Die Tochter des Winzers Teil 1 - Frankreich

All Rights Reserved ©

Summary

Das schwarze Schaf einer angesehenen Winzerfamilie zu sein, ist nicht immer einfach. Besonders nicht für die freche und sture Valentina, welche mehr Unsinn im Kopf hat als jeder Stallbursche weit und breit! Doch was hält das widersprüchliche Leben des Spätbarocks für eine derart ungebändigte junge Frau bereit, die sich Hals über Kopf in die Liebe und das Abenteuer hineinstürzt?

Status
Complete
Chapters
23
Rating
4.8 6 reviews
Age Rating
18+

Marseille

Südfrankreich, September 1671

Die Sonne schien noch immer erbarmungslos heiß vom Himmel, obwohl es bereits Anfang September war und Marseille glänzte, wie ein funkelndes Stück Gold am Rande des Meeres, während sich die Wärme an den Hauswänden wie eine schnurrende Katze in der Mittagssonne räkelte. Das Rauschen der Wellen war ein ständig flüsternder Begleiter in den Ohren. Und es wisperte stets:

Komm mit mir... Ich trage dich bis ans Ende der Welt...

Ein plötzlicher Windstoß riss Valentina aus ihren sommerlichen Gedanken. Mit der Hand schützend über ihre Augen geschirmt, saß sie auf dem wackelnden Kutschbock. Ihre Füße reichten kaum auf den Boden und baumelten fröhlich von links nach rechts.

Mit ihren elf Jahren hatte sie es doch tatsächlich geschafft ihren Dickschädel gegen ihren Vater durchzudrücken, um den Weg zum Weingut der Herzogfamilie Du Braque, außerhalb der Kutsche zu verbringen und die wundervolle Natur der Provence zu erblicken. Sie waren noch nicht lange unterwegs und ihr Blick schweifte bereits über das Mittelmeer, das sich vor ihr ausbreitete. „Wunderschön...“, hauchte sie ergriffen. Eines Tages, dass nahm sie sich fest vor, würde sie auf den Wellen dieser unbeschreiblichen Naturgewalt um die Welt segeln.

Genauso wie Seeleute und Piraten!

Doch ein Blick in das murrende Gesicht ihres Vaters ließ den Gedanken ganz schnell wieder verfliegen. Bei der Weinernte des Herzogs musste sie so unauffällig und unsichtbar wie möglich sein. Denn die Verlobung ihrer ältesten Schwester Magdalena, die dort ebenfalls stattfand, war von höchster Bedeutung.

Überhaupt waren Magdalena und Giulietta die Lieblingstöchter der Winzerfamilie Russo. Die eine, höchst ehrfürchtig gegenüber Gott und zugeknöpft bis zur Stirn. Die andere, so puppenhaft und unerträglich süß, dass man Sorge haben musste nicht augenblicklich an einem Zuckerschock zu erstarren!

Äußerlich waren beide ein direktes Abbild ihrer stolzen Mutter. Blond, herzförmige Gesichter und herrlich blaue Augen. Ihre Schönheiten wurden allgegenwärtig bewundert. Doch nur Valentina kannte die leblosen Gesichtsausdrücke und geistlosen Gespräche über handwerkliche Geschicke, malerische sowie musikalische Talente und das Zitieren biblischer Texte.

Kurz gesagt: die Langeweile in Person.

Zu gerne hätte Valentina mit ihrem kleinen Bruder die Plätze getauscht, um diesem alljährlichem Ereignis, dass natürlich auch auf ihrem eigenen Winzerhof stattfand, zu entkommen. Doch ihre Eltern wollten die Verlobung ihrer ältesten Tochter, mit der frisch geknüpften Partnerschaft der beiden Familien verbinden und da Jérôme nun mal der kleine Prinz der Familie Russo war, blieb dieser mit seiner Amme artig zu Hause. Ungeachtet dessen das ihre Mutter dabei einen überaus theatralischen Abschied veranstaltete, der nach nur fünf Minuten komplett vergessen war. Schließlich trichterte sie Magdalena und Giulietta ununterbrochen diese stocksteifen Verhaltensetiketten ein…

Valentina konnte es nur recht sein. Kam sie laut Aussage ihrer Mutter wohl stark nach ihrer Großmutter väterlicherseits. Dafür das sie diesem Familienmitglied nie begegnet war, säten bereits wenige Worte, die um die alte Greisin im Elternhaus kursierten, tiefe Bewunderung in ihr. Angeblich sei ihre Großmutter eine störrische und uneinsichtige Vettel, die sich dem noblen Leben an der Seite ihres erfolgreichen Sohnes entzogen hatte, um sich, wie es ihre Mutter so schön formulierte, den Sünden ihres Lebens zu stellen und Buße zu tun.

Die vielen abenteuerlichen Geschichten, die dagegen ihr Vater allabendlich vortrug, zeichneten in Valentinas Kopf eine gänzlich andere Frau. Doch das war lange her. Weder gab es Geschichten noch die spärliche Zweisamkeit zwischen Vater und Tochter. Einzig ihre stets wachsende Ähnlichkeit zu ihrer unbekannten Großmutter bescherte ihr ein paar freundliche, wenn auch traurige Blicke, ihres Vaters.

Immer wieder wurden ihre unbändigen dunklen Locken und die tiefviolette Augen angesprochen. Jedermann verglich sie stets mit ihren Schwestern und ihrer Mutter und zweifelte ihre Herkunft an, dabei musste man sie doch nur ordentlich anschauen, um die vielen Gemeinsamkeiten mit ihrem Vater zu entdecken!

Sie hatte dasselbe runde Gesicht und die vollen Lippen, genauso seine dichten schwarzen Wimpern. Die edlen hohen Wangenknochen, die er einst besaß und die sich nun unter leichten Hamsterbacken versteckten, bahnten sich ebenfalls bei ihr hervor. Nur Valentinas Körpergröße würde eines Tages die ihrer Mutter gleichkommen. Maß sie momentan knapp einen Meter und dreißig und war noch gut mit Babyspeck gepolstert, so war sie sich sicher, dass es das absolut einzig Gute war, was sie von ihrer Mutter bekommen hatte. Beim Raufen, Klettern und Hühner jagen mit Jean-Claude, dem gleichaltrigen Stalljungen, konnte sie daher locker mithalten!

