Die Tochter des Winzers Teil 2 - Québec

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Summary

Das Leben der Winzertochter Valentina wurde erheblich aus den Fugen geworfen, wenn es denn jemals eine Ordnung darin gab. Nun beginnt in Québec ein neues Lebenskapitel für die junge Frau. Jedoch ohne den Mann, bei dem ihr Herz höher schlägt. Wird sie ihn je vergessen können oder wird sie sich voll und ganz ihrem neuen Leben mit ihrem Ehemann und den Pflichten als Comtesse hingeben?

Status
Complete
Chapters
39
Rating
5.0 3 reviews
Age Rating
18+

Charlène 1/2

Québec, Oktober 1678

Valentina stand an einer windigen Klippe und ihr offenes Haar flatterte wild um ihr Gesicht. Vor sich bestaunte sie den goldenen Herbstrausch, der sich über die prächtigen Wälder vor ihr ausbreitete. Diese natürliche Metamorphose raubte ihr den Atem. So etwas wundervolles hatte sie in ihrem Leben noch nie gesehen.

„Umwerfend...“, hauchte sie vor lauter Staunen und fröstelte zugleich.

Aber ihr war seit ihrer Abreise aus Frankreich stets kalt. Und die Wärme des Sommers war nur noch eine wage Erinnerung. Ein flüchtiger Traum, von dem sie kaum mehr wusste, wie lange er her war und der sich jeden Morgen mehr und mehr in Luft auflöste.

Unter ihr rauschte ein mächtiger Fluss und das Tosen der Wassermassen dröhnte in ihren Ohren. Seit Wochen stahl sie sich in jeder freien Minute davon, um sich in den Naturschönheiten zu laben und zu wälzen. An ihrem freien Tag wachte sie pünktlich wie ein Uhrwerk vor Sonnenaufgang auf, zog sich hastig an und sattelte ihr Pferd. Genau wie heute.

Bastien hatte ihren inoffiziellen Ehevertrag nicht vergessen und schien damit recht zufrieden zu sein. Zwischen ihnen entstand seit der Seereise eine höfliche Übereinkunft. Er öffnete sich ihr gegenüber Stück für Stück, gab allerdings nie zu viel Preis. Dennoch gab es hier und da Momente, in dem sie seinen charmanten und sarkastischen Humor erleben durfte.

Sie mochte ihn. Mehr aber auch nicht. Und das schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen.

Als sie vor drei Monaten das riesige Anwesen zum ersten Mal betrat, wusste Valentina kaum, wo sie anfangen sollte. Die Dienerschaft war freundlich, wenn auch zurückhaltend. Einzig Manon sprach und plapperte mit ihr. Sowohl über Wissenswertes als auch Sinnloses. Eines Tages erzählte sie ihr, wie die Dienerschaft von Bastiens vorheriger Frau sprachen. Valentina musste erst einmal nachfragen von welcher, da er mehrere Male verheiratet oder zumindest verlobt war. Sie war immerhin die vierte oder fünfte Frau an seiner Seite!

Doch bei den schwelgerischen Unterhaltungen handelte es sich stets um Isabelle De La Varga, Bastiens erste Ehefrau, die von der Dienerschaft noch immer als hochgeschätzte Comtesse angesehen wurde. Bei den Erwähnungen hatte sich ein winziger, eifersüchtiger Schmerz in Valentinas Magengegend eingenistet.

Sie seufzte bei diesem sinnlosen Gedanken, blickte nochmals die Klippen hinunter und wendete dann ihr Pferd um. Heute Abend würden ihr Ehemann und sie an einem gesellschaftlichen Essen teilnehmen. An sich hatten sie eine vertragliche Abmachung, was ihren freien Tag anging und Valentina war nicht sonderlich davon begeistert, ausgerechnet heute Abend wieder in ein Korsett gepresst zu werden.

Doch sie tat es um ihrer Ehe Willen. Seit sie hier waren flatterten die Einladungen nur so herein und die Neugier auf sie, die neue Comtesse De La Varga, besonders groß.

Ein unangenehmer Verdacht pirschte sich an den bevorstehende Abend an Valentina heran. Das Wissen um Isabelles Schatten im Hause De La Varga, war eine Sache, aber würden auch alle anderen in demselben liebevollen und bewunderndem Ton von jener Frau sprechen? Trotz Valentinas Anwesenheit?

