Kapitel 1
Beginne hier zu Seoul. Die gewaltige, bunte Skyline und das rege Treiben der südkoreanischen Hauptstadt imponierten mir seit der Ankunft vor zwei Tagen. Ich konnte kaum glauben, tatsächlich in einem asiatischen Land zu sein und Brian auf seiner Geschäftsreise zu begleiten. Unglaublich, wie die Stadt am Abend in ihren tausend Lichtern aufblühte und mir ein kleines Lächeln auf das Gesicht zauberte. Auch die Freundlichkeit, die uns seit der Landung entgegenschlug, hatte es geschafft.
Seitdem mir ein Irrer den abgetrennten Finger meines Vaters geschickt hatte, war mir das Lachen vergangen. Nach einer polizeilichen Untersuchung und der DNA-Analyse des Körperteils gab es keinen Zweifel mehr an seiner Echtheit. Regelmäßig brach ich bei der Erinnerung an das schreckliche Bild in Tränen aus. Als wäre das nicht genug, setzten mir die Drohanrufe immens zu. Wäre ich allein, hätte ich mich schon längst vom Leben verabschiedet, doch Brian war mein Anker, der mich davon abhielt. Er war für mich da, hielt mich in den schweren, dunklen Stunden und lockte mich aus meinem Schneckenhaus. Um mich abzulenken, unternahm er viel mit mir, wie jetzt die Südkorea-Reise, auf die ich mich – trotz der ekelhaften Entdeckung – gefreut hatte. Ich war dankbar für seine Fürsorge, wusste ich doch, dass ich in den letzten Wochen nicht leicht zu händeln war. Trotzdem sah er über meine Launen hinweg.
Gähnend betrachtete ich von unserem schicken Hotelzimmer aus die Wolkenkratzer, die sich in der untergehenden Sonne spiegelten, ehe sie sich hinter ihnen verzog und den farbenfrohen Lichtern Platz machte. Im Gegensatz zu Brian, der bereits nach einem Tag relativ fit auf den Beinen stand, kam ich aus der Müdigkeit des Jetlags nicht heraus. Es war ein Wunder, dass ich morgens überhaupt aus dem Bett fand, und ich war Brian dankbar, dass er Rücksicht auf mich nahm.
„Wenn du müde bist, leg dich hin, Liebling. Du brauchst einige Tage, um dich an die Zeitumstellung zu gewöhnen“, hatte er mir zugeflüstert, mir einen Kuss auf die Schläfe gedrückt und versichert, dass es kein Problem sei, wenn ich nicht anwesend war.
Derselben Meinung waren seine Auftraggeber Minho und Areum. Vor Jahren gründeten sie eine erfolgreiche Plattenfirma und wollten nun ein Musik-Festival mit großen Künstlern ausrichten. Sie ins Herz zu schließen, war einfach, denn sie waren trotz ihres Erfolgs bodenständig und freundlich geblieben. Ihre Gastfreundschaft bestand darin, dass sie eine Einladung zum Essen am späteren Abend ausgesprochen hatten.
Am meisten verwunderte mich, dass Brian teilweise die asiatische Sprache beherrschte. Nicht flüssig, weshalb Minho und Areum ihn gelegentlich korrigierten. Das schien ihn zu freuen und ich musste gestehen, dass es immens sexy war, wenn er Koreanisch redete. Mir zuliebe sprach das Ehepaar die meiste Zeit Englisch mit einem Akzent, dessen Charme ich sofort verfallen war.
Jetzt stand ich hier. Fröstelnd und allein im Hotelzimmer nach einem unruhigen, von Albträumen geplagten Schlaf wartete ich auf Brians Rückkehr. Seufzend rieb ich über die kleinen Erhebungen auf meinem Arm und zog den Bademantel fester um mich. Durch die schrecklichen Träume war mir übel und ich kämpfte mit Unwohlsein.
Hoffentlich muss ich später nicht kotzen.
Ein wenig Angst hatte ich vor dem gemeinsamen Abendessen. Ich wusste nicht, welche Art von Speisen uns aufgetischt wurden und ob mein Magen sie tolerieren würde. Mit großer Sicherheit waren einige davon gewöhnungsbedürftig. Es wäre peinlich, wenn ich mich bei den Gastgebern übergäbe. Das war das Letzte, was ich wollte!
Plötzlich vernahm ich ein Geräusch und drehte mich schlagartig in Richtung Hoteltür. Mein Puls beschleunigte sich um das Dreifache, verlangsamte sich aber, als Brian mit einem zufriedenen, wenn auch müden Gesichtsausdruck eintrat.
