Kapitel 1
Jette sah gedankenverloren aus dem Seitenfenster des Jeeps, mit dem sie zum Reiterhof ihrer Eltern an der Eckernförder Bucht fuhren. Ein Wäldchen trennte den Hof von der Ostsee, ihrem eigenen kleinen privaten Strand, den sie in den vergangenen anderthalb Jahren schmerzlich vermisst hatte. Doch nun vermisste sie etwas anderes. Etwas, das niemand ihr jemals zurückgeben würde. Sie seufzte leise, sah nicht die vorbeihuschenden Holsteiner Kühe auf ihren Wiesen oder die einzelnen Rennradfahrer, die sich über die wärmende Frühjahrssonne freuten.
Warum war sie geflohen? Weil sich endlich eine Chance dazu ergeben hatte? Oder sie sich vor den bevorstehenden Ereignissen gefürchtet hatte? Ihre Gedanken schweiften ab, wanderten zurück zu ihm. Sie schloss die Möglichkeit nicht aus, dass sie vor ihm geflüchtet war. Dabei hatte er ihr dafür keinen Anlass gegeben. Immer hatte er sie anständig behandelt, im Gegensatz zu seinen Leuten. Doch das war zum gegenwärtigen Zeitpunkt Vergangenheit. Sie hatte ihre Chance auf ein anderes Leben verspielt, weil sie zu feige war. Statt zu fliehen, hatte es in ihren Händen gelegen, ihn zu überreden, seine Gruppe zu verlassen. Es war zu spät dafür. Angewidert schluckte sie den bitteren Beigeschmack ihrer Entscheidung runter. Sie hatte ihn verraten, sich gegen ihn entschieden.
„Wir sind da.“ Jan, ihr Adoptivvater, hielt vor dem großen Backsteinhaus, das so typisch für diese Gegend war. Der untere Rand bestand aus Feldsteinen in unterschiedlichen Farben. Darüber reihten sich ordentlich die roten Ziegelsteine mit ihren hellgrauen Fugen. Die weißen Kunststofffenster waren erst vor wenigen Jahren eingesetzt worden, als Emily und Jan den ehemaligen Bauernhof kauften und diesen in eine Art Ranch umwandelten. Das Haupthaus war ein langgezogenes zweistöckiges Gebäude, das ursprünglich einer großen Bauernfamilie und deren Mägden und Knechten Platz bot. Doch seit der Renovierung und ihrem Einzug lebten dort nur drei Menschen. Beziehungsweise nach ihrem Verschwinden bis jetzt nur zwei. Jette seufzte. Ein wenig fürchtete sie sich davor, ihrer Adoptivmutter unter die Augen zu treten. Jan hatte erzählt, wie sehr sie beide in den letzten Monaten gelitten hatten. Doch was war das schon im Gegensatz zu dem, was sie erlebt hatte?
Das rothaarige Mädchen stieg nachdenklich aus dem Wagen aus, atmete die Düfte ein, die auf sie einprasselten. Der Geruch von Pferden hatte sie in den vergangenen achtzehn Monaten gleichermaßen begleitet, doch die frische Seeluft war ihr so fern vorgekommen, wie der Abstand von der Erde zum Mond. Nur für einige wenige Tage hatte sie an der Ostküste der USA gelebt, bevor sie ins Landesinnere verschleppt wurde. Die Wälder hatten ebenfalls anders gerochen. Nach Pinien und weiteren Bäumen und Pflanzen, die es dort, aber nicht in Deutschland gab.
„Jette!“ Eine blonde Frau stürmte auf sie zu, riss sie an ihre weiche Brust. „Ich bin so froh, dass du lebst“, schluchzte sie in die roten Haare ihrer Adoptivtochter. Diese erwiderte zögernd die Umarmung. Wie oft hatte sie sich diesen Moment herbeigesehnt und in diesem Augenblick, wo es endlich so weit war, wirkte es so unwirklich. Als ob sie vor langem die Hoffnung auf ein Wiedersehen aufgegeben hatte. Sanft streichelte sie ihrer Mutter über die Haare, so wie diese es früher immer bei ihr getan hatte. Wenn ein Alptraum, eine Erinnerung aus ihrer Kindheit sie geplagt hatte. Doch jetzt waren die Rollen umgekehrt. Sie selbst war diejenige, die tröstete.
„Nun lass Jette doch erst einmal ruhig ankommen“, brummte Jan. Der braunhaarige Mann grummelte noch etwas anderes in seinen Bart und holte den Koffer aus dem Wagen. Seine Adoptivtochter besaß keinen und hatte ihre wenigen Sachen bei ihm hineingepackt. Nachdem man sie vor etwa zwei Wochen gefunden hatte, war sie notdürftig mit Kleidung versorgt worden, die sie bei ihrer Abreise zurückgelassen hatte. Nur ihre Wildlederbekleidung hatte sie mitgenommen, obwohl ihr Vater darüber die Nase gerümpft hatte. Warum sie den alten Fetzen nicht wegwarf, hatte er gefragt. Sie hatte geschwiegen, doch war ihr der Grund schmerzlich bewusst. Sie brauchte die Erinnerung, an eine Zeit, die längst vergangen war. Tränen sammelten sich in ihren Augen und sie schluchzte leise auf. Die Arme um ihren Körper verschwanden. Dafür hielten zwei zarte Frauenhände sie erstaunlich kräftig an ihren Oberarmen fest.
