Helenas Erbe

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Summary

Samantha Sullivan, die Enkeltochter von Helena, studiert Geschichte. Ihre Abschlussarbeit ist eigentlich schon beendet, doch ihr Professor ist unzufrieden damit und schlägt ihr vor, eine Arbeit über die Reise ihrer Großmutter zu schreiben. Zuerst ist Sammy skeptisch, vor allem, als man ihr vorschlägt, die ganze Reise selbst zu unternehmen, natürlich in umgekehrter Reihenfolge. Ihre Reise beginnt in Baltimore bis nach Europa und endet schließlich in Deutschland, wo sie tatsächlich ihre Verwandte trifft. Und an jedem Ort erfährt sie mehr Dinge über ihre Großmutter und ihre Odyssee, bis sie ihren Großvater endlich in ihre Arme schließen konnte. Sie lernt Menschen kennen, die ihrer Großmutter damals halfen und auch welche, die Helena schaden wollten. Langsam merkt Sammy auch, dass sie nicht nur die Geschichte ihrer Großmutter neu kennen lernt, sondern auch ihre eigene Geschichte schreibt. „Helenas Erbe" ist der Folgeroman von dem Roman „Der lange Weg zu dir" (ehemals Soldatenhure), den man zuerst lesen sollte. Cover von Nancy Bieler

Status
Complete
Chapters
42
Rating
5.0 5 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1

„Miss Sullivan? Auf ein Wort bitte.“

Samantha stöhnte leise, als Professor Haynes ihr hinterherrief.

Die Prüfungen waren schon so gut wie alle erledigt, aber der Professor verlangte zu Beginn des Studiums eine Art praktische Arbeit von seinen Studenten, die enormen Einfluss auf den Abschluss haben sollte.

Professor Haynes war bekannt dafür, dass er eben nicht nur auf die Prüfung Wert legte, sondern auch auf diese praktische Arbeit. Er selbst war in der Vergangenheit ein angesehener Historiker gewesen und leitete trotz seiner jungen Jahre Ausgrabungen in Griechenland und der Türkei. Nun lehrte er in Harvard und seine Kurse waren immer für Jahre belegt.

Samantha hatte das Glück, dass sie noch auf den letzten Drücker in diesen Kurs hineingerutscht war. Zumindest dachte sie das zu Beginn, aber dann erfuhr sie, dass der Professor eine Bekanntschaft zu ihren Großeltern pflegte. Als er den Namen Sullivan las, sorgte er dafür, dass Samantha in seinen Kurs kam.

Sie war froh darum gewesen, aber mit den Jahren bemerkte sie auch, dass Professor Haynes immer mehr von ihr verlangte als von anderen. Wieso das so war, wusste sie nicht.

„Professor Haynes. Eigentlich wollte ich...“

Er schüttete energisch den Kopf.

„Nein, Miss Sullivan, sie werden mich in mein Büro begleiten. Ich bestehe darauf.“

Samantha folgte ihm zögernd ins Büro. Er zeigte dort nicht auf die Stühle vor seinem Schreibtisch, sondern auf die gemütliche Sitzecke, die mit allerlei Fotos und Erinnerungsstücken geschmückt war. Die meisten zeigten irgendwelche Ausgrabungsstätten, die der Professor leitete. Andere Fotos waren eher privater Natur und Sammy wollte nicht zu neugierig erscheinen, also senkte sie ihren Blick lieber.

Ungefragt stellte der Professor ihr eine Tasse Kaffee hin und sie wunderte sich, woher er wusste, dass sie den Kaffee genauso trank. Ein Schluck Milch und einen kleinen Löffel Zucker.

Sie wartete, bis er sich zu ihr setzte, seine Beine übereinanderschlug und selbst einen Schluck Kaffee zu sich nahm.

Er stellte die Tasse wieder auf den Tisch und sah sie ernst an.

„Samantha, sie sind eine meiner besten Studentinnen, die ich je gehabt habe. Dennoch haben Sie mich mit ihrer praktischen Arbeit sehr enttäuscht. Gerade von Ihnen hatte ich etwas anderes, etwas Spektakuläres erwartet.“

Sie starrte ihn an. Das war ein ungerechter Vorwurf!

„Aber meine Arbeit war gut.“

Sie hatte das Thema „Interessante Frauen in der Geschichte“ gewählt und hatte eine Art Zeitstrahl angefertigt. Insgesamt fünfzehn Frauen durchleuchtete sie, besorgte und kopierte Dokumente und führte Interviews mit den Frauen, die noch lebten. Es war eine sehr gute Arbeit gewesen. Zumindest hatte sie das gedacht.

