1. Elaine
Verträumt und ohne einen festen Punkt zu fixieren, schaue ich aus dem Fenster. Sanft werde ich von dem Schunkeln des Busses mitgerissen und meine Gedanken driften ungebremst davon, bis meine Augenlider flattern und es um mich herum dunkel wird.
Meine Mundwinkel zucken. Ohne es steuern zu können, grinse ich dreckig vor mich hin. Noch immer bin ich auf der Tanzfläche, Tessas Hände liegen auf meinen Hüften und ich lasse mich vom Beat mitreißen, während der Mischinhalt des Caipirinhas sein Übriges tut.
Der Bus fährt durch das nächste Schlagloch, schüttelt mich kräftig durch und stört mich beim Dösen. Mein Lächeln verschwindet. Dafür verziehe ich das Gesicht, weil ich gegen das grelle Neonlicht an der Decke blinzle, welches mir fürchterlich in den Augen brennt.
Ohne auf meinen stillen Protest zu reagieren, fährt der Bus um die nächste Kurve und ich werde in die andere Richtung gedrückt.
„Sanddornsiedlung“, ertönt die Stimme aus dem blechernen Lautsprecher. Das ist mein Stichwort. Ich drücke den roten Stopp-Knopf und quäle mich aus dem warmen Sitz hoch. Mit Beinen wie Wackelpudding torkle ich zur Tür, wobei ich mich immer wieder an den Griffen festhalten muss, um nicht gänzlich das Gleichgewicht zu verlieren. Der Bus wird langsamer, bis er ganz zum Stehen kommt. Die Türen öffnen sich und ich stolpere die hohen Stufen nach unten, bis ich auf dem Fußweg stehe. Sofort knallt mir die kalte Morgenluft entgegen. Das Bild vor meinen Augen verschwimmt und ich reibe mir, immer noch wankend, über das Gesicht. Die Glocken der alten Turmuhr schlagen die nächste Stunde an. Hinter mir schließen sich die Türen und während ich mich in Zeitlupe herumdrehe, folgt mein Blick dem wegfahrenden Bus, dessen Abgase mir in die Kehle kriechen. Ich unterdrücke den Hustenreiz, der in ein Gähnen übergeht. Beim sechsten Schlag verstummen die Glocken und ich schaue in die Gasse mit ihren reifbedeckten Pflastersteinen, die heute wie der beschwerliche Jakobsweg wirkt.
Wieder reibe ich mir über die schweren Augenlider und ziehe den dünnen Blouson etwas fester um meinen zitternden Oberkörper. Langsam fordern die letzten Stunden ihren Tribut, denn ich kann mich kaum mehr auf den Beinen halten. Sie werden immer schwerer und scheinen in Treibsand zu stecken. Ich schaffe es einfach nicht, mich in Bewegung zu setzen. Dabei will ich nur noch eins – in mein Bett und hoffen, dass das Pochen hinter meiner Schläfe aufhört und ich endlich aus dem immer schneller werdenden Karussell aussteigen kann.
Laut seufzend schließe ich die Augen. Wieder muss ich grinsen, denn meine Fingerspitzen kribbeln. Das Gefühl, dass ich liebe und mich neben Alkohol in einen rauschhaften Zustand versetzt, durchströmt meine Adern. Die Lösung, wie ich trotz des beginnenden Katers nach Hause komme, ist zum Greifen nah.
Ich schaue nach links, rechts, einmal hinter mich und in die Fensterreihen um mich herum. Ich kann keine neugierigen Blicke ausmachen, die mich beobachten, als sei ich ein seltenes Tier im Zoo. Langsam drehe ich meine rechte Handfläche nach oben. Mittel-, Ring- und kleinen Finger beuge ich leicht ein. Den Zeigefinger und den Daumen strecke ich nach vorn. Ohne zu zögern, weil ich es bereits tausendmal getan habe, drehe ich meine Hand dreimal aus dem Handgelenk heraus und denke dabei daran, so schnell wie der Wind zu laufen.