In den frühen Morgenstunden waren sie beide wieder aneinandergeraten und ihr Vater hatte ihr deswegen den Hintern versohlt. Doch glücklicherweise war bis zur Abfahrt nur noch wenig Zeit gewesen, sodass sie sich nicht mehr waschen und umziehen konnte. Ihr Vater konnte sie in diesem Zustand absolut nicht in die enge Kutsche mit ihren Schwestern und ihrer Mutter stecken! Immerhin hatten diese den ganzen Morgen mit ihrer Toilette zugebracht. So hatte sie geschickt die Chance ergriffen, um auf dem Kutschbock zu sitzen. Zu ihrer Freude hatte der alte Kutscher Pierre mit vorgeschobenem Kinn in sich hinein gegrinst und ihr verschwörerisch zugezwinkert.

Es war ein langer Weg bis zum Anwesen des Herzogs. Die schwüle Hitze des Spätsommers und die unglaubliche Farbpracht, machten die Reise jedoch allemal wertvoll. Valentina winkte den Bauern auf den Feldern zu, sang Pierre dumme Kinderlieder vor und plapperte vor sich hin, was sie alles erleben wollte, wenn sie einmal groß war.

Während einer kurzen Pause, zur Stärkung für Mensch und Tier, nahm ihr Vater sie grob beiseite.

„Das du mir bei der Ernte ja keinen Ärger machst, Valentina!“, zischte er, während er sie am Ellbogen scharf zu sich zog. „Deine Streiche und jungenhaftes Benehmen, dulde ich auf dem Weingut der Du Braques nicht!“ Seine dicken Augenbrauen zogen sich wie zwei Holzbalken eines einstürzenden Hauses zusammen.

Valentina starrte mit offenem Mund auf das Spektakel, dass auf seiner Stirn stattfand. Was er weiter von sich gab, hörte sie schon gar nicht mehr und sie nickte nur staunend, bis ihre Mutter mit ihrer kleinen Schwester, der sechsjährigen Giulietta, auf dem Arm der Gouvernante zu ihnen kam. „Mon Mari, Magdalenas Verlobung ist von äußerster Wichtigkeit. Wäre es nicht besser, Valentina direkt wieder nach Hause zu schicken?“

Die Violetten Augen der Tochter weiteten sich erwartungsvoll.

Non! Wer weiß was sie da wohl allein anstellen wird!“, war die knappe Antwort des Vaters. „Außerdem bestehe ich auf die Vollzähligkeit unserer weiblichen Familienmitglieder!“

„Ich verstehe…“, seufzte die Mutter. „Ich werde wohl um eine Küchenmagd bitten müssen, die sich Valentinas annimmt. Die Herzogfamilie Du Braque ist reich genug, um uns in dieser Angelegenheit zu unterstützen. Unsere Gouvernante hat mit Giulietta immerhin alle Hände voll zu tun und ich muss mich um Magdalenas Leumund kümmern!“, sie seufzte abermals schwer. „Außerdem kennen sie sich mit Aufmüpfigkeit aus. Eines ihrer Kinder soll wohl auch so ein grauenhaftes Gemüt haben.“

Bon“, brummte es aus ihrem Vater hervor. „Sorge dafür das Valentina der Gesellschaft fernbleibt und nichts anstellt. Wir sind das erste Mal auf dem Winzer Gut des Hochadels eingeladen. Ich kann es mir nicht leisten vor Du Braque schlecht dazustehen! Unsere Partnerschaft ist noch immer dünn und zerbrechlich.“ Murrend ließ Valentinas Vater von ihr ab und drehte sich auf dem Absatz um. Ihre Mutter schnaubte ebenfalls verächtlich. Wendete sich dann aber direkt ihrer kleinsten Tochter zu, die anfing sich über die grelle Sonne zu beschweren.

Wie wundervoll!

Valentina musste also nicht der spießigen Gesellschaft beiwohnen und konnte sich unter die Erntehelfer und die Leibeigenen mischen. Anscheinend würde es doch noch ein aufregender Besuch werden!

Die Familie reiste weiter und wenige Stunden später kamen sie auf dem imposanten Gut der Du Braques an.

Diese Familie war reich. Sehr reich. Das erkannte sogar Valentina mit ihrer winzigen Lebenserfahrung. Doch bevor sie auch nur einen Schritt von der Kutsche machen konnte, wurde sie von ihrem Vater am Kragen ihres karierten Kleides gepackt und mit gezerrt.

Der Herzog und seine Familie kamen die große Steintreppe herunter, um sie zu begrüßen. Es war ein freundschaftlicher Austausch. „Russo! Es ist mir eine Freude Euch und Eure Familie endlich auf meinem Anwesen begrüßen zu dürfen!“ Herzog Du Braque war ein hochgewachsener Mann, wie Valentina bemerkte. Schlank, bärtig und edle graue Haarsträhnen zeigten sich seitlich an seinem zurückgebundenen Haar.

Seine beiden Söhne kamen ihm äußerlich gänzlich gleich. Der eine schmückte sich mit einer wunderhübschen blonden Frau. Der andere hatte zwei jüngere Mädchen, wohl seine Schwestern, jeweils links und rechts unter den Armen eingehakt. Herzogin Du Braque erschien im Schatten der Tür, weigerte sich allerdings in die Sonne zu treten. Was an ihrem Sonnenschirm erkennbar war, den sie zusätzlich im Schatten über sich hielt. Momentan waren diese grässlich hochtoupierten Haare und eine blasse Haut der Schönheitsstandart. Sowohl bei Frau und Mann. Für Valentina völlig verständnislos. Sie schaute sich weiter um und erkannte die Sonnenschirme ihrer Schwester und Mutter die augenblicklich aufgespannt wurden, sobald sie aus der Kutsche traten.

Will denn niemand die herrliche Wärme der Sonne auf der Haut spüren?

Ihr Mund verzog sich bei diesem Gedanken schräg übers Gesicht. Es wurden gewöhnliche Phrasen und lahme Komplimente über Besitztümer ausgetauscht. Valentina hörte schon gar nicht mehr hin, sondern suchte aufgeregt und neugierig nach den Ställen. Ihre Augen sprangen zum alten Pierre, der sich nickend mit einem der Stalljungen unterhielt. Dann folgte er der Richtung, die ihm zugewiesen wurde. Dort kam gerade ein junger Mann um die Ecke und lehnte sich leger an die Hauswand, während er sich eine Zigarillo anzündete. Wohl einer der Stalljungen..., dachte sich Valentina.

