Kapitel 1 - James
Hallo zusammen.
Ihr habt bisher die Geschichten meiner Brüder aufmerksam gelesen und nun seid ihr bei mir gelandet.
Was soll ich sagen? Ich bin eben der jüngste der Anderson-Brüder und dennoch nach einem der älteren Earps benannt, der auch als der unbekannte Earp beschrieben wird. Keine Ahnung, warum mein Vater mich gerade James nannte, aber vielleicht hatte er eine Vorahnung.
Ich bin nicht ganz so populär, wie es meine Brüder sind, die alle als Genie in ihrem Fachgebiet gelten.
Nicht, dass ich ein Hohlkopf bin, aber ich habe nur Agrarwissenschaft studiert und lebe nun auf einer einsamen Ranch. Na ja, Ranch ist auch übertreiben, denn ich züchte keine Rinder oder so. Ich habe zwar welche, aber die sind alt und zur Zucht nicht geeignet. Ich habe sie einfach vom vorherigen Besitzer übernommen und wollte sie nicht zum Metzger bringen.
Meine Ranch wird nach und nach zur Farm, denn ich baue Gemüse, Getreide und Obst an. Und ich verzichte dabei auf chemische Mittel, sondern versuche alles biologisch zu halten. Dieses Thema hat mich schon immer fasziniert und ich versuche, immer wieder alte Bücher zu bekommen, in denen unsere Vorfahren beschrieben, wie sie eine Käferplage bekämpften oder die Keimlinge düngten.
Meine Brüder nennen mich immer den Gemüsebauer, was aber keineswegs abschätzig gemeint ist. Außenstehende können sich eben nicht vorstellen, dass ein Wissenschaftler im Dreck wühlt und manchmal zum Himmel stinkt, weil er eine Jauche angesetzt hat, die gut für die Möhren sein soll. Doch das bin ich.
Ein Wissenschaftler, der eben auch körperlich arbeitet.
Nellie rümpft immer die Nase, wenn ich stinkend ins Haus komme und ihr Sohn Nicholas wedelt mit der Hand in der Luft, als ob er so den Gestank vertreiben konnte.*
Ihr fragt euch jetzt, wer Nellie ist.
Nun, das weiß ich selbst nicht so genau. Eines Tages stand sie mit ihren Sohn vor meiner Tür und fragte nach Arbeit. Und seither ist sie hier und sorgt dafür, dass mein Gemüse nicht vergammelt, denn das ist auch so ein Ding. Sobald ich alles geerntet und analysiert habe, ist es für mich uninteressant.
Nicht für Nellie. Sie macht die herrlichsten Gemüseeintöpfe und steckt das Zeug auch in Gläser, damit wir im Winter genug zum Essen haben.
Na ja, das ist wohl so ein Tick von ihr, denn die nächste kleine Stadt ist eigentlich nur eine halbe Stunde Fahrzeit von meiner Farm entfernt und ich habe eine sehr gute Schneefräse, mit der ich den Weg im Winter frei machen kann. Doch sie geht nur einmal in der Woche in die Stadt, um meine Erzeugnisse auf einem Markt zu verkaufen. Ansonsten bleibt sie nur hier auf der Farm.
Ja, das ist schon etwas seltsam, aber ich frage nicht nach.
Ich weiß nichts von ihrer Vergangenheit, noch was sie hierher getrieben hat, doch ich habe auch den Eindruck, dass sie es mir nicht sagen würde, wenn ich danach frage.
Sie hat ihr eigenes kleines Haus, das in der Nähe des Haupthauses steht und das sie selbst renoviert hat. Ich muss leider zugeben, dass ich in der Beziehung eine totale Niete bin. Nellie ist die Praktische, ich nur der Theoretiker.
Ihr Sohn Nicholas, den alle Nick nennen, ist ein aufgeweckter Bursche von zwölf Jahren und manchmal kann er mir schon Löcher in den Bauch fragen. Aber ich mag ihn. Er nimmt mich offenbar als väterliches Vorbild. Na ja, er hätte auch eine schlechtere Wahl treffen können. Ich versuche wenigstens, seine Fragen zu beantworten, während sein Erzeuger sich nicht einmal blicken lässt. Ansonsten lese ich auch viel mit ihm, um seinen Wissensdurst zu stillen.
Wie ihr seht, bin ich wirklich ein Langweiler.
Und das ist auch gut so.
Oder etwa nicht?