„Hallo, Liebling. Hast du gut geschlafen?”, begrüßte er mich, während er sich von seinen Schuhen befreite. Mit dem Fuß schob er sie ordentlich zurecht und öffnete einladend seine Arme, in die ich mich sehnsuchtsvoll stürzte. Sofort schlang er sie um mich und küsste meine Stirn. „Was ist denn los?“, fragte er besorgt. „Ist etwas vorgefallen?“ Beide Fragen verneinte ich schniefend und kuschelte mich an seine Brust. „Hattest du einen Albtraum?“, hakte er weiter nach.
Mein heiseres „Ja“ bewegte ihn dazu, mich hochzuheben und hinüber zum Bett zu tragen. Anstatt mich allein liegen zu lassen, legte er sich sofort zu mir. Unter seinen zärtlichen Berührungen und liebevollen Küssen auf mein Gesicht erzählte ich mit zitternder Stimme von meinem Traum. Es tat unendlich gut, dass er mich verstand und für mich da war.
„Ein wirklich schrecklicher Traum“, murmelte er, sobald ich meine Erzählung beendete. Vorsichtig schob er mich von sich und wischte mit seinem Daumen über meine tränennassen Wangen. Sein besorgter Blick ließ mich erneut schniefen.
Ich hasste es, zu weinen, denn dadurch begann mein Kopf stets unangenehm zu pochen und jetzt setzte mir der Druck zu. Es fühlte sich an, als würde ich krank werden, was im Herbst nicht verwunderlich war, doch das hier war allein die Schuld des Weinens. „Ich habe Kopfschmerzen“, gestand ich niedergeschlagen. Ausgerechnet jetzt, wo vor uns ein langer Abend lag. Ich wollte ihn nicht verpassen.
„Möchtest du eine Tablette?“
Auf meine Armbanduhr schielend, nickte ich. Knapp zwei Stunden hatte ich Zeit, mich wieder unter Kontrolle zu bekommen. So wollte ich den beiden Koreanern nicht unter die Augen treten.
Brian erhob sich, was bei mir einen unzufriedenen Laut auslöste. Sofort vermisste ich seine Wärme und seinen Halt, beobachtete aber schweigend, wie er aus unseren Koffern die Medizin herausnahm und aus dem Mini-Kühlschrank eine Flasche Wasser holte. Beides reichte er mir und wartete, bis ich heruntergeschluckt hatte. Sobald mein trockener Gaumen beruhigt war, nahm er mir die Flasche ab und drückte mich sanft an sich. „Du denkst immer wieder an das Paket, nicht wahr?“, fragte er mitfühlend.
Ich verfluchte die verdammten Tränen, die scheinbar kein Ende nehmen wollten, und rieb mir fröstelnd die Arme. Mit hängenden Schultern gestand ich, dass ich niemals den Anblick vergessen würde, selbst wenn ich hundert Jahre alt war. Wer auch immer hinter dieser Tat steckte, wusste genau, wie ich an meinem Vater hing. Das führte mich dazu, Damon zu verdächtigen. Meinen irren Ex, der vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckte und alles tun würde, um seine früher gehörige Sub wiederzubekommen.
„Mein armer Schatz“, flüsterte Brian mit einem Kuss auf meine Schläfe. Ich wusste, dass ihn das Erlebnis genauso verstört hatte wie mich. Und dennoch war er derjenige, der nach außen hin einen kühlen Kopf bewahrte. Er würde alles tun, um den Täter zu finden. „Kann ich etwas für dich tun?“
Zuerst wollte ich verneinen, doch als ich meine Schläfe rieb, grübelte ich. „Kannst du mich massieren? Ich bin völlig verspannt“, bat ich leise. Es gab keine Stelle in meinem Körper, die nicht schmerzte.
Meine Bitte setzte Brian, ohne zu zögern, in die Tat um. Sanft zupfte er an meinem Morgenmantel, was mich ihn fragend ansehen ließ. „Wozu denn?“, wollte ich wissen. Für eine Schultermassage war das doch nicht nötig. Dennoch ließ ich mich von ihm entkleiden und blieb fröstelnd auf dem Bett zurück, und beobachtete Brian, wie er mit einem schelmischen Grinsen einen Beutel aus dem Koffer hervorzauberte. Daraus zog er eine kleine Flasche und zeigte triumphierend auf das Etikett.
Massageöl. Er denkt aber auch wirklich an alles!
Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen nahm ich meine Haare zur Seite und legte mich mit dem Bauch voran aufs Bett. Dann legte ich meinen Kopf auf meinen Armen ab und wartete.
