Momlife Crisis

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Summary

Mama Wally ist Mitte dreißig und hat genug - der Haushalt und der ganze Mental Load bleiben komplett an ihr hängen. Ihr Freund Olli weiß sie nicht zu schätzen, meckert nur an ihr herum - bis sie auszieht. Soll er doch mal sehen, wie er alleine klar kommt und begreifen, was er an ihr hatte. Aber der Plan geht nicht auf: Der Ex managt Haushalt und Kind super ohne sie und hat sie auch sofort durch eine neue, verbesserte Wally 2.0 ersetzt. Die ehemalige Eventmanagerin hat plötzlich kein Zuhause mehr, sieht Ida (5) nur noch am Wochenende, muss in der Kellerwohnung ihrer besten Freundin hausen, schwört der Männerwelt ab und ist komplett abgebrannt - so ganz ohne Job. Bis sie von der promiskuitiven, leicht cholerischen Tourmanagerin Katja „gerettet“ - und als persönliche Assistentin eingestellt wird. Diese Begegnung führt sie schließlich geradewegs in die Arme des Frontmanns einer schwedischen Band und auf einen Roadtrip nach Stockholm, auf dem Wally vor allem eins lernt: Der Weg zum persönlichen Glück führt nicht über andere, sondern immer nur über sich selbst.

Status
Ongoing
Chapters
99
Rating
n/a
Age Rating
18+

1: Nur die Harten kommen in den Garten.

Wenn Grabsteine nicht nur die Lebensdaten benennen, sondern auch ein Fazit ziehen würden, dann müsste auf meinem stehen:

Hier ruht Wally Sommer. Sie starb vor Sehnsucht nach ihrem gemütlichen Zuhause.

Wäre es nicht irgendwie schön, etwas mehr über die Verstorbenen auf Friedhöfen zu erfahren?

Wer war denn dieser Hermann Müller, der neben seiner Ehefrau Hiltrud liegt? War er ein guter Mensch oder ein elender Mistkerl? Haben bei seinem Ableben viele um ihn getrauert, oder war er allen egal?

Oder die Anna Rothenburg drei Gräber weiter, die nur 45 wurde. Wen hat sie hinterlassen, was ist mit ihr passiert?

Ist es nicht schade, dass wir am Ende nur noch aus Namen und Zahlen bestehen, und niemand mehr nachvollziehen kann, wie wir gelebt haben? Auf manchen Gräbern stehen wenigstens Fotos, sodass man ein Gesicht zu dem Namen und den Daten sieht. Aber das war’s auch.

Ich bin von Natur aus ein neugieriger Mensch und interessiere mich für diese Lebensgeschichten.

Jeden Sonntag nehme ich mit meiner Tochter Ida an der Hand die Abkürzung über den hübsch angelegten, kleinen Waldfriedhof, wenn ich sie zu ihrem Papa zurück nachbringe.

Um den Abschied von ihr ein bisschen hinauszuzögern, bleiben wir manchmal gern an Grabsteinen stehen und denken uns zu den anonymen Namen einfach eigene Lebensgeschichten aus.

Manchmal sind sie lustig, manchmal ein bisschen schräg, und manchmal auch ein wenig traurig. Wir verlassen den Friedhof nie ohne neue Geschichten im Kopf.

Den Hermann Müller haben wir schon vor Langem zum garstigen Schuldirektor gemacht, weil ich finde, dass der Name geradezu prädestiniert ist für einen dickbäuchigen Schnauzbartträger kurz vor der Rente, der seine einstigen Ideale schon lange an den Nagel gehängt hat und nur noch Budgets der Schulbehörde verwaltet.

Und der den lieben langen Tag Vertretungspläne schreibt. Und dessen Tageshighlight daraus besteht, nichtsnutzige Schüler zusammenzufalten.

Ida meint, Herr Direktor Müller sei außerdem das Herrchen eines Schuldackels namens Walter gewesen, und ich meine, Walter hat es geliebt, Mathelehrern in die Fersen zu zwicken.

