Samstag - Solo-Nachtflug
Die Echo Range auf dem Planeten Westerhaven ist eine beeindruckende geologische Struktur, die sich über den Hauptkontinent nahe der Westküste erstreckt. Eine große Vielfalt an immergrünen Pflanzen bedeckt das Gebiet und beherbergt eine vielfältige Tierwelt, während ausgeglichene klimatische Bedingungen (kühle Temperaturen und mäßige Niederschläge) ein ideales Umfeld für die Besiedlung schaffen. Die wirtschaftlichen Aktivitäten in der Region werden durch das Vorhandensein von Bodenschätzen wie Silber und Eisen begünstigt, die in den Bergwerken der Gebirgskette abgebaut werden. Hervorzuheben ist der Maiden Head, der eine Höhe von 1.300 m erreicht und einen majestätischen Ausblick auf die umliegende Landschaft bietet. (Eintrag im USF-Archiv)
Die silberne Stingray donnerte durch den farblosen Himmel eines kalten, klaren Frühlingsmorgens. Die höchsten Gipfel der Echo Range glühten im ersten orangenen Sonnenlicht, und rosa Nebelschwaden verpufften, als das Kampfflugzeug sie durchschnitt. Adelie wünschte, sie hätte mehr als nur einen flüchtigen Blick auf das Spektakel um sie herum, aber der Computer warnte sie vor der niedrigen Flughöhe, während sie, wie befohlen, dicht an den felsigen Hängen des Maiden Head blieb. Ein gnadenloser Countdown auf ihrem HUD fügte dem Hochgeschwindigkeitsflug über die Bergkette in der Dämmerung des frühen Morgens noch mehr Druck hinzu. Eine falsche Bewegung, und sie würde in einem Feuersturm an den Felsen zerschellen.
Schließlich tauchte sie über den Ausläufern der Berge auf, die in die sanften Hügel der Ebene um Meadow Junction übergingen. Dort lagen die Silos, ihr Ziel. Sie musste sie zu einer ganz bestimmten Zeit erreichen, und sie hatte nur drei Sekunden Fehler-Spielraum. Der Countdown lief noch 30 Sekunden. Sie tat, was ihr Flugsystem ihr sagte, und kämpfte gegen den Drang an, Gas zu geben, um schneller zu sein. Auf die Sekunde genau pünktlich zu sein, anstatt einen neuen persönlichen Rekord aufzustellen, war eine Herausforderung, die völlig gegen ihre Gewohnheit ging. Sie passierte die Silos genau in dem Moment, als der Countdown auf 00:00:00 sprang. Puh. “Ziel pünktlich erreicht. Bitte warten Sie nach der Landung auf die Auswertung.” Die Bestätigung des Flugcomputers ließ sie aufatmen.
Fünf Minuten später trat sie in den Luftraum über der Westerhaven Academy ein und meldete sich bei der Flugsicherung. Es war ein geschäftiger Morgen über Meadow Junction, und ein riesiger Sandhawk der Klasse 3 ließ sich mit der Landung Zeit. Es waren unhandliche fliegende Würfel, und Adelie beneidete die Piloten nicht, die sie runter bringen mussten. Normalerweise wurde die Fracht aus der Luft abgeworfen, es musste also einen guten Grund für die Landung geben. Zumindest war der Luftwaffenstützpunkt Westerhaven groß genug, um einen Sandhawk dieser Größe aufzunehmen. Dazu gezwungen über dem Stützpunkt zu kreisen, nutzte sie die Zeit, um sich ihr jetziges Zuhause von oben anzusehen. Meadow Junction war ein hübsches kleines Städtchen, das ständig Gefahr lief, vom benachbarten Luftwaffenstützpunkt und dem Akademie-Campus verschluckt zu werden. Von ihrem Aussichtspunkt aus konnte sie den alten und den neuen Teil der Siedlung deutlich voneinander unterscheiden. Ersteren an den üppigen Gärten und baumgesäumten Straßen, letzteren an den vielen Glasflächen, in denen sich der Sonnenaufgang spiegelte. Das Flugfeld war eine riesige graue Fläche, die von orangefarbenen Lichtpunkten erhellt wurde. Auf der der Stadt zugewandten Seite befanden sich mehrere Hangars, ein winziges Terminal und mehrere Gebäude, die zur Akademie gehörten. Sie konnte sogar das Terminal des Shuttle-Busses ausmachen, der den Luftwaffenstützpunkt mit dem Campus in der Stadt verband.