„Wyatt hat angerufen. Er meint, er ruft dich später noch einmal an, wenn er zu Hause ist.“
Ich nicke und ziehe im Vorraum, der zu der Küche führt, meine Arbeitsstiefel aus. Der Stetson, ein Geschenk meiner Brüder, kam ordentlich auf die obere Ablage.**
„Was wollte er denn?“
Wyatt rief selten bei mir an. Er war früher, wie ich, immer mit seiner Arbeit verheiratet gewesen, doch das änderte sich, als er seine jetzige Frau Rilla kennen lernte. Früher meldete er sich so oft, wie es ein Bruder nun mal tat. Einmal im Jahr oder so. Meist, um zu fragen, was wir unseren Eltern zu Weihnachten kaufen.
Gut, ich gebe zu, dass er nun auch nicht wirklich sehr oft anruft. Eher seine Frau. Also, dann muss es schon einen Grund haben, wenn sich der Professor selbst bei mir meldet.
„Natürlich hat Professor Anderson den Grund seines Anrufs ausführlich mit mir besprochen. Himmel, ein Mann wie dein Bruder wird sich nicht mit mir unterhalten wollen.“
Ich ging in die Küche und starre Nellie fragend an. So sarkastisch kenne ich sie gar nicht.
Sie war eigentlich eine sehr ruhige Frau, die kaum Widerworte gab. Manchmal redete sie sehr geschwollen und man fragt sich wirklich, ob man tatsächlich nur eine Haushälterin vor sich hatte.
„Hast du ein Problem mit Wyatt? Hat er sich nicht anständig dir gegenüber verhalten?“
Sie seufzte leise und man sah ihr das schlechte Gewissen an, weil sie mich so angefahren hat.
„Natürlich nicht. Deine Brüder sind alle sehr wohlerzogen und würden sich nie anmaßen, sich mir gegenüber Frechheiten zu erlauben.“
Versteht ihr, was ich meine? Wer sagt denn heutzutage noch wohlerzogen und anmaßen?
Ich grinse sie an.
„Dann bin ich derjenige, der dich verärgert hat?“
Nun kam ein Schnauben über ihre Lippen und sie zeigte mit einer angeekelten Geste auf meine Kleidung, die vor Dreck standen. Der Matsch stach besonders gut hervor, weil ich mich heute für schwarze Jeans und ein schwarzes Shirt entschieden habe.
Blöder Fehler.
„Irgendwann streikt die Waschmaschine. Wirklich, James, ich habe genug zu tun. Es dauert wieder eine Weile, bis ich den gröbsten Dreck von Hand entferne.“
Ja, das war auch so etwas.
Nur Nellie und meine Mum nannten mich James. Für alle anderen war ich Jim oder Jimmy.
„Ich werde es selbst auswaschen, Nellie. Jetzt gleich. Ich werde mir nur andere Klamotten...“
Sie hob eine Augenbraue und ich verstumme sofort. Doch dann lächelt sie.
„Ich werde dir Kleidung holen. Der Boden ist frisch gewischt.“
Wieder grinse ich sie an. Nicht nur, dass sie das Thema sehr schnell von ihrer Verärgerung auf meine Klamotten lenkte, Nellie hört sich im Moment wirklich wie meine Mum an. Oder wie eine...nein, lassen wir das.
Auch wenn meine Brüder sich nun nach und nach eine Frau und sogar eine Familie zugelegt haben, bin ich nicht so weit, mich zu binden. Das lässt meine Arbeit auch nicht zu. Die ist nämlich noch lange nicht beendet, wenn ich ins Haus gehe. Wie bei jedem anderen Farmer auch, habe ich noch den Schriftkram zu erledigen. Und danach fasse ich meine täglichen Ergebnisse zusammen, um sie an die landwirtschaftlichen Universitäten zu schicken, die alles auswerteten und ihre Empfehlungen dann abgaben. Auch heute werde ich bis spät in die Nacht arbeiten und am Morgen kaum anzusprechen sein. Das hält keine Frau auf die Dauer aus.
Nellie kommt mit neuer Kleidung und ich gehe nach draußen, um mich in der Außendusche zu waschen und mich umzuziehen. Und wenn ich schon dabei bin, werde ich auch die alten Klamotten grob mit Wasser auswaschen. Immerhin will ich meine Haushälterin nicht verärgern. Sie versorgt mich schließlich ausgezeichnet.
Keine Stunde später sitzen wir alle am Küchentisch und lassen uns den Eintopf schmecken. Ich gebe zu, dass mir ein Steak manchmal lieber wäre, aber eigentlich schmeckt mir alles, was Nellie zubereitet. Aber wahrscheinlich ist die Kühltruhe wieder leer und ich werde bald wieder Fleisch einkaufen gehen müssen.