Sie schüttelte den dummen Gedanken aus ihrem Kopf.

Vor dem Adel eine Szene zu machen wäre töricht. Die zarte Bande zwischen Bastien und ihr wollte sie nicht aus einer Laune heraus und überheblichem Getue, zerstören! Also ritt sie zurück zum Anwesen, um sich mit Hilfe von Manon herzurichten.

***

Am Arm ihres Mannes wandelte Valentina durch den kleinen Ballsaal. Sie beide waren bei einem bekannten Marquis zu Gast, nur um ein weiteres Mal die Neugier des hiesigen Adels zu besänftigen. Die ehrenwerten Herrschaften hatten hier wohl genauso wenig zu tun wie in Frankreich.

Denn an jedem Grüppchen, an dem sie innehielten, schwelgte man bereits vom nächsten Dîner oder dem kommenden Soirée Dansante.

Selbst hier in Québec schien der Adel an Opulenz und Dekadenz nicht zu sparen. Innerlich verdrehte sie die Augen und nahm einen großzügigen Schluck aus ihrem Weinglas, bevor sie etwas zum Gespräch hinzufügen könnte. Ihr Blick schweifte umher und sie begrüßte höflich jeden Bekannten, wie Fremden den Bastien ihr vorstellte.

Von Isabelle De La Varga war kaum, bis gar nicht die Rede.

„Madame, Ihr seid so still. So kenne ich Euch nicht“, hörte sie ihren Ehemann leise sagen.

Alors, wären wir auf einem kleinen Dorffest in Südfrankreich, würdest du garantiert eine ganz andere Seite von mir kennenlernen“, schnaubte sie leicht verdrießlich und vernahm ein amüsiertes Lachen.

„Das glaube ich Euch sogar aufs Wort.“ Bastien war an diesem Abend recht beschwingt für seine Verhältnisse. Sie wunderte sich, woher die gute Laune kam und überlegte gerade noch angestrengt, da nahm er ihre Hand von seinem Arm und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf den Handrücken. Völlig überrascht starrte sie ihn mit weit geöffneten Augen an.

„Wie außergewöhnlich, dass Euch eine derart simple Geste die Sprache verschlägt, Comtesse“, meinte er tonlos, doch seine Augen funkelten amüsiert.

Was zum Teufel ist denn heute Abend mit Bastien los?

Valentinas leichter Schock drehte sich förmlich in ihrem Magen herum. Sachte ließ er ihre Hand los und meinte: „Geht zu den anderen Damen und freundet Euch etwas an. Ein wenig Bekanntheit tut Euch gut, Comtesse. Ich werde mich derweil mit den Herren bis zum Abendessen in den kleinen Salon zurückziehen.“ Er verneigte sich dezent und drehte sich auf dem Absatz um.

Valentina blieb der Mund offenstehen und etliche Sekunden später machte sie ihn erst irritiert wieder zu. Kopfschüttelnd nahm sie sich vom nächsten Tablett eines vorbeirauschenden Dieners, ein Weinglas und leerte es in einem Zug.

Ihr Anblick ist einfach zu köstlich!

Bastien schaute Valentina noch einmal kurz über die Schultern hinweg an, bevor sich die Tür hinter ihm schloss. Sie sah heute allerliebst aus, in diesem Pistazien grünen Kleid, mit den verspielten Abschlüssen und den aufgestickten Rosafarbenen Blüten. Allerliebst... aber bei weitem nicht ansprechend, geschweige denn passend, für ihre üppige Figur, den dunklen Haaren und der wilden, beinahe rebellischen Grazie, die sie ausstrahlte!

Seine junge Ehefrau war alles andere als ein Püppchen oder gar ein zartes Mädchen!

Und ihm war nicht entgangen das sie an diesem Abend derbe Stiefel unter ihrem Kleid trug. Er sollte ihr am besten gleich morgen nahelegen, dieses wenig schmeichelnde Kleid für sie, zu verbrennen.

