Gabriel

„Obsecro te
mei servi
immolavi vobis voluntatem meam
surge, Ostende te
praecipio tibi
ego sum dominus tuus
ad condtrigendum“
Ich stand wieder einmal vor meinem Altar und sprach die Formel. Meine Nervosität stieg stetig an, das Kribbeln in meinem Bauch wurde immer stärker und ich umfasste die Opferschale stärker. Der Rauch stieg aus der Opferschale heraus und eine Freude durchfuhr meinen Körper, als ob ich ein kleines Kind wäre, welches ein neues Spielzeug bekam. Ich starrte auf den aufkommenden Rauch, der immer mehr wurde. Er wirbelte um meinen nackten Körper herum und die Temperatur in meinem Schlafzimmer stieg exponentiell an. Es wurde nicht nur wärmer, sondern gleichzeitig auch immer dunkler. Anscheinend habe ich es diesmal geschafft.
Meine Zutaten waren von einer Hexe, Cassandra, einer meiner ältesten Freundinnen. Ich hatte alles was auf ihrer Liste stand.
eine gezeichnete Sigille aus dem Blut des Beschwörers
drei schwarze Kerzen mit Hoodoo belegt, um
einen Dämon den Weg
zu weisen, die in der Sigille stehen
Akazie, Schafgarbe, diverse getrocknete Kräuter
Knochen eines Babys
Das Herz mit Liebe gefüllt
Seit Jahren versuche ich, einen Dämon an mich zu binden, nicht irgendeinen, sondern den gefallenen Engel-Luzifer. Damit will ich in meinem Berufsfeld große Fortschritte machen und müsste nicht mehr so vorsichtig sein. Der Herr der Hölle soll mir seine Macht geben. Ich habe keine Lust, dass sich bei mir irgendeine Motorradgruppe oder sonstige Gruppen einnisten, wie es bei anderen der Fall war. Ich will eigenständig bleiben und unabhängig sein. Ich liebe es, mein eigener Chef zu sein. Mein Club ist mein Leben und ich habe extra ein langweiliges Studium auf mich genommen und nun will ich auch den Lohn dafür.
Der Rauch hat den Boden um mich schon komplett eingenommen. Ich nehme ein Wispern wahr, es ist sehr leise, immer noch sehr weit weg. Ich schließe meine Augen, damit ich mich besser konzentrieren kann. Ich versuche mich zu diesen Wispern zu drehen, die Opferschale weiterhin in meinen Händen.
Mein Puls will sich beschleunigen und ich strenge mich weiter an, ruhig zu bleiben. Ich will unbedingt verstehen, was mir dieses Wispern sagt. Es scheint von allen Seiten zu kommen. Dann habe ich es endlich lokalisiert und konzentriere mich, schalte alles weitere um mich herum aus und hielt den Atem an.
Die Dunkelheit umhüllt mich, die Hitze lässt meinen Schweiß in kleinen Bächen an meinem Körper entlang laufen. Die Stimme scheint wie ein Echo zu sein, aber nicht immer leiser werdend, sondern immer lauter. Zum Schluss ist es ein greller Schrei geworden und ich musste die Schale fallen lassen und mir die Ohren zuhalten.
Es dauerte etwas, bis ich die Worte verstanden hatte, oder glaubte, diese verstanden zu haben.
Nachdem ich meine Ohren wieder frei ließ, erkannte ich in dem Nachklang die Worte: „Töte eine Liebe!“
Ich riss meine Augen auf und mein Herz polterte in meiner Brust. Ich konnte wirklich die Stimme des Herrn hören.
Ich hatte schon einige Fehlversuche hinter mir. Nun wusste ich, dass ich es fast geschafft hatte. So nah war ich meinem Ziel bisher noch nicht gewesen.
Cassandra hatte mir die richtige Beschwörung und einen Teil der Zutaten besorgt. Das Schwierigste daran war das Herz, es sollte mit Liebe gefüllt sein. Aber wann war es voll mit Liebe?
Die Dunkelheit verschwand und meine Kerzen spenden wieder mehr Licht, auch die Hitze wurde durch die normale Zimmertemperatur ersetzt, welche mich etwas frösteln ließ.
Ich wendete meinen Anblick von meinem Altar zurück zu meinem Bett. Die aufgeschnittene Frau darin blutete immer noch etwas. Tropfen für Tropfen begann der kleine Blutsee an meinem Bett größer zu werden und suchte sich allein den Weg zu dem Abfluss unter meinem Bett. Ich war von ihr enttäuscht, denn sie hätte es doch für mich schaffen können, aber es war wieder einmal mehr Schein als Sein gewesen. Sich jetzt noch weiter darüber ärgern, würde mir in dieser Situation auch nichts nützen.
