Der Beginn des Abenteuers - Prolog
• Yara •
Es ist ein Abend wie viele andere Abende zuvor auch. Nur mit einem Unterschied: Morgen werde ich nicht mehr zur Arbeit gehen müssen. Aber: Das weiß ich zu dem Zeitpunkt ja noch gar nicht.
Gerade fällt hinter mir die Tür zu meiner Zwei-Zimmer-Wohnung ins Schloss. Ich lehne mich kurz an meine Haustür, atme tief ein und wieder aus und freue mich innerlich sehr, endlich zuhause zu sein. Der Arbeitstag war anstrengend und die anschließende Einheit im Fitnessstudio umso mehr. Ich raffe mich von der Tür hoch, ziehe meine Schuhe aus und stelle sie neben mein Schuhregal. „Wirklich sinnvolle Anschaffung Yara”, denke ich mir.
In der Küche stelle ich fix den Wasserkocher an. Nun gehe ich ins Bad mit einem freudigen Blick auf die Badewanne. Prompt lasse ich mir heißes Wasser ein und verteile mein Lieblingsbadesalz im Wasser. Heute gönne ich mir richtig, denke ich mir und streue noch ein paar sich selbst auflösende Rosenblätter ins Bad. Ebenso mache ich die Kerzen an und lege meinen Vampir Roman bereit. Dazu drehe ich noch schnell die Heizung auf.
Ich eile nun in die Küche, krame die größte Tasse, die ich finden kann aus dem Schrank und fülle meinen Blaubeer Tee auf. Vorsichtig gehe ich mit der Tasse und etwas Schokolade ins Bad. Die Wanne ist schon gut gefüllt, das Bad riecht herrlich nach Rosenduft und der Schein der Kerzen lädt förmlich zur Entspannung ein.
Während das restliche Wasser einläuft, ziehe ich mein T-Shirt und meinen BH aus. Das Gefühl den BH nach so einem Tag los zu werden ... Ihr könnt es euch ganz bestimmt vorstellen. Ich streife noch schnell die Hose über meinen Hintern und ziehe meine Unterwäsche gleich mit aus. Ich stopfe dann einfach alles direkt in die Waschmaschine. Arbeitseffizienz nenne ich das, so muss ich die Wäsche nicht erst noch aus dem Wäschesack holen. Aus dem Regal krame ich eines der größten Handtücher heraus und lege es schonmal bereit fürs Abtrocknen und Einwickeln nach dem wohltuenden heißen Bad.
Meine Vorfreude gleich in dieses phänomenale Bad zu steigen und die romantische Geschichte zwischen einer Frau und einem herrischen Vampirmann bei einer Tasse Tee und Schokolade zu genießen, ist überdimensional groß. Seit gestern Abend kann ich es kaum erwarten zu erfahren, ob sie mit diesem Vampir nun endlich zusammen kommt. Er ist total besitzergreifend, nervtötend und beschützerisch, aber das liebe ich an diesen Romanen immer sehr.
Hach, das hätte ich auch gerne.
Ich mache noch eben das große Deckenlicht aus, die Beleuchtung durch die Kerzen reicht mir vollkommen aus. Dann drehe ich den Wasserhahn zu und spüre aufsteigende innere Vorfreude. Vorsichtig steige ich mit den Füßen ins heiße Wasser und betrachte meine von Wasser umgebenen Zehen. So stehe ich nun einen Moment da, bis sich meine Füße an die Temperatur gewöhnt haben. Jeder andere Mensch wäre vermutlich in diesem Moment verbrannt, aber Badewasser gehört nunmal so heiß wie möglich!
Vollkommen zufrieden lasse ich mich nieder und begebe meinen Rücken gerade in Richtung des Wassers, um mich hinzulegen, nur um dann einen gehörigen Schrecken zu erfahren!
Statt mit meinem Hintern den Boden der Badewanne zu berühren, falle ich plötzlich durch die Keramik hindurch. Dem heißen Wasser weicht eine absolut kalte Luftbrise, gefolgt von einem total verwirrenden freien Fall. Ich falle! Wohin falle ich bitteschön? Und warum ist es so wahnsinnig kalt, eben war ich doch noch im heißen Badewasser?
Ich schreie wie am Spieß voll mit Panik und habe wahnsinnig große Todesangst. Im freien Fall kann ich nicht viel erkennen, es ist nämlich stockfinster hier draußen. Ich erkenne schemenhaft nicht unweit von mir ein kleines warmes Licht. Dann wird es kalt. Sehr kalt. Und nass. Ein betäubender Schmerz durchdringt meinen Körper, gefolgt von einer Eiseskälte die mir sofort bis tief in die Knochen dringt. Würde mir nicht durch den Aufprall die Luft wegbleiben, dann spätestens jetzt hier unter Wasser, in das ich immer tiefer hinab sinke. Meine Lungen füllen sich bereits erschreckend viel mit Wasser. Absolut kaltem Wasser!
Es ist so kalt ...
Und so dunkel ...