„Sie sind enttäuscht? Aber ich dachte...“

Er schüttelte lächelnd den Kopf.

„Verstehen Sie mich nicht falsch. Ihre Arbeit war hervorragend und bei jedem anderen wäre ich mehr als beeindruckt gewesen. Ihre Thematik war hervorragend. Sie haben sehr großen Aufwand betrieben, was andere nicht getan haben, um die Frauen zu ehren, die es auch verdienen.“

Sie nahm nun selbst einen Schluck Kaffee, um den Ärger herunter zu spülen, der sich in ihren Hals breitmachte. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie in der Sullivan-Art reagieren. Sie würde losbrüllen und es war im Bereich der Möglichen, dass irgendwas zu Bruch ging. Eigentlich vermied sie die Art der Sullivans, aber im Moment war sie sehr wütend.

Es war einfach eine Frechheit. Was wollte er denn noch von ihr? Sie saß jede freie Minute an dieser Arbeit. Statt mit anderen zu Partys zu fahren, war sie zu den Wohnstätten gefahren, in der die Frauen lebten. Sie hatte noch lebende Verwandte interviewt und war meist in billigen Motels untergekommen. Meist schlief sie aber nur im Auto, was ihr schon manche Male ein Weckruf der Polizei einbrachte, die wohl dachte, sie wäre obdachlos. Dennoch war ihr gesamtes angespartes Geld drauf gegangen und sie musste mehr als einmal ihre Eltern anpumpen. Sogar ihr Großvater Chuck, den sie aber nur Pop nannte, steckte ihr immer wieder mal einige Geldscheine zu und ihr Onkel Brian ließ sie bei sich arbeiten, damit sie genug Geld für die nächste Reise zusammen bekam. Selbst bei Onkel Bob arbeite sie im Büro, dabei hatte er eine sehr fähige Sekretärin. Und obwohl sie dort bestimmt nicht die beste Arbeit abgab, war Onkel Bob sehr großzügig gewesen, was die Bezahlung anging.

So war aber ihre Familie. Sie half sich immer gegenseitig.

„Ich dachte, ich habe eine gute Arbeit abgegeben. Werden Sie mich durchfallen lassen?“

Er schnaubte.

„Nein, natürlich nicht. Aber ich frage sie nun etwas und erwarte eine ehrliche Antwort.“

Sie nickte.

„Die Frauen, die sie alle erwähnten, sind historisch gesehen natürlich Eckpfeiler in der Geschichte. Aber sie sind bekannt. Jeder kennt ihre Geschichte grob oder hat schon von ihnen gehört. Und auch, wenn Ihre Arbeit sehr gut war, frage ich Sie, ob sie sich nicht etwas gelangweilt haben.“

Sie riss die Augen auf und verschluckte sich fast am Kaffee, den sie gerade trank.

Himmel, der Mann war verflucht gut. Er schien sie in- und auswendig zu kennen, denn ihr kam tatsächlich manchmal der Gedanke, dass es langweilig war, was sie recherchierte.

„Woher wissen sie das?“

Woher wusste er das?

Auch wenn sie viel Zeit investierte, war ihr alles irgendwie sinnlos erschienen. Es war einfach nicht erfüllend genug gewesen. Am Anfang war sie noch mit Feuereifer an die Arbeit gegangen, doch irgendwann spulte sie die Arbeit nur noch automatisch herunter. Es war einfach nicht mehr befriedigend gewesen. Sie wollte etwas anderes, etwas Neues. Aber das war schwierig in ihrem Gebiet.

Der Professor lachte leise.

„Ich sehe es Ihnen an.“ Er trank wieder einen Schluck. „Wissen Sie, Miss Sullivan, sie haben das Glück, eine sehr beeindruckende Frau in ihrer Familie zu haben, die historisch gesehen zwar nicht berühmt ist, aber sehr viel erleben musste. Sie hat die Historie erlebt. Eigentlich habe ich erwartet, dass Sie über sie schreiben.“

Samantha runzelte die Stirn.

Ihre Tante Vicky war eine berühmte Theaterschauspielerin, aber als beeindruckend würde Samantha sie nun nicht gerade bezeichnen. Vor allem war Vicky nun keine historische Persönlichkeit.

„Tante Vicky?“, hakte sie nach, doch der Professor schnaubte.

