1 | verrate mir, was geschehen wird
Mit verschleierten Blick betrachte ich meine bebenden Hände. Da ist Blut. Einfach so viel Blut. Es fühlt sich auf meinen eisigen Fingern seltsam warm an. Als wäre die rote Flüssigkeit wie ein dünner Handschuh der sich über meine Haut legt. Die Klinge in meiner Hand reflektiert irgendeine Lichtquelle und blitzt verräterisch auf, während ich sie in den Händen wiege. Die Sonne kann es nicht sein, denn sie ist hinter eine dicke Wolkenschicht gebettet, deren Stimmung meine innersten Empfindungen widerspiegelt. Das Messer, das ich mit beiden Händen so fest umklammere, dass meine Knöchel weiß hervortreten, ist soeben zur Mordwaffe und ich zu einer Mörderin geworden.
Die silberne Klinge, deren Seiten mit einem satten Rot beschmiert sind, verschwimmt vor meinen Augen. Die einzelnen Regentropfen, die von den Wolken freigesetzt werden, spülen es weg, als ob es nie da gewesen wäre. Gerade zu, als könnte es alles ungeschehen machen. Oder sind es meine Tränen, die den verzweifelten Versuch wagen, alles ungeschehen zu machen, was sich hier vor wenigen Minuten in dem lichten Wald zugetragen hat?
Um mich herum herrscht völlige Stille. Selbst die Vögel, die vorhin noch ungehemmt trällerten, wurden durch den ohrenbetäubenden Knall der Schusswaffe aufgeschreckt und sind seither verstummt. Nur das hektische Röcheln einer anderen Person ist zu hören. Oder stammt es von mir selbst?
Ein Donner grollt durch den dämmrigen Abendhimmel und es scheint, als würde dadurch der Himmel aufbrechen. Kurz darauf setzt ein Wolkenbruch ein, und das verschleierte Firmament über mir gibt plötzlich alles frei, was sich während der letzten Tage darin angestaut hat. Innerhalb von Sekunden ist alles an mir durchnässt und das Blut an meinen Händen ist nur noch ein Rinnsal, das sich seinen Weg in Richtung Erdboden bahnt.
Es ist, als ob mein Körper immer leichter und das Geräusch in meinen Ohren immer stärker wird. Es fühlt sich fast so an, als würde sich mein Geist von meinem Körper lösen. Obgleich ich nicht diejenige bin, in deren Brust eine Kugel steckt oder der eine Klinge in den Hals gerammt wurde.
Wie bin ich nur hier reingeraten? Früher bin ich nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen und war vollkommen zufrieden. Jetzt bin ich eine Mörderin. Oder war es doch Notwehr gewesen? Das spielt keine Rolle. Ich habe einen Menschen getötet, auch wenn ich dadurch verhindert konnte, dass er weiteren Menschen Schaden zufügt.
Es gelingt mir kaum zu atmen, kann mich kaum mehr auf den Beinen halten. Die Enge in meiner Brust und in meiner Kehle blockiert alles. Es fühlt sich fast so an, als ob mir die Luft mit einem Strick abgeschnürt wird. Die Lungen können sich nicht mehr mit dem rettenden Stoff füllen.
„Komm schon, Ana. Wir müssen hier verschwinden”, höre ich eine raue Stimme irgendwo neben mir, aber meine tränenverschleierten Augen erlauben es mir nicht, die Person zu erkennen. Ihre Stimme jedoch ist mir bekannt. Die schöne, raue Stimme, die mir inzwischen so vertraut ist. Aber es ist nicht seine Stimme. Denn er liegt vor mir auf dem Boden, eine Kugel mitten in der Brust.
„Lass uns gehen”, mahnt mich die Stimme erneut, packt mich grob an den Armen und zerrt mich weg. Ich wehre mich gegen die harsche Berührung, aber ohne Erfolg. Dabei gleitet mir die Klinge aus der Hand und fällt scheppernd zu Boden. Der kräftige Mann zerrt weiter an mir und schafft es, meinen Körper, über den ich schon vor Minuten die Kontrolle verloren habe, wegzuzerren. Weg von dem Massaker. Weg von ihm.
Ich hingegen bleibe wie angewurzelt stehen und sehe zu, wie der stämmige Mann meinen Körper zum Auto zerrt und mir befehlt, einzusteigen. Ich schreie und brülle seinen Namen. Aber er, dessen Blut den mit Moos bewachsenen Waldboden tränkt, bewegt sich nicht mehr.
Denn er ist wahrscheinlich schon lange tot.