Sie ist in allem so anders als du, Isabelle... kam es ihm in den Kopf und es war ihm nicht unangenehm. Seine letzte Verlobte war wesentlich zarter und hatte äußerlich Ähnlichkeiten mit Isabelle. Es war unerträglich. Glücklicherweise hatte er den Verlobungsvertrag rechtzeitig gelöst. Nach allem, was er hörte, heiratete die junge Dame danach recht zügig einen jungen Baron.

Es war überaus interessant wie unterschiedlich Frauen sein konnten. Auch wenn sie fast dasselbe Alter hatten. Seine vergangene Verlobte war Anfang zwanzig gewesen und wuchs behütet auf. Sie genoss sämtliche Annehmlichkeiten und war kaum selbstständig. Valentina dagegen schwang sich auf nicht gesattelte Pferde, übte in ihrer Freizeit mit Pistolen und Musketen zu schießen, mistete im Stall umher und aß vorzugsweise in der Küche aus dem Topf. Außerdem schrieb sie einen Teufel an Briefen nach Frankreich!

An sich war sein Handkuss von eben nur ein Dankeschön dafür, dass sie sich dennoch in den richtigen Momenten wie eine Comtesse verhielt. Genau wie heute Abend.

Die Ehe mit Valentina war überraschend einfach zu handhaben und sie kitzelte seine verschollen geglaubten Charakterzüge hervor: leichter Humor, und diesen nervös, neugierigen Drang sie zu necken.

Am Anfang war sie mit den vielen Aufgaben auf seinem großen Anwesen leicht überfordert. Doch in nur zwei Woche hatte sie alles im Griff. Sie beschwerte sich nicht, forderte keine unsinnige oder gar weltliche Dinge ein und allem voran, erwartete sie scheinbar nichts von ihm. An sich machte er sich wenig Sorgen um sie. Valentina hatte sich geschickt und schnell mit der Dienerschaft bekannt gemacht, auch wenn es sich dabei mehr um die Küchenmägde, Stallburschen und Gärtner handelte. Die Kammerzofen und Dienstmädchen die Isabelle unterstanden waren, hielt sie auf Abstand.

Sie stahl sich in jeder freien Minute mit dem Pferd davon und an jenen Freitagen bekam er sie gar nicht erst zu Gesicht! Am Anfang hatte Bastien ein mulmiges Gefühl, sie allein durch die Stadt oder gar die unbekannte Wildnis streifen zu lassen und er beauftragte einen seiner Waldläufer, sie unauffällig zu beschatten. Doch die Berichte waren wenig besorgniserregend. Für ihre achtzehn Jahre war Valentina überraschend erwachsen, selbstständig und allem voran unerschrocken.

Bis auf gerade eben.

Bastien schmunzelte innerlich, als er an ihren verdatterten Gesichtsausdruck dachte. Dann gesellte er sich vollends zu den Herren in den Salon.

***

„...Und ich sage Ihnen, Mesdames, Juliette ist ein wahres Naturtalent am Pianoforte!“

Valentina schlürfte dezent gelangweilt an ihrem Weinglas, um dem überschwänglichen Lob der Baronesse für ihre dreijährige Tochter, zu entkommen.

Ah Oui! Ihr solltet Euren Ehemann bitten, ihr weitere Unterrichtsstunden zu erlauben. Bestimmt hat sie noch ein wenig freie Zeit“, stimmte eine der Damen mit ein. „Eine vortreffliche Idee!“, jauchzte die Baronesse.

„Wie steht es eigentlich um Eure erneute Schwangerschaft, Baronesse?“, fragte eine der Frauen.

Die aufwendig frisierten Damenköpfe zuckten allesamt zurück zu dem gemütlichen Sessel. Dort saß eine schlanke junge Frau, mit den Füßen auf einem kleinen Hocker gelegt und mit dutzender weicher Kissen in den Rücken gestopft.

„Oh, Sie machen sich keine Vorstellungen was meinem Körper wieder einmal angetan wird!“, jammerte sie übertrieben. „Mein Ehemann mag zwar ein recht passabler Liebhaber sein...“, kicherte sie errötend dazwischen, „doch die Tortur einer weiteren Schwangerschaft, ist es meiner Meinung nach, nicht wert!“, lachte sie nun hinter ihrem Fächer und die Gruppe stieg gackernd mit ein.