„Ich halte viel von der schauspielerischen Leistung von Victoria Sullivan, aber sie meinte ich nicht.“

Sein Blick ging zu den Bildern und seine Augen wurden auf einmal seltsam melancholisch. Beinahe hätte man annehmen können, dass er Tränen in den Augen hatte.

Sie folgte seinem Blick und erstarrte.

„Aber...aber das ist ja Granny. Und Pop.“

Warum war ihr das Bild vorher nicht aufgefallen, obwohl dieses Foto anscheinend den Mittelpunkt dieser kleinen Galerie bildete?

Sie stand auf und sah sich das Bild genauer an. Die Fotografie zeigte ein Klassenzimmer, wie es früher typisch war. Schüler jeden Alters saßen an den Pulten. Aber das war nicht das Hauptthema. Man sah einen jungen Mann, der gerade die Lehrerin hochhob und ihr einen Kuss gab. Und der Mann war Pop und die Lehrerin Granny.

„Sie waren damals schon so verliebt. Aber wie kommt dieses Foto an Ihre Wand?“, fragte sie.

Der Professor nickte.

„Ich hatte das Glück ihre Großmutter als meine Lehrerin zu bekommen, auch wenn es nur ein Jahr war. Jeden Tag kam Mr. Sullivan und holte seine Frau ab. Was Sie da sehen, war ein festes Ritual und ich habe es fotografiert, bevor ich meinen Abschluss machte. Bis zu ihrer Pension holte ihr Großvater ihre Großmutter ab und wir wussten, es war Schulschluss, wenn er sie vor unseren Augen küsste.“

Er seufzte.

„Durch ihre Großmutter entdeckte ich die Liebe zur Geschichte. Hat sie Ihnen einmal von ihrer Reise erzählt?“

Samantha nickte. Jedes Kind mit dem Namen Sullivan gierte nach Grannys Geschichte. Samantha wusste nicht, wie oft sie Granny bedrängte, damit sie ihr die Geschichte erzählte, wie sie die Reise von Deutschland nach Bearcreek auf sich nahm, nur um bei ihrer großen Liebe zu sein. Bisher hatte sie es aber eher von der romantischen Ebene her betrachtet, nie von der historischen Seite. Die schien aber der Professor eher zu iteressieren.

„Nun, was wissen Sie über das Nachkriegsdeutschland? Was wissen Sie über die Gaunerzunft in Paris? Wissen Sie mehr von Rafael, der Ihre Großmutter nach Amerika schmuggelte? Was ist mit Alberto, der eigentlich Albert heißt? Und was ist mit ihrer Familie in Deutschland?“

Samantha sah ihn mit großen Augen an.

„Das ist wirklich sehr viel Material.“, musste sie zugeben.

Er nickte und fing an zu grinsen.

„Richtig. Aber ich denke, dass Sie damit viel mehr Spaß haben werden. Liege ich da etwa falsch?“

Sie atmete tief ein und aus.

„Das ist schon richtig. Aber es sind nur Erzählungen von Granny und Mum. Meine Mum sagt sogar, sie kann sich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern, weil sie noch zu klein war.“

Er lächelte verträumt.

„Elisabeth Dumont. Oh ja. Jeder Mann war hinter ihr her und wollte sie heiraten, doch sie hat sich wohl schon sehr früh entschieden, auch eine Sullivan zu werden, in dem sie Richard, Ihren Vater und der jüngste der Sullivan-Brüder, heiratete. Viele der jungen Männer trauerten, als sie ihm das Ja-Wort gab, obwohl es jeder ahnte, dass sie sich nie für jemanden anderes entschieden hätte.“

Samantha fiel auf, dass auch der Professor nicht die Abkürzungen der Namen aussprach. Niemand nannte ihren Vater Richard oder ihre Mutter Elisabeth. Sie waren Dick und Lizzy.

Nur Granny sprach auch immer die vollen Namen, weil sie ihren Schwiegervater damit ehren wollte. Sie sprach sie alle nur mit ihren Abkürzungen an, wenn sie wütend war. Nur bei Brian oder Cole, ihren beiden Söhnen, ging es nicht und Pop erklärte immer lachend, dass er dem ganzen Theater aus dem Weg ging, in dem er seinen Kindern einen kurzen Namen gab.

„Ich frage mich, warum Mum sich nie von Pop adoptieren ließ. Und warum sie einen französischen Namen trug, obwohl sie in Deutschland geboren war.“, murmelte Sammy vor sich hin.

Der Professor beugte sich zu ihr.

