Die Tochter des Winzers Teil 3 - Atlantik

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Summary

Valentina ist wie vom Erdboden verschluckt, alle Welt sucht nach ihr. Die einen, um sie wieder in die Arme zu schließen und manch anderer um sie zum Schafott zu führen. Was verlangt das Leben von der jungen Frau denn noch ab, bis sie endlich aus dem Strudel von Intrigen, Macht und Verschmähung entkommen kann?

Status
Complete
Chapters
29
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5.0 5 reviews
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18+

Entführt

Irgendwo auf einem Schiff spät nachts, 30. Juni 1680

Valentinas Augen öffneten sich. Es war beinahe stockfinster um sie herum und es stank furchtbar modrig. Sie lag wohl auf zwei Säcken deren Inhalt steinhart waren. Sie fühlte die Raue Faser die sich an ihre Wange presste. Außerdem tat ihr Kopf höllisch weh!

Sachte legte sie ihre Hand darauf und bemerkte das diese mit der anderen zusammengebunden war. Genauso ihre Knöchel.

In was bin ich denn nun schon wieder hineingeraten?

Sie versuchte sich an das Letzte was passiert war, zu erinnern. Sogleich durchfuhr ihre Wirbelsäule ein heftiger Stich und mit einem Mal saß sie senkrecht.

Bastien!

„Oh Gott, Bastien!“, japste sie schockiert auf. Jeder Schlag ihres Herzen schmerzte bei der fürchterlichen Erinnerung. Jener letzte Anblick von ihm, schnürte ihr die Kehle zu. „Bastien... Non, non, non!“ Ein ersticktes Keuchen und trockenes Schlucken, begleitete ihr Zittern. Diese kalte Erkenntnis überwog selbst die fremde Umgebung, in der sie sich befand. Plötzlich wurde sie an der Schulter herumgerissen und schaute in das grimmige Gesicht eines bärtigen Mannes. „Sei still, Weib!“, zischte er hervor.

Erschrocken starrte sie ihn mit großen Augen an und sah, wie er schließlich zu seinem Kollegen zurück trottete. Die beiden Männer saßen um eine mickrige Lampe herum und nuschelten brummend vor sich hin.

Beruhige dich, Valentina… Schau dich um, überlege und bleib konzentriert, wies sie sich selbst an. Nach ein paar tiefen Atemzüge griff sie an ihren Oberschenkel. Ihre Waffen waren verschwunden. Dann zog sie ihre Beine an und suchte nach ihrem Jagdmesser. Auch dieses war fort. Was ihr blieb, war Gabriels Armband mit den Nadeln. Ihre violetten Augen überschauten den dunklen Raum und sie erkannte das sie im Frachtraum eines Schiffes war. Es schwankte kaum. Sie waren also noch im Hafen oder zumindest noch nicht auf hoher See...

Valentina streckte den Rücken durch und schob ihr Kinn vor. „Gebt mir Wasser!“, verlangte sie trotzig. Beide Männer drehten sich zu ihr um. Der eine schüttelte ungläubig den Kopf, während der andere ein trockenes „Non“ von sich gab.

„Warum nicht?“, hakte sie nach. „Kein Befehl…“, murrte er und der andere nickte zustimmend.

„Dann sagt mir, auf welchem Schiff ich bin!“

Non“, kam es ihr genervt entgegen.

„Wer ist der Kapitän?!“

Strapaziert erhob der bärtige Mann seine Stimme. „Niemand, den du kennst!“ Er verlor so langsam die Geduld.

„Wie lange bin ich schon hier?!“ Nun stand er erbost auf. „Wo werde ich hingebracht?!“, schrie sie ihn an. „Und wer zum Teufel seid ihr?!“ Mit erhobener Hand holte er aus und verpasste ihr mit seinem Handrücken eine harte Ohrfeige. Ihr Kopf schleuderte zur Seite und es brannte furchtbar an ihrer Wange.

„Sei endlich still, Weib! Deine Fragen werden noch früh genug beantwortet! Aber nicht von uns!“ Vom Boden hob er ruckartig einen kratzigen Jutesack auf und stülpte ihn ihr über den Kopf. Dann warf er eine stinkende Decke über sie drüber. „Verdammtes Miststück…“, grunzte er ins Dunkel hinein und Valentina hörte den anderen hämisch lachen.

Es half alles nichts. Sie musste warten. Nur drei Dinge waren sicher: Sie war auf einem Schiff, es gab eine verantwortliche Person und sie war in ein bösartiges Verbrechen hineingeraten!