In mir explodiert ein kleines Feuerwerk. Kaum habe ich den Gedanken losgelassen, spüre ich, wie Wind aufkommt und mich sanft einhüllt, als würde er eine warme Decke um meine kalten Schultern legen. Ich hole tief Luft und genieße einen Moment länger dieses Gefühl der Macht, das sich wie flüssiges Gold durch meinen Körper schlängelt und mir ein wohlig warmes Gefühl im Magen schenkt.
Erneut schaue ich in die Gasse und setze den ersten Fuß nach vorn. Der gerufene Luftstrom schnürt sich fest wie Stiefel um meine Beine und schon laufe ich mit dreifacher Schrittgeschwindigkeit durch die Straßen. Die kalte Luft peitscht mir ins Gesicht, wodurch meine Augen anfangen zu tränen. Trotzdem koste ich diesen Moment der absoluten Freiheit in vollen Zügen aus. In Sekundenschnelle ziehen die gleich aussehenden Häuserreihen an mir vorbei und dann stehe ich vor dem mit Efeu behangenen Haus – mein Zuhause.
Ich ziehe mir ein Blatt aus den wild durchwirbelten Haaren und blicke zum Haus. Alle Fenster sind dunkel. Niemand ist wach und das ist auch gut so. Immerhin habe ich schon wieder gegen die wichtigste Regel verstoßen, die meine Familie aufgestellt hat – keine Magie. Und im Moment habe ich auf eine weitere Diskussion zu diesem Thema, in diesem Zustand und zu dieser Uhrzeit, keine Lust.
Beschwingt laufe ich zum Gartentor, denn ich kann meine flauschige Decke schon nach mir rufen hören. Abrupt und mit fragendem Blick bleibe ich stehen, denn das Tor ist offen, was es eigentlich nicht sein sollte. Habe ich es gestern nicht richtig geschlossen? Wieder umspielt mein Gesicht ein sanftes Lächeln. Oder ist die gute Seele dieses Hauses – Marie – Brötchen holen? In meiner Brust wird es warm. Das würde wieder zu ihr passen. Ich verbringe die ganze Nacht auf einer Party und sie deckt den Tisch, damit ich nicht hungrig ins Bett gehen muss, weil ich den halben Tag verschlafe.
Kurz sehe ich zu dem Feldweg, der sich gleich hinter dem Zaun unseres Hauses befindet. Die Vorfreude auf den gemeinsamen Nachmittag mit Marie, bei dem ich stundenlang jogge und sie auf ihrem Fahrrad neben mir herfährt, fühlt sich fast noch besser an als die Magie in mir.
Ich gehe weiter in Richtung Terrasse. Leichter Wind kommt auf und die sanften Klänge des Esoterikwindspiels, die mich in stürmischen Nächten nicht schlafen lassen, hallen in den sonst stillen Morgen hinein.
Ich setze den Fuß auf die Stufe, die nicht wie sonst unter meinem Gewicht knarzt, und blicke auf eine offenstehende Haustür. Wieder bleibe ich stehen. Gleichzeitig mischt sich der immer noch vorhandene Schwindel mit einem unguten Gefühl, das mir den Rücken hinaufkriecht und mich an den Schultern packt. Marie wird doch nicht vergessen haben, die Haustür zuzuziehen? Und ich bin mir sicher, dass sie gestern hinter mir ins Schloss gefallen ist. Ansonsten hätten sie meine Eltern, mit ihrem Drang zur Sorgfalt, definitiv bei ihrem Kontrollrundgang vor dem Schlafengehen zugemacht.
Mein Herz schlägt unruhig in meiner Brust, als ob ich den Griff am Spielzeugwürfel drehen und darauf warten würde, dass der angsteinflößende Clown herausspringt und mich zu Tode erschreckt. Bisher konnte ich mich immer auf mein Bauchgefühl verlassen. Und das befindet sich gerade in höchster Alarmbereitschaft.
