Die Anderwelt, Buch 3

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Summary

Strother wurde für eine Ausgrabung, zusammen mit seinen Freunden Robert, Sven und Gisa ausgewählt. Als sie in Frankreich ankommen, findet er endlich eins der vielen Geheimnisse heraus, welche Seth umgeben. Doch warum suchen ihn die Schatten heim? Wieso ist ausgerechnet er jemand, der von der Anderwelt in die menschliche Welt und wieder zurück springen kann? Und wieso war Taylor damals aus dem Kinderheim weggelaufen?

Status
Ongoing
Chapters
3
Rating
n/a
Age Rating
16+

1.

Ein Schwindel setzte ein. Meine Finger krallten sich in die Brunnenmauer, damit ich nicht umfallen konnte. Mein Gehör verließ mich, bis ich nur noch meinen Atem hörte. Auch meine Sicht verschwand langsam. Etwas rann mir über das Gesicht, doch ich konnte nicht feststellen, was es war. Meine Hände krallten sich zu sehr an den Steinen fest. Panisch versuchte ich mich zu beruhigen. Ich blickte auf den Boden, in der Hoffnung, mich auf etwas konzentrieren zu können. Doch der Boden schwankte zu sehr unter meinen Füßen. Oder war ich es, der schwankte? Es wurde immer dunkler um mich herum.

Ich versuchte zu schlucken, was nur mit großer Anstrengung gelang. Eine Hand schien sich auf meine Schulter gelegt zu haben, und meine Sicht wurde wieder heller. Ich konzentrierte mich auf den Schein, und merkte, dass mein Atem sich langsam beruhigte. Meine Augen schlossen sich, und erschöpft sackte ich auf den Boden und lehnte an die Brunnenmauer. Nach einigen freien Atemzügen, öffnete ich die Augen wieder und erkannte, dass der Bräutigam Loucetios vor mir hockte. Es musste sein leuchtendes Gesicht gewesen sein, was mir die Dunkelheit von den Augen genommen hatte.

Meine Sinne kehrten langsam wieder und ich erkannte voller Scham, dass sich fast die ganze Hochzeitsgesellschaft um mich versammelt hatte. Juol saß besorgt neben mir und hielt meine Hand. Der Bräutigam richtete sich wieder auf und viele der Gäste wandten sich wieder ab, als ob nichts geschehen war.

Ich drehte meinen Kopf zu Juol, der mich nun ein wenig gequält lächelnd anguckte.

Ich: „Du kennst Seth.“

Erinnerungen an den Wald kamen in mir hoch, wie ich Seth und Spartacus zum ersten Mal getroffen hatte. Doch anders als hier in der Anderwelt, waren sie getrennte Lebewesen. Wie war es möglich?

Ich wischte mir über das Gesicht und beäugte meine Handfläche. Sie war nass und tropfte. Der Geruch deutete eher auf Schweiß, als auf Wasser.

Der Boden neben mir vibrierte leicht und jemand setzte sich neben mich. Juol beäugte ihn ein wenig verunsichert, blieb aber sitzen und hielt weiterhin meine Hand. Ich schloss erneut die Augen und atmete tief ein. Es war mir nur all zu bewusst, dass Seth neben mir Platz genommen hatte. Sein Blick lag nicht auf mir, aber dennoch merkte ich, dass seine ganze Aufmerksamkeit mir galt.

Ich: „Ihr kennt euch also.“

Keiner meiner beiden Freunde antwortete. Doch es war zu offensichtlich, dass sie mir zustimmten. Ein leicht hysterisches Glucksen, was sich zu einem Kichern formte drang aus meiner Kehle.

Ich: „Wusstest du, dass Juol der Baum im Eimer war, als wir uns im Korridor der Jugendherberge trafen??“

Mein Kopf drehte sich langsam zu dem Archäologen neben mir saß und öffnete widerwillig die Augen. Ich wusste nur zu gut, dass wenn ich sie öffnen würde, nicht das bekannte Gesicht des Mannes neben mir zu finden wäre, sondern das seines Hundes. Und erst dann fiel mir auf, dass ich nicht wusste, ob er mir überhaupt antworten konnte, oder ob ich einfach nur ein Bellen oder Hecheln als Antwort bekommen würde. Der Hundekopf, der breit zu grinsen schien, zwinkerte mir nur zu und ließ die Zunge heraushängen.

Die Situationskomik war zu unterhaltsam. Ich prustete vor lachen herzhaft los, bis beide meine Freunde mit einstimmten.

Ich: „Wie soll ich dich nennen? Spartacus? Seth? Oder irgendeinen Mischmasch aus den Namen?“

Ich gluckste vor mich hin, als Seth aus seiner Hundekehle ein Knurren ertönen ließe.