Schließlich bekam Adelie die Landeerlaubnis erteilt. Sie parkte ihr Flugzeug auf der zugewiesenen Position und wartete, bis das grüne Licht auf dem Armaturenbrett den Motor zum Abstellen freigab. Ein blaues “Bestanden” blinkte auf ihrem Bildschirm, und dann kam die Auswertung. Sie blätterte durch viele grüne Häkchen und ein paar gelbe Markierungen. Keine roten, das war gut. Sie hatte nicht allzu schlecht abgeschnitten, das würde ihr genug Punkte in der Rangliste einbringen, um vor Nate zu landen. Nach drei Minuten leuchtete die grüne Kontrolllampe auf dem Armaturenbrett auf, und sie drückte auf den Knopf. Das laute Brummen ging in ein Schnurren über und verstummte dann. Stille rauschte in ihren Ohren. Sie zog die Sensorkabel aus den Buchsen an ihrem linken Oberschenkel, die ihren Fluganzug mit dem Lebenserhaltungssystem des Flugzeugs verbanden, und öffnete den Kinnriemen ihres Helms. Ihre Viwis klebten an ihrem verschwitzten Rücken, als sie aus dem Cockpit kletterte und die Metallleiter hinunterstieg. Das Bodenpersonal war bereits herbeigeeilt, um den Jet zu warten. Sie winkte ihnen einen guten Morgen zu und machte sich auf den Weg in den Mannschaftsraum von Albatros Alpha und Omega. Eine Böe des auf dem Flugplatz allgegenwärtigen Windes schnitt durch den Stoff ihres verschwitzten Fluganzugs und ließ sie bis auf die Knochen frieren. Während sie sich beeilte aus dem Wind zu kommen, bemerkte sie in der Ferne den riesigen Sandhawk. Aus seinem gähnenden Laderaum rollte eine Reihe Panzer. Ihr dämmerte, dass die Gäste für die Abschlussübung des Semesters, die für die kommende Woche angesetzt war, eingetroffen waren. Das Rasseln ihrer Ketten war zu hören, als sie auf die Ladeflächen der wartenden Tieflader rollten. Sie schrieb es dem anstrengenden Flug und ihrem Schlafmangel zu, aber der Anblick erfüllte sie mit plötzlichem Unwohlsein und sie war froh, als sie das Gebäude erreichte, in dem sich die Mannschaftsräume befanden.
Der Raum war menschenleer, was angesichts der Uhrzeit und der Tatsache, dass sie die letzte Kandidatin an diesem Morgen war, nicht weiter verwunderlich war. Wie erwartet stand ihr Name an der Spitze, aber der Punkteabstand zwischen ihr und Nate war immer noch geringer, als ihr lieb war - wer am Ende des Schuljahres vorne lag, würde Staffelkapitän werden, und die Zeit drängte. In genau einer Woche war die Abschlussfeier. In den letzten Wochen war es zu einem Running Gag zwischen den beiden Schwesterstaffeln geworden, wem von ihnen beiden die Ehre zuteil würde, denn der Wettbewerb zwischen ihnen war sehr eng. Im Moment führte sie, aberdie große Übung lag noch vor ihr. Sie ging an den Tischreihen vorbei und erreichte den kleinen Umkleideraum im hinteren Bereich. Dort verstaute sie ihre Ausrüstung und den Helm in ihrem Spind und tauschte den Fluganzug gegen den Trainingsanzug, der sie trocken und warm empfing. Mit jeder Bewegung teilte ihr Körper ihr seine Unzufriedenheit mit der Nacht mit. Die Stingrays waren eng und heiß. Die Staffelflagge prangte an der Wand vor ihr, als sie durch den Mannschaftsraum zurückging. Auf dem blauen Westerhavener Tuch schwebte ein stilisierter weißer Albatros mit weit ausgebreiteten Flügeln vor einem Dreieck. Unter dem majestätischen Vogel stand AUDACES FORTUNA ADIUVAT - Das Glück begünstigt den Mutigen - das Motto der Albatrosstaffeln.