Ich verliere jegliche Orientierung. Mein Körper fühlt sich absolut taub an, wenn ich in eine Richtung schwimmen könnte, wüsste ich nichtmal in welche. In diesem Moment sehe ich ernsthaft und wahrhaftig den Tod vor meinen Augen.
Durch die Nacht und den Fakt, dass ich plötzlich draußen bin, war es eh schon stockduster. Aber spätestens jetzt wird alles um mich herum schwarz.
Mit dem Gedanken dass ich nun sterben werde, verliere ich langsam mein Bewusstsein.
• Vittorius •
Der Tag war wirklich sehr anstrengend, aber er ist auch sehr erfolgreich für mich. Ich komme heute aus einer meiner Nachbarländereien, die mein ältester Vampirsohn regiert. Ich glaube kaum, dass er wagen würde gegen mich in den Krieg zu ziehen, aber Diplomatie ist trotzdem überaus wichtig. Wir haben über aktuelle Vorhaben zwischen unseren Ländergrenzen gesprochen. Dazu haben wir uns in einer seiner Städte, die seiner Grenze naheliegend ist, zurück gezogen.
Kurz nach meiner Geburtstagsfeierlichkeit sind wir in die Gegend gereist und haben sie begutachtet. Zwei ganze Wochen haben die Besprechungen und Bauplanungen dazu gedauert. Wir wollen eine kleine Handelsstadt als Zwischenposten genau auf der Grenze errichten, so sind die Karawanen, die zwischen unseren Ländereien umher ziehen ein wenig sicherer Unterwegs und haben einen guten Zwischenhalt.
Ich verbringe gerne einige Tage mit meinem ältesten Sohn. Er ist auch der Sohn, der schon am längsten aus meinem schützenden Umfeld verschwunden ist und sich sein eigenes Leben aufgebaut hat. Im nächsten Jahr feiert er seinen 1613ten Geburtstag - Er mag keine enorm großen Feiern aber ich werde es mir sicherlich nicht entgehen lassen, eine kleine Feier zu planen, um die 1613 Jahre seiner Verwandlung zu feiern. Vermutlich wird die Vampirfamilie aber eh wieder zusammen kommen.
So war es immer und so wird es immer sein.
Wir schwelgen immer gerne bei einem guten Glas Whiskey in Erinnerungen an die Zeiten, in denen er frisch zum Vampir geworden ist. Auch wenn das nun schon sehr lange her ist, uns kommt es wie gestern vor. Aber wir denken auch gerne an die Zeiten in denen er seine Vampirjugend gelebt hat. Ich muss immer schmunzeln wenn ich daran denke, wie schnell meine Söhne doch immer älter geworden sind. Und was für immense Schwierigkeiten die Ungehorsamkeit meines Ältesten mit sich brachte.
In Gedanken versunken sitze ich also an meinem kleinen Lager am Waldrand, welches ich über eine schmale Waldlichtung gefunden habe. In meiner Nähe befindet sich ein etwas größerer See, in dem sich der volle Mond glatt wiederspiegelt. Ältere Vampire, die mit der Zeit an Macht zunehmen, frieren nicht mehr so stark bis gar nicht, dennoch habe ich mir ein kleines Lagerfeuer neben meiner Lagerstelle errichtet, im Winter ist das einfach gemütlicher. Meine luxuriöse schwarze Kutsche steht nicht unweit von mir gut getarnt nahe am Waldrand. Ich würde vermutlich jeden Angreifer oder jeden Plündertrupp mühelos umbringen können, aber wenn man von vornherein Ärger und Arbeit vermeiden kann, warum nicht. Also so unauffällig wie möglich eine kleine Rast hier einlegen und gut ist.
Ich starre in die gemütlichen Flammen, als ich von einem Schrei ruckartig aus meinen Gedanken gerissen werde. Ich frage mich tatsächlich wie es passieren konnte, dass ich diesen zierlichen Menschen bis eben nicht bemerkt oder wahrgenommen habe. Normalerweise kann sich mir niemand unbemerkt nähern, niemand!
Der Schrei verstummt, als der Mensch hart auf das Wasser aufprallt. Wo zum Teufel kam diese Person her? Aus der Luft? Einfach so? Wie? Über den Fakt, dass die Frau komplett unbekleidet war, denke ich jetzt einfach nicht weiter nach.
Das ist keine normale Luftmagie oder dergleichen, sonst wäre sie nicht so dumm gewesen, sich auf dem Wasser so hart aufschlagen zu lassen.
Eigentlich interessiert es mich nicht, wenn Menschen sich achtlos und vollkommen bescheuert selbst in Gefahr bringen. Also wäre ich eigentlich auch nichtmal ansatzweise aufgestanden, um dem armen Wesen zu helfen.
Eigentlich.
Es ist, als ob mich eine unbekannte Macht in Bewegung versetzt.