Dann brach es einfach aus ihr heraus: „Vater!“ Der beleibte Winzer zuckte bei ihrem gequiekten Ausruf sichtbar zusammen. „Pierre benötigt bestimmt meine Hilfe. Und außerdem bin ich nicht angemessen gekleidet den Herzog zu begrüßen!“ Sie wandte sich dabei blitzschnell um die eigene Achse und somit aus dem Griff ihres Vaters. Bevor er widersprechen konnte, war sie schon davon geflitzt. „Du verzogenes Gör!“, giftete er hinter ihr her, „komm sofort zurück!“

„Lasst sie, mon Mari, ich glaube das war das Sinnvollste, was sie heute von sich gegeben hat“, beschwichtigte ihn die Mutter. Der Vater nickte brummend und drehte sich verlegen seinem Gastgeber zu. „Verzeiht Herzog, doch dieses Balg ist ein wenig... schwierig.“

„Ha! Da sagt Ihr wahrlich was. Ich habe ebenfalls einen unzähmbaren Bengel. Ich sage Euch: Strenge und Züchtigung sind das Einzige, was diese undankbaren Flegel in ihre Schranken weist“, entgegnete der Herzog und bedeutete dem Rest der Familie den Weg ins Haus.

Ein schräges Grinsen breitete sich über das Gesicht des Stalljungen aus, der die Szene von der Hausecke aus beobachtet hatte. Er wandte sich ab und folgte der Kutsche, die an ihm vorbeirauschte.

***

Gabriel zog an seiner Zigarillo und sah, wie der dunkle Lockenkopf sofort vom Kutschbock sprang und zu den Pferden tänzelte. Lachend hüpfte das Mädchen von einem zum anderen Gaul. Ohne Angst streichelte sie sanft deren Nüstern, vergab Äpfel und Karotten, die sie sich aus den Kübeln neben den jeweiligen Boxen klaute. Aufgeregt flüsterte sie den Pferden irgendwelche Geheimnisse zu.

„Belle gibst du besser nur die hier zu fressen“, dabei hielt er ihr zwei rote Äpfel entgegen. Tiefviolette Augen blickten ihn überrascht an. Sie hatte wohl nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden. Trotzdem griffen ihre tapsigen Hände nach den Früchten. „Wieso nur Äpfel?“, hakte sie nach.

Alors, die Stute ist das verzogene Biest einer der jungen Damen Du Braques“, entgegnete er ihr und nahm einen tiefen Zug seiner Zigarillo. „Ich finde sie sieht nicht verzogen aus, eher gelangweilt, weil sie nicht aus der Box darf“, meinte das kleine Mädchen. Gabriel hob eine Augenbraue nach oben.

„Du bist wohl eine kleine Pferde Expertin, wie?“ Nun schaute ihn das kleine Mädchen direkt an und ahmte seinen Gesichtsausdruck nach. „Ich weiß, wie man ein Pferd reitet“, meinte sie schnippisch und äffte ein: „auch wenn ich nur eine junge Dame bin!“ hinterher.

Ein Glucksen kam über seine Lippen, als er das hörte. „Nun, viele kleine junge Damen wissen, wie man reitet. Allerdings ein Pony. Keine ausgewachsenen, gelangweilten Stuten, wie Belle eine ist.“

Der Lockenkopf schnaubte eingeschnappt. Das amüsierte Gabriel. Das würde mir ja gerade noch fehlen, dass dieses kleine Gör mit den Pferden ausreitet. Mit einem schnellen Griff schnappte er sich das kleine Ding unter den Arm.

„Hey! Was soll das?! Lass mich los, du Teufel!“, kreischte sie auf. „Der Teufel bist wohl eher du!“ Sie kratzte, biss und strampelte wild um sich. Als er sie fast nicht mehr halten konnte, schwang er sie ruckartig über die Schulter und gab ihr einen Klaps auf den Hintern. „Au!“, schrie sie überrascht auf.

Mit der Zigarillo im Mundwinkel und einem Wildfang über den Schultern, bewegte sich Gabriel in Richtung des Esels, der in der Sonne stand und genüsslich aus dem Trog fraß. Dort setzte er das verdutzte Mädchen auf dem Schemel ab. Er beugte sich zu ihr hinunter, blies den Rauch nach oben hin aus und ermahnte sie mit strenger Stimme.

„Das einzige Tier, dass du in meinen Ställen reiten darfst, ist der alte Esel hier. Ich weiß das du zur Winzer Familie Russo gehörst. Als Gast auf diesem Gut darf dir also nichts passieren. Vor allem nicht bei der Ernte oder hier in den Ställen.“ Gabriel erhob warnend seinen Finger. „Es wäre also besser du gehst direkt ins Haus und machst keinen Ärger. Kleine Mädchen wie du, sollten sowieso all diese Haushalts Dinge lernen.“

Valentina starrte verbittert in die bernsteinfarbenen Augen des Stalljungen. Dann musterte sie ihn von oben bis unten. Er war ziemlich groß, aber auch schlaksig, obwohl seine Schultern ungewöhnlich breit waren. Allerdings hatte er außergewöhnlich hellblonde Haare und über seinen Augen ragten nahezu perfekte Brauen empor. Er stand auf und zerzauste dabei ihre Haare auf dem Kopf. Schnell schlug sie ihm die Hand weg und hörte ein hohles Kichern.

Zu Hause reite ich auch mit den großen Pferden umher, dachte sie. Aber das konnte dieser Hohlkopf ja nicht wissen. Anscheinend musste sie ihm das unter Beweis stellen.

Praktisch.

Eine Idee kam ihr in den Lockenkopf geschossen und sie lächelte breit. Überzeugt von ihrer eigenen Findigkeit, sprang sie auf und tapste ihm hinterher.

„Wie heißt du?!“, fragte sie neugierig.

„Warum sollte ich dir das sagen?“

Sie zuckte mit den Schultern „Na ja, ich kann dich schlecht mit Hohlkopf ansprechen, meinst du nicht?“ Die Schlagfertigkeit dieses kleinen Görs überraschte ihn doch sehr. Die Zigarillo noch immer im Mundwinkel, grinste er schräg und schweifte sie mit einem kurzen Blick. „Gabriel.“

Bon. Du bist dran. Wenn du nicht willst, dass ich dich als teuflisches Gör abstempele, sag mir deinen Namen.“

„Valentina“, kam es überraschend sanft aus ihr hervor. Das kleine Gör konnte also auch niedlich sein.

„Ich glaube nicht, dass du richtig reiten kannst, Gabriel.“

Ihm fiel beinahe die glimmende Stummel aus dem Mund und er nahm seinen vorherigen Gedanken sofort zurück. Hatte ihm gerade ein knapp zehnjähriges Mädchen gesagt, dass er nicht in der Lage wäre ein Pferd richtig zu reiten? Ein trotziges Grinsen stach ihm entgegen. Die Violetten Augen funkelten herausfordernd, wenn nicht sogar überheblich. Die Szene, in der er sich befand, war nahezu absurd. Er, neunzehn Jahre alt, dritter Sohn des Herzog Du Braques, eine der angesehensten Adelsfamilien Frankreichs, wurde von einem kleinen Mädchen angestachelt zu beweisen, dass er ein Pferd reiten konnte!

