Kapitel 1
Es war 6.30 Uhr und der Wecker klingelte unbarmherzig. Es war wohl doch keine so gute Idee gewesen, AC/DC zu benutzen, um meinem ewigen Zu-Spät-Kommen den Kampf anzusagen, ich hatte nicht damit gerechnet, dass „Hoi hoi hoi“ nicht etwa dazu führte, dass ich voller Tatendrang aus den Federn hüpfte - sondern völlig entnervt den Stecker zog, weil ich alles andere war, nur nicht „TNT and Dynamite.“
Dem Drang, mich noch einmal umzudrehen, widerstand ich lediglich dank meiner geballten Willenskraft, die üblicherweise morgens um diese Uhrzeit bei etwa Null lag. Da für heute aber eine Klausur bei Professor Dr. Schmidbauer angesetzt war und ich außerdem außer dem Zu-Spät-Kommen noch dringlich die Thematik des unterdurchschnittlich schlechten Notendurchschnitts angehen musste, schälte ich mich mit einem langgezogenen Seufzer aus den warmen und überaus kuscheligen Decken. Während ich in die braunen Leggings schlüpfte, die achtlos auf dem Boden vor dem Bett lagen, wo ich sie gestern in einem Anfall akuter Müdigkeit hingeschleudert hatte, bimmelte nun auch mein Handy-Wecker- doppelt hält bekanntlich besser. Seit ich es geschafft hatte, die Bestenliste der notorischen Zu-Spät-Kommer anzuführen, hatte ich mir zusätzlich noch den Rolls Royce unter den High-Tech-Weckern angeschafft, in der Hoffnung, einmal nicht der stete, frühmorgendliche Lacher diverser Vorlesungen zu sein.
Insbesondere aber nicht Gegenstand diverser Frotzeleien „der Clinique“, deren Lieblingsbeschäftigung es unter anderem war, sich ausgiebigst mit den stilistischen und sonstigen Verfehlungen anderer zu beschäftigen, gerne auch mit den meinen zu früher Morgenstunde. Den Namen hatte Tilda ihnen verpasst, denn wenn sie nicht grade eine Vorlesung besuchten, hockten sie tratschend und lästernd beisammen und unterhielten sich neben ihrem fiesen Klatsch bevorzugt über die neuesten, sündhaft teuren Schönheitsprodukte und Modetrends. Unnötig zu erwähnen, dass sie meine Wenigkeit dabei nur zu gerne ins Visier nahmen, war ich doch in ihren Augen der Inbegriff eines faden Mauerblümchens, während Tilda mehr zu den „unrasierten Öko-Tussis“ zählte, jedoch schlagfertig genug war, um direkten Verbal-Attacken zu entgehen. Immerhin war das „Mauerblümchen“ besser dran als die „Gothic-Schlampen“ und die „nerdige Brillenschlange“, ihre bevorzugten Opfer.
Im Gegensatz zu mir nahm Tilda es notfalls jedoch mit allen dreien auf. Manchmal wünschte ich mir, ebenso selbstbewusst und tough wie sie zu sein, doch leider war ich davon weit entfernt. Wenn überhaupt, dann fielen mir die guten Sprüche immer erst hinterher ein. Und morgens schon gar nicht. Was sollte ich sagen- Morgenstund mochte bei anderen Gold im Mund haben, bei mir höchstens Blei. Da aber Vorlesungen üblicherweise genau dann stattfinden, musste ich mich gezwungenermaßen damit arrangieren. Dabei hatte ich mich schon so gefreut, dass die nervige Frühaufsteherei der Schulzeit baldigst der Vergangenheit angehören würde. Und während ich die Schule wenigstens mit dem Rad in 10 Minuten erreicht hatte, dauerte das bei der Uni deutlich länger- die lag nämlich in der nächstgrößeren Stadt, zu der ich mit „Morpheus“, meinem alten, klapprigen Polo, mindestens zwanzig Minuten brauchte. Wenn er denn überhaupt ansprang. Wenn es zu heiß oder zu kalt war, verweigerte er nämlich einfach den Dienst. Trotzdem hing ich an der alten Klapperkiste- er gehörte eigentlich meinem Bruder, der seit kurzem auf unbestimmte Zeit die Welt erkundete und ihn mir überlassen hatte. Und natürlich war mein Bruder ein höchst geschickter Bastler, der selbst das letzte Wrack zum laufen brachte, eine Begabung, die mir wiederum vollkommen abhanden kam. Ich war schon froh, wenn ich mich zum laufen brachte.
