Prolog
Mit verschleiertem Blick betrachtete ich meine bebenden Hände. Da war Blut. Einfach so viel Blut. Es fühlte sich auf meinen eisigen Fingern seltsam warm an. Als wäre die zähe Flüssigkeit ein dünner, warmer Handschuh, der sich über meine Glieder legte, in die feinen Risse meiner spröden Haut kroch und sich erbarmungslos unter meine Fingernägel schob. Geradezu, als würde mein eigener Körper verzweifelt versuchen, das metallisch riechende Rot in sich aufzunehmen.
Die Klinge in meiner Hand reflektierte irgendeine Lichtquelle und blitzte verräterisch auf, während ich sie zwischen meinen tauben Fingern wiegte. Die Sonne konnte es nicht gewesen sein, denn sie war hinter eine dicke Wolkenschicht gebettet, deren Stimmung meine innersten Empfindungen widerspiegelte.
Das Messer, das ich mit beiden Händen so fest umklammert hielt, dass meine Knöchel weiß hervortraten, war soeben zur Mordwaffe und ich zu einer Mörderin geworden.
Die silberne Klinge, deren Seiten mit einem satten Rot beschmiert waren, verschwamm mit jeder Sekunde, die verstrich, zusehends vor meinem Blickfeld. Die einzelnen Regentropfen, die die dunklen Wolken über mir freigaben, spülten die rötliche Substanz weg, als ob sie nie da gewesen wäre. Geradezu, als könnten sie alles ungeschehen machen. Oder waren es meine Tränen, die den verzweifelten Versuch wagten, alles ungeschehen zu machen, was sich vor wenigen Minuten hier in dem lichten Waldstück zugetragen hatte?
Um mich herum herrschte völlige Stille. Selbst die Vögel, die vorhin noch ungehemmt geträllert hatten, waren durch den ohrenbetäubenden Knall der Schusswaffe aufgeschreckt worden und waren seitdem verstummt. Nur das hektische Röcheln einer anderen Person war zu hören. Oder stammte es von mir selbst?
Ein Donner grollte durch den dämmrigen Himmel und ließ meine jämmerliche Gestalt erschrocken zusammenfahren. Das freigesetzte Adrenalin jagte erneut durch meine Adern, während es wie ein lähmendes Toxin Besitz von meinen Gliedmaßen ergriff. Über mir schien der Himmel unter der Gewalt des Donners auseinanderzubrechen, denn kurz darauf setzte ein Wolkenbruch ein und das verschleierte Firmament über mir gab plötzlich alles frei, was sich während der letzten Tage darin angestaut hatte. Innerhalb von Sekunden war alles an mir durchnässt und das Blut an meinen Händen war nur noch ein dünner Rinnsal, das sich seinen Weg in Richtung Erdboden bahnte.
Es war, als ob mein Körper immer leichter und das pulsierende Pfeifen in meinen Ohren immer stärker wurde. Es fühlte sich fast so an, als würde sich mein Geist von meinem Körper lösen. Obgleich ich nicht diejenige war, in deren Brust eine Kugel steckte oder der eine Klinge in den Hals gerammt worden war.
Wie hatte mein Leben nur derart entgleisen können? Früher war ich nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, hatte mich von illegalen Machenschaften und Gewalt ferngehalten und geglaubt, ein vollkommen normales Leben zu führen. Doch nun klebte das Blut eines anderen Menschen an meinen Händen.
War es Notwehr gewesen?
Ich hatte doch keine andere Wahl gehabt!
Oder...?
Dieser Gedanke verlor jede Bedeutung, sobald ich an den Körper dachte, der regungslos vor mir am Waldboden lag. Ein Mensch war durch meine Hand gestorben. Auch wenn ich damit verhindert hatte, dass er noch mehr Unschuldigen Schaden zufügte, änderte das nichts an der grausamen Wahrheit.
Ich war eine Mörderin...
Alles in meinem Inneren brannte, als würde mich das Inferno höchstpersönlich heimsuchen.
Zumindest hätte ich es verdient...
Es gelang mir kaum noch zu atmen, hielt mich nur mit Mühe auf meinen bebenden Beinen. Die Enge in meiner Brust und in meiner Kehle schnürte mir jede Regung ab. Dieses Gefühl, als würde sich ein unsichtbarer Strick unerbittlich um meinen Hals ziehen und mir die Luft zum Atmen nehmen, hinderte meine Lungen daran, sich mit dem rettenden Sauerstoff zu füllen.
„Komm schon, Ana! Wir müssen hier verschwinden!", kämpfte sich eine raue Stimme durch den dumpfen Schleier, der mich wie eine schwere undurchdringliche Hülle umgab. Doch meine tränenverschleierten Augen weigerten sich, die Gestalt dahinter klar werden zu lassen. Und doch erkannte ich die Stimme. Diese schöne, raue Stimme, die mir inzwischen so vertraut geworden war. Die mir unzählige Male Halt gegeben hatte, mich getröstet und mir Schutz versprochen hatte. Und doch riss sie mich in diesem Moment nur noch weiter auseinander. Mit jeder Silbe. Stück für Stück. Denn es war nicht seine Stimme.
Er lag vor mir. Regungslos, eine Kugel mitten in der Brust, die mit jeder Minute, die verstrich, das Leben aus ihm saugte.
„Lass uns gehen!", mahnte mich die Stimme erneut, packte mich grob an den Armen und zerrte mich weg. Der verzweifelte Versuch, dazugegeben anzukämpfen, mich aus der harsche Berührung zu winden, blieb ohne Erfolg. Die Nässe hatte sich längst wie eine kalte Gefahr in meinen Körper gefressen und sich dort mit dem lähmenden Cocktail aus unzähligen Emotionen vermischt. Erst bei dem Ruck gelang es mir, mich aus dieser Starre zu befreien und den eisernen Griff um das Heft der Klinge in meinen Händen zu lösen.
Das Messer entglitt mir und fiel mit einem dumpfen, endgültigen Geräusch zu Boden. Ich sah ihm nach, unfähig zu reagieren, während das moosige Gestrüpp des Waldbodens es sofort umspielte, als wollte er es verschlucken. Der Regen setzte der Waffe nach, als könnte er sie reinigen und die letzten Spuren meines Handelns auslöschen. Doch selbst wenn das Blut längst abgewaschen war, die Erinnerung an meine Tat würde daran haften bleiben.
Der kräftige Mann zerrte weiter an mir und schaffte es, meinen Körper, über den ich schon vor Minuten die Kontrolle verloren hatte, wegzuzerren.
Weg vom Massaker.
Weg von ihm.
Ich hingegen blieb wie angewurzelt stehen und sah zu, wie der stämmige Mann meinen Körper zum Auto zerrte und mir befahl, einzusteigen. Ich schrie und brüllte seinen Namen. Aber er, dessen Blut den mit Moos bewachsenen Waldboden tränkte, bewegte sich nicht mehr.
Denn er war wahrscheinlich schon lange tot.









ich finde es klasse mitten in einer Geschichte zu starten und dann nach und nach zu erfahren was passiert ist und warum, auch erst dann die Charaktere kennenzulernen ist prickelnd.