„Nun?“, hakte sie frech nach.

Das glaube ich einfach nicht!

Gabriel sattelte tatsächlich wenige Minuten später, seinen schwarzen Hengst Ragna, unter den schelmischen Augen dieses kleinen Görs. Die Stalljungen um sie herum feixten und hatten aufgehört zu arbeiten, um die skurrile Szene zu beobachten. Doch ein strenger Blick von Gabriel ließ sie verstummen.

Die Winzertochter saß derweil auf der niederen Stalltür der Stute, aß genüsslich einen der roten Äpfel und teilte ihn brüderlich mit dem Tier. Gabriel führte den Hengst heraus. „Das ist Ragna“, meinte er mürrisch. „Wenn ich dich auch nur in seiner Nähe erwische, versohle ich dir derart den Hintern, dass du eine Woche nicht mehr sitzen kannst. Haben wir uns verstanden?“

Sì Certamente, Signore Gabriel!“ antwortete sie schnell und salutierte frech. Ein Unwohlsein breitete sich in seiner Magengegend aus.

Während Gabriel mit Ragna beschäftigt war und mit dem Rücken zu ihr stand, schüttelte er immer wieder den Kopf. Leise öffnete Valentina indes die Tür der Stute. Sie hatte noch ihr Zaumzeug um. Das war gut. Ihr Sattel war bereits abgelegt worden. Das war nicht so geschickt für Valentinas Vorhaben. Doch ohne Sattel zu reiten war ihr nicht fremd.

Der Blonde Mann mit den bernsteinfarbenen Augen war nun aus dem Stall herausgetreten, schwenkte mit seinem Hengst etwas nach Links und Valentina erkannte ihre Chance!

„Halt! Was tust du denn da?!“, rief einer der Stalljungen. Gabriel war gerade erst auf sein Pferd gestiegen, als er den Jungen schreien hörte. Er blickte über die Schulter und in diesem Augenblick galoppierte die grau gescheckte Stute seiner Schwester schnurstracks an ihm vorbei. Das Einzige, was er noch Registrierte war ein dunkler Lockenkopf und eine helle, lachende Stimme, die die Stute antrieb.

„Hüa! Lauf, Pferdchen, lauf!“

„Das darf doch nicht wahr sein!“, rief er über die Schultern, „hat denn keiner von euch auf das närrische Gör aufgepasst?!“

Gabriel war über die Unfähigkeit der dutzenden von Stalljungen außer sich. Barsch trat er Ragna in die Flanken und preschte mit ihm hinter der Stute her, die bereits wild davon galoppierte.

„Halt, Valentina! Sie wirft dich noch runter!“

Die Stute sprang schnell voran und galoppierte über das goldene Feld, in das Valentina sie hineintrieb. Das kleine Mädchen hielt sich wacker auf dem Rücken der Stute und hielt das Zaumzeug fest in ihren kleinen Händen. Sie lachte herzhaft und lenkte Belle an den Rand des kleinen Waldes, direkt auf einen umgestürzten Baum. Gabriel erhaschte das Hindernis und trieb Ragna weiter an. Er hatte sie beinahe eingeholt und streckte bereits seine Hand aus, um das Zaumzeug der Stute zu fassen zu bekommen.

„Sie wirft dich ab, du dummes Ding! Halt dich bloß fest! Wenn du das überlebst, kannst du dich auf etwas gefasst machen!“

Valentina blickte zu Gabriel hinüber, der nun auf ihrer Höhe war. Der entschlossene Blick des Mädchens, das die Stute weiter antrieb, schockte ihn kurz und ließ zweierlei Gefühle in ihm aufkommen. Zum einen, der Ärger über dieses gefährliche beinah närrische Unterfangen. Und zum anderen, die wagemutige Entschlossenheit des kleinen Lockenkopfes!

„Ha!“ Valentina trieb das Tier noch einmal an und stieß ihre kleinen Fersen in die Stute. Dann sprang sie mit ihr wie eine kämpferische Amazone, über den Baumstamm und hielt sich zusätzlich an der Mähne des stolzen Tieres fest. Beinahe gleichzeitig kam der Hengst von Gabriel mit der Stute auf dem Boden auf. Er sah wie Valentina vom Rücken abrutschte und sich schief auf dem Pferd zu halten versuchte. Endlich hatte er sie eingeholt und schob seine rechte Hand unter ihre linke Achsel, um sie zurück auf das Reittier zu hieven. Ohne weiter auf ihn zu achten, festigte sie wieder ihren Sitz und ließ die Stute aus galoppieren. Gabriel verlangsamte ebenfalls seinen Hengst.

Was hat sich dieses närrische Gör nur dabei gedacht?

Er ergriff das Zaumzeug der Stute und trabte mit verärgertem Blick nebenher. Ein Glucksen kam aus Valentina hervor. Dann kicherte sie und fiel plötzlich in ein schallendes Gelächter. Sie streichelte den langen Hals der Stute und schlang beide Arme um sie. „So ein wundervolles Pferd! Jetzt geht es dir besser, nicht wahr?“ Die graue Stute wieherte zufrieden.

Glockenhell, als hätte dieses Gör nie etwas Böses angestellt, lachte sie Gabriel von schräg unten her an. Ihre zierlichen Schultern zuckten dabei rauf und runter und schüttelten noch mehr Heiterkeit aus ihr heraus.

Gabriels Puls pochte stattdessen verärgert an seinem Hals umher und er presste schnaufend die Lippen zusammen. Wenn dem Gör nun etwas passiert wäre! Weniger war es die Sorge um eventuelle Verletzungen als vielmehr die Standpauke seines Vaters oder gar das klägliche Gejammer seiner Mutter.

Viel schlimmer waren die elendigen Drohungen seiner Eltern, die sich stets wiederholten, wenn er in etwas hineingeriet. Entweder kamen sie ihm mit den Kolonien, Versailles oder Heirat… Doch nichts davon hatten sie in den letzten zehn Jahren wahr gemacht. Leeres Gelaber, nichts weiter!

Mit einem scharfen Ruck zog er das Pferd seiner Schwester näher heran und wickelte sich die Zügel nochmals um die Hand. Nur um sicher zu gehen das sie nicht noch einmal davonhuschte. In seinen Ohren erklang wieder das heitere Gekicher der frechen Winzertochter. Er schaute zu ihr, direkt in ihre violetten Augen. Sie glänzten vor lauter Aufregung und purer Freude. Zogen ihn hinein in ihren waghalsigen Irrsinn, der ihn gut fünf Jahre seines Lebens gekostet hatte!

Dieses Mädchen war geradezu verrückt und übergeschnappt! Hinterlistig, frech und… wild, furchtlos, impulsiv und wagemutig! Genau wie er selbst.

