Kapitel 1
Ich hatte ihn doch nicht umgebracht. Oder doch?
Nein.
Nein, er hatte geatmet und sich dabei auf dem getäfelten Holzboden des Wohnzimmers gewunden.
Elijah lebte.
Aber er hatte geblutet, als ich panisch davongerannt war, um mir die Autoschlüssel zu dem grauen Volvo in der Auffahrt zu schnappen. Er gehörte ihm, nur gelegentlich war es mir erlaubt, damit zu fahren, um den Anschein zu wahren, dass wir eine gleichgestellte, harmonische Ehe führten. Aber diese Ehe war weit entfernt von erfüllt und gesittet, denn mein Mann setzte alles daran, mir hinter den verschlossenen Türen unseres Zuhauses die Hölle auf Erden zu bereiten. Für jede Minute abseits dieser vier Wände und außerhalb seiner Reichweite, war ich dankbar.
Oft kamen diese Momente nicht vor. Einen Beruf übte ich nicht aus, hatte ich doch nie eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen, was die Abhängigkeit von meinem Mann verstärkte. Stattdessen war es meine Aufgabe, ihm bei seiner Arbeit zu helfen. Elijah war Pfarrer hier in St. Johns, ein ranghohes, angesehenes Glaubensmitglied und als seine Frau band mich das gleichermaßen fest an diese Gesellschaft. Hielt er Predigen ab oder führte Bibellesungen durch, lag meine Verantwortung bei der Kirchenkasse, die, aufgrund der unausgesprochenen Regel der Gemeinde, jedes Mitglied müsse mindestens zehn Prozent seines Einkommens an das Gotteshaus abtreten, stets prall gefüllt war.
Ihr christlicher Glaube, die Bindung zu Gott, war für alle Mormonen der zentrale Schwerpunkt des Universums. Das höchste Gut, um den ihr ganzes Leben kreiste.
Auch für mich. Zumindest bis zu diesem Abend.
Nur in einem ärmellosen, wadenlangen Nachthemd aus dem Haus zu rennen, zu fliehen, ohne eine wirkliche Vorstellung zu haben, wohin mich die nackten Füße tragen könnten, schien mir bis vor wenigen Stunden ein schier undenkbares Vorhaben zu sein. Obwohl ein Entreißen aus den Fängen meines Ehemannes seit Jahren in mir brannte, ähnlich Evas Verlangen vom Baum der Erkenntnis zu kosten.
Ich hatte mich ins Bett entschuldigt, aber weiter wie bis zur Tür war ich nicht gekommen. Elijahs Finger packten den cremefarbenen Stoff meines Kleids so fest, dass der Saum riss. Was in ihm vorging, wusste ich nie und ich hatte vor langer Zeit aufgehört sein inneres Wesen zu ergründen. Seine faulige Verderbtheit würde mich sonst infizieren.
Mich gepackt, drang seine Zunge forsch in meinen Mund, nahm mir dabei die Luft zum atmen, bis ich würgte. Die Furcht umschlang meine Kehle, schnürte den grazilen Hals. Jedes Mal versuchte ich, seinem Griff zu entkommen, wehrte mich, aber auch jetzt drückten sich seine Finger grob in das Fleisch meines Oberarms. Frische blaue Male würden sich zu den anderen gesellen. Einen Überlebensinstinkt hatte ich nie besessen, zumindest nahm ich es an, hatte ich doch grundsätzlich zu große Angst und unterwarf mich freiwillig. Aber ich lag falsch.
Nichts ahnend erfasste das Adrenalin meinen Körper, schoss durch ihn hindurch, wie ein Krieger, der in der drohenden Niederlage auf das Schlachtfeld trat und seine Truppen mit dem entscheidenden Schlag seines Schwertes zum Sieg führte. Diese Waffe, meinen Triumph, griff ich mit den Händen und schmetterte Elijah den blauen Blumentopf gegen den Schädel. Die weißen Margariten zerfielen in ihre Einzelteile, wie herbstliche Baumkronen in einem Windstoß.
Mein Aufbruch blieb von den umliegenden Nachbarn sicher nicht unentdeckt. Hier in St. Johns hatten selbst die Gartenzwerge Ohren. Alle sagten, wir wären glücklich und führten eine Bilderbuchbeziehung, für die sie schwärmten.
Oh, Adina. Du musst doch platzen vor Ehrgefühl, einen Mann wie ihn zu haben.
