Prolog
1550
Es regnete, als die Frau eines Fischers einen Jungen auf dem Weg zum Markt in einer der verdreckten Gassen nahe des Rotlichtsviertel zur Welt brachte. Wohl wissend, dass sie ihn nicht ernähren konnte. Die drei Geschwister des Jungen hatte eine Krankheit geholt, und nun war auch ihr Vater schwer erkrankt. Die Fischersfrau hatte ihren Mann seit dem Unfall auf See so gut wie es ihr möglich war gepflegt, doch die Wunde wurde immer schlimmer. Nun sollte sie noch ein Maul mehr stopfen?
Seufzend wickelte sie das Bündel, das sie gerade aus ihrem Schoß gepresst hatte und betrachtete den Jungen eindringlich. Er schien gesund zu sein, zumindest hatte er im Gegensatz zu seinen Geschwistern klare Augen und alle Gliedmaßen waren in Ordnung. Die zarten Lippen krümmten sich und als der erste Schrei aus seiner Kehle drang, ahnte die Fischersfrau, dass dieses Kind wohl zumindest die nächsten Tage überleben würde.
Hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung und der aufkeimenden Liebe für das Bündel in ihren Armen und den geringschätzigen, regelrecht von Abscheu geprägten Blicken der Menschen, die durch den Schrei angezogen worden waren, versuchte die junge Frau – sie war immerhin noch keine 25 – sich auf die Beine zu hieven.
Der Korb mit geräucherten Fischen, die sie auf dem Markt verkaufen wollte, wog schwer auf ihren Schultern. Ihr ganzer Körper schmerzte, doch ohne das Geld würden sie alle verhungern. Es waren ihre letzten Gedanken im Leben, denn kaum war sie aufgestanden, spürte sie, wie eine Welle warmen Blutes ihre Beine herablief. Der gellende Ruf einer Frau begleitete den Moment, als sie auf dem harten Boden aufprallte. Sie hörte noch das heisere Schreien des Kindes in ihren Armen, dann wurde alles schwarz um sie herum.