Hastig laufe ich die weiteren Stufen hinauf. Mit jedem weiteren Schritt krampft sich mein Magen immer mehr zusammen und die Haare in meinem Nacken richten sich auf. Egal, was gleich kommt, bereit fühle ich mich nicht.
Oder übertreiben meine Gedanken? Müde, unter Alkohol und alle je gesehenen Horrorfilme von Netflix im Kopf. Was für ein geiles Gemisch für ausgiebige Gruselgeschichten. Was für eine schlechte Ausgangssituation für eine sonst nicht offenstehende Haustür. Mit dem mulmigen Gefühl drücke ich meine Hand gegen das Holz und atme tief durch.
„Wie konnte das passieren!“ Sofort bleibe ich wie angewurzelt stehen. Meine Mutter klingt verängstigt.
„Wir haben so gut aufgepasst und nichts getan, was ihre Aufmerksamkeit auf uns ziehen sollte.“
Wessen Aufmerksamkeit? Was redet sie da?
„Ich weiß es nicht.“ Jetzt mischt sich mein Vater mit leicht zitternder Stimme ein.
„Sie ist verloren! Niemand kommt aus ihrer Gefangenschaft zurück. Sie wird eine seelenlose Kreatur werden, die nur auf das hört, was ihr gesagt wird. Über all die anderen Dinge, die von ihr verlangt werden, will ich gar nicht nachdenken.“
Mein Auge zuckt. Was ist hier los?
„Du musst dich beruhigen, Liebling.“ Die Stimme meines Vaters bebt. „Jetzt müssen wir uns erst einmal überlegen, was wir Elaine sagen.“
Mein Körper setzt sich unwillkürlich in Bewegung. Er gibt dem Kribbeln unter meiner Haut nach und will endlich von der Unwissenheit, die wie ein Damoklesschwert über mir schwebt, befreit werden. Ohne weiter darüber nachzudenken, stürme ich durch die Tür, die durch meine hastige Bewegung gegen die Wand knallt. Unweigerlich zucke ich zusammen. „Was müsst ihr mir sagen?“ Dann blicke ich in die kreidebleichen Gesichter meiner Eltern, die mich mit weit aufgerissenen Augen ansehen. Doch anstatt mit mir zu reden, fängt meine Mutter bitterlich an zu weinen, und vergräbt ihr Gesicht in ihrem stark ausgeleierten Pullover.
„Was müsst ihr mir erklären?“, wiederhole ich meine Frage deutlich lauter. Langsam setzt sich bei mir der Gedanke fest, dass es in diesem Gespräch um Marie geht, und mein Magen rebelliert erneut. Ich gehe auf die beiden zu und bleibe kurz vor meinem Vater stehen. Unbedacht schaue ich auf den Esstisch zu meiner Linken und bemerke eine Karte, die darauf liegt. Ein silberner Kreis ist darauf abgebildet, durch dessen Mitte ein Schwert verläuft, eingebettet auf einem schwarzen Dreieckschild, wie die Ritter im Mittelalter zum Schutz in einem Kampf getragen haben.
Was bitteschön geht hier nur vor sich? Spielen wir jetzt das dunkle Zeitalter nach?
Ich versuche, meinem Vater in die Sorgen verhangenen Augen zu schauen. Doch er hält meinem durchdringenden Blick nicht länger stand und dreht seinen Kopf zur Karte. „Marie ist weg.“ Das sind die einzigen Wörter, die er herausbringt und die nur langsam an meinen Synapsen ankommen. Ich merke kaum, wie sich meine Hände zu Fäusten ballen und zu zittern beginnen. Gleichzeitig kriecht die kalte Morgenluft unter meine Jacke. Sie umschmeichelt meine Haut, durchströmt meine Adern und ich erstarre innerlich zu Eis.