Westerhaven war aufgrund seiner abgelegenen Lage und seines strengen Auswahlverfahrens eine kleine Akademie. Sie wählte die Besten der Besten aus, und viele Westerhaven-Absolventen bevölkerten die USF Hall of Fame. Unglaubliche Karrieren hatten auf diesem abgelegenen Planeten begonnen. Adelie starrte den Vogel an und fühlte sich wieder einmal unentschlossen. Es war ein Gefühl, das sie in den letzten Wochen öfter beschlichen hatte und das sich jedes Mal in ihrer Brust festsetzte, wenn sie die Flagge sah. Sie symbolisierte Stolz und Ehre für jedes Mitglied des Geschwaders - oder sollte es zumindest tun. Für sie war die Fahne zum Inbegriff einer Frage geworden. Die Frage, ob sie am richtigen Ort war und das Richtige tat. Die Sprüche ihrer Fliegerkameraden beantwortete sie mit einem gutmütigen Lächeln und der Tatsache, dass außer Nate niemand sie schlagen konnte, aber wenn sie ehrlich war, begann es sie nach zwei Jahren zu zermürben. Selbst die dicke Haut, die sie sich während ihrer erfolgreichen Rennkarriere zugelegt hatte, stieß an ihre Grenzen. Sie war es leid, sich immer wieder aufs Neue beweisen zu müssen. Und noch einmal. Würde die Beförderung zum Staffelkapitän die dummen Sprüche verstummen lassen? Sie schob ihre Gedanken beiseite. Die Uhr zeigte 4.30 Uhr - höchste Zeit für sie, nach Hause zu gehen und etwas zu schlafen.
Mit einem dumpfen Ton fiel die Tür des kleinen Studios im Star City Complex hinter ihr ins Schloss. Endlich zu Hause. Als sie aus ihren Stiefeln schlüpfte, bemerkte sie eine abgetragene schwarze Lederjacke an der Garderobe und ein ebenso geliebtes Paar Motorradstiefel darunter. Ihre Wohnung war nicht so einsam, wie sie erwartet hatte, und der willkommene Anblick der Kleidung ihres Freundes erfüllte sie mit Freude. Schnell zog sie sich im Badezimmer aus und schlüpfte in einen exquisiten Seiden-Pyjama aus Eden, einer der wenigen Luxusartikel, die sie aus ihrem früheren Leben mitgenommen hatte. Ein leises Schnarchen lotste sie zu ihrem Bett. Sie konnte Nathan Havishams dunkle Gestalt kaum erkennen und tastete sich unter die Laken, um ihn nicht zu wecken. Aber seine Wärme war unwiderstehlich, und sie schmiegte sich an seine breite Brust. Eingemummelt in weiche Decken und mit ihrem Mann zum Kuscheln, übermannte sie die Müdigkeit wie eine Flutwelle, und sie schlief ein, kaum dass ihr Kopf das Kissen berührte.
Sie wusste nicht, was sie geweckt hatte, aber sie war allein im Bett, als sie die Augen öffnete. Bevor sie sich fragen konnte, ob ihr müdes Hirn Nates Anwesenheit erfunden hatte, hörte sie Geräusche in der Küche. Das Kuscheln mit ihrem Freund war keine Einbildung gewesen. Sie war wacher, als ihr lieb war, und außerdem musste sie auf die Toilette. Murrend rollte sie sich aus dem Bett und stattete dem Badezimmer einen weiteren Besuch ab. Erleichtert ging sie in die Küche, um ihren Freund und etwas zu essen zu finden.
“Was zum Teufel? Warum bist du schon auf? Es ist noch nicht mal 8 Uhr morgens?” Nate stand am Herd, die hellblauen Augen vor Überraschung geweitet. Sein wilder schwarzer Haarschopf hatte noch keinen Kamm oder Stylingcreme gesehen, und sein stoppeliges Kinn keine Rasierklinge. Kein Hemd verhüllte seinen kräftigen Oberkörper welcher unschwer den Soldaten und Rugbyspieler verriet. Eine verblichene graue Jogginghose hing gefährlich tief auf seinen schmalen Hüften. Für eine Sekunde setzte ihr schlaftrunkenes Hirn beim Anblick seiner Schamhaare aus, die sich mit dem dunklen Haarstreifen auf seinem Bauch vermischten. Sie trat näher und küsste seine stoppelige Wange.
“Morgen, Hübscher.”
“Morgen, Babe.” Seine tiefe, raue Stimme half ihrem übernächtigtem Kopf nicht. Sie kuschelte sich in seine Umarmung, begierig, ihn zu berühren. Seine Hand wanderte in ihr Haar, und wie immer warf er ihr einen schnellen Blick zu, um sich zu vergewissern, nicht zu weit zu gehen. Bereitwillig neigte sie den Kopf, als sich ihre Lippen berührten. Nate war ein großartiger Küsser, und es war zu leicht, sich in seinen Küssen zu verlieren. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als sich zu verlieren, mitgerissen zu werden. Doch zu ihrer Überraschung zog er sich zurück, ohne ihre Verbindung zu vertiefen. “Verdammt.”