***

Es waren wohl ein paar Stunden vergangen, denn Valentina spürte, wie ihre Gelenke steif geworden waren. Noch immer blind von den muffigen Säcken über ihrem Kopf, hörte sie einen Mann, der oberhalb einer Treppe stehen musste, Befehle durch den Frachtraum blaffen. Murrend erhoben sich wohl die anderen beiden Männer. Dann wurde sie an den Schultern gepackt und hochgezogen.

Endlich nahm man ihr den stinkenden Jutesack vom Kopf und bevor sie auch nur ein Wörtchen sagen konnte, schmeckte sie ein raues Tuch in ihrem Mund. Sie war geknebelt. Zusätzlich stülpte man ihr erneut einen miefenden Sack über. Doch dieser war länger, sodass sie bis zu den Knöcheln eingepackt war. Schwungvoll wurde sie von einem der Männer über die Schulter gehievt.

Es ging los!

Valentina wurde die Treppen hinaufgetragen und man schwenkte sie dabei mehrmals umher. Sie strampelte unentwegt und aus ihrem Mund kam ein kaum hörbarer dumpfer Schrei. Eine sperrige Tür knarzte. Die Männer fluchten und ein kalter Wind sauste ihr die Beine hinauf. Sofort stellten sich Valentina die Nackenhaare auf und sie bekam Gänsehaut. Sie hörte ein sachtes Wellenrauschen unter sich oder gar über ihr? Sie konnte es kaum ausmachen. Scheinbar balancierte man sie aber über Wasser.

War ich etwa noch auf der ISABELLA? Kam es ihr in den Sinn.

Nun ging es plötzlich schneller voran und sie hörte Pferde schnaufen. Mit einem Ruck warf man sie auf einen Karren. Dabei schlug sie mit dem Kopf auf und es drehte sich alles.

Dann verlor sie das Bewusstsein.

***

Auf der OTARIA, nachmittags, 30. Juni 1680

Mit einem kräftigen Stoß wurde Justine aus der Kapitänskajüte geworfen. Das Zimmermädchen kam direkt hinterher geflogen und stolperte ungelenk über sie drüber.

Skål, Remy und die anderen Seemänner, die an Deck waren, ließen überrascht ihre Arbeit liegen. Hastig standen die beiden Frauen auf und klammert sich verängstigt aneinander fest. Aus dem Schatten des Korridors stapfte Gabriel erbost hervor und zielte schnellen Schrittes auf sie zu. Sie kreischten auf und wichen ihm rückwärts aus.

„Ich frage dich ein letztes Mal!“, knurrte er Justine wütend an. „Wo ist sie und was weißt du?!“ Justines Kinn bibberte heftig, doch dann reckte sie es frech hervor und meinte salopp: „Ich weiß es nicht!“

„Du lügst!“, blaffte er ihr direkt hinterher. Erschrocken zuckte sie mit den Schultern und kniff die Augen zu.

„Aber ich weiß wirklich nichts von all dem!“, stampfte sie kindisch mit ihrem Fuß auf.

Gabriel horchte auf und witterte seine Chance mehr zu erfahren. „Von was, weißt du nichts, Justine?!“ Er trat bedrohlich näher und die junge Adelstochter fing an herum zu stammeln. „Von-von…!“

„VON WAS, willst du nichts wissen, Justine, wenn du schon von der ISABELLA auf mein Schiff fliehst und dich dabei als eine andere Frau verkleidest?!“, herrschte er sie an. Sie kam ins Stottern und schaute sich hilfesuchend um. Doch die Seemänner beäugten sie nur stillschweigend. „Ich… Ich weiß nicht, was er damit genau bezwecken w-wollte… aber…“

Die goldenen Augen, die sie fixierten, zogen sich zusammen. „Wer?“, kam es bissig aus ihm hervor. Doch Gabriel hatte bereits eine Ahnung, von wem sie sprach, und versuchte es einfach sie direkt darauf anzusprechen. „Was wollte dein skrupelloser Cousin damit bezwecken?!“, hakte er nach.

„Pascal, er... er sprach von einer Überraschung und-“ Justin riss die Augen plötzlich auf und hielt sich die Hände vor den Mund. „Oh Non…!