Immer, wenn wir Hermann Müllers Grab passieren, salutieren wir mit Guten Abend, Herr Direktor - und dann kichern wir und wenden uns Johanna Ahrens zu, aus der Ida eine nette Deutsch-Lehrerin gemacht hat, die ein heimliches Verhältnis mit dem verheirateten Religionslehrer Matthias Heltrumm aus der vorderen Reihe hatte, aber leider an gebrochenem Herzen verstorben ist.

Das war Idas Idee, nicht meine. Den Hang zur Theatralik muss sie von ihrem Vater geerbt haben.

Das Schul-Thema ist auch kein Zufall: Ida wird bald sechs und findet alles faszinierend, was irgendwie mit ihrer kommenden Einschulung nach den Sommerferien zu tun hat.

Also liegen hier im Augenblick nur Lehrer und Lehrerinnen, Schulleitungen, Hausmeister und Milchstandverkäufer auf dem Friedhof herum - also alles an Schulpersonal, das an einer normalen Grundschule zu finden ist.

Wir lieben diese sonntäglichen Spaziergänge über den Waldfriedhof, wenn wir über unsere gelungenen, herrlich versponnenen Geschichten kichern und Hand in Hand an den Grabsteinen vorbei schlendern.

Manchmal sehe ich andere Friedhofsbesucher mit Blick auf unser Spiel missbilligend die Stirn runzeln, als würden wir die Totenruhe stören.

Ich finde, es spricht nichts dagegen, diesen bedächtigen Ort mit ein bisschen Fantasie aufzuladen und ihm damit den unterschwellig gruseligen Schrecken zu nehmen. Der Tod gehört nunmal zum Leben dazu, und je eher Ida einen guten Umgang damit findet, desto besser für sie.

Und so kommt es, dass ich selbst manchmal auch darüber nachdenke, welches Fazit auf meinem Grabstein stehen müsste:

Sie starb vor Sehnsucht nach ihrem Zuhause…

wäre im Augenblick gar keine so abwegige Möglichkeit für mein Ableben. Es ist ein vorherrschendes Gefühl, das mich permanent begleitet und jetzt, auf den letzten Metern vor unserem Ziel, immer stärker wird.

So schön unsere Fantasie-Reisen auch jeden Sonntag sind, umso mehr fürchte ich den Moment, in dem wir das kleine, schmiedeeiserne Tor am anderen Ende des Friedhofs aufschieben und wieder hinter uns schließen, um in den Moorentenweg einzubiegen.

In dem ich bis vor einigen Monaten noch selbst gewohnt habe.

Doch seit der Trennung von Idas Vater hause ich in der Kellerwohnung meiner besten Freundin Nicki.

Souterrain, nennt sie das, wenn sie die 40-Quadratmeter-Wohnung auf irgendsoeinem Immobilienportal anpreist, um zahlende Mieter dafür zu finden. Bis sie welche gefunden hat, darf ich noch bleiben.

Souterrain - das klingt natürlich bei Weitem besser als dunkles Kellerloch mit mäßig funktionierender Heizung, wenig Belüftung und null Tageslicht.

Aber ich darf keine großen Ansprüche stellen, immerhin beherbergen mich Nicki und ihr Mann für ein irrsinnig kleines Hausgeld, für das man anderswo nicht mal einen Abstellraum derselben Größe bekäme.

Wie ich schmerzhaft erfahren musste, als ich mich nach meiner Trennung im schicken Düsseldorf auf Wohnungssuche begab.

Was meine Residenz betrifft, habe ich mich also im Vergleich zum hübschen, kleinen Rotklinker-Reihenhäuschen mit 120 Quadratmetern, Fußbodenheizung und kleinem Garten im Moorentenweg sehr verschlechtert.

Manchmal nimmt man für sein Seelenheil selbst unwürdige Kellerwohnungen in Kauf.

Ich seufze, drücke Idas warmes Händchen noch ein bisschen fester zwischen meinen Fingern und spüre, wie sich schon wieder dieser fiese Kloß in meinem Hals bildet, während wir dem Moorentenweg 6 Schritt für Schritt näher kommen.