Ich ging hinüber, sah mir ihre getrübten Augen an, die einst so dunkelblau wie ein See waren und klar. Ihre blonden Haare waren mit ihrem Blut verklebt, ihr schmales und nun fahles Gesicht fiel weiter in sich zusammen und ihr Mund stand offen. Ihre Lippen begannen schon sich zu spannen und leicht zu reißen. Die einst rosige und zarte Haut wurde immer durchscheinender. Wie schnell doch das Leben aus einem Körper weichen konnte und die Fäulnis einen einnimmt.
Ihre Arme waren an den Manschetten gekettet und waren straff bis an die Ecken gezogen. Ich sah weiter an ihr hinab. Anstelle ihres Brustkorbes klaffte ein Loch in ihrer Mitte. Ich konnte einen Teil ihrer Gedärme sehen, und wenn ich meine Hand über die Öffnung hielt, konnte ich sogar noch etwas Wärme wahrnehmen. Oder war es nur meine eigene Wärme, die ich nun wieder verspürte? Um ihren Brustkorb zu öffnen, benötige ich wirklich viel Kraft und es war verflucht anstrengend, denn ich hatte heute keine dämonische Hilfe. Manchmal verlieh mir Cassandra‘s Dämon mir seine Kraft, in dem er meinen Körper übernahm. Ich musste alleine die Rippen aus den Gelenken am Brustbein heraushebeln und somit den Herzbeutel damit freilegen. Ich war trotz aller Vorsicht voll mit ihrem Blut, dass nun anfing zu trocknen und meine Haut spannte. Ihr Körper fing an, ihr Blut zu sammeln, es bildeten sich die Leichenflecken (Livores) und ich musste mich etwas beeilen, denn nach etwa 30 Minuten setzte die Leichenstarre ein. Dann wurde das Entsorgen der Leiche schwieriger.
Ich habe mein eigenes Ritualmesser verwendet, das ich extra bei einem anderen Hexenmeister habe anfertigen lassen. Die 20 cm lange, wellenförmige und feststehende Klinge war beidseitig geschliffen und der Griff war für meinen speziellen Zauber aus Rebstock angefertigt worden. Zum Glück war es für diese Arbeit stabil genug gefertigt worden.In meinem Griff befanden sich auch zwei kleinen Sigillen, die eingebrannt worden waren, zum Beschwören von Luzifer. Damit sich kein anderer kleiner Dämon dazwischen drängen konnte. Wenn ich schon meine Seele als Pfand einsetze, dann an den Chef persönlich.
Ich zog mir bequeme Kleidung an, denn um die Leiche zu entsorgen, musste ich nicht schick sein. Ich wickelte sie in das Bettlaken ein. Mir fiel ihr Name schon nicht mehr ein, denn ich kannte sie kaum. Wir haben uns nur einige Monate getroffen, aber anscheinend möchte sie mich weniger als ich dachte. Sie gehörte zu den Frauen, die mir egal sind. Nur für mein Ziel an meiner Seite.
>Ich brauche also ein Herz, das voller Liebe ist< daran dachte ich die ganze Zeit.
Aber ich wollte mein wertvolle Zeit nicht mit Liebesgeplänkel vergeuden.
Ich verdrehte genervt meine Augen und hob das schwere, leblose Fleisch über meine Schulter. Ich stieg auf das Dach meines Clubs. Dort lagen schon einige schwere alte Gullideckel, Ketten und Schlösser rum, die ich brauchte, um die Leichen zu beschweren.
Es ist mein Vorteil, das der Club in einem Fabrikviertel liegt, direkt an einem Fluß. So brauchte ich mir keine Gedanken um die Entsorgung der leblosen Überreste zu machen.
Ich beschwerte die Leiche und schubste sie über die Dachkante, einfach in den Fluss, platsch und weg. Die Decke verbrannte ich in der Feuerschale.
Niemand wunderte darüber, dass ein Feuer auf dem Dach eines Clubs brannte, denn mein Club hieß :“OBSCURITY“. Wen wunderte es dann auch, dass auf dem Dach ein Feuer brannte, das Licht ins Dunkel brachte?
Ich hörte dem Plätschern des Wasser zu und sah die Dunkelheit heran nahen. Das Licht des Feuers tauchte meine Gestalt immer wieder zwischen Licht und Schatten. Ich ging zur gegenüberliegenden Dachkante. Immer wieder wurden mir meine Haare ins Gesicht gedrückt und ich sah mir den Eingang und Parkplatzes an. Meine Angestellten kamen langsam an. Von unten starrte mich mein bester Freund zu mir hoch, Bastian, oder für einige von uns nur Bats. Aber nicht jeder durfte ihn so nennen.