Gabriel schnaubte zufrieden und sein Mundwinkel zuckte nach oben. „Was hat dein dreckiger Cousin vor, Justine?“ Seine Stimme war nun ruhiger, doch noch immer bedrohlich. Justine hatte ihren Fehltritt erkannt und in ihrem Kopf überschlugen sich die Befürchtungen! Wenn sie ihm sagte, das Pascal dieses Bauernweib mit sich genommen hatte, dann würde er ihrem Cousin hinterherjagen und dieses gierige Miststück würde wieder alles kaputt machen. Das durfte auf keinen Fall passieren!

Trotzig überkreuzte sie die Arme vor der Brust und hob erneut ihr Kinn an. „Ich sage nichts, bevor du mich nicht heiratest!“

Wie bitte? Gabriels Stirnader zuckte und seine Augen verfinsterten sich sogleich erneut. Hat dieses dusselige Weib überhaupt den Ernst der Lage verstanden?

Skål fing aus heiterem Himmel an schallend zu lachen. „Hör sich einer die kleine Mademoiselle an! Heiraten will sie unseren Capitaine!“ Remy stieg dunkel glucksend mit ein, genauso der Rest der Crew. Justine dagegen wurde rot.

„Was gibt es da zu lachen? Er hat mir doch zwei Jahre lang den Hof gemacht!“, rief sie verzweifelt um sich. „Oui…“, hörte man Gabriel leise aus dem Gelächter heraus. „Ich war freundlich zu dir, weil mich deine Schwester mit meiner wahren Identität erpresst hat...“ Mit langsamen Schritten kam er ihr entgegen. „Doch mir scheint das diese kleine, stille Abmachung etwas zu früh ausgeplaudert wurde...“ Dann stand er direkt vor ihr und nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt. „Alors, nun habe ich keinen Grund mehr höflich zu dir zu sein.“

Er packte sie grob am Handgelenk und drehte es ihr auf den Rücken. Justine kreischte auf und wurde von Gabriel von Deck gebracht. Das Zimmermädchen zog er am anderen Arm mit sich.

Jämmerlich umher wimmernd stolperten sie die Treppe hinunter und einen schmalen Flur entlang. Gabriel stieß mit dem Fuß die Holztür zu einer winzigen Kajüte auf. Dort warf er die beiden Mädchen hinein und schloss sofort zu.

Non! Lass mich raus! Das ist doch alles nur ein fürchterliches Missverständnis!“, schrie Justine schrill auf und hämmerte kläglich gegen die Tür. „Gabriel!!“, kreischte sie erneut in hohem Ton. Doch er rannte bereits wieder nach oben.

Unterwegs warf er einem seiner verdutzten Seemänner den Schlüssel zu. „Drei einfache Mahlzeiten! - Wasser, kein Wein! - Deine Verantwortung!“, befahl er ihm knapp auf Italienisch. Der junge Mann fing gerade noch so den Schlüsselbund auf und hörte, wie sich Justine dumpf aus der Kabine beschwerte.

„Aber… aber Capitaine!“, japste er überrascht. „Ich spreche kaum Französisch!“

„Umso besser!“, rief Gabriel hinterher und war verschwunden.

Als er wieder an Deck kam, teilte er hastig seine Leute zur Suche ein. „Remy! Du streifst mit einer Handvoll Männer durch die Tavernen und suchst nach Hinweisen auf Pascal De Barbarac! Passt auf das euch keiner entdeckt!“ Sein zweiter Maat nickte und schob sofort zwei Seemänner vom Schiff.

„Skål! Du wirst dich im Hafen umhören. Wenn es sein muss mit Nachdruck!“

„Ay, Capitaine!“, grinste Der Norweger und nickte ebenfalls.

„Und der Rest von euch macht die OTARIA Kampf bereit! Ihr Kapitän ist zum Spießgesellen für den Mord an Comte De La Varga geworden!“ Die Seemänner riefen ihm in einem Satz zu und machen sich sogleich an die Arbeit. Gabriel ließ das Gewusel dabei hinter sich und stapfte zurück in seine Kajüte.

***

Das Schiff RECEVEUR, 1. Juli 1680

Pascal De Barbarac saß entspannt auf dem Tisch in seiner Kajüte der RECEVEUR. Ein einfaches Handelsschiff, mit einem einfach denkendem Kapitän und einer einfachen, nicht denkenden Crew aus Seebären… Dafür hatte er nur ein wenig mehr mit dem Goldbeutel klimpern müssen und schon war dieser einfältige Mann, der sich Kapitän nannte, bereit seinem besonderen Wunsch nachzukommen und ihn dann nach Frankreich zu segeln.