Ehe ich mich versehen kann, umfängt das absolut kalte Wasser meine Beine. Es dauert nur wenige Sekunden, bis ich mit kraftvollen Schwimmbewegungen in der Mitte des Sees angekommen bin. Luft holen muss ich nicht, also tauche ich auch direkt hinab. Weiß der Teufel, was mich zu dieser Aktion hier geritten hat. Den Bruchteil einer Sekunde später komme ich auf der Höhe an, auf die der zierliche Mensch schon gesunken ist. Meine Arme umfangen den leblosen, gefährlich kalten Körper mühelos und ich ziehe die zierliche Frau zurück an die Oberfläche. Während ich mit ihr schnell zurück Richtung Ufer schwimme, drücke ich bereits auf ihren Brustkorb und hoffe inständig, dass sie das ganze verschluckte Wasser noch aus ihren Lungen ausgehustet bekommt.
Aber warum eigentlich?
Am Ufer angekommen reanimiere ich das Menschenwesen. Tatsächlich fängt sie an, ganz leicht zu husten, gefolgt von einem starken Zitteranfall. Ich hebe ihren Kopf so an, dass das ganze kalte Wasser aus ihrem Mund fließen kann. Dennoch ist sie dabei, ihre Kräfte zu verlieren und den Kampf ums Überleben zu verlieren. Das letzte bisschen kalte Wasser fließt gerade so noch aus ihren Lungen hinaus, gefolgt von einem langsamen, sehr angestrengtem Atemzug.
Ich komme nicht umhin ihren Lebenswillen zu bewundern, jeder andere Mensch wäre vermutlich schon verstorben. Ihre Zeit ist jedoch trotzdem gekommen, bei diesen kalten Temperaturen und dem harten Aufprall aus dieser wahnsinnigen Höhe hat auch sie keine Chance. Ihre Atmung ist nun schon sehr flach, kaum merklich und das zittern weicht einer erschreckenden kühlen Starre. Von den zahlreichen blauen Flecken, die sich aufgrund des Aufpralls bereits auf ihrem Körper abzeichnen, mal absehen.
Ich begreife nun selbst kaum was ich da tue und warum ich es tue!
Ich versenke meine Fänge tief in meinem Handgelenk und mein Blut quillt lebhaft daraus hervor. Einen Moment später lehnt ihr Rücken an meinem Oberkörper, mein Kopf befindet sich auf der Höhe ihres Halses. Ich öffne ihren Mund leicht, drücke mein Handgelenk kräftig auf ihren Mund und beiße zugleich in ihre Hauptschlagader. Wenn ein Vampir jemanden verwandeln möchte, muss er neben seinem Blut auch noch sein Vampirgen per Biss übertragen.
Und genau das tue ich. Auch wenn die Überlebenschance nahe Null ist.
Das zierliche Menschenwesen regt sich nicht. Das Blut fließt ihre Kehle runter und mein Vampirgen breitet sich in ihrem Körper aus. Vorsichtig ziehe ich meine Fänge aus ihrem Hals, drücke meine Hand auf ihre Wunde und warte fieberhaft darauf, dass die Blutung aufhört. Was sie dann auch endlich tut, nicht zuletzt wahrscheinlich wegen den frostigen Temperaturen des nahenden Winters. Dann löse ich mein Handgelenk von ihrem Mund, stehe behutsam mit ihr in meinen Armen auf und gehe in die Richtung meiner Kutsche.
Dort angekommen öffne ich die Tür und trete ins Innere der Kutsche ein. Ohne das zierliche Menschenwesen abzusetzen, durchsuche ich meine Kisten nach Kleidung und Decken und werde auch schnell fündig. Ich ziehe ihr eins meiner Oberteile über, da sie ein eineinhalb Köpfe kleiner ist und ungefähr nur meine halbe Statur besitzt, reicht ihr mein Shirt bis kurz vor den Knien. Ich lege eine der Decken auf das Lederpolster der Sitzbank, dann wickel ich das unterkühlte Menschenwesen in eine weitere Decke ein. Das reicht doch im Leben nicht, das wird sie so niemals überleben können, stelle ich in Gedanken mit einer Besorgnis fest, die mich selbst überrascht. Ich sehe mich in der Kutsche um und erblicke meinen edlen Umhang, der Standardmäßig zu meiner Garderobe gehört. Diesen lege ich ihr kurzerhand auch noch um.
Behutsam lege ich sie so auf die Lederbank. Einen Moment lang beobachte ich sie, wie sie ihren letzten Atemzug tut. Ein wahnsinniger Beschützerinstinkt breitet sich in meiner Brust aus, es fühlt sich beinahe so an, als würde meine Brust in Tausend Teile bersten. Ihre Haut ist aschfahl, ihre Lippen blau und als ich ihre Augenlider anhebe blicke ich in gläserne Augen. So eine Augenfarbe habe ich noch nie gesehen und in meinem Leben habe ich schon viele Augenfarben gesehen. Ist das ein grün? Ein blau? Ein grau? Und ist das etwas gelb? Ich könnte schwören all diese Farben dort zu erkennen.
Meine Nervosität steigt erheblich. Ob sie das nun überlebt, werde ich erst in den nächsten Tagen herausfinden.