Enttäuschung riss sie aus ihrem träumerischen Zustand. “Was ist los?”
Ein süßes, raues Kichern. “Ich wünschte, ich hätte Zeit, dich mit ins Bett zu nehmen und mit dir zu schlafen, wie süß du gerade bist. Aber nein, ich muss zu einem sehr unpassenden Rugby-Camp.” Er rieb sich den Hals und zeigte nicht nur den männlichen Dschungel seiner Achselhöhlen, sondern auch perfekte Muskelberge. Adelie versuchte, ihr Verlangen zu unterdrücken.
“Oh. Du bist hier, weil meine Wohnung näher am Trainingsplatz liegt. Das hast du erwähnt, und ich habe es vergessen.”
Wieder ein Glucksen. “Schon gut, aber du hattest deine Prüfung, auf die du dich konzentrieren musstest. Wie ist sie gelaufen?”
“Ich habe sie mit 250 von 300 möglichen Punkten bestanden. Ich hätte mich fast in den Shallows verflogen, das hat mich etwas gekostet.”
Er drückte sie. “Das ist ein überdurchschnittliches Ergebnis. Was sagt die Rangliste dazu?”
Sie fuhr mit den Händen durch sein Haar, immer noch nicht ganz über die Enttäuschung hinweg, dass er sie bald verlassen würde. “Nur fünfzig Punkte Unterschied. Du bist immer noch im Rennen.”
“Du führst immer noch. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich in der verbleibenden Woche noch einholen kann.” Sein Kiefer zuckte leicht frustriert, aber sein strahlendes Lächeln überspielte das so schnell, dass sie sich nicht sicher war, ob sie es sich nur eingebildet hatte.
“Der Einsatz hätte viel mehr Spaß gemacht, wenn du als RIO mitgeflogen wärst, soviel steht fest. Aber ich war froh, dich hier vorzufinden, als ich nach Hause kam. Du bist das beste Kissen.”
Nate hauchte ihr noch einen zärtlichen Kuss auf die Schläfe. “Aber Nächte allein in deinem Bett kommen mir doppelt so lang vor. Ich konnte kaum einschlafen.”
Sie öffnete den Kühlschrank und inspizierte die Auswahl an Sportgetränken. Es waren nur noch zwei Flaschen übrig - ein grünes NaturalPlus und ein rosa Vitapunch. “Verdammt, ich war sicher, ich hätte noch mindestens ein Orange Oasis.”
“Ich verstehe nicht, warum du das magst, es ist so ekelhaft süß.” Nate war fest im Camp NaturalPlus, aber sie hatte keine Lust auf flüssige Algen vor dem Frühstück.
Sie schüttete das Vitapunch hinunter, um all die Mineralien und Elektrolyte aufzufüllen, die sie während des Fluges ausgeschwitzt hatte, und setzte sich auf einen Küchenstuhl, um ihm bei der Zubereitung des Frühstücks zuzusehen. Der Duft von Rührei, gebratenem Speck und saftigen Tomaten stieg ihr in die Nase und machte ihr bewusst, wie hungrig sie war. Die Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Fenster, tanzten auf dem Boden und auf Nates gebräunter Haut, als er die Pfanne in die Hand nahm. Sie erinnerte sich an den Sandhawk mit den Panzern. “Ich habe das 56. Bataillon heute Morgen gesehen. Sie sind schon da, wahrscheinlich um sich an das Klima und die Zeitumstellung zu gewöhnen.”
“Ach ja, ich hatte ganz vergessen, dass wir bald eine große Übung haben.”
Sie lachte. “Ach, komm schon, Tiger. Das ist nur die wichtigste Übung des Semesters. Wie kannst du das vergessen?”
Er schichtete Eier, Speck und Tomaten auf eine Scheibe knusprig getoastetes, selbst gebackenes Brot, legte es auf einen Teller und servierte ihn mit der geübten Leichtigkeit eines Kellners. “Ich habe nicht gesagt, dass ich es die ganze Woche vergessen hatte, nur temporär. Wie sind unsere Feinde? Haben wir eine Chance?”
“Die Panzer sehen böse aus. Ihre Fahrer habe ich noch nicht gesehen.” Sie schaute auf die Uhr. “Musst du dich nicht fertig machen?”
Mit einem Seufzer nickte er. “Ja, und zwar pronto.”