Valentina seufzte nur und leerte in einem Zug ihr halbvolles Glas. Lautstark ließ sie es auf den Tisch nieder und war dabei zu gehen.

„Comtesse De La Varga!“

Abrupt blieb sie stehen und drehte sich mit einem gezwungenem Lächeln zurück. „Ich weiß, Sie sind recht neu und... jung. Aber lassen Sie uns doch... an Ihren aktuellen Gedanken teilhaben.“ Mit gespitzten Lippen und leicht überheblichen Blick wurde sie von der - anscheinend - schwangeren Baronesse fixiert.

Bisher hatten sie Valentina großzügig, aber elegant ignoriert. Immerhin war sie neu und hatte sich noch keinen Platz in deren Reigen verdient. Wobei sie scharf überlegen musste, ob sie das überhaupt wollte. Die Damen sprachen ausschließlich von Kleidern, Schmuck, Kindererziehung, ihren leidigen Ehemännern, den umstrittenen Liebhabern, Stickarbeiten und den unglaublich musikalischen Talenten in den eigenen Familien. Justine De Barbarac wäre hier perfekt aufgehoben...

Sie ließ ihren Blick über die Gruppe streifen und sah nur Törtchen.

Törtchen mit rosa, hellblauen und zartgelben Rüschen. Verziert mit edler Spitze und glänzendem Schmuck. Sie selbst konnte sich mit ihrer heutigen Garderobe, fantastisch dazu einreihen. Doch am liebsten hätte sie sich dieses verdammte Kleid vom Leib gerissen. Nicht zuletzt, da es absolut nicht ihre Farbe war! Das einzig bequeme, waren ihre Stiefel, die sie unter dem langen Rock versteckte. Erwartungsvoll wurde sie nach wie vor von hochgezogenen unechten Augenbrauen angestarrt.

„Leider kann ich Ihrem Gesprächsthema nur mit halbem Wissen folgen, da mir die Ehre einer Schwangerschaft noch nicht vergönnt wurde“, antwortete sie nun um des Friedens willen.

Oh, mon Dieu, meine liebe Comtesse De La Varga, ich vergaß! Ihr seid ja erst kürzlich mit dem Comte verheiratet“, säuselte die Baronesse übertrieben auf. „Gewiss hattet Ihr noch keine Gelegenheit Euren ehelichen Pflichten nachzukommen...“ Ein herausfordernder Funke blitzte in den Augen der Baronesse auf. „Wenn dies denn überhaupt möglich ist, bei all den körperlichen Hindernissen.“

Ein Kichern versteckte sich hinter dem Fächer, der plötzlich geöffnet wurde. Unverblümt wurde sie herablassend und beinahe angeekelt belächelt. Bastien mag zwar kein hübscher Anblick sein, doch sie hatte sich für das Leben an seiner Seite entschieden und war nun seine Ehefrau. Was war das nur für eine Dreistigkeit, mit der über ihn in ihrer Gegenwart, gelästert wurde? Erwarteten diese Damen etwa, dass sie als seine Gattin dabei mitmachte?

Schnell sammelte sie sich wieder, verzog die Augenbrauen und verschränkte die Arme vor der Brust. Na warte, so lasse ich mich und Bastien bestimmt nicht abstempeln!

Sie neigte den Kopf leicht zur Seite und schlug zurück. „Alors... entgegen Ihrer Erwartungen oder sollte ich besser, Befürchtungen sagen?“ Spöttisch hob sich ihre Augenbraue an. „Bedienen sich mein Mann und ich uns dennoch an jeder freien Minute. Und ich darf behaupten das diese Gelegenheiten wesentlich öfters auftauchen, als dass Ihr Eurer dreijährigen Tochter die Möglichkeit gebt, einfach nur Kind zu sein.“

Nun wurden sämtliche Augen übergroß und eine der Damen schnappte entrüstet nach Luft.

„Wie bitte?!“, kreischte die Baronesse schockiert. Plötzlich entsprang eine schrille Kakophonie an verärgerten und empörten weiblichen Stimmen. Valentina schnalzte laut mit der Zunge und holte sich die Aufmerksamkeit der Damen zurück, um der Baronesse einen weiteren Schlag zu versetzen.