Ich helfe noch beim Abwasch, was Nellie nicht gerne sieht, doch ich weiß auch, dass Nick länger vor dem Fernseher sitzen kann, wenn ich ihm helfe. Außerdem drücke ich mich vor der Büroarbeit.
Nach der Hausarbeit verabschiede ich mich von den beiden und als sie die Tür schlossen, war es beinahe schon unheimlich ruhig im Haus.
Seufzend gehe ich in mein Büro und bin schon erleichtert, als das Telefon neben mir läutet.
„Hallo?“
„Ich bin es. Wyatt.“
Ich grinse, denn ich sehe ja, wer mich anruft. Mein Bruder hält allerdings nichts von der modernen Technik und so ist es nicht verwunderlich, dass er so etwas nicht weiß.
„Nellie hat schon gesagt, dass du angerufen hast. Was gibt es denn?“
Wyatt brummt leise vor sich hin.
„Bess Sonderland gibt es. Klingelt es da bei dir?“
Ich runzle die Stirn.
„Natürlich kenne ich Bessie. Aber wie kommst du auf sie?“
Wieder ein Brummen und man könnte beinahe meinen, dass es eher ein Bär ist, den ich am Apparat habe.
„Ich komme auf sie, weil Bess mich nun schon zum x-ten Mal im Büro anruft, da sie dich nicht erreicht. Hör mal, Jim, ich weiß ja, dass deine Arbeit wichtig ist, aber kannst du die Frau nicht einfach mal zurückrufen? Nicht, dass Rilla irgendwann denkt, ich würde sie betrügen.“
Ich verziehe mein Gesicht und wühle in meinen Unterlagen, bis ich die unzähligen Post-its finde, die Nellie mir immer auf meinen Schreibtisch legt.
Kein Wunder war Nellie wütend.
Wie konnte ich Bessie nur vergessen?
Elisabeth Bess Sonderland war mit Virgil in eine Klasse gegangen und als sie Sprachtherapeutin wurde, traf man sie oft bei uns zu Hause an, tief in einem Gespräch mit Wyatt vertieft.
Ich muss zugeben, dass ich schon immer für Bessie schwärmte, aber leider sah sie in mir immer nur den kleinen Anderson. Der kleine Bruder, den niemand ernst nahm, wie er sich für Agrarwissenschaft interessiert und sich meistens wie ein Clown verhielt.
Ich betrachte den Haufen Papier vor mir und wundere mich deswegen schon etwas.
„Was ist denn so wichtig, dass Bess mich... dreißig Mal anruft? Du lieber Himmel.“
Wyatt murmelt leise und ich kann mir vorstellen, dass er nebenbei noch arbeitet.
„Keine Ahnung. Sie hat dich das erste Mal in New York erwähnt, als ich mit Rilla dort war. Wie lange ist das nun her?“
Ich seufze.
„Du bist über zwei Jahre verheiratet, Wyatt. Also ist es nun beinahe drei Jahre her. So um den Daumen gepeilt.“
Wyatt lacht spöttisch.
„Dann bin ich aber froh, dass ich dein Bruder bin und nicht drei Jahre warten muss, um mit dir zu sprechen.“
Ich erwähne jetzt nicht, dass Bessie sich das erste Mal vor einigen Monaten gemeldet hat, denn auf eine Diskussion mit einem Sprachprofessor kann ich gut und gerne verzichten.
„Ich werde sie morgen früh anrufen. Versprochen. Nach dem ersten Kaffee setzte ich mich ans Telefon und frage, was sie von mir will.“
Wyatt lachte leise und seine Stimme veränderte sich.
„Das solltest du wirklich, Jim.“
Ich hörte einen Kuss und verdrehte genervt meine Augen.
Meine Schwägerin war also in seiner Nähe.
„Ich denke, ich beende das Gespräch nun aber auch. Ich habe schon einmal einen Porno von euch mit anhören müssen. Das hat mich extrem verstört.“
Wyatt knurrte, denn er wollte nicht immer daran erinnert werden, wie er ausgiebig seine Verlobung mit Rilla feierte und dabei total vergaß, dass die Wände zu Hause extrem dünn waren.
„Du solltest dir auch mal eine Frau zulegen. Dann verstört dich Sex auch nicht so.“
Ich lache schallend.
„Ja, klar. Die Frau muss erst noch geboren werden, die mich zum Mann nimmt.“