Ja, die meisten Frauen beneideten mich dafür, eine so stattliche Partie abbekommen zu haben. Mein Gatte war ohne Frage ein begehrenswerter Vertreter des männlichen Geschlechts, der mich mit dem charismatischen Lächeln, den satten ebenholzfarbigen Haaren und Augen, die an leuchtendes Pulver aus Smaragden und Saphiren erinnerten, direkt in die Falle gelockt hatte. In der Zeit des Werbens war er rücksichtsvoll und zärtlich, mein eigenes Glück hatte ich kaum begreifen können. Aber sobald er mich mit diesem funkelnden Versprechen eines Rings an sich band, offenbarte er sein wahres Wesen.
Seitdem verging kein Tag ohne Beschimpfungen, Hassreden, Handgreiflichkeiten oder Schläge. Aber von der häuslichen Gewalt bekamen selbst die Zwerge im Vorgarten nichts mit. Bis auf gelegentliche Ohrfeigen erlitt ich Verletzungen ausschließlich an Stellen, die man, aufgrund der langen Ärmel unserer Blusen und der knöchelumspielenden Säume der Röcke, nicht sah. Niemand erahnte etwas.
Im Vergleich zu den Abscheulichkeiten, die das Schlafzimmer zierten, waren all die schmerzhaften Übergriffe jedoch ertragbar. Dieses grässliche Bett mit seinem verspottenden Blümchenüberzug war kein Rückzugsort zum Entspannen und Krafttanken, sondern eine Folterbank. Ein Schauplatz grausamer Schandtaten. Meiner Unschuld hatte mich Elijah auf erniedrigende Manier beraubt, mich heulend und blutend in diesen Laken zurückgelassen.
Doch trotz all des Leides gab ich nie ihm die Schuld, sondern mir. Die Heilige Schrift lehrte uns, dass es die göttliche Pflicht der Frau sei, ihrem Partner alle Wünsche zu erfüllen und ihn zu befriedigen. Seine Vergehen waren gerechtfertigt. Normal. Für jeden war dieser Akt demnach qualvoll oder könnte es sein, zumindest nahm ich es an. Sexualität wurde unter Mormonen totgeschwiegen, diente dem Zweck, Kinder zu zeugen und wurde nur praktiziert, sobald ein Paar den Bund fürs Leben eingegangen war. Die Welt da draußen, in der junge Menschen sich nachts aus Häusern stahlen, ihren ersten Kuss in der Schule erlebten oder ihre Jugend in vollen wilden Zügen auskosteten, waren für mich Ammenmärchen. Nie hatte ich die Grenzen unseres Städtchens zuvor überschritten.
Meine Flucht hatte kein genaues Ziel, denn die größte Priorität lag darin, größtmögliche Distanz zwischen mir und meinem Gatten zu erreichen. Ich hatte ihn geschlagen, ihm schwerwiegende Verletzungen zugeführt. Es war nichts im Vergleich zu den Wunden, die meinen Körper zeichneten, aber die Grausamkeiten, die er mir für diesen Ungehorsam antun würde, könnten mich ins Grab bringen.
Aus dem spärlichen Wissen, dass uns im Geografieunterricht vermittelt wurde, war mir bekannt, wo sich unsere Stadt innerhalb der Wüstenstaaten befand. New Mexico war das nächstgelegene Regierungsgebiet, weshalb ich St. Johns in südlicher Richtung verließ. Ein Telefon besaß ich nicht, und so blieb mir nur die Orientierung anhand von Straßenschildern.
Tränen überströmten unaufhörlich meine Wangen, mir war kalt vor Furcht, aber das Zittern ließ sich nicht unterbinden, egal wie hoch ich die Heizung im Auto aufdrehte. Die Konzentration lag auf meinem Fuß, der das Gaspedal wie einen Ziegelstein nach unten drückte, und der Wagen wie ein Lichtkegel durch die Nacht rauschte.
Sobald Albuquerque, die Hauptstadt New Mexicos, auf einem der Schilder auftauchte, folgte ich dem Straßenlauf. Er brachte mich auf eine riesige, mehrspurige Straße, auf der die Autos einem unkontrollierten Schwarm Bienen glichen. Links an mir rauschten immer wieder Fahrzeuge vorbei, sie hupten oder leuchteten mit ihren Scheinwerfern auf, aber ich wusste nicht, was sie mir damit zu verstehen geben wollten. Es überforderte mich, weshalb ich diese Straße bei der nächsten Möglichkeit gleich wieder verließ.