„Mein armes Kind. Dein Vater hat recht. Komm erst mal rein und ruhe dich aus.“ Die sanfte Stimme verleitete das Mädchen dazu, ihr zu folgen. Durch die weiße Haustür trat sie ins Innere des Bauernhauses. Ihr Blick glitt über den honigfarbenen Parkettboden zu den großen Pferdebildern an den Wänden. Szenen vom Westernreiten wechselten sich ab mit idyllischen Fotos grasender Pferde auf einer Weide. Diese waren wohlgenährt, ihr Fell, Schweif und Mähne glänzte. So viel gepflegter als die Ponys, die noch vor Kurzem Teil ihres Alltags waren.
Mechanisch, einen Fuß vor den anderen setzend, lief sie die liebevoll renovierte und lackierte breite Holztreppe hinauf zu ihrem Zimmer. Den Atem anhaltend öffnete sie die Tür. Eine leichte Brise wehte ihr entgegen. Zu der Luft von draußen, die durch das auf kipp stehende Fenster hineinströmte, roch es nach frisch gewaschener Bettwäsche. Jettes Blick schweifte über die Regale zu ihrem Schreibtisch und von dort auf ihr Bett. Alles blitzte sauber, kein Staubkörnchen lag herum. Das absolute Gegenteil zur Prärie, auf der sie sich nach einigen Schwierigkeiten wohlgefühlt hatte.
„Du findest alles genau dort an seinem Platz, wo du es zurückgelassen hast“, teilte Emily der Rothaarigen schniefend mit. Das Mädchen drehte sich um, sah noch, wie ihre Mutter sich eine Träne von der Wange wischte. In den blauen Augen schimmerte es weiterhin verdächtig. Jettes Herz verkrampfte kurz. Erst jetzt erkannte sie, wie sich ihre Adoptivmutter in den anderthalb Jahren verändert hatte. Die Haut, die vorher glatt gewesen war, zierten viele kleine Fältchen. Vor allem die Stirn spiegelte die Sorgen und Ängste wider, die die blonde Frau ausgestanden hatte. Sie schluckte, nicht wissend, wie man mit solch einer Situation umging.
„Mama, sei mir bitte nicht böse. Ich möchte ein wenig schlafen, danach reden wir“, sagte sie nach einer Weile, die eigene Stimme so fremd in ihren Ohren. Ihre Mutter nickte und verschwand lächelnd. Die Rothaarige dagegen setzte sich seufzend auf ihr Bett, ahnungslos, wie sie sich wieder an einen Alltag im tristen Deutschland gewöhnen sollte.
„Aber Schatz, das redest du dir alles nur ein“, wehrte ihre Mutter ab, als Jette beim Abendbrot von ihren Erlebnissen berichtete. Wie sie auf einem Ausflug verschwand, was in der darauffolgenden Zeit geschah und wie sie den Weg wieder zurückfand. Zu unglaubwürdig klang es in den Ohren ihrer Adoptivmutter. Ihr Ehemann pflichtete ihr bei.
„Jette, der Mann vom FBI meinte, dass du dir das alles nur ausgedacht hast, um nicht mit deinen schlimmen Erinnerungen konfrontiert zu werden.“ Sein Gesicht nahm einen sanften Ausdruck an. „So wie du es als Kind getan hast. Weißt du noch, bevor du zu uns kamst?“
Das Mädchen blieb still. Ihr Vater sprach einen Teil ihrer Kindheit an, den sie seit langem erfolgreich verdrängt hatte. Nur einmal hatte sie es sich in den vergangenen Jahren ins Gedächtnis und darüber gesprochen. Mit jemandem, dem sie blindlings vertraute. Doch diese Person war weit weg, unerreichbar für sie. Ihr Magen verkrampfte sich und sie schob ihren Teller von sich, auf dem etwa die Hälfte ihrer Mahlzeit lag. Es schmeckte ihr ohnehin nicht. So viele Gewürze war sie nicht mehr gewöhnt.
„Mäuschen, du musst etwas essen. Du bist richtig mager geworden, weil diese bösen Menschen dir nicht genug Nahrung gegeben haben“, säuselte ihre Mutter, den Blick auf die eingefallenen Wangen des Mädchens gerichtet. Diese sah stumm auf den Esstisch. Ihr Magen verkrampfte, war es doch überdeutlich, dass ein Gespräch wenig Sinn hatte. Sie war nicht verrückt und redete sich alles nur ein. Diese Geschichte war so real wie sie selbst.
„Nein, Mama. Dort habe ich gut zu essen bekommen. Nur seitdem ich dort weg bin, habe ich kaum Hunger.“ Kein Wunder, brauchte sie jetzt nicht mehr schwer körperlich zu arbeiten. Dass ihre Eltern ihr nicht abnahmen, was sie erlebt hatte, verdarb ihr den restlichen Appetit. Gedankenverloren starrte sie auf den Tisch. Warum war das Leben so kompliziert? Sie atmete tief durch.
