Kapitel 1
Mina
Es war ein seltsames Gefühl in einem Gerichtssaal zu sitzen für Mina, obwohl es doch ein stückweit mit dazu gehörte in ihrem Job. Es müsste wohl an der Situation liegen. Hier handelte es sich nicht um eine unbekannte Person im Zeugenstand, sondern um ihre Freundin. Eine die sie seit Jahren kannte.
Vor dem Gerichtstermin hatte ihr Kollege sie gefragt, ob sie bemerkt hatte, dass ihre Freundin sich mit einem Serienmörder traf. Sie hatte nur den Kopf schütteln können. Nein, nichts davon hatte sie mitbekommen, obwohl die beiden sich wohl schon wochenlang trafen.
Es war auch ein Stück Scham das sie verspürte. Scham darüber, dass sie nie nach dem Leben ihrer Freundin gefragt hatte. Mina war so auf sich und ihren Job fokussiert, dass sie ihrer Freundin schlichtweg vergessen hatte. Oder eher das auch sie ein Privatleben hatte.
Jetzt hatte sie es sich vorgenommen das zu ändern. Wie eine Klette hing sie an ihrer Freundin, doch diese bekam nicht viel davon mit.
Wenn man eines Morgens vom SEK geweckt wird und einem gesagt wird, dass der neue beste Freund ein Mörder ist, dann ist man erstmals eher ungläubig. Diesen Unglauben sah sie immer noch in den Augen ihrer Freundin als sie auf dem harten Holzstuhl saß und die Tage schilderte die die beiden miteinander verbracht hatten. Trotzdem war es wahr. Dort saß ein Mörder.
Mina konnte es selbst fast nicht glauben, den dieser Mann der mit entspannten Gesichtsausdruck dasaß wirkte so harmlos. Mit den leicht lockigem Haar fast sogar kindlich. Wenn seine Blicke die ihrer Freundin trafen war es ein warmer Blick, aber sobald er von ihr weg sah, wurde dieser wieder kühler und teilnahmslos. Es selbst sagte bei seiner eigenen Verhandlung nichts, nur sein Anwalt.
Die Verhandlung war schon längst nach Bekanntgabe ein Medienevent. So war der Raum brechend voll. Wie diese Verhandlung ausgehen würde, dass wusste eigentlich jeder. Trotzdem war jeder gespannt gewesen, als der Richter sich für die Urteilsverkündung erhob.
Lebenslang mit anschließender Sicherheitsverwahrung.
Ein Gefühl der Erleichterung durchströmte Mina. Nie würde dieser Mann mehr in die Freiheit gelangen. Das war auch gut so.
Nun standen sie außerhalb des alten Gerichtshauses, in dessen Vorhof ein Sektempfang aufgebaut wurde. Mina stand keine 5 Minuten, da hatte man ihr bereits ein Glas mit der blubbernden Flüssigkeit in die Hand gedrückt. Elly die die ganze Zeit neben ihr war ebenfalls. Sie hatte zuerst einen überraschten Gesichtsausdruck, dann einen angesäuerten.
„Läuft das immer so, dass wenn man hört, dass ein Mensch den Rest seines Lebens nicht mehr in die Freiheit darf, man es feiert?“, fragte sie mit einem hohlen Ton.
„Mensch Elly, das war ein Serienmörder! Was sollte man sonst mit ihm tun?“, sagte Mina provokant zurück.
„Ihm helfen. Psychologisch betreuen.“
„Das wird er doch.“. Mina rollte mit den Augen.
„Du weißt, wie es in solchen Einrichtungen aussieht. Die stellen ihn ruhig, werfen ihn in die Zelle, wo er dann vor sich hin vegetiert.“
„Und wenn schon. Er hat es verdient!“. Entsetzt sah Elly sie an.
„Niemand hat sowas verdient. Sicher ist es falsch und grausam was er getan hat, aber…“. Minas Freundin fehlten die Worte. Einen Serienmörder zu verteidigen war falsch und als gerade die Angehörigen der Opfer das Gebäude verließen, verstummte Elly vollständig. Beschämt sah ihre Freundin auf den Boden.
Mina seufzte. „Komm gehen wir einfach nach Hause.“, entschied sie. Die Rückfahrt verlief schweigend, aber beide waren auch froh über diese Ruhe.
Bald schweiften allerdings Minas Gedanken ab zu ihrem Verlobten. Sie planten ihre Hochzeit im nächsten Sommer und es gab einiges zu tun bis es soweit war.
Sie freute sich schon auf die ruhigen Tage die sie jetzt erstmal haben würde, bis sie den nächsten Fall bekam. Vielleicht sollte sie mit ihrem Verlobten essen gehen. Wenigstens mit ihm würde sie etwas feiern können, auch wenn ihr erster, großer, gelöster Fall ein bitteren Nachgeschmack hatte. Mina wollte es sich trotzdem nicht vermiesen lassen. Es war schließlich ihr Traum erfolgreiche Kriminalkommissarin zu werden. Trotzdem hatte sie sich eigentlich gewünscht, das ihre Freundin sich mit ihr freut.