Tatsächlich fragte ich mich mit schöner Regelmäßigkeit, welche Begabungen ich überhaupt besaß, denn so richtig war mir das immer noch nicht klar. Laut meiner Esoterik-liebenden Mutter würde ich das schon noch herausfinden, denn ich hatte „ja alle Zeit der Welt.“ Wenn ich mir allerdings meinen zugegebenermaßen nicht sehr großen Freundeskreis betrachtete, kam es mir immer so vor, als wäre ich die einzige, die absolut null Plan hatte, was genau sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen wollte. „Sorge dich nicht, lebe!“, flötete meine Mum, wenn ich meine besorgten Beobachtungen mit ihr teilte, wie das allerdings genau funktionierte, war nicht ganz klar.
Sie jedenfalls lebte ziemlich gründlich, fand ich- erst gestern durfte ich mir das tragische und tränenreiche Ende ihrer letzten Liebesbeziehung bei einer Flasche Burgunder zu Gemüte führen. Ich hingegen war darüber nicht allzu traurig, denn ihre letzte Flamme war ein zwar gutaussehender, aber in meinen Augen ziemlich blasierter Orchideen-Züchter mit ägyptischen Wurzeln gewesen, der die unappetitliche Angewohnheit gehabt hatte, seine Zehennägel am Esstisch zu schneiden. Außerdem nuschelte er und hatte irgendwie immer Essenreste in seinem Bart. Alles in allem also kein wirklich tragischer Verlust. Fand ich zumindest. Meine Mum hingegen faselte irgendwas von „tantrischer Ekstase“ und „männlicher Libido“- das war dann der Zeitpunkt gewesen, wo ich mich endgültig verabschiedet und ziemlich angesäuselt ins Bett gewankt war.
Wir lebten in einem recht verwilderten Haus mit den Ausmaßen eines Schuhkartons am Rande eines kleinen Städtchens, meine Mum war alleinerziehend seit meiner Geburt, nach der sie sich von unserem Vater hatte scheiden lassen. Mein Bruder war damals 4 Jahre alt gewesen, er erinnerte sich kaum an unseren Vater. Jener hatte den Kontakt abgebrochen und war seinen Vaterpflichten lediglich in Form monatlicher Unterhaltszahlungen nachgekommen. Immerhin. Soweit ich wußte, war er mittlerweile wieder verheiratet und lebte irgendwo in Norwegen. Das Häuschen gehörte meiner Mutter, es war zwar klein, aber es lag außerordentlich schön und hatte einen wunderschönen, großen Garten. Vor zwei Jahren hatten wir es um einen kleinen, aber feinen Wintergarten erweitert, in dem ich im Sommer gerne nächtigte.
Ela, - eigentlich hieß sie „Raphaela“, aber sie konnte ihren Namen nicht ausstehen- meine Mum, betrieb ein relativ gutgehendes Yoga-Studio in derselben Stadt, in der sich auch die Uni befand, und alles in allem finanzierte sie damit recht passabel unseren Lebensunterhalt, wenngleich es immer wieder mal hier und dort eng wurde. Aus ebendiesem Grund hatte ich auch trotz Studium meinen Job im örtlichen Tierbedarf-Shop behalten- es war durchaus angenehm, über eigenes Geld zu verfügen, zudem wollte ich meiner Mutter nicht auf der Tasche liegen, auch wenn sie stets beteuerte, dass das in keinster Weise der Fall sei. Mein Bruder jedenfalls war hier keine große Hilfe- momentan schipperte er gerade in einem klapprigen Oldtimer die Route 66 entlang und hielt sich mittels diverser workaways und Gelegenheitsjobs über Wasser.
Zumindest verfügte er über einen Abenteuergeist, von dem ich gerne was abbekommen hätte. Insgeheim war ich ja immer der Ansicht gewesen, dass er und Tilda ein Traumpaar abgäben- leider war Tilda da ganz anderer Ansicht. Seine Vorliebe für ungewöhnliche Klamottendesigns - und das war noch gelinde ausgedrückt- mochte ihren Teil dazu beitragen. Noch jetzt erinnerte ich mich an die peinlichen Momente meiner schulischen Laufbahn, bei denen ich als Schwester des „Schizos“ gänzlich unfreiwillig ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit rückte und dabei am liebsten im Erdboden verschwunden wäre. Zum Beispiel als er im Taucheranzug in der Schule aufgekreuzt war, um „gegen die Oberflächlichkeit der heutigen Gesellschaft zu demonstrieren“. Leider erschloß sich der Zusammenhang den wenigsten. Oder als er auf Anraten meiner Mum seine „weibliche Seite entfaltete“ und sich monatelang in Frauenklamotten und Make-up zum Gespött machte, bis er Timo Schuster, dem allseits bewunderten Draufgänger, mit seiner männlichen Seite „die Fresse polierte“- ab da herrschte Ruhe und es wurde, wenn dann nur noch heimlich getuschelt. So oder so- ihm war das alles herzlich egal. Was ich absolut bewunderungswürdig fand. Tilda jedoch fand ihn einfach nur „weird“.