Verbissen versuchte sich Gabriel von ihrem ansteckendem Lachen herauszuwinden, doch seine Lippen verzogen sich bereits zu einem Lächeln. Er räusperte sich verlegen, stimmte dann aber mit dem Gackern der Kleinen ein und ließ sich schließlich vollends mitreißen.

***

Phillipe De Mart, langjähriger Diener im Hause Du Braque, wartete geduldig, bis er die beiden fehlenden Pferde aus seinem Stall an der Pforte auftauchen sah. Es war bereits spät und die Gesellschaft machte sich für das Abendessen fertig.

Der Einzige der mal wieder fehlte, war der junge Herzog Sprössling Gabriel.

Phillipe musste schmunzeln. Alors… so jung ist er nun auch wieder nicht... Dennoch hatte er die Füße unter dem Tisch des strengen Vaters. Und bis jetzt hatte er sich sogar erfolgreich, um eine Abschiebung nach Versailles herumgedrückt. Dieser Ort kam für Gabriel einem ausgetrocknetem und nahezu toten Leben gleich, das wusste Phillipe. Dazu nahmen die Reibereien und Streitigkeiten zwischen ihm und seinen Eltern zu. Mehr mit dem Vater als der Mutter. Diese liebte ihren jüngsten Sohn abgöttisch und mochte ihn am liebsten ihr Leben lang verhätscheln.

Was für Gabriel, der sich nach Abenteuern auf dem Meer sehnte, mindestens genauso schlimm war. Ja, das alles wusste Phillipe und noch mehr. Immerhin kannte er Gabriel von klein auf und allen voran redete er mit ihm. Was man von seinem Vater nicht behaupten konnte.

Er seufzte und lief auf die Pforte zu und beobachtete, wie sich Gabriel mit einem kleinen Mädchen auf dem Rücken des Hengstes stritt und sich gegenseitig Grimassen ins Gesicht zogen, während dieser die Stute sachte hinter sich her traben ließ.

Phillipe gluckste in sich hinein. „Wenn ihr euch beide gegenseitig noch in den Wassertrog schmeißt, seid ihr wenigsten für das Abendessen sauber!“ Der erstarrte Ausdruck des ungleichen Paares sagte ihm alles!

Der Diener nahm die Zügel der Stute an sich und lächelte Valentina freundlich an. „Ich bin Phillipe. Willkommen in Marseille, petite Mademoiselle“ Gerade wollte sie ihn ebenfalls begrüßen, da sprang Gabriel vom Pferd und zog sie augenblicklich quer über seine Schultern. Dabei hielt er ihren Arm und ein Bein, fest in seinem Griff. „Ah! Lass mich runter, du Teufel!“, quiekte das Mädchen sogleich auf.

„Dich leg ich erstmals übers Knie, folle Demoiselle!“ Gabriel trat verärgert mit dem Fuß die Tür zum Haus auf und schlenderte mit dem quirligen Mädchen auf den Schultern hinein. Ein kopfschüttelnder Phillipe folgte ihnen schmunzelnd. Das ist das erste Mal, dass sich Gabriel über ein weibliches Wesen derart aufregte. Für gewöhnlich ignorierte er sämtliche Töchter des Adels. Egal wie alt.

Die beiden durften keine zehn Jahre auseinander sein und Phillipe musste sich dieselbe Szene, mit einem ausgewachsenen Lockenkopf vorstellen.

Sehr amüsant!

***

Madame Russo war den ganzen Nachmittag und Abend damit beschäftigt ihrer Tochter Magdalena genaue Instruktionen darüber zu geben, wie sie sich als die zukünftige Baronesse Duprée zu verhalten hatte. Sie und ihr Mann hatten lange darauf hingearbeitet.

Ihre älteste Tochter war nun beinahe fünfzehn Jahre alt und musste schnellsten unter die Haube, bevor ihre Schönheit verblasste! Auch wenn sich die Winzerin darüber nicht wirklich Sorgen musste. War sie selbst ebenfalls noch sehr ansehnlich. Auch nach vier Kindern! Und Baron Duprée war eine hervorragende Partie für die gesamte Familie. Sozusagen, der erste offene Spalt nach Versailles.

Er ist ein streng Gläubiger Mann, genau wie Magdalena. Dazu überaus diszipliniert und der versprochenen Aussteuer einer reichen Winzer Tochter aus der Provence, nicht abgeneigt. Es war schon beinahe zu schön, um wahr zu sein, dass sich diese einfachen Schachzüge so nahtlos voranbringen ließen.

Bereits bei Magdalenas Geburt hatte das Winzerpaar dafür gesorgt, sie zu einer perfekten Gattin für einen Gottesfürchtigen Mann, wie Duprée es war, heranzuziehen. Und in den kommenden Tagen würden sie einen weiteren Schachzug vorantreiben, um der Familie zu Ansehen und Reichtum zu verhelfen. Diesmal würde es um ihre sechsjährige Tochter Giulietta gehen. Ihr prächtigster Familienschatz! Neben Jérôme natürlich.

Herzog Du Braque hatte insgesamt fünf Kinder. Drei Söhne und zwei Töchter. Sein ältester Sohn hatte bereits geheiratet. Wobei der über dreißigjährige nun wahrlich nicht in Frage kam. Sein zweiter Sohn war ein Frauenheld. Ebenfalls nichts für ihre bezaubernde Giulietta. Doch sein jüngster Sohn, Gabriel, würde ganz wundervoll zu ihr passen. Er soll seiner Mutter recht ähnlichsehen und dennoch die scharfen, maskulinen Gesichtszüge seine Vaters geerbt haben. Sie wären bestimmt ein bezauberndes Paar, sobald Giulietta sechzehn Jahre alt werden würde. Gutaussehende Menschen gehörten nun mal zusammen, davon war Madame Russo überzeugt!

Doch seit einigen Tagen machten sich quälende Kopfschmerzen bei ihr breit. Sie hatte ja noch eine Tochter: Valentina.

Sie glitt ihr mit jedem Jahr, das verging, mehr und mehr aus den Händen. Nun war sie elf Jahre alt und wälzte sich lieber mit dem Stalljungen im Dreck, als sich ihrer Lebensaufgabe zu widmen.

Überhaupt davon zu sprechen oder gar zu hoffen, dass aus ihr eine demütige Ehefrau werden könnte, war die reinste Illusion! Valentina war im wahrsten Sinne des Wortes das schwarze Schaf der Familie. Ungezähmt, furchtlos und mit mehr Unsinn im Kopf gesegnet als sämtliche Bengel aus der Provence! Außerdem verjagte sie eine Gouvernante nach der anderen. Jeder war mit ihrer Wildheit überfordert.