Allerdings ließ sich dieser alte Kautz nicht dazu überreden, den direkten Seeweg zu fahren. Kapitän Blache wollte zuvor unbedingt nach Akadien fahren, um in Fort Port Royal seinem eigentlichen Geschäft nachzugehen. Dem Handel.

Pascal nahm es gelassen. Damit bekam er mehr Zeit, sich mit Valentina auseinanderzusetzen. Er schaute auf die Uhr. Es war bereits weit nach drei Uhr nachts und eigentlich müssten die Männer längstens mit ihr hier sein. In jenem Augenblick klopfte es grob an der Tür und herein kam ein bärtiger großer Seemann, der ein strampelndes Bündel über den Schultern trug.

Mon Dieu, ich bin ja ganz aufgeregt! kicherte Pascal in sich hinein und seine Augen fingen an zu glänzen. Es ist, als hätte ich bereits Geburtstag und mein größter Wunsch geht in Erfüllung! Formidable!

Er hörte sie leicht nach Luft schnappen, als sie von dem Seemann auf den Stuhl drapiert wurde. Dann zog man den Sack von ihrem Kopf.

Valentinas Haare flogen nach oben und im ersten Moment musste sie angestrengt blinzeln, um sich zu orientieren. Man nahm ihr auch endlich diesen dreckigen Knebel aus dem Mund. Jetzt konnte sie besser atmen und spuckte die trockenen Fussel aus ihrem Mund. Ihre Augen wanderten umher. Sie war wohl in einer Schiffskabine. Das erkannte sie an der Einrichtung und den Fenstern.

Dann sah sie einen selbstbewusst, grinsenden Pascal De Barbarac vom Tisch aufstehen. „Willkommen auf der RECEVEUR, mon Bijou!“, begrüßte er sie herzliche und breitete dabei die Arme aus.

„Bitte verzeih die Umstände, unter denen du heute Nacht hier anreisen musstest. Leider war dies unumgänglich! Sonst wüsste Capitaine Beauchamp sofort wo du wärst und er würde dich umgehend in eine Zelle stecken lassen.“ Pascal ging vor ihr in die Hocke und legte seine Hände um ihre Schenkel. Dabei streichelte er sie vergnügt und beinahe liebevoll. „Doch das konnte ich nicht zulassen… Denn nur bei mir bist du in Sicherheit“, raunte er.

Lange starrte sie ihn an. In diese selbstgefällige Visage, deren Lippen sich zu einem schmierigen Grinsen hochrollten. Valentinas Augen verdunkelten sich. „Wohl auch nur so lange, wie ich dir dein Bett warm halte!“, zischte sie.

Er lachte auf und schüttelte den Kopf. „Valentina, ich bezweifle stark, dass du dir deiner aktuellen Situation genau bewusst bist.“

„Dann klär mich auf! De Barbarac!“, verlangte sie bissig. Irgendwie musste sie ihn zum Reden bringen, um herauszufinden was er mit ihr vor hatte. Auch wenn sie es sich längst denken konnte...

Seine braunen Augen machten zuerst einen zweifelnden Eindruck, doch dann stand er auf und ging zu den beiden Seemännern rüber. Sie tuschelten miteinander, dann gingen sie hinaus. Pascal stand nun hinter ihr und sie hörte, wie er ein Messer zog. Valentina erschrak, als seine Finger sachte über ihre Wange glitten. Die Klinge blitzte auf der anderen Seite auf und sie verkrampfte sich unweigerlich. Er keuchte leichte auf, als er seine Hand über ihren Busen streifen lies, weiter über ihren Bauch und hinunter zu ihren gefesselten Händen. Die andere Hand mit dem Messer, begleitete ihn auf seiner Erkundungstour.

Es ratschte auf einmal!

Valentinas Fesseln waren gelöst. Ihr Atem ging stoßweise und Pascal tauchte wieder vor ihr auf. Dann beugte er sich runter und schnitt auch ihre Fußfesseln auf. Sie war frei.

„Es ist ganz einfach, mon Bijou“, sagte er völlig gelassen und steckte das Messer weg, „alle Welt weiß, dass du deinen eigenen Ehemann ermordet hast.“

„Lüge!“, warf sie ihm zornig dazwischen und stand empört auf.

„Und dass du vom Schiff geflohen bist...“ Pascal schaute nun genauso gelangweilt auf seine Fingernägel, wie er ihr antwortete.

Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. „Du lügst…!“

„Ein kleiner Kreis Auserwählter weiß übrigens auch, um deine langjährige Affäre mit Capitaine De Mart… Oh, Pardon!“, japste er nun theatralisch auf. „Es war Herzog Sohn Gabriel Du Braque, nicht wahr?“

Valentina wurde aschfahl im Gesicht. Woher weiß er von Gabriels wahrer Identität?

„Das ist alles eine gemeine Lüge...“

Er schüttelte abermals den Kopf. „Non, Valentina. Eure... Liebesbriefe… reichen bestimmt sechs oder sieben Monate zurück. Glaub mir, dafür habe ich schon gesorgt.“

Er kam ihr bedrohlich näher und flüsterte: „Dank eures kleinen Tête-à-Têtes auf der OTARIA, hatte ich eine wundervolle Vorlage erhalten…“ Valentina sog die Luft scharf ein. „Das du dich nicht schämst!“, zitterte sie wütend. Er gluckste auf und lief an ihr vorbei. Sie hörte, wie er das Türschloss umdrehte.

So langsam wurde ihr klar, was Pascal angerichtet hatte. Nicht nur das er ihren Ruf und den von Gabriel auf derart geschmacklose Art schädigte - auch wenn ein Funke Wahrheit darin steckte - wagte er es sogar sie zu entführen! Ganz zu schweigen von seinem Part bei der Ermordung von Bastien!

Valentina war von all den Ereignissen noch so aufgewühlt und regelrecht überrollt, dass ihr jetzt erst bewusst wurde, dass es Jacques war, Bastiens langjähriger Diener, der ihn auf der ISABELLA erstochen hatte. Justine dieses dumme Miststück, war ebenfalls Teil dieser Intrige. Ihr Puls hämmerte aufgeregt an ihrem Hals. Sie musste dringlichst ihre Gedanken sortieren und eine Flucht planen.

„Ich bin deine einzige Überlebenschance“, hörte sie Pascal entspannt sagen und riss sie damit aus ihrer Konzentration.

„Der Einzige, der dich Reinwaschen kann. Und ich, nur ich allein, kann dich retten.“ Seine Worte kamen nahezu genüsslich aus ihm heraus, als er hinter ihr wieder auftauchte. „Kein anderer…“, flüsterte er und legte seine Hände auf ihre Schultern.

„Du irrst dich!“ Hastig trat sie nach vorn und dreht sich zu ihm um. Pascal lachte kurz auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Das Messer, mit dem er ihre Fesseln gelöst hatte, steckte leger in seiner pompösen Schärpe. „Ach ja?“

Oui! Gabriel wird mich suchen und finden!“, keifte sie. Er hob eine Augenbraue an. „Bist du dir da auch ganz sicher?“

„So sicher wie das Amen in der Kirche!“

Er gluckste amüsiert weiter. „Auch, wenn ihn eine hübsche Frau ablenkt?“

„Welche Frau?“ Ihr wütender Blick verwandelte sich in eine irritierte Mine.

Alors, der Capitaine ist schließlich auch nur ein Mann…“ Pascal löste seine Arme und kam ihr näher. „Und Justine...“ Beim Klang ihres Namens drehte sich Valentinas Magen beinahe um. „Kann auf ihre ganz eigene Art und Weise… Nun ja... verführerisch wirken und Männern ebenfalls den Kopf verdrehen“, kam es beinahe bewundernd aus ihm hervor. „Als kleiner Ansporn reicht ihr bereits der aussichtslose Traum, Herzogin zu werden, vollkommen aus…“

Valentina fiel es wie Schuppen von den Augen. Deshalb hatte sich Justine also verkleidet! Sie war zu Valentinas Double geworden, als sie schreiend aus der Kajüte floh! Und offensichtlich rannte sie nun gedankenlos und mit gierigen Augen einer schäbigen Illusion hinterher!

Ihre Schultern zuckten hoch und sie lachte bitter durch ihre zusammengepressten Lippen. „Deine Cousine will Capitaine De Mart verführen?“ Pascal legte dramatisch seine Hand auf sein Herz. „Oh Non! Sie will Herzog Gabriel Du Braque heiraten!“ Ein unterdrücktes Lachen brach nun vollends aus Valentina heraus und sie warf den Kopf nach hinten. Das ist ja lächerlich!