Kurz darauf wurde die Matratze nach unten gedrückt. Brian setzte sich auf meine Beine und bat mich, ihm zu sagen, falls er zu schwer wurde.
„Du bist nicht schwer“, murmelte ich und schauderte, als Brian das Massageöl auf meinen Rücken tröpfelte. Automatisch zogen sich meine Schultern nach oben, die sich nach wenigen Minuten dank Brians Fingern langsam wieder entspannten. Ein angenehmer Geruch von Ylang-Ylang breitete sich aus. Zuerst war die Prozedur schmerzhaft, doch er wusste, wie er meine verspannten Muskeln lockern konnte. Das sorgte dafür, dass ich allmählich immer mehr ins Traumland abdriftete.
Das wollte ich verhindern, indem ich ein unverfängliches Gespräch anfing und wissen wollte, wie lange er bereits die koreanische Sprache lernte.
„Wann immer ich die Gelegenheit und Zeit bei meinen Auslandsreisen hatte, nahm ich kleine Kurse und führte sie zuhause fort. War das nicht möglich, engagierte ich verschiedene Lehrer“, erzählte er. In seiner Stimme schwang Wehmut und Stolz, soweit ich feststellen konnte. An seiner Stelle wäre ich ebenfalls stolz, mich in der Landessprache verständigen zu können.
Ich konzentrierte mich auf die Signale, die mir mein Körper gab, und seufzte zufrieden. Dank der Massage fühlte ich mich ein wenig besser. „Und wie viele Sprachen sprichst du noch, außer Französisch und Koreanisch?“
Einen Moment lang hielt Brian inne, ehe er in kreisenden Bewegungen fortfuhr. „Dank Michelle einigermaßen Norwegisch, aber auch Chinesisch, einige Bruchstücke Japanisch, Spanisch und Schwedisch“, zählte Brian auf. „Die Zeichen kann ich auch einigermaßen, aber da es so viele gibt, würde ich nicht behaupten, ein guter Reiseführer zu sein“, gluckste er, als hätte er derartige Erfahrungen gemacht.
Das ließ mich mit einem Schmunzeln ein Stück aufrichten und ich warf ihm einen verblüfften Blick über die Schulter hinweg zu. „So viele?“, fragte ich ehrfürchtig. Hut ab, dieser Mann konnte mehr als nur gigantische Feste planen und mich mit Leichtigkeit um den Finger wickeln!
Schulterzuckend nahm Brian die kleine Flasche zur Hand und tröpfelte erneut etwas von der Flüssigkeit in seine Hände, die er daraufhin verrieb. „Denk nur nicht, ich könnte sie flüssig. Wie auch immer die Leute mein Kauderwelsch verstehen, kann ich dir nicht sagen, aber ich blamiere mich wenigstens bei einer Bestellung im Restaurant nicht“, bemerkte er nüchtern.
So bescheiden wie eh und je. Brian nahm kein Blatt vor den Mund oder redete etwas schön, sondern betrachtete die meisten Dinge aus nüchternen Augen.
„Bringst du mir auch etwas bei? Ich will mich nachher nicht völlig blamieren“, bat ich hoffnungsvoll. Zumindest eine Begrüßung in der Landessprache sollte drin sein.
Genau damit fing Brian an. „Einverstanden. Guten Abend heißt: Joh eun jeo nyeok“, sagte er flüssig und ohne zu zögern, wobei es sich für mich anhörte, als würde er seine Zunge verschlucken.
„Wie bitte?“, fragte ich blinzelnd. Wie zum Teufel sollte ich das aussprechen können?
Lachend wiederholte Brian langsam die Worte und forderte mich auf, ihm nachzusprechen. Stück für Stück. „Das ist doch ein Zungenbrecher“, beschwerte ich mich murrend nach einigen verunglückten Versuchen.
Das hielt Brian nicht davon ab, mir mit einer Engelsgeduld, um die ich ihn beneidete, die richtige Aussprache beizubringen. Dennoch haute ich bei jeder Wiederholung einen anderen Fehler hinein. Mein Kopf weigerte sich, die verschiedenen Laute zu behalten. Vielleicht lag es auch an der Massage, die Brian mit jedem Handgriff ein Stück weiter in Richtung Hintern verlegte.
„Nimm´s nicht so schwer, Jade. Das können wir …“, sagte er und hauchte einen Kuss nach dem anderen auf meine Wirbelsäule, „… heute Abend bei einer Runde Sex vertiefen.“schreiben...