Sie musste dieses aufquellende Problem eindringlich mit Ihrem Mann besprechen. Vielleicht ergab sich auch in den kommenden Tagen eine Möglichkeit Valentina in der Gesellschaft geschickt zu platzieren. Immerhin sollten noch weitere Adelsleute von hohem Rang auf das Gut der Du Braques einkehren.

Apropos, wo ist eigentlich dieses beschämende Balg?

Da sie den ganzen Nachmittag nichts von ihr mitbekommen hatte, konnte sie sich wenigsten auf ihre anderen beiden Töchter konzentrieren. Doch das Abendessen stand bevor und es wäre besser das Valentina nicht mit dabei war. Auch wenn es der Herzog vielleicht amüsant gefunden hätte.

Die Winzerin ging hinunter zu den Ställen. Dort wurde ihr mitgeteilt, dass das Gör in der Küche zu finden sei. Also schritt sie weiter und lugte in den großen gewölbten Raum, aus dem es herrlich duftete. Dampf stieg auf und das Gelächter, als auch der strenge barsche Ton der Küchenchefin, waren zu hören.

Sie fragte eine der Küchenmägde, ob sie ein lockiges Mädchen von elf Jahren gesehen hätte. Die Magd zeigte augenblicklich in den hinteren Bereich, wo die Vorräte lagerten. Auf einem riesigen Weizensack sah sie ihre Tochter sitzen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht und einer heißen Kartoffel in der Hand.

Ihr Kind schien keinen Ärger gemacht zu haben. Sie atmete auf. Neben ihr saß ein junger Mann mit kurzen braunen Haaren. Wohl ein Stalljunge, der Kleidung nach zuzuordnen. Er erzählte ihr wohl eine lustige Geschichte. Zu Valentinas rechten Seite stand noch ein anderer Mann mit schmutziger Kleidung. Etwas jünger als der Kurzhaarige und leger an der Wand lehnend, mit einem Bein auf dem Weizensack, auf dem Valentina saß. Er zündete sich eine Zigarillo an und er kam ihr irgendwie bekannt vor, doch sie konnte die blonden Haare noch nicht so recht zuordnen.

Sie atmete scharf durch die Nase ein und schritt unerschrocken auf das Trio zu. „Na da sieh einer an! Mademoiselle Valentina Francesca Russo, sitzt einmal friedlich auf ihren fünf Buchstaben und isst zu Abend.“

Madre!

Valentinas Grinsen sackte kurz zusammen, als sie ihre Mutter erblickte. Doch dann mampfte sie an ihrer heißen Kartoffel weiter und strahlte sie mit vollem Mund an. „Die Kartoffeln hier sind unglaublich lecker! Phillipe hat mir schon drei Stück gegeben! Aber Gabriel fordert ein Essenspfand für ein bisschen Salz und Butter!“ Mit zusammengezogenen Brauen schielte sie zu ihm hinüber, während sie energisch einen weiteren Bissen von ihrer Kartoffel nahm. Mit vollem Mund fügte sie hinzu: „Aber alle seine Rätsel sind so lustig!“

„Das ist ja ganz amüsant, mein Kind. Doch jetzt wird es Zeit für dich, dich zu waschen und sofort ins Bett zu gehen. Gott sei Dank hast du bereits gegessen und wirst keinen Appetit mehr für das Abendessen haben, dass in einer Stunde stattfinden wird.“

Gabriel und Phillipe tauschten kurz ein paar verwunderte Blicke aus. „Aber Madre ich…“

„Keine Widerworte, Mademoiselle! Du kommst augenblicklich mit mir mit! Ich kann es nicht zulassen, dass dich auch nur eines der Familienmitglieder der Du Braques in diesem heruntergekommen Aufzug sieht! Sie denken bestimmt, dass wir eine Wilde in unserer Familie aufgenommen hätten!“

Gabriels Augenbraue zog sich dabei ruckartig nach oben.

„Aber Madre, schau nur, es ist noch nicht einmal dunkel draußen. Viel zu früh, um ins Bett zu gehen!“

„Schluss jetzt, Valentina! Du kommst mit mir mit. Sofort!“ Ihre Mutter baute sich demonstrativ vor ihr auf, ohne auch nur die geringsten Zweifel an ihrer Autorität aufkommen zu lassen und packte sie am Oberarm. Valentina stopfte sich hastig die letzten Reste ihrer Kartoffel in den Mund und wurde vom Weizensack gezogen.

Der blonde Mann trat plötzlich vor, nahm einen kurzen Zug von seiner Zigarillo und drückte sie dann auf dem Boden aus. „Madame Russo, seien Sie versichert, dass Valentina keinerlei Unfug hier unten in der Küche angestellt hat“, meinte er gelassen. „Ich verbürge mich für Eure Tochter.“

Die Winzerin stoppte und drehte sich erbost um. Ihre Angespanntheit war nahezu mit den Händen in der Luft zu greifen. Sie blickte den jungen Mann intensiv an. Goldene Augen und Haare. Scharfe Gesichtszüge. Er war wie eine Mischung aus Herzog Du Braque und seiner blonden Frau.

Und schon fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, als sich ihre Gedanken vervollständigten! Dann weiteten sich ihre Pupillen und sie erkannte das markante Gesicht der Du Braques. Anders als seine Brüder, hatte der jüngste Sohn die Haarfarbe seiner Mutter geerbt und würde man ihn zwischen seine Schwestern stellen, wäre die Familienzugehörigkeit unverkennbar.

„Monsieur Du Braque… Ich-ich bin überrascht Euch hier zu sehen. Wie... wie kommt es das ich Sie in der Küche auffinde, aber nicht in der Gesellschaft Eurer Familie?“, japste sie umher und Gabriel lächelte kühl.

„Ich schätze die Freiheit, unter Menschen zu verweilen, die fern ab der Adelskette sind.“

Die Winzerin schluckte erhobenen Hauptes und blickte dann in die glänzenden Augen ihrer Tochter. Nervös strich sie sich ihren Rock glatt und meinte dann: „Ihr verbürgt Euch also für meine Tochter Valentina?“

Ein kurzes „Oui“ kam ihr entgegen.

„Dann erwarte ich als Mutter von vier Kindern, dass Sie meine Tochter vor dem Abendessen auf ihr Zimmer gebracht und ihr ein Zimmermädchen zur Seite gestellt haben. Das sie selbstverständlich wäscht und zu Bett bringt.“

„Seid unbesorgt, Madame Russo.“ Gabriel verneigte sich leicht spöttisch vor ihr und lächelte dabei charmant. Valentina und Phillipe beobachteten fasziniert diesen surrealen Austausch.