Das willkürliche Abbiegen auf meinem Weg, weil ich mutmaßte so die Chance zu verringern, aufgespürt zu werden, brachte mich zurück auf eine verlassene Straße in der Einöde. Hier kam mir kaum noch ein Auto entgegen und in der Ferne, war nichts außer Dunkelheit. Keine Straßenlaternen oder ein Lichtschein am Horizont, der auf eine naheliegende Stadt hindeutete. Meine Orientierung hatte ich vollständig verloren, ebenso wie das Zeitgefühl, weshalb ich einen raschen Blick auf die Uhr neben dem Tacho riskierte. Der winzige Augenblick meiner Unaufmerksamkeit genügte, dass sich ein Tier unbeachtet aus dem Gestrüpp löste. Ich erschrak und riss das Lenkrad herum, um auszuweichen, aber bei der Geschwindigkeit kam der Wagen ins Schlingern. Das Heck schlug aus und das Auto kam im Wüstengeröll zum Stehen.
Mein Schädel dröhnte, als ich wieder das Bewusstsein erlangte. Scharf sog ich die Luft ein und löste den Kopf, der am Armaturenbrett klebte. Der Airbag hatte nicht ausgelöst und meine kalten Finger ertasteten die brennende Stelle an der Stirn, bis sie von Blut benetzt waren. Mit dem Geruch von Eisen kamen die Erlebnisse in einem Peitschenhieb zurück. Panisch versuchte ich, den Wagen wieder zu starten, doch nichts rührte sich.
»Nein, nein, nein!« Ein wimmernder Schlag gegen das Lenkrad.
Mein hilfesuchender Blick glitt zum Beifahrersitz und in das Handschuhfach, aber darin verbarg sich nichts, dass mir helfen würde. Wenn es aus mir unerfindlichen Gründen ein Telefon hier drin gab - wen hätte ich anrufen sollen? Hier zu warten war ebenfalls keine Option.
Ich unternahm einen letzten Versuch, den Motor zum Laufen bringen, vergeblich.
Ohne länger Zeit zu vergeuden, sprang ich aus dem Auto. Für einen Augenblick überlegte ich, ob es schlauer wäre, in die Wüste zu laufen und abseits der Straße zu bleiben. Es minimierte die Wahrscheinlichkeit gefunden zu werden, dezimierte gleichzeitig aber meine Überlebenschancen drastisch. Ich könnte mich verlaufen und bei den eisigen Temperaturen einen qualvollen Tod sterben. Die Wüste vermochte tagsüber warm und unbarmherzig sein, doch in der Nacht war sie weitaus gefährlicher. Zum aktuellen Zeitpunkt saß mir der Schock tief in den Knochen und schirmte mich damit vor der kalten Luft ab, die mich in starkem Wind traf. Viel Zeit blieb mir dennoch nicht.
Schon nach einigen Metern entlang der Straße schlang ich die dünnen Arme um den Oberkörper, um mit kräftigem Rubbeln der Hände, die entblößte Haut zu wärmen. Es half nicht sonderlich, ebenso wenig wie das Zittern meiner Glieder.
Doch ich blieb nicht stehen.
Lieber starb ich hier draußen aufgrund von Erfrierungen, anstatt zurückzugehen. Alles wäre besser, als wieder in Elijahs Hände zu geraten. Selbst der Tod. Er streckte seine Finger mit jedem Schritt gieriger nach mir aus, bis die Kälte meine zierliche Gestalt übermannen würde und mich ihm auslieferte. Bis dahin lief ich weiter.
Inzwischen bildete mein Atem winzige Kristalle, die Luft in den Lungen schien zu gefrieren und schlug sich in Form von dichtem Nebel nieder. Er glitzerte.
In der Ferne tauchte ein Licht auf dem dunklen Asphalt auf – ich vermutete ein Auto, aber es war ein einzelner Scheinwerfer. Wenngleich mein Verstand ebenfalls kriechend erstarrte, war mir klar, dass es sich bei diesem Licht weder um meinen Mann noch die Polizei handelte. Es war ein Motorrad.