Juol: „Wer ist Spartacus?“

Seth, wie auch ich, blickten Juol an.

Seth: „In der anderen Welt bin ich geteilt. Ich bin Mensch, und zugleich ein Hund.“

Wieder lachte ich los.

Ich: „Wie funktioniert das eigentlich? Gehst du mit dir selbst Gassi?“

Dieses Mal ähnelte mein Lachen eher einem Gackern, als einem Kichern. Seth zuckte nur mit den Schultern, musste aber breit grinsen. Durch seine Hundeschnauze sah dies nur noch absurder aus. Dieses Mal stimmte auch Juol in mein Lachen ein, obwohl er vermutlich nicht wusste, was ich meinte.

Seth: „Ich kann mein Bewusstsein von einem Körper in den anderen durch Wunschdenken befördern. In manchen Situationen ist der menschliche Körper von Vorteil, bei anderen der Hund. Wir brauchen keine Kommunikation. Man kann es sich vermutlich wie in einem Computerspiel vorstellen. Du bist der, der alle Schalter und Knöpfe bedient, und gleichzeitig die Figur im Spiel.“

Juol: „Was ist ein Computerspiel?“

Seth: „Es ist etwas ziemlich Absurdes und nicht von dieser Welt. Hat mit Strom, und falschen Welten zu tun, die sich die Menschen in Strothers Welt ausgedacht haben.“

Erneut gackerte ich los.

Ich: „Nicht von dieser Welt… Der ist gut.“

Mein Lachen brach plötzlich ab, als ich mich an unser Gespräch im Korridor wieder erinnerte.

Ich: „Du hast schon einmal so etwas gesagt.“

Seth nickte langsam.

Seth: „Mache ich gerne.“

Ich: „Du hast gesagt, dass wir beide nicht von dieser Welt seien. Damals habe ich gedacht, dass du Robert und mich meintest, weil wir eine Buche im Putzeimer umhergetragen haben.“

Seth und Juol kicherten.

Seth: „Ich meinte dich und Juol. Und ja, ich wusste, dass Juol die Jungbuche war. Wobei ich nicht wusste, ob du und Robert es wussten.“

Juol: „Nur Strother, Robert kennt mich noch nicht – zumindest nicht in menschlicher Gestalt.“

Seth nickte einmal kurz und blickte dann auf zu den beiden Sonnen, die sich langsam dem Horizont näherten.

Seth: „Pass auf, wem du vertraust, Strother. Es gibt viele merkwürdige Kreaturen, die nicht gerade freundlich uns gegenüber gesinnt sind. Ich weiß, dass Juol dir bereits vom Zwist unserer beiden Völker erzählt hat.“

Ich runzelte die Stirn. Nach einer Weile blickte mich Seth an, als ob es das Selbstverständlichste gewesen war, dass er es wusste.

Seth: „Hunde haben ein ziemlich gutes Gehör, Strother.“

Wieder lachte ich los. Zu viele Fragen füllten meinen Kopf und ich war überfordert. Dennoch half es mir, dass ich zwei Freunde hatte, die die Skurrilität der Situation als normal betrachteten.

Wir saßen noch eine Weile, bis Seth aufstand und mir seine Hand reichte.

Seth: „Wir sollten langsam aufbrechen, in der anderen Welt geht bald die Sonne wieder auf.“

Widerwillig nahm ich seine Hand und gestattet Seth so, mir beim Aufstehen zu helfen. Wir verabschiedeten uns von Juol und kurz darauf war ich wieder alleine in dem Zweibettzimmer der Jugendherberge.

Aus den Fenstern konnte man die Morgendämmerung erkennen. Für einige Augenblicke betrachtete ich den Himmel, bis es leise an der Zimmertür klopfte.

Seth: „Bist du gut angekommen?“

Ich schloss die Tür auf und ließ den nun normal aussehenden Archäologen eintreten. Hinter ihm schloss ich die Tür und setzte mich dann auf eins der Betten.

Seth: „Hast du dich schon daran gewöhnt, dass du nicht schlafen musst, wenn du in der Anderwelt warst?“

Verblüfft hielt ich den Atem an, um mich genau zu erinnern. Ich war immer müde oder erschöpft gewesen, aber geschlafen hatte ich tatsächlich nie im Anschluss. Überrascht schüttelte ich den Kopf. Seth lehnte sich an die Wand neben der Tür.