Die Winzerin ging und Gabriel stellte sich heldenhaft vor Valentina hin. „Na? Wie war ich, Mademoiselle Fou?“

Iff bim Beffeiffart!“, mampfte sie großäugig. Dann schluckte sie ihren letzten Bissen hinunter und strahlte übers ganze Gesicht. „Das war die Tracht-Prügel wert!“

Phillipe lachte schallend los als er das hörte und musste zurückdenken, wie Gabriel das zappelige Mädchen übers Knie legte und ihr ein paar kräftige Schläge auf den nackten Hintern gab.

Danach hatte er das weinende Ding wieder zurechtgerückt, ihr die Tränen weggewischt und ihr ruhig erklärt, warum er das getan hatte. Schniefend hatte sie ihm zugenickt und sich für die Sache mit der Stute entschuldigt. Das war keine halbe Stunde her.

Gabriel ließ ein freundliches Lächeln über die Lippen kommen. „Bist du satt?“ Der Lockenkopf nickte, während sie sich die einzelnen Finger ableckte. „Gut dann komm mit und du auch Phillipe. Wir haben nicht viel Zeit.“

Er zog das Mädchen am Arm mit sich und der dunkelhaarige Diener schlenderte ebenfalls hinterher.

Valentina fand sich im Garten des Anwesens wieder, inmitten der prächtigen Rosensträucher. Sie waren voll herrlicher Farben, intensiven Duftes und strotzten nur so vor Lebenskraft. Ihr schwirrte bei all der Naturschönheiten der ganze Kopf und sie entdeckte weiter hinten im Garten noch mehr Blumen. Astern, Mohn und Sonnenblumen, Lilien und Allerlei zusammengewürfelter Sträucher.

Gabriel setzte sich derweil auf eine der Bänke, schlug die Beine übereinander und lehnte sich zurück. „Binde mir einen Blumenstrauß für deine Schwester und einen für deine Mutter!“, rief er ihr zu, während sich Phillipe zu ihm gesellte.

„Was hast du mit der Kleinen vor?“, fragte dieser.

„Was wohl, sie soll die Arbeit erledigen, auf die ich keine Lust habe“, zuckte er mit den Schultern.

„Nein, ich frage dich, was du mit ihr vorhast, da du dich derart fürsorglich um sie kümmerst.“ Gabriel holte eine Zigarillo aus der Tasche. Nuschelnd zündete er sie an. „Nun übertreib mal nicht Phillipe...“

Er wusste selbst nicht, warum er das Mädchen unter seinen Schutzflügel nahm. Vielleicht war es ihre leichte und gedankenlose Art, wie sie mit ihm umging. So etwas hatte er noch nicht erlebt. Überhaupt mochte er die spießige Gesellschaft seiner Familie und des Adels nicht. Protokolle, Etiketten und nicht zuletzt diese ewigen Gespräche, wer wen heiraten soll, um eine besonders gute Partie zu erhaschen. Geld gegen Schönheit. Adelstitel gegen Besitztümer und andersherum. Ein grauenhaftes Spiel des Hochadels dessen er betrüblicherweise angehörte.

Bis jetzt konnte er sich noch um alles herumwinden. Doch er wusste das bis zum Ende dieser Ernte noch ein paar Familien mit heiratsfähigen Töchtern kommen würden und dass sie ihre Mädchen um ihn herum platzieren werden, um an seinen Titel heranzukommen. Ein Titel, den er als jüngster Sohn Du Braques sowieso als Letzter erhalten würde. Wenn überhaupt...

Die Macht und der Reichtum seines Vaters, wie auch der Einfluss seines Namens am Hofe des Königs, zog die gierigen Familien an, wie Motten ins Licht. Phillipe, der ihn erwartungsvoll anschaute und auf eine Antwort wartete, riss ihn aus seinen Gedanken heraus.

„Na ja, vielleicht hält sie mich genügend auf Trab, um der diesjährigen Hochzeitsauktion fernzubleiben…“ Es lachte neben ihm.

„Valentina scheint wohl das schwarze Schaf der Familie zu sein“, bemerkte Phillipe.

„Mhm, dann haben wir ja was gemeinsam, meinst du nicht?“, stimmt Gabriel ihm zu.

„Wenn ich es richtig verstanden habe, will ihre Mutter nicht, dass sie während der Ernte unter die Gesellschaft kommt.“ Gabriel zog an seiner Zigarillo. „Mhm...“

„Soll ich ein Auge auf sie werfen und Anäis bitten, sich um das Mädchen zu kümmern?“

Phillipes Vorschlag war eine gute Idee. „Ja, tu das“, nickte Gabriel, während er den Rauch aus seinen Lungen drückte. „Bon. Ich gebe ihr Bescheid sich um Valentina kümmern. Sonst wird dem kleinen Wildfang noch langweilig...“ Sie lachten gemeinsam.

Valentina huschte derweil den Garten hinauf und hinunter, bis sie zwei herrliche Sträuße mit Rosen, Gräsern und verschieden bunten Wiesenblumen zusammengestellt hatte. Sie schaute sich nach Gabriel um und winkte mit einem der Sträuße in seine Richtung.

„Da, siehst du? Zwei Blumensträuße, die wie aus Zauberhand vor Lebenslust nur so strotzen. Und das, ohne dass ich mir die Finger schmutzig machen musste.“

„Du Genie“, entgegnete ihm Phillipe sarkastisch. „Mach die Kleine aber nicht unglücklich, Gabriel.“ Dann riss er Gabriel die Zigarillo aus dem Mund und warf sie weg. „Und hör auf dieses furchtbar, neumodische Zeug zu rauchen.“

Gabriel stand amüsiert auf und lief Valentina entgegen. Mittlerweile neigte sich die Sonne dem Horizont entgegen und ein oranger violetter Streifen zog sich über den hellblauen Himmel.

***

Stolz wurden zwei bunte Blumensträuße durch die Tür geschoben. Getragen von einem dunklen Lockenkopf, der kaum sah, wo er hinlief.

„Valentina?“ Sie erkannte Phillipes entspannte Stimme und lugte über die Sträuße hervor. „Das ist Anäis. Sie wird sich ab jetzt um dich kümmern.“

Zwei Hellbraune Augen blickten sie leicht nervös an, wenn nicht sogar etwas aufgeregt. „Aber es ist doch noch gar nicht dunkel. Gabriel muss sich um mich kümmern.“ Trotzig schob Valentina dabei den Unterkiefer nach vorn und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Er hat es versprochen!“

„Geh mit Anäis, Valentina“, hörte sie Gabriel hinter sich sagen, während er durch die Tür kam und an ihr vorbeischritt. „Keine Wiederworte.“

So einfach wollte sie sich nicht abstempeln lassen. Ihr kleiner Kopf ratterte. Dann schaute sie auf die Sträuße, blickte nach Links und Rechts und entdeckte schließlich drei freilaufende Gänse, die neugierig ihre Köpfe in das Haus steckten. Ihre Augen blitzten auf und ein breites Grinsen überzog ihr Gesicht.