„Abgesehen davon… genießen mein Ehemann und ich die frisch vermählte Zweisamkeit und ich kann Ihnen versichern, dass er seine ehelichen Pflichten überaus passabel vertritt!“ Im Grunde dachte Valentina dabei an Gabriel und seinen unwiderstehlichen Charme, doch das musste ja keine von Ihnen wissen. Der hochrote Gesichtsausdruck ihrer Widersacherin, war es allemal wert.

Mit hochgerecktem Kinn und geradem Rücken, trat sie forsch durch die Mitte der Frauengruppe hindurch in Richtung Terrasse.

Mon Dieu, was für ein Gehabe! Nun hatte sie eine Abkühlung dringend nötig.

***

Valentina fror bitterlich unter ihrer dünnen Seidenstola. Doch besser fror sie, als sich weiter mit diesen gehässigen Weibern auseinander zu setzen!

Ohne darauf zu achten, wer sie hören konnte, fluchte sie laut auf Italienisch los. Dieses Adelsgesindel war so starr und eingebildet! Dabei war sie mittlerweile selbst ein Teil davon. Aus einer dunklen Ecke wurde ihr kichernd zugestimmt. Valentina wirbelte herum. „Wer ist da?!“, rief sie erschrocken auf.

„Tz, tz, tz... Comtesse De La Varga, ich bin begeistert welche Kraftausdrücke Ihr für die Damen Rochefour, Delieure und Brouche habt.“

Eine schwarzhaarige Frau kam aus dem Schatten getreten und hielt eine Zigarillo in der Hand. Die Glut am Ende erhellte sich kurzfristig als sie daran zog und ein amüsiertes Lächeln umspielte dabei ihre Lippen. Valentina kannte die Frau nicht, aber sie hatte sie verstanden, als sie sich gerade derart über besagte Damen aufregte. „Ihr sprecht italienisch?“, fragte sie die Frau.

. Ich komme ursprünglich aus Rom.“

Meraviglioso!“, nickte ihr Valentina zu und sprach in ihrer Muttersprache weiter. „Dann können wir ja gemeinsam über die Damen fluchen und lästern. Es sei denn ich verletze dabei weiterhin die Gefühle Eurer... Freundinnen.“ Die Frau lachte sofort laut auf und musste sich theatralisch den Bauch halten. Valentina überlegte sich prompt in diesem Moment, wieder ins Warme zu gehen. Die Frau kriegt sich ja gar nicht mehr ein! Gerade wollte sie einen Schritt gehen, da wurde sie von ihr gackernd aufgehalten.

Scusa, Contessa De La Varga! Doch ich habe schon lange kein so verlockendes Angebot mehr erhalten.“ Die Schwarzhaarige Frau zwinkerte ihr zu und drückte die Zigarillo aus. Der Duft, der ihr dabei in die Nase stieg, war derselbe wie bei Gabriel. Unwillkürlich fühlte sie sich zu ihr hingezogen und eine gewisse Geborgenheit breitete sich in Valentina aus. Gleichzeitig hätte sie am liebsten losgeheult und sich der fremden Frau schluchzend um den Hals geworfen.

Törichtes Herz, schallte sie sich selbst und schluckte den schmerzenden Kloß hinunter.

Contessa Charlène Lucia Dubois. Geborene Santoro“, verkündete die schwarzhaarige Frau und hielt ihr die Hand hin. „Erfreut Euch kennen zu lernen.“ Beide Frauen schauten sich lange an. Charlène lächelnd. Valentina argwöhnisch.

Eine weitere Comtesse...

Sie standen also auf derselben Stufe und Valentina könnte sie sich entweder zu Freundin oder zur Feindin machen. Der Name De La Varga hatte immerhin auch hier in Québec, ein respektables Gewicht. Doch sie wollte tatsächlich nicht allein im Piranha Becken der Baronesse schwimmen. Vielleicht überlebte sie ja den Abend an der Seite der Comtesse Dubois. Valentina ergriff ihre Hand. „Comtesse Valentina Francesca De La Varga. Geborene Russo.“ Ein erfreutes Funkeln glänzte in den grünen Augen der anderen Comtesse auf und auch Valentina entspannte ihre verkrampften Schultern.