Seth: „Es gibt mit Sicherheit viele Fragen, die du mir stellen möchtest. Vieles wird sich nach und nach erklären lassen, anderes braucht seine Zeit. Und nur, weil ich aus der Anderwelt stamme, und in der Vergangenheit gelebt habe, heißt es nicht, dass ich alles weiß. Ich kann dir über mein Leben berichten, wie ich es erlebt habe. Ich weiß zum Beispiel, dass unser Treffen kein Zufall ist. Anders als in dieser Welt, gibt es keine Zufälle in der Anderwelt. Alles hat seinen Grund. Doch welcher es ist, kann ich dir nicht sagen.“

Er stieß sich langsam von der Wand ab, und drehte sich zum Gehen.

Ich: „Wie kommst du hin und her?“

Er drehte sich irritiert zu mir um.

Ich: „Ich muss-“

Ich rang nach den passenden Worten.

Ich: „-meine Augen zweimal öffnen, oder schließen, wenn ich in die eine oder andere Welt springen will.“

Seth lächelte leicht.

Seth: „Du öffnest und schließt die äußeren und die inneren Augen. Das ist eine Möglichkeit der Reise, oder des Sprungs, wie du es nennst. Bei mir kann es ein einziger Gedanke sein, der mich hierher oder dorthin springen lässt. Oder ein Ruf.“

Ich erstarrte bei diesem Wort. Die Luft blieb mir für einen Augenblick verwehrt. Nur zu gut erinnerte ich mich an die Augenblicke in der Bibliothek, wo ich das Gefühl gehabt hatte, gerufen worden zu sein; oder an dem Tag am Kanal, wo ich mich schon beinahe als verrückt bezeichnet hatte.

Ich: „Was meinst du mit Ruf?“

Seth seufzte und blickte kurz auf seine Uhr.

Ich: „Musst du mit dir Gassi gehen?“

Seth lachte auf und schüttelte den Kopf. Er ließ sich neben mir aufs Bett fallen. Dann wurde er wieder ernst.

Seth: „Nein, das nicht. Spartacus geht es gut. Er ist bei der Ausgrabungsstätte und hält mehr oder weniger Ausschau nach einem Spielgefährten.“

Wir redeten noch eine Weile über belanglose Themen, bis sich Seth aufrecht setzte und sich zu mir drehte.

Seth: „Die Schatten, wie du sie nennst, sind etwas Seltsames. Sie ernähren sich von negativen Gedanken und Gefühlen. Wenn sie einmal von dir Besitzt ergriffen haben, hängen sie an dir und ernähren sich von Lebenskraft.“

Sein Blick durchbohrte mich. Vergeblich versuchte ich, seinen Gedankenweg nachzuvollziehen. Es verwirrte mich, dass er plötzlich von den Schatten angefangen hatte zu sprechen. Sie hatten eigentlich nichts mit dem zu tun, was ich ihn gefragt hatte. Es dauerte einige Zeit, bis er wieder das Wort ergriff.

Seth: „Es gibt Orte, vor denen selbst die Schatten Angst haben. Ein solcher Ort ist meine Heimat. Egal, welche der Mythologie, egal ob germanisch, ägyptisch, skythisch, keltisch oder irgendeine der heutigen Ein-Gott-Religionen du nimmst - überall gibt es Schatten und überall gibt es Dämonen. Es gibt immer Herrscher der Unterwelt. Und nein, ich bin nicht der Teufel. Ich bin eher der, der das Getier frisst, was aus der Unterwelt entflieht… Sonst würde mein Kopf in der ägyptischen Mythologie nicht eines Schuppentiers ähneln… Auch wenn einige behaupten, dass er eher nach einem Esel oder Pferd aussieht.“

Sein Blick wurde nun noch eindringlicher, als ich versuchte, seine Aussage zu verdauen. Ich schnaubte kurz zur Eselsbemerkung auf, bis ich realisierte, was er mir eigentlich versucht hatte zu sagen.

Ich: „Du frisst meine Schatten?“

Seth lachte herzhaft auf.

Seth: „So kann man es auch formulieren.“

Ich warf ihm einen kurzen Blick aus dem Augenwinkel zu.

Ich: „Du kannst aber auch normal essen, oder?

Seth nickte.

Seth: „Natürlich esse ich auch normal. Ich esse eigentlich nur normal – also menschlich. Die Schatten könnte man als Leckerbissen, oder Dessert nennen. Fühlt sich ein wenig wie Kaugummi an, wenn ich ehrlich bin. Es gibt tatsächlich auch verschiedene Geschmacksrichtungen.“

Ich lachte so herzhaft los, dass ich fast vom Bett fiel. Seth stimmte ein, als er mich weiterhin beobachtete. Mein Rücken fiel entspannt gegen die Wand hinterm Bett, als ich mich vor Lachen kaum noch halten konnte. Seth gluckste ein wenig vergnügt, als er meine Reaktion beobachtete. Seth blieb noch eine Weile, bis er sich verabschiedete und in sein Zimmer ging.