Aber auch ohne dass sie meine Schwägerin werden würde waren wir dickste Freundinnen von Kindesbeinen an. Und genau jene Freundin schickte mir grade die allmorgendliche Textnachricht: „Na Sonnenschein, schon wach? Hoffentlich. Denk dran, dass….“ Was täte ich nur ohne sie! Sie war meine Heldin, mein Fels in der Brandung, meine Schulter zum ausheulen, wenn ich mal wieder der Ansicht war, dass alle glücklich vergeben waren, genauestens wußten, was sie mit ihrem Leben anfangen wollten und wie man das anstellte und zudem noch mit einer normalen Familie und Familienkonstellation gesegnet waren. So wie Tilda eben. Deren Mutter war naturheilkundliche Zahnärztin, ihr Vater Anwalt und ihre zwei jüngeren Geschwister süß und vollkommen normal, wie der Rest der Familie. Und zu allem Überfluss gab es noch einen superknuffigen Familienhund. Seufz.
Ich fischte mein dunkelrotes Lieblingswollkleid vom Stuhl, zog den ausgeleierten, aber kuschlig warmen Strickmantel darüber und überlegte, wo ich meine Boots samt Stulpen abgelegt hatte. Ach ja- vermutlich neben dem Sofa, wo wir mitsamt dem Rotwein und zwei Tüten Chips schlußendlich gelandet waren. Mum lag noch schnarchend im Bett- ich konnte ihren wuschligen, rötlich-braunen Lockenkopf zwischen den Kissenbergen durch die einen Spaltbreit offen stehende Schlafzimmertüre ausmachen.
Leise schlich ich über den Dielenboden des oberen Stockwerks und vermied dabei sorgsam die knarzenden Bretter. Sollte sie ruhig ausschlafen- der Kater würde vermutlich nicht von schlechten Eltern sein, denn eigentlich vertrug sie überhaupt keinen Alkohol. Genau wie ich. Darum hatte ich auch nur ein Glas getrunken, allerdings ein reichlich volles. Der Rest ging auf ihre Kappe. Professor Snape, unser dicker, schwarzer und sehr realer Kater, erhob sich gemächlich vom flauschigen Wohnzimmerteppich, wo er, halb in eine auf dem Boden liegende Chipstüte vergraben, genächtigt hatte. Erwartungsvoll maunzend strich er mir um die Beine, während ich in meine Stiefel schlüpfte. „Schon gut. Ist ja nicht so, dass wir das Prozedere nicht jeden Morgen hätten, Dickerchen….“, sagte ich und kraulte ihn unter dem flauschigen Kinn. Sofort sprang der Motor an und ein tiefes Schnurren ließ seinen rundlichen Körper vibrieren. Er war der Inbegriff eines verschmusten Katzen-Klischees- außer wenn er, katzentypisch und vollkommen unerwartet, „seine 5 Minuten“ hatte, wie wir es nannten. Dann verwandelte sich ein Hosenbein oder ein wackelnder Zeh urplötzlich in ein kleines, graues Nagetier, das es zu erlegen galt- und Snape sich in Killer Cat. Ich füllte seine Schüssel mit „Purrinator- dem besten für ihre Katze“ und wie jeden Morgen machte er sich darüber her, als hätte er seit Wochen keinen vollen Futternapf mehr gesehen. Wenn das so weiterging würde er irgendwann platzen. Konnten Katzen platzen?
Während ich ihm kopfschüttelnd zusah, gab der vollautomatische Kaffeeautomat mal wieder röchelnd den Geist auf. Mist- grade heute hätte ich dringend einen doppelten Espresso vertragen können. Dann nicht -musste eben die Uni Cafeteria herhalten. Ich klatschte mit etwas kaltes Wasser ins Gesicht, trocknete mich mit einem Geschirrtuch ab, das vermutlich schon seit Jahren benutzt wurde und kleckste mir etwas von der sündhaft teuren Öko-Gesichtscreme auf die Wangen, von der ein nagelneuer Tiegel auf dem Küchentisch stand. Mal sehen, ob der „Grüntee-Extrakt und die belebende, straffende Kraft des Ginsengs“ auch meinen fahlen Winter-Teint wiederbeleben würden… Mum sah jedenfalls immer aus wie das blühende Leben, man konnte glatt neidisch werden. Außer wenn sie eine Flasche Rotwein intus hatte- das rächte sich selbst bei ihr.
Ich schnappte meinen Mantel, die Schlüssel und meinen Uni-Rucksack aus Bio-Hanf- natürlich ein Geschenk von Tilda- stopfte einen herumliegenden Fruchtriegel hinein und machte mich auf den Weg zur Garage. Inbrünstig hoffte ich, dass Morpheus heute einen guten Tag hatte- ich hatte so überhaupt keine Lust, den Bus zu nehmen und erst in allerletzter Sekunde zu erscheinen. Aber natürlich blieb mir mal wieder nichts erspart. ´