Er war der einzige, der wusste, was ich vorhatte, warum öfter das Feuer in der Schale auf dem Dach brannte, denn manchmal half er mir. Ich konnte mich immer auf ihn verlassen, so wie er sich auf mich.
Jetzt wurde es Zeit, dass ich mein Bett neu bezog, das Latexlaken in die Wäsche brachte, das Blut in den Abfluss unter meinem Bett wischen und auch, dass ich mich um meinen Körper kümmerte. Duschen, rasieren, essen und dann der nächtliche Appell an meine Angestellten.
Fünf Nächte in der Woche starteten wir mit der Kontrolle und Bats kümmerte sich seit Jahren um vieles, was das Personal anging. Er war mein Stellvertreter.
Als ich meine Eigentumswohnung verließ, brauchte ich nur eine Treppe hinunter, durch eine Brandschutztür und einen kleinen Flur entlang und schon war ich im hinteren Bereich des Clubs, im VIP Bereich.
Ich ging weiter in den vorderen Bereich und begutachtete die Bar und das Personal.
Bats kam auf mich zu, umarmte mich und flüsterte: „Und, hast du es diesmal geschafft?“
„Nicht ganz, aber ich konnte seine Stimme hören. Es war verdammt warm und der Rauch war überall. Ich konnte spüren, dass ich nah dran war.“
„Wie Stimme? Alter, ich glaub es ja nicht. Was hat er gesagt?“
Seine blauen Augen strahlten mich an und seine Freude darüber beflügelte mich weiter zu machen.
„Das ich ein Herz brauche mit mehr Liebe. Also brauche ich eine Frau, die mich so sehr liebt, dass ihr Herz nur noch für mich schlägt“, erklärte ich ihm.
„Oh, also das dauert.“
„Ja, aber ich weiß ich, dass es klappen wird. So nah war ich noch nie meinem Ziel. Also wenn das kein Grund zum Feiern ist, dann weiß ich es auch nicht. Also, wie sehe ich aus?“, lenkte ich seine Aufmerksamkeit auf etwas reelles direkt vor ihm.
„Dem Anlass entsprechend, also lass uns den Club eröffnen und jemanden zum vögeln raussuchen. Ich bin schon ganz kribbelig!“
Dem Anlass entsprechend traute sich auch nur Bats mir zu sagen, jeder andere wäre mir in den Arsch gekrochen.
Aber wie alle hier, trug auch ich ein schwarzes Satin-Hemd mit meinem Emblem des Clubs und eine schwarze Stoffhose. So konnte jeder Gast erkennen, wer zum Personal gehörte.
Punkt 21 Uhr öffnete ich die Pforte zu meiner Dunkelheit und ließ hunderte Menschen mit der Zeit daran teilhaben.
Die Kerzen auf den Tischen in den kleinen Sitznischen schimmerten in einem warmen Licht, der Bass wummerte in meinem Bauch und all die schönen Menschen in ihrem schwarzen Dasein erfüllten meinen melancholische Seite mit Freude. Viele tanzten, es wurde getrunken und auch gelacht. Es war alles sehr entspannt. Die Lasershow erhellt immer wieder die Gestalten, die in den dunklen Ecken saßen.
Bats flirtete hemmungslos über die Theke mit einer wunderschönen Blondine und ich wusste jetzt schon, dass ich seine Schicht hinter der Theke für eine halbe Stunde nachher übernehmen muss. Er würde sie im VIP Bereich ordentlich durchnehmen, aber für ihn mache ich das gerne.
Also setzte ich mich schon mal in Bewegung und ging in Richtung Bar.
Ich liebe meinen Job, mein Leben und die Aussicht, bald einen Deal mit Luzifer machen zu können.
Ich sah mich im Club nach einer geeigneten Person für mich um, aber irgendwie wollte niemand in mein Auge springen.
Also löste ich Bats einfach ab und bediente nur die Kunden, mit einem flirtenden Blick, einem schmunzelnden Lächeln auf den Lippen, damit jeder meine niedliche Grübchen sehen konnte.
Mal sehen, was diese Woche noch bringt und ich muss unbedingt noch einmal mit Cassandra reden, denn meine Kräuter gehen zu neige.
Für mich war heute niemand mehr interessant, aber ich gab die Hoffnung nicht auf, denn ich werde schon ein passendes Herz finden.
Alleine und müde fiel ich dann morgens um Fünf ins Bett.