In hoher Geschwindigkeit raste es auf mich zu, doch es wurde langsamer. Ob das ein positives Omen war, vermochte ich nicht zu sagen, aber ich blieb wie angewurzelt stehen, um den Fahrer zu beobachten, der an mir vorbei rollte.
Er war groß, beinah so monströs wie das Zweirad unter ihm. Genaueres erkannte ich nicht, aber der Mann, seine Statur war zu gewaltig für ein weibliches Wesen, musterte mich ebenso. Das spürte ich auf der Haut.
Wie sah das für ihn aus, wenn mitten in der Nacht eine junge Frau, spärlich bekleidet und verletzt allein an der Straße entlang lief? Sonderlich viel dachte er sich nicht, denn nach einigen Augenblicken sah ich ihm hinterher, wie er weiter fuhr.
Hätte ich an seiner Stelle angehalten?
Sicher war ich mir nicht, dennoch breitete sich eine Enttäuschung in mir aus. Mit Fremden, Menschen, die außerhalb unserer Mormonengemeinde lebten, war es nie zu Kontakt gekommen, aber selbst, wenn ich mich davor fürchtete, hätte mir dieser Unbekannte eventuell helfen können. Jetzt war es zu spät.
Ich lief weiter, das stechende Gefühl des Gerölls unter den Fußsohlen war inzwischen in der Taubheit, die vom Erdboden meine Knöchel emporkroch, untergegangen. Gehen wurde schwerfälliger, zum Rennen fehlte mir die Kraft, aber ich brauchte sie, als sich ein warmer gelblicher Lichtkegel zu meinen Füßen ergoss. Hinter mir näherte sich ein Fahrzeug.
»Hey!«
Die Stimme gehörte nicht Elijah.
Sie riss mich an einer unsichtbaren Leine zurück, brachte mich zum Stehen, nachdem ich durch einen Dornenbusch in die Prärie abtauchen wollte. Neben mir hielt ein Motorrad.
Der Fremde hatte umgedreht.
Seine Größe und die seines Gefährts hatte ich von der anderen Straßenseite erkannt, aber direkt neben mir, war der Unterschied weitaus gewaltiger. Ein Motorrad kannte ich nur von Bildern und Erzählungen, in denen uns schon im Kindesalter beigebracht wurde, dass man sich von solchen Personen fernhielt. Jemand auf so einer Höllenmaschine war kein guter Mensch. Eher ein Gauner und Frevler, vom Teufel besessen. Und doch hatte ich vorhin kurz an seine Hilfe geglaubt.
»Alles okay bei dir?« Seine Stimme erinnerte an rauchiges Leder. Einerseits herb und anschmiegsam, aber durchzogen von etwas Rauem, als wäre er durch das Leben abgenutzt. Der Klang wärmte mich, obwohl ich bei dem tiefen Ton auch einen Schritt zurückwich.
»Ich... uhm-« Die Worte erstarben, kaum das sie über meine aufgeplatzten Lippen traten und ich schluckte schwer. Ich verneinte seine Frage schweigend.
Nichts war okay. Wenn ich nicht hier draußen den Tod im Frost fand, dann drohte er mir, sobald mich die falsche Person entdeckte.
»Kann ich dich wohin mitnehmen?«, fragte er.
Die Haare, die mir immer wieder ins Gesicht geweht wurden, strich ich mir hinter die Ohren und riskierte einen genaueren Blick auf den Mann. Er wirkte alles andere als vertrauenswürdig, mehr wie die Personifikation der Gefahr und Sünde selbst. Dunkle Kleider, die einen breiten, stämmigen Körperbau verbargen, Hände voller Ringe und einen Bart, den ich aufgrund des Schattens, der ihn umhüllte, nicht in vollständig ausmachen konnte. Er trug nicht einmal einen Helm!
Alles an ihm schrie mich an, mich fernzuhalten. Das verlangte mein vom mormonischen Glauben geschliffener Geist. Doch der hatte mich auch die restlichen Jahre an den albtraumbehafteten Ort gefesselt, dem ich vor wenigen Stunden entkommen war. Nicht auf ihn zu hören, schien mich meiner Freiheit näher zu bringen, als ich es für möglich gehalten hatte.
Zaghaft nickte ich. »Kannst du mich einfach von hier weg schaffen?«, fragte ich. Um was anderes konnte ich ihn nicht bitten, denn die Welt hier draußen war für mich ein unerforschtes Rätsel. »Je weiter, desto besser.« Es war nichts mehr wie ein gebrochenes Hauchen und ein flehender Blick.