Eine helle Glocke erklang und gleichzeitig drehten sie sich zur Tür. „Das Abendessen steht bereit!“, verkündeten sie unisono. Überrascht schauten die beiden Frauen einander an und fielen anschließend in ein heiteres Gelächter, bevor sie gemeinsam zum Abendessen liefen.

Die Gesellschaft war an diesem kühlen Abend wesentlich angenehmer, denn Valentina hatte in Charlène eine angenehme und heitere Freundin gefunden. Nicht nur dass sie so dreist war und ihr Namenskärtchen einfach neben Valentinas stellte, sondern dass sie mit spitzer Zunge, über den Esstisch hinweg die Baronesse stichelte.

Sämtlicher Appetit war der schwangeren Frau währenddessen vergangen und Valentina wusste in diesem Moment, dass sie sich richtig dazu entschieden hatte, Charlène zur Freundin zu machen. Sie war fröhlich, amüsant, clever und allem voran nahezu skandalös angriffslustig. Offensichtlich liebte Charlène den Streit. Je sinnloser, umso erfreulicher für sie. Denn hier entfaltete sie all ihren Charme, dem kaum einer der Herren entkommen konnte. Außer Bastien. Er war nämlich derjenige der sich dem amüsant, sarkastischen Schlagabtausch mit der Comtesse Dubois widmete.

Verstohlen beobachtete Valentina ihn wenig später, als er sich intensiv mit dem Marquis unterhielt. Kurzweilig trafen sich ihre Blicke und er nickte ihr belanglos zu.

Was hätte sie nur dafür gegeben, wenn er ihr genauso charmant und kess zugezwinkert hätte, wie Gabriel es einst tat. Allein der Gedanke ließ sie erröten. Seufzend schaute sie noch immer zu ihm rüber und wurde plötzlich am Ellbogen angestoßen.

„Bist du etwa in deinen Ehemann verliebt?“, fragte Charlène spitzbübisch. „Non“, lachte Valentina, „aber ich mag ihn“, gab sie wahrheitsgemäß zu. „Oh la la!“, trällerte Charlène, „dann pass auf den Herz auf. Möglicherweise hat dich bereits Amors Pfeil im Visier.“

Fast hätte sich Valentina an ihrem Wein verschluckt. „Mon Dieu, Charlène, rede keinen Unsinn! Bevor das passiert, gefriert die Hölle zu und der wahre Herr der Unterwelt-“ sie zeigte dabei frech mit dem Finger auf Bastien „-besteigt seinen Thron...“

Ihre Sitznachbarin brach in schallendes Gelächter aus und ein älterer Mann zuckte derart erschrocken am Tisch zusammen das ihm der Löffel aus der Hand fiel. Mit einem Platsch verteilte sich die Suppe über sein helles Gewand und Teile seines Bartes. Diener sprangen herbei und kümmerten sich sofort um den kleinen Zwischenfall, während der Mann entrüstet zu ihnen beiden hinüber schielte und vor sich her schimpfte.

„Du bist unmöglich, Comtesse“, schmunzelte Valentina und verkniff sich ein Lachen. „Unmöglich wäre es, wenn du vor aller Augen, eine verliebte Ehefrau mimen würdest...“

Valentina zuckte mit dem Kopf zu Charlène und erhaschte ihren herausfordernden Blick, bevor diese zügig und in gespielter Gleichgültigkeit, ihr Weinglas leerte. „Fordere es nicht heraus“, warnte sie ihre neue Freundin. „Ich bin kein zartbesaitetes Fräulein, dessen Jungfräulichkeit befleckt werden könnte, nur weil es sich in der Nähe ihres vom Schicksal gebissenen Ehemannes befindet.“

„Hört, hört!“, verkündete Charlène belustigt. „Die Nähe des kalten Comte zu ertragen, ist eine Sache“, merkte sie an, „aber den anwesenden Herrschaften Eure Zuneigung zu demonstrieren, eine andere. Meint Ihr nicht auch, Comtesse De La Varga?“ Nun schauten sich die beiden Frauen herausfordernd in die Augen und Valentina hatte das Gefühl, dass sich Charlène in Gedanken bereits triumphierend um sich selbst wirbelte.