Sie musste sich auf dem Tisch abstützen, damit ihr Körper vor lauter Gelächter nicht in sich zusammensackte. De Barbarac stieg in ihr Lachen sachte mit ein. „Touché, Pascal! Dein grausam eingefädeltes Spiel hat alles auf den Kopf gestellt!“, lachte sie noch immer, „und doch warst du so dumm, deine närrische Cousine an die Seite des verruchten Chevaliers De Mart zu platzieren!“ Sie drehte sich lachend von ihm weg und wandelte kokett durch die Kabine. Pascal schluckte verbissen. Weniger wegen dem was sie sagte, sondern vielmehr wegen ihres verführerischen Hüftschwungs.

Breites Becken hin oder her, ich will sie! schallte es in seinem Kopf.

„De Mart wird nicht eher ruhen, bevor er nicht jedes noch so kleine Wort aus ihr herausgepresst hat, welches er wissen will“, meinte sie heiter überzeugt. Mit den Händen fuhr sie über Regale, Bücher und Kleinzeug, an dem sie vorbeikam. Ihr Blick ging zur Seite. Die dortige Fensterfront war zapfenduster und sie wusste nicht in welchen Gewässer sie war. Vermutlich aber noch in Québec...

Wie auch immer... Sie musste dringlichst aus diesem Zimmer heraus! Besser noch, von diesem Schiff! - Oder Pascal! Jedenfalls einer von beiden...

„Er wird kommen und dich jagen, Pascal...“ Sie schaute leicht schüchtern über ihre Schultern. De Barbarac beobachtete sie starr und sein Puls stieg nach oben. Valentina lächelte sanft und kreiste weiter umher. „Ohne Unterlass wird er seine Piratencrew dazu antreiben der RECEVEUR zu folgen. Und… solltest du dich weigern mich freizulassen...“ Sie kam ihm langsam mit den Händen hinter dem Rücken entgegen. Ihr Dekolleté schwang dadurch noch intensiver hin und her. „Dann wird er dieses Schiff auf den Grund des Meeres befördern... Ohne Gnade.“

Pascal schluckte sichtbar, während seine Augen über ihren Körper flogen und nicht wussten wo sie lieber hinschauen wollten. Diese Weib weiß gerade ganz genau, was sie da tut, dachte er sich und in seiner Hose fing es an zu ziehen.

„Du solltest also wachsam bleiben...“, vernahm er nun ihre liebliche Stimme, die sich ihm genähert hatte.

Er konnte sie bereits um die Taille greifen, als sie ihn umkreiste, sich an ihn schmiegte und in sein Ohr flüsterte. „...Mein wundervoller Pascal...“ Nun war er steinhart geworden. „Wundervoll?“, raunte er heiser. „Woher diese plötzliche Einsicht, Comtesse…?“ Sie lachte leise und ließ ihn nicht aus ihrem amethystfarbenen Blick entfliehen.

Ihre Körperseiten waren eng aneinandergepresst und aus heiterem Himmel traf ihn etwas hartes an den Hinterkopf. Pascals Blick fing an sich nach links und rechts, und dann wieder nach links zu neigen. Dann fiel er hart auf die Knie und sackte schließlich zur Seite weg.

Alles drehte sich. Hörte Valentina irgendetwas sagen und gleich darauf wurde ihm die Luft aus den Lungen gedrückt. Ein pfeifendes Keuchen entfleuchte ihm, während über ihm ihr Busen schwebte. Dann, ein grässlicher Schmerz, der sich durch seine linke Hand zog. Das Gewicht auf seiner Brust verschwand wieder, seine Sicht wurde klarer und er hörte wie sich das Schloss der Kajüte öffnete. Auf dem Rücken liegend schaute er auf und sah aus diesem schrägen Blickwinkel, wie Valentina aus der Kabine verschwand. „Bleib… bleib stehen! Du Miststück!“, schrie er ihr ächzend nach. Es brannte und schmerzte fürchterlich in seiner Hand und er konnte sie nicht von der Stelle bewegen, ohne sich dabei selbst zu foltern. Als er sich endlich umdrehte und nachsah, knurrte er erbost auf und zog wütend sein eigenes Messer aus seiner Handinnenfläche.

Valentina hatte ihn tatsächlich auf den Boden aufgespießt!

***

Valentina warf die schwere Buchstütze von sich, mit der sie Pascal gerade über den Schädel gezogen war.