„Sehe ich da etwa Interesse? Und eine gewisse Abenteuerlust? Habe ich Sie nun nicht dazu gebracht, all die Orte zu besuchen zu wollen, die ihre Großmutter gesehen hat?“

Das hatte er. Und Sammy hasste ihn in gewissen Maßen dafür. Wie sollte sie das Geld dazu aufbringen, um nach Barcelona, Paris und zu diesem kleinen Nest in Deutschland zu kommen, aus dem ihre Granny stammte? Wenn sie es richtig machen sollte, musste sie sogar nach Argentinien, um Rafael aufzusuchen.

„Woher nehme ich nur das ganze Geld?“

Der Professor lachte.

„Ganz ehrlich, Miss Sullivan, bei ihrer großen Familie sollte es doch kein Problem sein, einen Kredit zu bekommen.“

Sammy stöhnte innerlich.

Ihre Familie. Ja, da war was. Die Sullivans waren eine sehr große Familie. Wirklich sehr groß. Und laut. Jedes Jahr versuchte sich Sammy vor Thanksgiving oder Weihnachten zu drücken, wenn Granny und Pop ihr großes Happening auf der alten Ranch veranstalteten. Mittlerweile gerieten diese Familientreffen so aus den Fugen, dass Pop, Onkel Brian, Onkel Robert und ihr Dad Bänke und Tische in der alten Scheune aufbauten, damit alle Platz bekamen. In der Zeit musste sie auch immer ihr Zimmer mit einigen ihrer Cousinen teilen. Ruhe konnte sie dann vergessen. Bis tief in die Nacht konnte man im ganzen Haus Geschnatter hören. Immer redeten sie von den Männern, den sie begegneten und die Sullivan-Männer, die zugegebenermaßen alle gutaussehende Kerle waren, egal in welchem Alter, liefen in ihren für die Sullivans typischen Gang herum und präsentierten ihre Muskeln unter engen Shirts. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass sie mit niemanden von ihnen ein anständiges Gespräch führen könnte. Außer vielleicht mit Chester, der jüngere Sohn von Onkel Brian. Aber Chester verzog sich bei solchen Gelegenheiten auch immer wie eine feige Ratte in die Uni.

Ja, sie und Chester waren anders.

Die meisten Sullivans waren das, was sie seit Generationen waren.

Rancher!

Sogar die, die nicht ihr Geld mit dem Züchten verdienten, hatten etwas mit Rindern zu tun. Onkel Bob besaß eine eigne Schlachterei, ihr Vater gründete ein Fuhrunternehmen, das sich auf den artgerechten Transport von Rindern spezialisierte und einige ihrer Cousins sowie ihr Bruder Tom waren Bullenreiter beim Rodeo.

Sie kam sich wie das schwarze Schaf in der Familie vor.

Nur sie und Chester studierten. Und Chester studierte natürlich Betriebswirtschaft, um den Betrieb seines Vaters irgendwann zusammen mit seinem Bruder übernehmen zu können.

Sie studierte Geschichte, was schon ein Stirnrunzeln bei einigen ihrer Verwandten hervorgerufen hatte. Der meist gesagte Satz war: Was willst du denn damit anfangen?

Das wusste Sammy selbst nicht, aber sie ließ sich nicht davon abhalten. Die engste Familie hielt natürlich zu ihr. Allen voran ihre Mutter und Granny.

Doch sie konnte doch nicht verlangen, dass sie schon wieder ihr Geld zuschoben, nur damit sie ... ja, was eigentlich? Damit sie den Weg zurückverfolgte, den ihre Großmutter gehen musste? Bis zu ihren Wurzeln in Deutschland? Was wusste sie überhaupt von Deutschland? Nicht viel, musste sie zugeben.

Ihre Mum konnte sich nicht mehr an Deutschland erinnern und Granny hatte ihr kaum etwas davon erzählt. Nur von ihrer Reise, aber Sammy nahm an, dass Granny es sehr verschönert darstellte.

„Ich glaube, ich werde erst einmal Granny interviewen. Vielleicht reicht es schon aus?“

Der Professor sah sie skeptisch an, doch dann lächelte er, als ob er etwas ahnte, was ihr noch nicht in den Sinn kommen wollte.

„Nun, dann reden sie mit ihrer Großmutter. Wer weiß, was dann mit ihnen geschieht.“

Er entließ sie, doch als Sammy sich noch einmal zu ihm umdrehte, sah sie, dass der Professor vor dem Bild stand und es beinahe wie ehrfürchtig anstarrte.

Was wusste er, was sie nicht wusste? Sie konnte es sich beim besten Willen nicht erklären.