Sie zuckte mit dem Mundwinkel und sagte: „Was erwartet mich, sobald ich meine unerschütterliche Liebe, der am Tisch sitzenden Welt, zur Schau gestellt habe?“ Es leuchtete erheitert in Charlènes Augen auf. „Meine unendliche Freundschaft, Bewunderung und Treue, liebe Comtesse...“

***

Teufel noch mal, Kind, was tust du da?

Wie ein zarter Lufthauch fühlte Bastien, wie sich Valentinas Hände auf seine Schultern legten. Er war derart in sein Gespräch mit dem Marquis vertieft, dass er gar nicht registriert hatte, wie sie von ihrem Platz aufgestanden und zu ihm herübergekommen war.

„Verzeiht, Marquis, doch schenkt mir einen flüchtigen Moment mit meinem geschätzten Gatten“, hörte er sie nahe bei sich sagen.

„Oh, selbstverständlich, Comtesse De La Varga“, der Marquis neben ihm lachte auf und schlug ihm ungehemmt, freundschaftlich auf die Schulter. „Er gehört ganz Euch, meine Liebe!“ Bastien räusperte sich und drehte sich leicht erbost zu ihr um. Dabei streiften ihre kühlen Fingerspitzen seine vernarbte Wange und ein warnendes Zucken rauschte wie ein Blitz seine Wirbelsäule hinunter.

Ihr feiner, blumiger Duft stieg ihm nun in die Nase. Valentina hatte sich zu ihm heruntergebeugt und flüsterte in sein Ohr. „Ich habe eine Bitte, Bastien... würdest du sie mir gewähren?“ So lieblich hatte er ihre Stimme gar nicht im Kopf. Diese Zartheit war so ungewohnt und verlockend und sein gesamtes Hirn schellte mit den Alarmglocken!

Bastien merkte kaum, wie er sich von seinem Stuhl erhob und ihr ans Fenster folgte. Dabei hielt sie ihn sanft am Arm fest und legte sogar ihren Kopf an seine Schulter.

Was geht hier eigentlich vor sich? War durch seinen Handkuss, plötzlich ein Damm der Hingabe in ihr gebrochen und überschüttete sie ihn deshalb, mit dieser unverfrorenen Zärtlichkeit? Bevor er sich jene dummen Fragen beantworten konnte, legten sich bereits ihre herrlich kalten Hände um seine Wangen und zogen ihn ein Stück hinunter. „Comtesse“, wisperte er leicht tadelnd, in der Hoffnung das sie mit diesem Unsinn aufhörte.

„Scht, Bastien...“, flüsterte sie nervös an seinen Lippen.

Sein Puls pochte unaufhörlich an seinem Hals. Dafür das Valentina ihn körperlich kein Stück reizte, gefiel es ihm ganz und gar nicht, was sie gerade mit ihm anstellte. „Sei mir bitte nicht böse für das was ich jetzt mit dir anstelle...“ „Was habt Ihr mit mir vo-“ Weiter kam er nicht, denn ihre Lippen hinderten ihn daran.

Ein Déjà Vu durchströmte ihn. Es war gar nicht allzu lange her, als sie eine Kostprobe von ihm verlangte. Doch diesmal spürte er kein drohendes Eisen an der Schläfe, sondern sanfte, ja fast schon liebevolle Berührungen, die seine Wangen und den Hals entlangfuhren. Dort hörte es allerdings nicht auf.

Dreist ließ sie ihre Finger über seine Brust hinunter zu seiner Hand auf den Gehstock sinken, löste sie davon und schob sie sich selbst um ihre Taille. Brummend akzeptierte er ihr Spiel und spürte, wie sie anfing zu kichern. Im Hintergrund hörte Bastien wie jemand überrascht nach Luft schnappte und ein paar Männer lachend jubelten. Auch Worte wie unerhört, taktlos und frisch verliebt vernahm er wie ein dumpfes Flüstern. Dann löste sie sich langsam von ihm.

„Danke, Bastien... nun schaut uns keiner mehr mitleidig an.“ Ihre Augen öffneten sich und vor ihm erblickte er dunkelviolette Amethyste, mit einer Spur Traurigkeit. Irgendwie konnte er ihr nicht böse sein, obwohl ihr Handeln kindisch und allem voran, einer Comtesse unwürdig war.