„Kind, nun sei doch nicht so uneinsichtig. Du hast selbst gehört, was der Psychologe in seinem Abschlussgespräch gesagt hat.“ Ihr Vater runzelte verärgert die Stirn. Freilich hatte sie alles vernommen, sogar dass, was nicht für ihre Ohren bestimmt war. Das, was der Arzt unter vier Augen mit Jan besprochen hatte. Doch die Tür war nur angelehnt gewesen. Jedes einzelne Wort hatte sie gehört, sie hatten sich wie Dolche in ihr Herz gebohrt.
„Posttraumatische Belastungsstörung?“ Die blonde Frau zitterte, sah fragend ihren Mann an.
„Nein, nein“, wehrte dieser ab. „Es handelt sich um eine dissoziative Störung, eine Amnesie, bei der unsere Tochter entweder die traumatischen Ereignisse bewusst verdrängt und durch andere ersetzt, oder sich tatsächlich nicht erinnern kann.“ Das Mädchen saß sprachlos daneben. Wie konnte ihr Vater nur so klinisch über sie sprechen, als ob sie selbst gar nicht bei ihnen saß? Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, bis die Fingerknöchel weiß hervorstachen. Ihr Magen krampfte sich zusammen und ihre Wangen brannten. Sie brauchte dringend frische Luft.
„Ich gehe ein wenig an den Strand. Dann könnt ihr in Ruhe weiter über meinen Geisteszustand diskutieren.“ Jette stand auf und räumte ihren Teller weg. Ihre Eltern sahen ihr nur stumm und bedrückt nach. Die Rothaarige zog ihre Schuhe an und eine Jacke über, da es gegen Abend recht frisch war. Normalerweise hätte sie sich eine Decke umgeschlagen, doch befürchtete sie verständnislose Blicke und Kommentare. So vieles, was für sie in den vergangenen Monaten zu ihrem Alltag gehörte, wurde hier als seltsam angesehen. Fast wünschte sie sich wieder zurück dorthin. Doch war ihr gleichzeitig bewusst, dass das Leben dort kurz vor einer gravierenden Änderung gestanden hatte. Ein tödlicher Wandel, nach aller Wahrscheinlichkeit in dem Moment, als sie feige verschwand.
Eine Träne rann ihre Wange hinunter. Verärgert wischte sie diese weg. Weinen veränderte nichts. Schnellen Schrittes eilte sie den Weg vom Hof zum Wald entlang. Am Feldsteinhaufen vor der ersten Reihe an Bäumen hielt sie kurz inne. Sie hatte die Feldsteine vor ihrem Verschwinden zusammen mit ihrem Vater aufgeschichtet, als Lebensraum für Insekten und Reptilien. Zu ihrer Freude wuchs eine Pflanze zwischen den Gesteinsbrocken empor. Ob Gebüsch oder Gestrüpp, es war ihr gleich, repräsentierten die Triebe und Blätter Leben. War das nicht das Wichtigste? Nur was war, wenn weiterzuleben bedeutete, eine große Last mit sich herumzutragen?
Sie setzte ihren Weg fort. Der Waldboden gab ihren leichten Schritten federnd nach. Kaum ein Ton war zu vernehmen, als sie den Mischwald durchquerte. Die würzige, frische Luft kühlte ihre brennenden Wangen. Das Mädchen seufzte und lief weiter, durch den Wald. Es zog sie an den schmalen Streifen Sand, den sie schmerzlich vermisst hatte. Den, an dessen Rand der Strandhafer sich ungehindert ausbreitete.
Am Strand, mit dem Gesicht dem Wasser zugewandt, atmete sie tief durch. Das Salz in der Luft schmeckend, zerrte sie an ihrem Zopf, riss das Haargummi herunter, damit der Abendwind mit ihren Haaren spielte. Wehmütig lächelnd erinnerte sie sich, wie er sie einmal dabei beobachtet hatte. Wie seine dunklen Augen geleuchtet und seine Miene einen sanften Ausdruck angenommen hatte. Immer näher war er ihr gekommen, bis sie letzten Endes wie ein verschrecktes Reh zurück zum Dorf gerannt war. Jette seufzte. Warum hatte sie nicht mehr Zeit mit ihm verbracht? Ein schmerzhafter Kloß verschloss ihre Kehle und sie schluchzte auf.
„Es tut mir leid, mein Mann. Ich werde dich nie vergessen.“ Ihre Beine versagten und sie sackte zu Boden, in den kühlen Sand. Sie nahm eine Handvoll auf, betrachtete ihn nachdenklich. So wie die Sandkörner durch ihre Finger rannen, zerrann ihr bisheriges Leben. Resignierend senkte das Mädchen ihren Kopf, bis ihr Kinn ihre Brust berührte. Was war Wirklichkeit, was war Einbildung? Vor allem, wer half ihr dabei, dies herauszufinden?









Ein spannendes erstes Kapitel und ein guter Einstieg in die Geschichte!