das Grinsen nicht aus meinem Gesicht und meiner Stimme heraushalten. »Ich will mich noch weiter umschauen.«
Bevor er mir widersprechen kann, schlüpfe ich in den Raum am Ende des Flurs. Ein beißender Gestank steigt mir unvermittelt in die Nase und lässt mich würgen. Schnell halte ich mir den Ärmel vor Nase und Mund und sehe mich um. Die Küche ist nicht sonderlich groß und einfach gehalten – für die Verhältnisse dieser Stadt. Wenn ich an die Hütte denke, in der ich aufwuchs … Ich schüttle den Kopf, um den Gedanken loszuwerden und taste nach meinem Amulett. Es beruhigt mich, das kalte, glatte Material zu berühren. Ich weiß, dass es mich beschützt, auch wenn ich mir nicht sicher bin vor was.
Mein Blick wandert über die gemauerte Feuerstelle, eine massive Arbeitsfläche inmitten des Raums, Schränke und offene Regalbretter an der verputzten Wand. An letzterem bleiben meine Augen hängen. Gläser mit seltsam gefärbten Flüssigkeiten stehen darauf. Argwöhnisch mustere ich sie. Medizin ist für gewöhnlich nicht rötlich, orange oder lila, oder? Könnte der Gestank also davon kommen? Doch unmöglich, die Gläser sind alle mit Wachstüchern versiegelt.
Ich wende mich den Schränken und Schubladen zu und schaue alles flüchtig durch. Der beißende Gestank ist unerträglich und umso schneller ich bin, desto eher kann ich dem entkommen. Eine Weile stoße ich auf nichts brauchbares. Vielleicht ist das auch gut so, denn bei dieser furchtbaren Luft, wäre jedes Lebensmittel bestimmt ungenießbar geworden. In einem Schieber unter löchrigen Wischlappen entdecke ich dann tatsächlich zwei lose Streichhölzer. Ich klaube sie auf und will schon nach Greggi rufen, als mich ein leises Geräusch innehalten lässt. Knarrendes Holz? Schritte?
Schwaches Licht dringt unter dem Spalt einer Tür hervor, die ich noch nicht einmal bemerkt hatte. Panik überrollt mich. Jemand dreht von innen an einem Schlüssel und das Schloss springt auf. Hastig gehe ich in die Hocke und kauere mich auf der gegenüberliegenden Seite an die steinerne Arbeitsfläche. Angespannt halte ich den Atem an, dann schwingt die Tür auf.
Warmes, flackerndes Licht flutet den Raum und wirft tanzende Schatten auf Boden und Wände. Ich verenge die Augen, die sich erst an die Lichtveränderung gewöhnen müssen und lausche den schweren Schritten. Ein Mann macht leise, grunzende Geräusche und stellt achtlos seine Laterne auf dem Stein der Arbeitsfläche ab. Da ist aber noch etwas anderes zu hören. Gedämpft, aber noch verständlich, dringen aufgeregte Gespräche von weiter her in die Küche. Da verstecken sich also noch mehr Menschen, vermutlich im Keller des Hauses.
»–ist absolut bescheuert. Ich will hier nicht länger warten.«
»Stell dir doch nur vor, welche Reichtümer sie in ihren Tempeln verstecken.«
»Diese Fanatiker werden aber nicht gehen. Sonst müssten sie sich doch eingestehen, dass ihre Feen niemals–«
Lautes Plätschern übertönt die Stimmen. Vorsichtig spähe ich an dem massiven Stein vorbei und erkenne den Mann, wie er sich stehend in einen Eimer erleichtert. Jetzt ist natürlich klar, woher der Gestank kommt. Tatsächlich hätte ich schon viel eher darauf kommen können. Mein Blick wandert zur Laterne und eine waghalsige Idee bringt meine Finger vor Aufregung zum Kribbeln.
Soll ich?
Kurzerhand springe ich auf, greife nach der Laterne und renne zur Küche heraus. Mein Diebstahl fällt selbstverständlich sofort auf, doch hindert die herabgelassene Hose den Mann daran, unverzüglich die Verfolgung aufzunehmen.
»Hey«, brüllt er wütend, als ich bereits durch die Diele hetze. Greggi, der sich schmollend neben die Kommode gesetzt hat, starrt mich mit offenem Mund an.
»Bist du wahnsinnig?!«, kreischt er und kommt auf die Beine.
»Bleib sofort stehen, du dreckiger Dieb«, brüllt der Mann aus der Küche und donnert mir mit schweren Schritten hinterher, immer noch mit seiner Hose beschäftigt.
»Du wolltest doch Licht«, rufe ich Greggi zu, der sich verzögert aber rechtzeitig in Bewegung setzt und vor mir die Haustür erreicht. Kurz nacheinander preschen wir nach draußen auf die schmale Gasse und werden von einer heftigen Windböe begrüßt. Die Ratten stoben wild auseinander, als das Licht sie trifft und offenbaren einen zernagten Hundekadaver.
»Sollen euch die Nachtwesen holen«, ruft uns der Mann stinkwütend hinterher, als wir leichtfüßig die Gasse entlang rennen. Offenbar hat er nicht die Absicht uns durch die stockfinstere Stadt zu verfolgen. Ich grinse übers ganze Gesicht und schwenke die Laterne ausgelassen hin und her. Die Nachtwesen hätten uns heute bereits holen können und haben es nicht getan. Jetzt sind wir sogar eine Laterne und eine Menge Lampenöl reicher. Sobald wir jedoch vier oder fünf Straßen weiter gerannt sind, wird Greggi plötzlich langsamer. Schließlich bleibt er ganz stehen.
»Du hast einen totalen Schaden«, wirft er mir ungehalten vor. »Du legst es regelrecht darauf an, dass wir draufgehen.«
Sprachlos sehe ich ihn an. Meine Freude und das Hochgefühl geraten ins Wanken.
»Es ging doch alles gut«, versuche ich seinen Zorn zu mildern und erreiche das genaue Gegenteil. Tiefe Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Kommentarlos nimmt er mir die Laterne ab und stapft durch den einsetzenden Nieselregen davon. Ich eile ihm nach.
»Greggi, es tut mir leid.«
Keine Antwort. Die feinen Regentropfen prasseln kalt auf meinen Kopf und bringen mich endgültig auf den Boden zurück.
»Ich sehe ja ein, dass ich es etwas übertrieben habe.« Ich überhole ihn, um ihm den Weg abzuschneiden. Er läuft stur weiter und drängt mich zur Seite.
»Bitte sei mir nicht böse.«
Er hüllt sich in beharrliches Schweigen. Frustriert frage ich mich, ob ich tatsächlich schon wieder alles falsch gemacht habe. Absichtlich lasse ich mich zurückfallen, aber auch das kümmert Greggi nicht.