„War das diesmal etwa eine Kostprobe für den gelangweilten Pöbel?“, fragte er spitz und hob dezent eine Braue an. Sie kniff die Augen zusammen und presste die Lippen aufeinander, bevor sie kaum merklich nickte. Schließlich öffnete sich keck ein Auge und Bastien verzog erheitert die Mundwinkel. Überrascht von sich selbst, küsste er sie auf die Stirn und schob sie ein Stück nach vorn. „Dann bringen wir es für den heutigen Abend aber auch ordentlich zu Ende, Comtesse.“

Mit dem Arm um ihre Taille, geleitete er Valentina an den neugierigen Gästen des Marquis vorbei und verließ mit ihr den Saal.

Ihr Ehemann konnte überraschend leidenschaftlich sein. Zumindest was die besitzergreifende Geste um ihre Körpermitte anging und der intimen Umarmung, die er ihr im Korridor vor einem der Zimmer gab, bevor er sie hinein schubste. Bastien war unerwartet stark. Dann schloss er mit einem Klick die Zimmertür und holte sie damit aus ihren verwirrenden Gedanken zurück.

„So, Mademoiselle“, tadelte er sie und schnaubte gelassen, „und nun verratet Ihr mir Euren eigentlichen Plan. Ihr habt zehn Minuten.“ So wenig Zeit nimmt er sich für ein angebliches Stelldichein mit seiner Frau? Verblüfft über ihre eigenen Gedanken, blinzelte sie irritiert. „Nun?“, forderte er nachdrücklich. Valentina ließ die Schultern fallen. „Wusstest du, dass dich die weibliche Gesellschaft als kaltes und unansehnliches Monstrum sieht und dir keinerlei Gefühle zugesteht?“

Oui.

„...und dass dies auf mich und unsere Ehe abfärbt?“

Er schwieg. Offensichtlich waren ihm das Gerede und die Meinung andere schnurzpiepegal.

Bewundernswert… dachte sie sich. „Wie dem auch sei!“, wedelte Valentina gleich darauf ab. „Seit wenigen Minuten gelten wir als frisch verliebtes Ehepaar und die Leute denken das du ein überaus passabler Liebhaber bist, der von mir natürlich nicht genug bekommen kann!“, zwitscherte sie unschuldig.

„Tatsächlich?“ Bastien hatte sich auf die Tischkante gesetzt, den Gehstock zwischen seine Beine gestemmt und blickte sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Oui!“ Ein wenig Stolz schwang in ihrer einsilbigen Antwort mit und sie reckte ihr Kinn hervor. Die Sekunden verstrichen und plötzlich lachte Bastien los. Nicht überschwänglich, doch in seinem Fall recht maßlos.

Alors, Comtesse. All das, nur um den Schein unserer Ehe zu wahren, Oui?“ Sie nickte verlegen.

Bon. Ich gestatte es. Doch erwartet nicht von mir, dass ich Euch schmalzige Gedichte und Lieder vortrage oder gar einen Kniefall mache.“

„Darüber sind wir doch längstens hinaus...“, kokettierte sie frech und ergatterte ein entwaffnetes Lächeln von Bastien.

Die zehn Minuten waren schnell vergangen und hastig fing Valentina an, ihre Frisur ein wenig auseinander zu rupfen und ihr Kleid zu zerknittern. Als sie ein dumpfes Lachen aus Bastiens Richtung hörte, schürzte sie die Lippen, ging auf ihn zu und verrückte seine Perücke. Dann öffnete sie ihm ein paar Knöpfe der Weste, zog ihm dezent das Hemd aus den Hosen und fuhr ihm mit den Finger über den Bart, damit er frech abstand.

„Zufrieden?“, brummte er. Sie nickte und hakte sich in seinem angebotenen Arm unter. Dann verließen sie entspannt und höflich die Gesellschaft, deren Schock wahrlich in den Gesichtern klebte.

Im Augenwinkel erspähte Valentina die Comtesse Dubois, die ihr augenzwinkernd zuprostete.


Übersetzung:

Dîner = Abendessen

Soirée Dansante = Tanzabend

Mesdames = Meine Damen

Meraviglioso! = Wunderbar!

Scusa = Verzeiht