Vielleicht würde mein Mut, Worte mit einem Fremdling zu wechseln, um den ich sonst einen hohen Bogen gemacht hätte, belohnt werden oder aber ich würde es in wenigen Augenblicken bereuen.
Einen Moment schien er zu überlegen, bis seine Hand durch seine Haare strich und er auf meine Bitte einging. »Spring auf.«, brummte er und rutschte auf seinem Bike nach vorn. »Ich bring dich zu uns. Da kannst du heute Nacht pennen.«
Das ein Mitnehmen bedeutete, auf seiner Maschine zu sitzen, realisierte ich erst jetzt, aber ein Zurück, gab es nicht mehr.
Von den Temperaturen und meiner Unsicherheit versteift, schwang ich ein Bein über das Monstrum und nahm Platz. Das mangelnde Vertrauen und die Skepsis gegenüber diesem Gefährt bemerkte er, denn er griff nach meinen Armen und zog sie um seine Taille. »Festhalten.«
Dieser Anweisung gehorchte ich ohne Widerstand, drückte mich sogar regelrecht an ihn. Der Stoff an seinem Rücken war angenehm warm auf meiner Haut. Mein Herz hingegen, schlug wild gegen den Brustkorb, als hätte es nicht gedroht vor Minuten damit aufzuhören. Nie war ich einem anderen Mann so nah gekommen, denn selbst unter Freunden gab es bei uns keine Umarmungen oder dergleichen. Nicht zwischen den Geschlechtern.
»Es ist nicht weit.«, sprach er und ich glaubte, so etwas wie Mitgefühl in seiner Stimme zu vernehmen.
Seinem Versprechen folgend, endete die Fahrt nach einer kleinen Weile. Weit entfernt von der Zivilisation war ich beim Unfall demnach nicht, doch zu Fuß hätte ich sie nie lebendig erreicht. Mein körperlicher Zustand verschlechterte sich durch den harten Fahrtwind zunehmend, die steifen Finger konnten sich inzwischen nicht einmal mehr an seiner Jacke festhalten. Die Taubheit kroch mir über die Haut und drang in alle Gliedmaßen ein. Einzig mein Kopf schien noch zu funktionieren, damit ich eine Ahnung hatte, wo mich der Mann hinbrachte. Unser Ziel war eine große, von einzelnen Laternen und Scheinwerfern bestrahlte Anlage, die völlig verloren am Straßenende wirkte. Meine Wangen, bis eben klebten sie an seinem Rücken, löste ich und versuchte trotz der unscharfen Sicht ein genaueres Bild zu erkennen.
Das teilweise umzäunte Areal wuchs größer und zwischen einigen kleineren Gebäuden, thronte ein zweistöckiges Haus, dass hell erleuchtet den Mittelpunkt bildete. Wir steuerten direkt darauf zu. Der Unbekannte - vorerst taufte ich ihn auf den Namen Judas, dem biblischen Apostel nachempfunden, der Jesus verriet, da ich selbst nicht wusste, ob ich diesem Mann trauen durfte - hatte von einem uns gesprochen. Es gab mehr von seiner Sorte. Hieß das, er wohnte womöglich hier?
Im Schritttempo passierten wir ein riesiges Tor, dass zwei Männer hinter uns zuschoben. Zuerst schenkte ich ihnen keine große Beachtung, bis mir das Gewehr auf der Schulter des einen auffiel. Gott bewahre! Mein Herz würde vor Panik aufgescheucht klopfen, hätte mich die Kälte nicht längst sämtlicher Kräfte beraubt. Judas zu trauen, war vielleicht doch ein größerer Fehler, als angenommen.
Vor dem Holzhaus kamen wir zum Stehen, der Motor erstarb und das monotone Summen an meinen Beinen verebbte. Ich musste absteigen, so wie er, doch kaum verschwand die körperliche Stütze vor mir, hielt ich mich nicht aufrecht. Das Kältezittern hatte sich zu einer Muskelstarre gewandelt.
»Achtung.« Männliches Brummen, jemand griff meine Schultern.
Unfähig die Berührung abzuschütteln, fielen meine Augen zu. Ich fühlte mich schläfrig, abwesend. Eine ungewohnte Wärme breitete sich über meinem Rücken aus, streichelte die leblosen Arme, bevor ich den Boden unter den Füßen verlor.