Ida neben mir im Hopserlauf - sie freut sich natürlich auf Zuhause und auf ihren Papa. Kein Wunder, nach einem Wochenende in meiner Behausung.

Zwar habe ich versucht, es uns mit günstig vom Flohmarkt zusammengetrödelten IKEA-Möbeln möglichst gemütlich zu machen - aber es ist und bleibt eben kein Vergleich zu Ollis schicker Einrichtung, an der ich einst meinen Anteil hatte.

Die Kleine hat noch gar keinen Blick für sowas. Sie ist einfach nur glücklich, an den Wochenenden bei mir sein zu können. Aber ich sehe die Unterschiede umso deutlicher. Jeden Sonntagabend wird mir wieder aufs Neue schmerzhaft vor Augen geführt, was ich an Materiellem alles hinter mir gelassen habe. Und an Gemütlichkeit. Aber ich habe es ja so gewollt, also darf ich mich eigentlich gar nicht beschweren.

Wir sind schon ein bisschen spät dran, und trotzdem weigern sich meine Beine, meinen Gang zu beschleunigen. Ich möchte sie nicht zurückbringen. Ich möchte Ida fest an mich drücken, einen Mary-Poppins-Schirm zücken und mit ihr durch die Luft in ein schöneres Land fliegen, eins voller Sonnenschein, Riesenrädern und Kettenkarussells, in dem es nur uns beide gibt - und Zuckerwatte bis zum Abwinken.

Ein Land schöner Zeiten, ohne Sorgen, Zank, Geldnöte und andere Probleme. Nur sie und ich und das Wenige, das uns glücklich macht, bis sie groß genug ist, um ihre Flügel auszubreiten und das Schlaraffenland zu verlassen.

Aber dann würde Ida ihren Papa sehr vermissen, und das brächte ich auch nicht übers Herz. So, wie ich es nicht übers Herz brachte, die beiden bei der Trennung auseinanderzureißen und lieber die ganze Woche bis zum Wochenende still vor mich hinleide, bis ich sie endlich wiedersehen kann.

Olli ist der beste Papa der Welt und nach wie vor mein bester Freund. Leider war er gleichzeitig ein miserabler Partner, der mich mental fast in die Knie gezwungen hätte, wenn es mir nicht mit letzter Kraft gelungen wäre, noch halbwegs rechtzeitig einen Schlussstrich zu ziehen.

Ich stehe zu meiner Entscheidung, Wochenend-Mama zu werden, weil ich ausschließlich meinem Gefühl gefolgt bin, das mich meistens in die richtige Richtung lenkt.

Trotzdem vermisse ich mein altes Zuhause. So sehr.

Ich atme einmal tief durch und betrete mit Ida an der Hand Ollis Einfahrt. Sein schicker BMW SUV steht vor der Tür, in niegelnagelneu glänzendem, schwarzen Lack.

Da gab es wohl mal wieder eine Sonderprämie für den fleißigen Herrn Versicherungsvertreter. Ich besitze kein Auto, sowas kann ich mir seit der Trennung gar nicht mehr leisten. Dafür schaffe ich zuverlässig meine 10.000 Schritte am Tag, und das hat ja auch viel für sich.

Nur keinen Neid, Wally.

Ida rennt frohgemut die Treppen zur Haustür hinauf, ich komme mit ihrem kleinen Kitarucksack in der Hand langsam hinterhergeschlichen und schiebe mit dem Fuß ihr altes Rutschauto beiseite, das mir im Weg steht.

Wenn das noch meine Auffahrt wäre, würde ich ja die Zuwegung freihalten und ein bisschen besser aufräumen. Gerade als Versicherungsvertreter müsste Olli doch noch wissen, dass man als Hausbesitzer haftbar gemacht werden kann, wenn Fremde über herumliegende Spielzeuge fliegen und sich was brechen.

Aber es ist nicht mehr meine Auffahrt. Es ist auch nicht mehr meine Türklingel, die Ida gerade betätigt und die immer die legendäre Big-Ben-Melodie spielt, wobei sie stets den letzten Ton verschluckt, was mich schon seit Jahren in den Wahnsinn treibt.