Sie musste sich beeilen und von diesem Schiff herunter! Zuvor sollte er allerdings eine kleine Erinnerung von ihr bekommen. „Alors, Monsieur De Barbarac…“, knurrte sie und drückte ihr Knie mit vollem Gewicht auf seinen Brustkorb, „besser Ihr bleibt hier, während ich mich von Bord stehle!“

Sie schnappte sich sein Messer aus der Schärpe, beugte sich über ihn zu seiner linken Hand und mit einem kräftigen Hieb, stieß sie das Messer hinein. Sie spürte, wie sie den Holzboden darunter traf. Sofort stand sie auf und rannte zur Tür. Glücklicherweise hatte er die Schlüssel im Schloss belassen. Schwachkopf, dachte sie sich und ihr Mundwinkel zuckte belustigt nach oben.

Sie rannte in den Flur hinaus und hörte noch, wie er ihr hinterher schrie und sie verfluchte. Wo war sie nur? Auf welchem Deck und überhaupt in welchen Gewässern? Sie entdeckte eine Treppe und zog sich hastig nach oben. Als sie aus der Tür sprang und endlich frische Luft atmen konnte, bemerkte sie, das es auch hier stockdunkel war. Sie rannte zur Backbordseite.

Nichts.

Nur Dunkelheit und das sanfte Schlagen der Wellen. Schnell sprang sie auf die andere Seite. Doch auch hier nichts, außer tiefe schwarze Finsternis.

Mon Dieu, wo bin ich denn nur?

Hastig und verzweifelt drehte sie sich um. Mehrere Männer kamen verschlafen aus den Türen heraus, darunter zwei bekannte Hünen, die die Treppen vom Steuerdeck herunter traten. „Schnappt euch dieses verfluchte Dreckstück! Na los!“, wetterte es durch die stille Nacht. Und sogleich entsprang ein chaotisches Katz und Mausspiel!

Valentina rannte mit gerafften Röcken durch die verschlafenen Seemänner hindurch. Lautstarke Männerstimmen folgten ihr und sie musste immer wieder ihre Richtung ändern. Sie war zum Glück schneller und wendiger als die grobschlächtigen Hünen. Doch ihre Ausdauer ließ diesmal schnell nach! Hunger, Durst, Kopfschmerzen und die steife Haltung, die sie all die Stunden ausharren musste, machten sich bemerkbar.

Sie hetzte die Treppen wieder hinunter. Es blieb ihr ja kaum etwas anderes übrig! Eine Tür fiel ihr ins Auge und sie riss sie auf. Darin befanden sich allerdings nur schlafende Seemänner in ihren Hängematten. Erbost schlug sie sie Tür wieder zu.

„Haben wir dich!“, knurrte ein bärtiger Mann direkt vor ihr und wollte sie einfangen. Erschrocken duckte sie sich und krabbelte über den Boden zur nahen Treppe. Ihre Hand verfehlte die Stufe und sie polterte hinunter. Auf dem Rücken liegend, keuchte Valentina kurz auf und tastete sich überall ab. Sie hatte sich beim Sturz nicht verletzt. Was für ein Glück, du dummes Ding! Sofort stand sie auf und rannte weiter.

Das schwere Stampfen der Männer war gefährlich näher gekommen. Sie huschte noch eine Treppe hinunter und noch eine! Es roch mittlerweile modrig und die ersten Ratten waren zu sehen. Sie musste nun im Lagerraum sein. Valentina drehte sich panisch umher. Hinter ihr, das Poltern einer unausweichlichen Männerschar!

„Hier geht es für dich nicht weiter, Püppchen!“, rief ein Seemann lachend und seine Begleiter stiegen mit ein. Von wegen! Wütend zerrte sie an der letzten Tür, stieg die Treppen hinunter und hetzte durch das Lager hindurch. Am Ende, das wusste sie, waren die Schmiedeeisernen Käfige für Gefangen.

Das ist eine fürchterlich dumme Idee, Valentina! schallte sie sich. Aber was sein muss, muss sein!

Im Vorbeirennen schnappte sie sich sämtliche Schlüssel, flüsterte ein Stoßgebet zum lieben Herrgott, hüpfte leichtfüßig in den ersten Käfig und sperrte sich selbst ein!

Die Männerschar griff nur wenige Sekunden später grölend durch die Stangen hindurch. Bekamen Valentina aber nicht zu fassen, da sie sich flink in die hinterste Ecke gestohlen hatte. Sie gierten nach ihr und machten widerliche Bemerkungen. Ein paar fassten sich sogar in den Schritt und rieben sich hemmungslos.

„Macht Platz, ihr Missgeburten!“, schrie eine bekannte und überaus gereizte Stimme durch den Raum.