„Schau nur, Gabriel! Wie sehr die Gänse die Blumensträuße mögen!“

Er drehte sich zu ihr um. Einer dieser unangenehmen Stromstöße durchzuckte ihn von oben bis unten, als es sah, wie Valentina einen der Blumensträuße den Gänsen zum Fraß anbot. Mit schnellen Schritten ging er zu ihr. „Herrgott nochmal! Was machst du denn da?!“ Er griff grob um ihren Ellbogen.

„Du hast versprochen, bis zum Abendessen Zeit mit mir zu verbringen!“, rief sie ihm zornig entgegen. „Schiebe mich nicht ab! Oder du buddelst selbst im Garten herum!“ Als er einen Schritt weiter auf sie zuging, hielt sie den Gänsen auch den zweiten Strauß demonstrativ hin.

Dieses gewiefte kleine Mädchen! Gabriel ließ sie los und gab einen verärgerten Seufzer von sich.

Mit einem lauten Knall schwang die Tür zu Gabriels Zimmer auf. Hinter ihm kamen Phillipe, Anäis und Valentina herein. Das Zimmermädchen versuchte die Blumensträuße so gut es ging zu retten. Phillipe begleitete ihn zum Ankleidezimmer und half ihm sofort beim Umziehen. Die kleine Göre hüpfte derweil ausgelassen auf seinem Bett herum. Lachend sprang sie wieder herunter, sauste zu seinem Pult und kritzelte etwas auf das weiße Papier, um sich gleich darauf aus dem Bücherregal den wohl größten und schwersten Atlanten zu nehmen.

Es gab ein Gepolter und gleich darauf ein Kichern. Gabriels Rücken bog sich nach hinten, um aus dem Ankleidezimmer herauszuschauen. Er verdrehte die Augen, als er die Szene erhaschte und stieß ein genervtes Knurren aus.

Die Uhr schlug dreiviertel acht und Valentina begann den Atlas schneller durchzublättern. Beinahe zu wild, denn Gabriel hörte, wie sich die Blätter ratschend davon lösten. „Valentina...“, ermahnte er sie in ruhigem Ton. „Der Atlas ist ein geduldiges Objekt der Wissenschaft. Ich bitte dich, ihn mit genügend Respekt zu behandeln. Und ihm nicht seiner wertvollen Seiten zu berauben.“

Valentina blickte von dem großen Wälzer auf und vor ihr stand Gabriel mit streng zurückgekämmten Haaren, einem schwarzen Gehrock mit edler Stickerei in Nachtblau und aufgestelltem Kragen. Anäis schnappte hörbar nach Luft und lief rot an. Phillipe knöpfte derweil irgendetwas an Gabriels Kleidung zu oder auf. Valentina wusste es nicht genau.

„Aber ich muss doch alles durchgeschaut haben bevor du gehst!“, blinzelte sie. „Wie kommst du darauf?“, fragte er abwesend.

„Ich glaube nicht, dass ich nochmal die Chance bekommen werde, in deine Gemächer zu kommen. Außer jetzt.“ Das kleine Mädchen saß auf dem Boden, vor ihr der riesige Weltatlas und mit nervöser Ungeduld, alles darin wie einen Schwamm aufzusaugen.

Er ging vor ihr in die Hocke und lächelte sie freundlich an. „Hör zu Valentina.“ Sie blickte zu ihm auf. „Du kannst kommen, wann immer du möchtest, um dir den Atlas anzuschauen.“ Ihre Augen fingen an zu leuchten, während er sprach. „Doch ich erwarte, dass du Dich entweder in meiner oder Phillipes Begleitung befindest.“

Oui!“, strahlte sie ihn an. „Gut. Und jetzt geh mit Anäis, damit sie dich wäscht. Vielleicht entdecken wir ja doch noch ein richtiges Mädchen darunter“, zwinkerte er ihr keck zu.

Anäis reichte ihr die Hand und Valentina sprang ihr gut gelaunt entgegen. Im Türrahmen drehte sie sich nochmals zu ihm um und meinte: „Ich glaube, du bist ganz in Ordnung, Gabriel.“ Dann verschwand sie lachend mit dem Zimmermädchen in den Korridor hinaus.

Phillipe konnte sich ein grunzendes Gekicher nicht verkneifen und klopfte Gabriel auf die Schulter. Baff schaute dieser von der Tür zu Phillipe und wieder zurück. „Hast du das gehört? Ich bin scheinbar ganz in Ordnung.“

***

Das Abendessen der beiden Familien wurde in monotoner Etikette zu sich genommen. Gabriel verblüffte alle mit den Blumensträußen für Magdalena und Madame Russo. Allerdings nur um sein Fehlen am Nachmittag zu übertünchen. Der Abend ging, wie gewöhnlich zu Ende, indem die Herren sich in den Salon zurückzogen, um noch einen Cognac zu sich zu nehmen. Die Gespräche waren vorauszusehen. Daher zog sich Gabriel früh zurück.

Als er die Tür seines Zimmers hinter sich schloss, hatte er endlich das Gefühl wieder atmen zu können. Er zog sich Stück für Stück aus und schmiss seine Kleider achtlos zu Boden. Dann streifte er zu seinem Pult und ließ sich auf den Stuhl fallen.

Mit dem Kopf im Nacken starrte er an die Decke und schweifte ruhelos umher. Die Enge seiner Familie, die seinen Hals zuschnürte, wurde mit jedem Tag schlimmer. Doch Marseille war weniger schlimm als Versailles. Und Gabriels letzter Fluchtversuch war an seinem ältesten Bruder gescheitert. Danach bekam er tatsächlich Hausarrest. Er seufzte angestrengt, dabei fiel sein Blick auf Valentinas Gekritzel.

Sie hatte ein krakeliges Pferd und einen Apfel gemalt. Ein paar Blumen erkannte er auch, oder waren es Kartoffeln? Jedenfalls schien sie den Tag genossen zu haben.

Er grinste zufrieden.


Übersetzung:

Alors = Also/Nun ja

Sì Certamente, Signore Gabriel! = Jawohl, Herr Gabriel!

petite Mademoiselle = Kleines Fräulein

folle Demoiselle! = Verrücktes Fräulein!

Madre = Mutter

Iff bim Beffeiffart! = Ich bin begeistert!