Denn mein Kopf singt diesen fehlenden Ton jedesmal störrisch mit und regt sich darüber auf.

Einige Wochen nach der Trennung bin ich sogar noch im Besitz eines Haustürschlüssels gewesen, um Ida auch in Ollis Abwesenheit unkompliziert nach Hause bringen zu können und dann mit ihr auf ihn zu warten.

Aber dann folgte das Schlüsseldrama.

Wir hatten zum Thema Schlüssel klare Abmachungen: Olli war seine Privatsphäre heilig - ohne vorher ein Mal zu klingeln, durfte ich nach der Trennung nicht einfach ins Haus spazieren. Dafür hatte ich vollstes Verständnis und habe mich immer brav daran gehalten.

Doch eines Tages versagten meine hellseherischen Fähigkeiten, und ich ahnte leider nicht voraus, dass Olli gerade seinen heiligen Mittagsschlaf hielt.

Also klingelte ich regelkonform, wie ich es gewohnt war, und wurde daraufhin von seinem unausgeschlafenen Ich an der Haustür zusammengefaltet, wieso ich ihn aus seinem Schönheitsschlaf riss, anstatt einfach den Schlüssel zu benutzen.

Das brachte mich dazu, diesen verdammten Haustürschlüssel freiwillig zurückzugeben und mich wieder daran zu erinnern, wieso ich mich eigentlich getrennt hatte:

Wegen genau solcher Machtspielchen.

Seitdem ist die Stimmung zwischen uns nicht mehr so gut, und auch heute könnte ich gut und gerne darauf verzichten, ihm zu begegnen. Aber was soll ich machen - Ida ist noch zu klein, um alleine nach Hause zu gehen, und irgendwie müssen wir um ihre Willen ja auch miteinander klar kommen.

Während Ida und ich immer noch warten, betrachte ich mit finsterem Blick die Haustüre.

Olli hat unser ehemaliges, schickes Willkommens-Schild aus gebürstetem Edelstahl mit der Inschrift „Hier wohnen, lieben und lachen Wally, Ida und Olli“ durch ein neues, hässliches, selbstgetöpfteres Tonschild ersetzt.

Tja. Als es mit dem Lieben und Lachen nicht mehr so weit her und ich ausgezogen war, durfte das veraltete Schild nicht mehr lange an der Haustür hängen. Sowas kann Olli nämlich nicht gut ertragen - Dinge müssen bei ihm ihre Ordnung und Richtigkeit haben.

Das neue Selfmade-Ton-Schild aus dem Töpferkurs hat ebenfalls eine Inschrift, und sie lautet: „Hier wohnen, lieben und lachen Raya, Ida und Olli“.

Sie ist also schon eingezogen. Hat er mir gar nicht erzählt. Aber warum sollte er auch - er ist mir ja keine Rechenschaft mehr schuldig.

Anstandshalber hätten sie damit ja wenigstens noch ein bisschen warten können.

Immerhin ist mein Auszug erst wenige Monate her.

Aber nein. Es konnte ihnen wohl nicht schnell genug gehen.

Wie fix er mich einfach ersetzt hat, versetzt mir immer noch einen Stich. Aber ja. Selbstgewähltes Schicksal. Schließlich bin ich ja gegangen.

Hier ruht Wally Sommer. Sie war an allem selber schuld.

Wenigstens steht mein Nachname noch am Briefkasten. Den hat er gütigerweise drangelassen, weil es trotz teurem Nachsendeauftrag immer noch postalische Irrläufer gibt, die sonst nicht bei mir ankämen.

Wenn wir uns sonntagabends in seiner Tür gegenüber stehen, gebe ich ihm das Kind, und er gibt mir meine Post.

Ich glaube, er hält das für einen fairen Tausch.

Endlich geht die Türe auf, mit dem gewohnten Quietschknacken, das ich schon dreißigtausend Mal gehört habe.

Olli taucht in all seiner großen Breitschultrigkeit mit verschränkten Türsteher-Armen im Türrahmen auf.

Dein Zuhause? Das war einmal. Du kommst hier nicht rein.