Überrascht drehten sich die Männer um und schubsten sich gegenseitig beiseite. „Na los!“, blaffte die Stimmer erneut. Pascal stand nun an der verschlossenen Käfig Tür und rüttelte wütend daran. Sein Kopf war ganz rot, seine Haare verschwitzt und unfein zerzaust. „Du gewieftes Weibsbild! Komm da raus! Sofort!“

„Nur über meine Leiche!“, schrie sie ihm entgegen. Erneut knurrte er auf. „Das hast du nicht umsonst getan, Valentina!“ Pascal schielte kurz auf seine verletzte Hand, die er notdürftig mit seiner Seidenschärpe abgebunden hatte. „Und von mir aus, bleib da drin und verrotte! Doch lass dir eines gesagt sein:“ Mit erhobenem Zeigefinger und zusammengebissenen Zähnen, gab er seinen nächsten Worten noch mehr Nachdruck. „Du wirst noch zu mir gekrochen kommen und mich um Gnade anwinseln!“

„Davon träumst du wohl! Nichts dergleichen werde ich tun, De Barbarac!“, schnaufte Valentina. Ihr Puls raste umher. Doch ihr dummer Plan hatte funktioniert! Da sie nicht von Bord kam, musste sie sich Pascal anderweitig vom Hals schaffen, damit er sie nicht in sein Bett zerren und schänden konnte. Überhaupt war sie mehr als sprachlos, und natürlich dankbar darüber, das sie diesem Schicksal bisher entkommen war!

Aber... wie lange wird mein Glück noch anhalten?

Angesichts ihrer aktuellen Lage, würde dies wohl nicht mehr all zu lange der Fall sein...

„WAS ZUM GEIER IST DENN HIER UNTEN LOS?!“, brüllte eine raue und monströse Stimme von oben herab. Sämtliche Köpfe zuckten zum Lagereingang. Ihrer eingeschlossen. Den ein oder anderen Seemann hörte sie das Wort Kapitän flüstern und ein schweres Stapfen hallte durch den Raum.

„Monsieur De Barbarac, erklärt mir diesen Tumult!“, grollte die raue Stimme. Pascal biss die Zähne giftig zusammen und trat erbost gegen die Eisenstangen, dann drehte er sich um und ein dicker, beinahe fetter Mann, tauchte auf.

„Capitaine Blache“, murrte Pascal. „Ist sie das?“, fragte der Kapitän mit einem Kopfnicken zu Valentina, als er erhaben durch die Stangen in den Käfig blinzelte.

Er ist also der Kapitän der RECEVEUR. Capitaine Blache... Valentina beäugte ihn konzentriert. Der fremde Mann vor ihr hatte kleine Knopfaugen und seine bärtigen Wangen hingen wie zwei Hamsterbacken an seinem kleinen Kopf herunter. Er schnaufte schwermütig durch seinen halbgeöffneten Mund. Schwulstig glänzten seine Lippen im fahlen Licht. Und seine kahle Stirn glänzte vor lauter Schweißperlen.

Alles in allem sah Valentina nur eine in schwarz gekleidete, fettige Masse vor sich, die von zwei dünnen Beinen getragen wurde.

Pascals Kopfnicken und der Blick über seine Schultern, holte sie aus ihrer Beobachtung zurück. „Sie hat sich selbst eingeschlossen und die Schlüssel… sind bei ihr im Käfig.“ Der Kapitän gluckste belustigt auf. „Cleveres Weib. Oder aber auch über die Maßen dumm.“ Dann drehte er sich um und rief: „Haltet sie bei Wasser und Brot. Eine Mahlzeit am Tag. Und teilt drei Mal, je zwei Mann zur Wache ein! Am besten bewaffnet ihr euch diesmal ordentlich. Das Weib ist euch immerhin allen durch die Finger geschlüpft!“

Laut lachend wandte er sich De Barbarac zu. „Glaubt mir, Monsieur De Barbarac, lange hält das eine Frau hier unten bei den Ratten nicht aus.“ Glucksend verließen die Seemänner und auch Pascal einer nach dem anderen den Lagerraum. Eine winzige Lampe und die beiden bekannten bärtigen Wächter, wurden Valentina dagelassen.

Es war wie ein Déjà Vu, welches nur wenige Stunden zuvor, zum ersten Mal stattgefunden hatte. Doch diesmal schnaufte sie erleichtert auf und sackte auf den feuchten Boden zusammen.

Endlich…


Übersetzung:

Formidable! = Hervorragend!

Mon Bijou = Meine Schöne

Oh, Pardon = Oh, Verzeihung